Chris Mason sorgt sich um die Richtung, in die sich der Dartsport entwickelt. Der frühere Profi und heutige Analyst findet, dass die PDC härter gegen Zuschauer vorgehen muss, die Spieler gezielt aus dem Konzept bringen. Besonders die Behandlung von Luke Littler bei den World Series of Darts Finals in Amsterdam bereitet ihm Sorgen. In einem ausführlichen Interview mit Online Darts äußerte sich Mason zudem kritisch zur PDC-Politik, zum Preisgeld und zum immer dichteren Kalender.
Littler ließ beim Turnier in Amsterdam wissen, dass er erwägt, Veranstaltungen in den Niederlanden auszulassen, wenn das Pfeifen aus dem Publikum anhält. Zuvor hatte der Engländer bereits entschieden, bestimmte Turniere in Deutschland zu meiden.
"Du kannst es dir nicht leisten"
Mason erläutert seinen Standpunkt: „Du kannst es dir nicht leisten, dass dein Aushängeschild nicht mehr zu Events kommt, weil er unfair behandelt wird. Denn genau das passiert. In welcher anderen Sportart würden wir das akzeptieren? Warum sollten wir es hier dann akzeptieren?“
Chris Mason äußerte sich in einem ausführlichen Interview zur Behandlung von Luke Littler
Laut Mason hinkt der Vergleich mit dem Fußball. Darts lebt seiner Ansicht nach viel stärker von Konzentration und Präzision. „Snookerspieler müssen das aus gutem Grund auch nicht akzeptieren. Es ist eine Sportart, in der Fokus und Konzentration enorm wichtig sind. Kannst du in so einer Umgebung dein bestes Niveau abrufen? Ich würde sagen: nein.“
Raymond van Barneveld wandte sich am Wochenende in Amsterdam bereits ans Publikum mit der Bitte, während der Würfe nicht zu pfeifen. Mason würde sich wünschen, dass die PDC solche Botschaften strukturiert einsetzt.
„Wenn ihr in den Niederlanden seid, lasst alle niederländischen Spieler und Ex-Spieler, vor allem Legenden wie Raymond, ein Video aufnehmen“, schlägt Mason vor. „Erklärt den Leuten, dass es eine gewisse Etikette gibt, wenn sie die besten Spieler sehen und ihnen die beste Chance auf Top-Leistungen geben wollen.“
Dasselbe System ließe sich seiner Meinung nach in Deutschland und England anwenden. Sollte das Warnen nicht helfen, befürwortet Mason strengere Maßnahmen.
„Dann musst du voll durchgreifen. Setze ein gutes Sicherheitsteam in Zivil in der Halle ein, hole diese Leute raus und erteile ihnen ein lebenslanges Verbot. Sobald die Menschen sehen, dass es nicht toleriert wird, nachdem sie viel Geld bezahlt und eine Reise auf sich genommen haben, hört es von selbst auf.“
Laut Mason dürfen die Fans zwischen den Würfen gern ordentlich Lärm machen. Bewusst zu versuchen, einen Spieler zum Verpassen zu bringen, geht für ihn jedoch zu weit. „Lass sie einfach Darts spielen. Du kannst zwischendurch so viel Lärm machen, wie du willst, und trotzdem diese Partystimmung haben. Aber bewusst zu versuchen, jemanden verlieren zu lassen – was ist das für eine Mentalität?“
Mason befürchtet sogar, dass die aktuellen Umstände Auswirkungen auf die Länge von Littlers Karriere haben könnten. „Wir sollten ein unglaubliches Generations-Talent bewundern und feiern, nicht versuchen, es herunterzuziehen.“
„Dann gibt es irgendwo ein Problem“
Der Ex-Profi weist darauf hin, dass Littler erst neunzehn Jahre alt ist und jetzt schon Entscheidungen trifft, welche Events er spielen will und welche nicht. Laut Mason muss sich die PDC fragen, warum ihr größter Publikumsmagnet bestimmte Turniere lieber auslässt.
