„Das möchte man bei einem so großen Spieler nicht sehen“ – Vincent van der Voort schlägt wegen Raymond van Barnevelds besorgniserregender Formkrise Alarm

PDC
durch Nic Gayer
Raymond van Barneveld (2)
Raymond van Barneveld durchlebt eine der schwierigsten Phasen seiner außergewöhnlichen Darts-Karriere. Der fünfmalige Weltmeister kämpft seit geraumer Zeit mit einem Problem, für das er bislang keine Lösung gefunden hat: Während er im Training regelmäßig mit starken Leistungen überzeugt, gelingt es ihm auf der großen Bühne kaum noch, sein eigentliches Potenzial abzurufen. Auch bei der Swiss Darts Trophy 2026 ließ der Niederländer eine vielversprechende Gelegenheit auf ein dringend benötigtes Erfolgserlebnis verstreichen. Im Podcast Darts Draait Door äußerten sich Damian Vlottes und Ex-Profi Vincent van der Voort nun mit großer Sorge über die Entwicklung der niederländischen Darts-Ikone.
Dabei schien die Ausgangslage für van Barneveld in Basel durchaus vielversprechend. Mit Mike Kuivenhoven wartete zum Auftakt eine Aufgabe, die für einen Spieler seiner Klasse grundsätzlich lösbar sein sollte. Doch der 59-Jährige musste sich seinem Landsmann mit 3:6 geschlagen geben. Zwar spielt Kuivenhoven eine hervorragende Saison, doch für van der Voort war weniger die Niederlage an sich als vielmehr deren Zustandekommen ein deutliches Warnsignal.

„Diese Mentalität hat er nicht mehr“ – van der Voort vermisst den alten Raymond van Barneveld

„Wenn man sieht, auf welche Art und Weise er verliert, dann ist das einfach nicht gut“, kritisiert van der Voort. „Kuivenhoven war eigentlich noch gnädig, dass es am Ende nur 6:3 ausging.“
Raymond van Barneveld beim Walk-on.
Raymond van Barneveld kämpft um seine Form und die Teilnahme an der Darts WM. Sein langjähriger Weggefährte Vincent van der Voort beobachtet die Entwicklung mit großer Sorge.
Für den ehemaligen Finalisten der UK Open ist es besonders bitter, den sportlichen Niedergang eines Spielers mitzuerleben, der den Dartsport über viele Jahre entscheidend mitgeprägt hat. „Hätte man vor einigen Jahren gesagt: Van Barneveld betritt die Bühne und anschließend kommt Kuivenhoven ... Bei allem Respekt vor Mike, der wirklich ein großartiges Jahr spielt. Aber bei Raymond wusste man früher einfach: Dieses Match verliert er nicht.“
Genau diese einstige Selbstverständlichkeit scheint dem fünffachen Weltmeister inzwischen vollständig abhandengekommen zu sein. Früher konnte „Barney“ seine Gegner allein durch seine Präsenz, seine Erfahrung und seinen unbedingten Siegeswillen beeindrucken. „Damals betrat er die Bühne mit einer Mentalität nach dem Motto: Ich werde dieses Spiel um jeden Preis gewinnen“, erinnert sich van der Voort. „Diese Einstellung hat er heute nicht mehr.“

Stark im Training, verunsichert auf der Bühne: Wo van der Voort das Problem sieht

