„Da dachte ich: ‚Bitte mach es jetzt nicht kaputt‘“: Van Veen blickt auf seinen Rekord-Average zurück und ärgert sich über die liegen gelassenen Punkte
Gian van Veen hat bei der European Championship die erste Hürde genommen. Der Titelverteidiger setzte sich in einem hart umkämpften Match mit 6:4 gegen Andrew Gilding durch und zog in die zweite Runde ein. Dort wartet nun Luke Woodhouse.
Nach der Partie sprach Van Veen über den Druck, den die Rolle des Titelverteidigers mit sich bringt. Gegenüber den Medien, darunter DartsNews, erklärte er, dass er das Turnier nicht als Titelverteidigung sieht. Im Kopf ist es für ihn ein Turnier wie jedes andere. Erst nach dem Spiel erfuhr er, dass die meisten früheren Champions bei der jeweils folgenden Auflage bereits in der ersten Runde gescheitert waren.
Kein Gedanke an die Titelverteidigung
„Natürlich reden alle von der Titelverteidigung, aber ich sehe das nicht so“, sagte Van Veen. „Natürlich wird darüber gesprochen, aber für mich ist es einfach ein weiteres Turnier. So gehe ich es auch an. Zumindest habe ich mir das selbst gesagt. Aber sobald man auf der Bühne steht, will man nicht in der ersten Runde ausscheiden. Zum Glück ist mir das nicht passiert.“
Gilding verlangte dem Niederländer einiges ab. „Andrew hat mich in jedem Leg unter Druck gesetzt und ein paar Darts auf Doppel verpasst“, schilderte Van Veen. Er selbst blieb in den entscheidenden Momenten kaltschnäuzig: „Ich habe meine Chancen genutzt.“ Wäre Gilding ein 70er-Finish gelungen, hätte die Partie seiner Einschätzung nach einen völlig anderen Verlauf genommen.
Auch das kurze Format spielte eine Rolle. Über die Distanz von elf Legs trägt jeder Fehlwurf großes Gewicht. „Das kurze Format sorgt immer für einen anderen Druck, besonders bei einem Major“, erklärte Van Veen. Dass frühere Champions reihenweise in Runde eins ausgeschieden waren, erfuhr er erst nach dem Match. „Zum Glück wusste ich das vor dem Spiel nicht, sonst hätte ich mir noch mehr Druck gemacht.“
Umso größer fiel seine Erleichterung aus. „Es ist schön, diesen Fluch gebrochen zu haben“, sagte er. In der zweiten Runde spielen die Profis über 19 Legs. Van Veen erwartet, dass ihm diese Distanz entgegenkommt: „Jetzt geht es aber wieder über 19 Legs. Ich denke, das wird meinem Spiel ebenfalls helfen, auch wenn Luke ein kniffliger Gegner ist. Auf das Spiel freue ich mich. Und ja, zum Glück habe ich diese erste Hürde genommen.“
Bei dieser European Championship tritt Van Veen erstmals mit Winmau an. Er hat damit den Hersteller gewechselt, doch im Grunde handelt es sich um einen internen Wechsel. Red Dragon gehört wie Winmau zur Nodor-Gruppe. Deshalb darf der Niederländer vorerst sein bisheriges Material weiterwerfen. Gegen Gilding steckten noch Red-Dragon-Flights an seinen Darts, und auch auf den Schäften prangte das alte Logo.
„Die alten Flights. Heute Abend war auf meinen Schäften sogar noch Red Dragon zu sehen. Damit spiele ich seit drei oder vier Jahren“, sagte Van Veen. „Ich werde auf Winmau-Schäfte und Winmau-Flights umsteigen. Auch die Darts sind ein wenig anders. Nicht dort, wo ich sie halte, sondern optisch wird sich in Zukunft etwas ändern.“
Den Zeitpunkt der Bekanntgabe sieht der 23-Jährige skeptisch. Winmau machte den Wechsel am vergangenen Dienstag öffentlich, nur zwei Tage später stand Van Veen in der ersten Runde eines Majors auf der Bühne. „Für mich schien das kein guter Zeitpunkt für einen Wechsel zu sein, besonders mit diesem Turnier“, erklärte er. Danach folgen der Grand Slam, die Players Championship Finals und die Weltmeisterschaft. „Wir werden sehen, vielleicht in den nächsten Wochen oder sogar erst nach den Worlds.“
Der interne Wechsel bringt ihm einen klaren Vorteil. Winmau stört es nicht, wenn Van Veen weiter mit Red-Dragon-Material spielt. „Das ist gut für mich. Solange ich gute Ergebnisse hole und viele Spiele gewinne, sind alle zufrieden.“
Auf die Frage, ob er schon einmal das Vertrauen in sein Spiel verloren habe, verwies Van Veen auf seinen Barrel-Wechsel während der Premier League. „Das zeigt, dass ein Spieler das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und sein Equipment verloren hat“, sagte er. „Ich wechselte die Darts und dachte: ‚Okay, das läuft gut, aber nicht so, wie ich es mir vorgestellt habe.‘ Also wechselte ich zurück und sagte mir: ‚Jetzt heißt es, den Kopf unten zu halten.‘“
Der Niederländer wusste, wie wichtig die zweite Jahreshälfte für ihn werden würde. Nach seiner Operation wollte er wieder Selbstvertrauen tanken. Das gelang ihm: Bei der World Matchplay erreichte er das Halbfinale, obwohl er nicht sein bestes Darts zeigte. Auf der European Tour gewann er zuletzt zwar keinen Titel, stand aber in vielen Halb- und Viertelfinals und spielte laut eigener Aussage richtig gutes Darts. „Das gab mir viel Selbstvertrauen für die Majors zum Jahresende und auch für dieses Turnier. Ich denke, heute Abend war es ein ordentliches Spiel, nicht mein bestes, aber ich habe meine Aufgabe erfüllt. Und darauf kommt es am meisten an.“