„Ich denke, Luke wäre ziemlich zufrieden, wenn er nur die WM und das World Matchplay spielen müsste. Das würde ihm reichen. Ist das nicht verrückt? Dann gibt es irgendwo ein Problem.“
Mason glaubt, dass die PDC riskiert, den größten Namen der aktuellen Generation von bestimmten Veranstaltungen zu vertreiben. „Sie müssen einfach sagen: Wir akzeptieren das nicht. Sonst verlierst du den größten Namen im Sport aktuell.“
Er geht sogar so weit, Littlers Bekanntheit inzwischen mit der von Phil Taylor zu vergleichen. „Ich denke, dass mehr Menschen wissen, wer Luke Littler ist, als wer Phil Taylor ist. Wenn man bedenkt, was Phil für den Sport getan hat, ist das zu hundert Prozent unglaublich.“
Chris Mason befürchtet, dass Luke Littler noch mehr Turniere auslassen wird
Mason äußerte sich auch kritisch zu jüngsten Bemerkungen von Barry Hearn über Spieler, die sich kurzfristig von Turnieren zurückziehen. Hearn findet, dass sich Dartprofis professioneller verhalten und ihre Planung besser durchdenken sollten. „Das ist sehr leicht gesagt, wenn man eine halbe Milliarde Pfund auf dem Konto hat“, entgegnet Mason. „Ich fand diese Aussagen nicht großartig.“
Gleichzeitig betont er, dass der Beitrag von Hearn und der PDC zur Entwicklung des Darts außer Frage steht. „Was sie für Darts getan haben, ist ohne Zweifel großartig. Dafür sollten wir alle sehr dankbar sein.“
Doch der Erfolg der PDC hat laut Mason auch neue Probleme geschaffen. Spieler haben heute viel mehr Möglichkeiten, Geld zu verdienen, und müssen daher nicht mehr jedes Turnier spielen. „Die Spieler sind heutzutage so gefragt, dass sie mehr Geld verdienen können, wenn sie fünfzig Meilen weiter eine Exhibition spielen und danach im eigenen Bett schlafen.“
Vor allem das Preisgeld auf der European Tour müsse nach Ansicht von Mason erhöht werden. Die Siegprämie beträgt dort 35.000 Pfund. „Früher wären Raymond, Glenn, Vincent und ich für ein Turnier mit 35.000 Pfund für den Sieger bildlich gesprochen zur Location gelaufen. Aber die Zeiten haben sich geändert.“
Auch Spieler der unteren Riege belohnen
Zudem findet Mason, dass Akteure am unteren Ende der Profi-Leiter finanziell besser unterstützt werden sollten. Eine Tour Card sei seiner Meinung nach keine Einnahmegarantie, während die Teilnahme an Players Championship-Turnieren erhebliche Kosten verursache. „Wenn du drei Tage in Den Bosch spielst, nimmst du vielleicht fünf Tage frei von der Arbeit, zahlst vier Hotelübernachtungen und hast Reisekosten. Das summiert sich.“
Er würde deshalb gerne sehen, dass auch Spieler, die in der ersten Runde verlieren, etwas erhalten. „Warum gibst du einem Erstrunden-Verlierer nicht 250 Pfund? Dann hast du zumindest einen Teil der Kosten wieder drin. Das sind keine Leute, die zufällig irgendwo stehen, sie sind Teil deines Events.“
Mason findet es zu einfach, Spielern schlicht zu sagen, sie müssten besser werden. „Ich kann Littler zwanzig Partien in der ersten Runde geben und vielleicht gewinnt er nur zehn oder zwölf. Was sagst du ihm dann? Werd einfach besser? Dieser Sport ist hart. Die Unterschiede sind extrem klein.“
Nicht alles stieß auf Kritik. Mason ist von der weiteren europäischen Expansion der PDC begeistert. Frankreich erhält 2027 erstmals ein European Tour-Turnier, und laut Mason ist der gewählte Standort aufgrund der Nähe zu anderen großen Darts-Märkten interessant.
„Es ist Neuland, und das ist positiv. Belgien liegt direkt nebenan, die Niederlande sind nicht viel weiter, und aus Deutschland kann man ebenfalls hinfahren. Meiner Meinung nach haben sie damit mehrere Märkte auf einmal abgedeckt.“
Auch die Einführung eines neuen Ranglistenturniers auf dem europäischen Festland findet seine Zustimmung. Vor allem Deutschland verdiene laut Mason ein größeres Event wegen der jahrelangen Unterstützung durch die Fans. „Die European Tours in Deutschland sind immer großartig und ab Freitagabend so gut wie immer ausverkauft. Das ist ihre Belohnung.“
Gleichzeitig bleibt laut Mason eine Frage über der aktuellen Entwicklung des Dartsports hängen. Die PDC hat den Sport finanziell und kommerziell auf ungeahnte Höhen geführt, doch dieser Erfolg bewirkt auch, dass Topspieler deutlich selektiver auftreten können. „Es ist fast so, als hätte die PDC alles so gut gemacht, dass sie ihre eigenen Probleme geschaffen hat.“
Julian Grille ist Redakteur bei Dartsnews.de und beschäftigt sich seit 2019 intensiv mit dem professionellen Dartsport. Für Dartsnews.de berichtet er über aktuelle Entwicklungen, Turniere und weitere Ereignisse aus der Welt der PDC und des internationalen Dartsports.
Erste journalistische Erfahrung im Darts sammelte Julian bereits 2023 bei einem Darts-Magazin. Darüber hinaus produziert er regelmäßig eigene Inhalte rund um den Sport und veröffentlicht diese unter dem Namen @Darty_8 auf Social Media. Dadurch verfolgt er das Geschehen im professionellen Darts nicht nur redaktionell, sondern setzt sich auch abseits seiner Arbeit kontinuierlich mit dem Sport auseinander.
Parallel zu seiner redaktionellen Tätigkeit studiert Julian Sportjournalismus in Potsdam. Dabei verbindet er seine journalistische Ausbildung mit seiner langjährigen Begeisterung und seinem Fachwissen für den Dartsport.