Van der Voort hat erst kürzlich persönlich mit seinem langjährigen Weggefährten gesprochen und glaubt, eine entscheidende Ursache für dessen anhaltende Schwierigkeiten erkannt zu haben. Denn an den grundsätzlichen Fähigkeiten des 59-Jährigen aus Den Haag zweifelt er keineswegs. Sowohl im Training als auch beim Einwerfen zeigt van Barneveld demnach weiterhin ein beachtliches Niveau. Der entscheidende Bruch erfolgt offenbar erst in dem Moment, in dem er die Wettkampfbühne betritt.
„Er erwartet, dass er genauso spielt wie beim Einwerfen“, erklärt van der Voort. „Dann kommst du auf die Bühne und plötzlich funktioniert es nicht sofort. In diesem Moment hast du zwei Möglichkeiten: Entweder du fragst dich, wie das sein kann und was jetzt schon wieder los ist. Dann wird dein Wurf noch lockerer. Und genau das macht er. Oder du sagst dir: Ich muss jetzt mit mehr Kraft werfen.“
Nach Ansicht des ehemaligen Profis fehlt van Barneveld in solchen Situationen die nötige Entschlossenheit, um sich auch gegen Widerstände in eine Partie hineinzukämpfen. Statt auf das vertraute Gefühl aus dem Training zu warten, müsse er selbstbewusster auftreten und seinen Wurf konsequenter durchziehen. „Er muss entschlossener spielen und auch deutlich mehr Präsenz zeigen. Beim Einwerfen kannst du noch so viele 180er werfen.“
Gemeinsam mit Vlottes diskutiert van der Voort deshalb, ob eine veränderte Turniervorbereitung dem fünffachen Weltmeister helfen könnte. Eine Möglichkeit wäre, sich bereits vor dem eigentlichen Match intensiver mit den Bedingungen auf der Bühne vertraut zu machen. Das würde allerdings zusätzlichen organisatorischen Aufwand bedeuten: Wer beispielsweise erst spät am Abend spielt, müsste unter Umständen schon mehrere Stunden vor seinem Auftritt zur Spielstätte fahren.
„Vielleicht sollte er genau das tatsächlich machen“, überlegt van der Voort. „Danach kann er ja noch einmal ins Hotel zurückfahren. Oder er wirft bereits am Vortag ein paar Darts auf der Bühne. Entscheidend ist, dass er ein Gefühl dafür entwickelt.“

„Ein Practiceroom fühlt sich ganz anders an als die Bühne“ – die unterschätzte Herausforderung im Profidarts

Wie groß die Unterschiede zwischen einem Practiceroom und der eigentlichen Wettkampfbühne sein können, weiß van der Voort aus seiner eigenen Laufbahn nur zu gut. Für Fernsehzuschauer mag es zunächst unverständlich erscheinen, weshalb ein Spieler an einem Ort problemlos trifft und wenige Minuten später plötzlich Schwierigkeiten bekommt. Schließlich ist die Entfernung zum Board überall offiziell identisch. Doch die räumlichen Gegebenheiten können die Wahrnehmung eines Profis erheblich beeinflussen.
„Was viele Menschen nicht verstehen: Ein Practiceroom fühlt sich völlig anders an als die Bühne“, erklärt van der Voort. „Wenn du auf die Bühne kommst und plötzlich in einer riesigen, hohen Halle stehst, wirkt das Board viel weiter entfernt. Manchmal sieht es sogar so aus, als würde es höher hängen. Vielleicht liegt dort ein Teppich, in den du ein wenig einsinkst. Das gesamte Gefühl ist einfach anders.“
Besonders deutlich habe er diesen Effekt bei Veranstaltungen der Premier League erlebt. Dort bereiten sich die Profis teilweise in kleinen, abgeschlossenen Räumen auf ihre Begegnungen vor, ehe sie wenige Augenblicke später vor Tausenden Zuschauern auf die große Bühne treten müssen.
„Bei der Premier League habe ich das selbst erlebt. Du sitzt mit den anderen Spielern in einem kleinen Raum, in dem zwei Boards hängen. Dort wirft ihr euch gemeinsam ein. Anschließend gehst du in eine Arena mit 10.000 Zuschauern. In diesem kleinen Raum erscheint alles unglaublich nah. Und sobald du auf der Bühne stehst, wirkt das Board plötzlich meilenweit entfernt.“
Ein solcher Wechsel der Umgebung könne ausreichen, um selbst erfahrene Spieler aus ihrem gewohnten Rhythmus zu bringen. „Dann ist dein erster Gedanke: Oh je, ich habe mein Gefühl verloren. Dabei hat sich vorher die ganze Zeit alles richtig angefühlt.“
Manche Profis versuchen deshalb bereits beim Einwerfen, die späteren Bühnenbedingungen möglichst realistisch nachzustellen. Van der Voort nennt Jelle Klaasen und Mervyn King als Beispiele für Spieler, die sich bei der Vorbereitung gelegentlich bewusst etwas weiter vom Board entfernt positionierten. „In einem solchen Raum erscheint alles näher und kompakter. Deshalb stellen sie sich ein Stück weiter nach hinten. Allerdings muss man auch mit dieser Umstellung umgehen können.“
Dass selbst erfahrene Profis mit dieser optischen Täuschung zu kämpfen haben, kann van der Voort aus erster Hand bestätigen. „Auch ich habe schon auf einer Bühne gestanden und gedacht: Oh je, das sieht aber weit entfernt aus. Dann kommt dir plötzlich der Gedanke, dass du die ganze Zeit aus der falschen Entfernung geworfen hast. Und anschließend hoffst du einfach, dass sich das richtige Gefühl irgendwann wieder einstellt.“
Genau in dieser gedanklichen Falle sieht der Niederländer derzeit auch seinen ehemaligen Weggefährten gefangen. „Beim Einwerfen läuft es bei ihm offenbar hervorragend“, analysiert van der Voort. „Dann betritt er die Bühne und plötzlich funktioniert es nicht mehr. Trotzdem erwartet er, dass sich sofort wieder alles genauso anfühlt wie zuvor. Von dieser Erwartung muss er sich lösen.“