Rekordaverage auf der European Tour – doch beinahe wäre es nichts geworden
Van Veen schilderte außerdem, wie sein Rekordaverage von 120,24 Punkten bei der European Tour in Maastricht entstand. Beinahe hätte er diese Marke gar nicht erreicht, und seiner Ansicht nach wäre sogar noch mehr drin gewesen. Geplant hatte er das Ganze nicht. „Als ich auf die Bühne ging, wollte ich einfach nur dieses Spiel gewinnen. Dann begann ich mit 12, 13, 13 Darts. Beim elften Leg sah ich auf den Bildschirm. Bis dahin hatte ich mit 134 und 180 Punkten begonnen.“
Dann schaute er zu seiner Freundin und fragte sich, was da gerade passierte. Im Augenwinkel sah er einen Average von 126 Punkten. „Da dachte ich: ‚Bitte mach es jetzt nicht kaputt.‘ Dann traf ich 60 Punkte und dachte: ‚Das war’s.‘“ Hätte er nicht auf den Bildschirm geblickt, wäre er seiner Meinung nach voll konzentriert geblieben. „Dann hätte ich 187 Punkte mit sechs Darts gecheckt und einen Average von etwa 123 gespielt. Aber das ist nicht passiert. Wenn ich mich über so etwas beschwere, obwohl ich immer noch einen Average von 120 spiele, zeigt das wohl, wo mein Spiel derzeit steht.“
Van Veen on his record average.
Was ihm aktuell am meisten Zuversicht gibt, ist das Finishing. „Das Finishing läuft in den vergangenen Monaten wirklich gut, aber beim Scoring fehlt es manchmal noch ein wenig. Sobald auch das klappt, kann ich sehr gefährlich werden. Das hat sich in diesem Spiel gezeigt.“ Dass er solche Leistungen nicht jede Woche abrufen kann, akzeptiert er. „Natürlich wünschte ich, ich könnte das in jedem Spiel zeigen. Aber als Spieler aus den Top 16, vielleicht sogar den Top 8, hat man diese zehn, 15 Minuten, in denen einfach alles zusammenpasst. Man schaut auf das Triple und trifft es. Zum Glück fielen diese zehn Minuten bei mir auf der Bühne an.“
Aberglaube und das linke Bein
Zum Schluss sprach Van Veen über Aberglauben und kleine Anpassungen an seinem Wurf. Er will vor allem das Anheben seines Beins abstellen. „Das kann schwierig sein, denn als Dartspieler sind wir alle abergläubisch. Auch wenn jeder sagt, dass das nicht stimmt: Wir sind es alle.“
Beim neuen Barrel ändert sich nach seiner Aussage nur die Optik. Die Griffposition und die Fingerlage bleiben gleich. „Der Wechsel von Red Dragon zu Winmau ist deshalb einfach, weil es dieselben Leute sind. Es ist ihnen egal, ob das RD- oder das W-Logo auf meinem Dart steht.“ Anfangs könne sich das Material ungewohnt anfühlen, doch er werde sich daran gewöhnen. „Wichtig ist, den richtigen Zeitpunkt für den Wechsel zu finden und nichts zu überstürzen. Vor allem sollte ich nicht vor meinem ersten Spiel bei der Weltmeisterschaft wechseln.“
Mit seiner Wurfbewegung arbeitet Van Veen schon länger an Details. Er wollte seinen Körper während des Wurfs aufrechter und ruhiger halten. In den vergangenen Wochen schlich sich das Anheben des linken Beins jedoch wieder ein. „Das möchte ich eigentlich vermeiden, aber es gehört zu meinem Spiel und ich mache es seit 15 Jahren. Deshalb ist es schwer, sich umzustellen.“ Dass er am ersten Wochenende in Antwerpen genau so spielte, gab ihm sogar Selbstvertrauen für den Rest des Jahres.
Er arbeitet weiter daran, zu Hause wie im Trainingsraum. Auf der Bühne will er jedoch nicht zu viel grübeln. „Ob ich mit links eine 180 treffe oder mit dem Oberarm, ist mir egal. Hauptsache, die 180 sitzt. Dann bin ich zufrieden.“
Theo ist seit 2025 Teil der Redaktion von Dartsnews.de und berichtet dort über den professionellen Dartsport. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf der Erstellung von Liveblogs zu großen Turnieren und wichtigen Ereignissen, darunter die European Tour und die PDC World Darts Championship (WM). Dabei begleitet er das Geschehen in Echtzeit und ordnet Ergebnisse, Spielverläufe und Entwicklungen fortlaufend ein. Darüber hinaus schreibt er aktuelle Berichte und Hintergrundtexte rund um die internationale Darts-Szene.
Seine journalistische Laufbahn begann Theo als Praktikant und später als Werkstudent beim Online-Gaming-Magazin EarlyGame. Aktuell studiert er Ressortjournalismus an einer Hochschule. Theo arbeitet aus München und ist in seiner redaktionellen Arbeit eng mit Nicolas Gayer und Oliver Ried vernetzt. In seiner Berichterstattung legt er Wert auf sorgfältige Quellenprüfung, klare Einordnung und die zeitnahe Aktualisierung von Inhalten, sobald neue, gesicherte Informationen vorliegen.