„Das möchte man bei einem so großen Spieler nicht sehen“ – van Barnevelds WM-Teilnahme in Gefahr

Besonders besorgniserregend ist van Barnevelds Formkrise angesichts seiner aktuellen sportlichen Situation. Der fünffache Weltmeister kämpft um die Qualifikation für die kommende Darts WM und kann sich weitere Rückschläge kaum leisten. Gerade Begegnungen gegen vermeintlich schlagbare Gegner gewinnen deshalb enorm an Bedeutung. Umso schwerer wiegt es, wenn er ausgerechnet in solchen Partien nicht sein gewohntes Leistungsniveau erreicht.
„Es ist schmerzhaft, ihm zuzusehen“, gesteht van der Voort. „Ich glaube, für jeden, der den Dartsport schon seit vielen Jahren verfolgt, ist es schmerzhaft, das mitanzusehen. So etwas möchte man bei einem derart großen Spieler einfach nicht erleben.“
Van Barneveld bewegt sich derzeit gefährlich nahe an der Grenze zur direkten WM-Qualifikation. Entsprechend wichtig wären gute Ergebnisse bei den jüngsten Turnieren gewesen, um wertvolles Preisgeld für die Rangliste zu sammeln. „In Belgien und hier hätte er liefern müssen“, stellt van der Voort klar. „Wenn du gegen Jim Long und Kuivenhoven spielst und beide Male praktisch chancenlos ausscheidest, dann ist das wirklich besorgniserregend.“
Dass van Barneveld insbesondere bei den sogenannten Floor-Turnieren zunehmend Schwierigkeiten bekommt, kann sein Landsmann zumindest teilweise nachvollziehen. Mit zunehmendem Alter werden die langen und kräftezehrenden Turniertage auf der Pro Tour nicht einfacher. Frühes Aufstehen, die Anreise zur Halle und die Notwendigkeit, nahezu unmittelbar Höchstleistungen abzurufen, können gerade für ältere Spieler eine besondere Herausforderung darstellen. Auf der großen Bühne hingegen müsste van Barneveld nach Ansicht van der Voorts eigentlich weiterhin seine Stärken ausspielen können. „Man wird nun einmal älter. Früh aufstehen und direkt in die Halle fahren – das wird irgendwann schwieriger. Aber die Bühne sollte eigentlich sein Revier sein.“
Schließlich verfügt kaum ein anderer Spieler über einen vergleichbaren Erfahrungsschatz. Van Barneveld hat im Laufe seiner jahrzehntelangen Karriere unzählige Begegnungen auf den größten Bühnen der Dartswelt bestritten, unter enormem Druck gespielt und die prestigeträchtigsten Titel gewonnen. Gegen einen Gegner wie Kuivenhoven müsste ihm diese Routine normalerweise einen erheblichen Vorteil verschaffen.
„Auf der Bühne hat er meiner Meinung nach dreihundertmal mehr Erfahrung als Kuivenhoven“, betont van der Voort. Doch selbst dieser einst so wertvolle Trumpf scheint dem fünffachen Weltmeister inzwischen kaum noch zu helfen. „Diesen gesamten Vorteil hat er verloren. Und das ist nach wie vor schwer mitanzusehen.“
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