„Es wirkt, als würde er jetzt langsam kürzertreten“ – Gary Andersons zahlreiche Turnierabsagen werfen Fragen über seine Darts-Zukunft auf

PDC
durch Nic Gayer
Gary Anderson DartsNews Podcast
Gary Anderson hat seine Teilnahme an der Swiss Darts Trophy an diesem Wochenende kurzfristig abgesagt. Damit schwinden die Chancen des zweimaligen Weltmeisters auf eine Qualifikation für die Darts-Europameisterschaft in Dortmund weiter. Auch sein Startplatz bei den Players Championship Finals ist alles andere als gesichert. Obwohl der Schotte in der Weltrangliste weiterhin den zehnten Platz belegt, droht er damit gleich mehrere bedeutende Turniere im Herbst zu verpassen.
In der Players Championship Order of Merit liegt Anderson mit einem Preisgeld von 29.750 Pfund derzeit lediglich auf Rang 62. Von den ersten 30 Floor-Turnieren der Saison bestritt der Routinier nur 14, bei den vergangenen sechs Veranstaltungen fehlte er vollständig. Sein Vorsprung auf Mario Vandenbogaerde, der als 65. aktuell den ersten Nichtqualifikationsplatz für die Players Championship Finals in Minehead belegt, beträgt gerade einmal 1.000 Pfund.

Anderson droht die Qualifikation für mehrere große Turniere zu verpassen

Noch schwieriger gestaltet sich die Ausgangslage mit Blick auf die European Championship. Anderson hat auf der European Tour bislang 15.000 Pfund eingespielt und liegt damit außerhalb der für die Europameisterschaft qualifikationsberechtigten Top 32. Durch seinen Rückzug von der Swiss Darts Trophy kann er an diesem Wochenende in Basel kein weiteres Preisgeld sammeln. Anschließend bleibt ihm mit der Dutch Darts Championship nur noch eine Gelegenheit, seine Position entscheidend zu verbessern.
Bereits vor der offiziell bestätigten Absage für Basel hatte Samuel Gill, Chefredakteur von DartsNews.com, im DartsNews-Podcast die zunehmend selektive Turnierplanung des Schotten hinterfragt. Gill berichtete während des World Grand Prix aus Leicester und stellte dabei die Frage, ob Anderson möglicherweise bereits damit begonnen habe, sich schrittweise aus dem professionellen Turnierbetrieb zurückzuziehen.

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„Er hat oft gesagt, dass er einfach dem Sonnenuntergang entgegengeht und nicht ankündigen wird, dass er aufhört. Er lässt den Sport hinter sich, und das war es“, erklärte Gill. „Natürlich kann er weiterhin hungrig darauf sein zu spielen, aber es wirkt, als würde er jetzt langsam kürzertreten.“
Gill brachte sogar die Möglichkeit ins Spiel, dass Anderson erst bei der Darts WM 2027 wieder auf die große Bühne zurückkehren könnte. Podcast-Kollege Nicolas Gayer sieht dagegen weiterhin realistische Chancen auf eine Teilnahme an den Players Championship Finals in Minehead – vorausgesetzt, Anderson kehrt noch einmal auf die Floor-Tour zurück. „Ich glaube, dass er dort eine gute Chance hat, weil er genau an der Grenze steht und auf der Tour normalerweise gute Leistungen zeigt“, erklärte Gayer. „Das ist das letzte Turnier, bei dem ich eine Möglichkeit sehe, ihn vielleicht noch einmal zu erleben.“

Mehr Spielpraxis brachte Anderson zurück zu alter Stärke

Dabei hatte Anderson in den vergangenen Jahren eindrucksvoll bewiesen, dass er noch immer zu außergewöhnlichen Leistungen fähig ist. 2023 gewann der Schotte drei Players-Championship-Turniere, ehe er 2024 zwei weitere Titel auf dem Floor folgen ließ. Im selben Jahr beendete er zudem eine zehnjährige Durststrecke ohne European-Tour-Triumph und sicherte sich den Titel beim European Darts Grand Prix. 2025 feierte er schließlich seinen 30. Players-Championship-Erfolg und verteidigte darüber hinaus erfolgreich seinen Titel in Sindelfingen. Im Finale ließ er Andrew Gilding beim deutlichen 8:0-Erfolg nicht den Hauch einer Chance.
„Ich denke, dass die vergangenen zwei oder drei Jahre für ihn wieder eine sehr gute Phase waren, eine neue Zeit seiner Bestform, auch wenn er keine großen Titel gewann. Spielerisch war er herausragend“, analysierte Gayer. „Das lag zu einem großen Teil daran, dass er wieder viel auf der Floor-Tour spielte und sogar an den Euro Tours teilnahm. Vor einigen Jahren schien das noch unmöglich.“
In der laufenden Saison liegt Andersons letzter Auftritt bei einem Players-Championship-Turnier allerdings bereits bis in den Juli zurück. Beim World Grand Prix in der vergangenen Woche musste er sich in der zweiten Runde dem Niederländer Niels Zonneveld mit 1:3 Sätzen geschlagen geben. Anderson kam dabei lediglich auf einen Average von 84,58 Punkten. Zwar konnte er den dritten Satz für sich entscheiden, doch Zonneveld machte anschließend mit einem klaren Satzgewinn ohne Legverlust alles klar.
„Vor allem nach einigen Sätzen, wie auch beim Grand Prix, sieht man, dass sein Arm warm wird und seine Wurfbewegung wieder flüssiger läuft“, erklärte Gayer. „Dann findet er ins Match, aber wie in den vergangenen Jahren ist es oft bereits zu spät. Das haben wir gegen Niels Zonneveld gesehen.“
Für Gayer ist der Zusammenhang zwischen Andersons geringer Turnierpraxis und seinen wechselhaften Leistungen offensichtlich. „Meiner Meinung nach sieht man den Effekt seiner geringen Spielpraxis. Dieses Jahr ist das etwas enttäuschend, aber ich glaube nicht, dass es in den kommenden Wochen wesentlich besser werden wird.“
Gill verwies darüber hinaus auf die besonderen Anforderungen des World Grand Prix. Das Doppel-in-Doppel-out-Format habe eine Schwäche sichtbar gemacht, die Anderson bei anderen Turnieren häufig durch seine außergewöhnliche Scoring-Stärke ausgleichen könne.
Niels Zonneveld und Gary Anderson beim Handshake.
Gary Anderson musste sich beim World Grand Prix in Leicester bereits in der zweiten Runde Niels Zonneveld geschlagen geben – seine mangelnde Spielpraxis machte sich dabei deutlich bemerkbar.
„Auch ohne Training kann er noch relativ leicht einen Average von 105 werfen, aber ein Format wie der World Grand Prix, den er natürlich noch nie gewonnen hat, liegt Gary Anderson nicht wirklich“, sagte Gill. „Er braucht Zeit, um die Darts auf die Doppel zu treffen, seine hohen Scores zu produzieren und in eine gute Position zu kommen.“

WM-Halbfinalist und Matchplay-Viertelfinalist – doch die Prioritäten haben sich verschoben

Dass Anderson trotz seines reduzierten Turnierprogramms weiterhin mit der Weltspitze mithalten kann, zeigte sich bereits zu Jahresbeginn. Im Januar erreichte der zweimalige Weltmeister zum achten Mal das Halbfinale der PDC Darts WM. Auf dem Weg dorthin bezwang er unter anderem Michael van Gerwen und Justin Hood, ehe er sich Gian van Veen mit 3:6 Sätzen geschlagen geben musste. Beide Spieler lieferten sich dabei ein hochklassiges Duell und erzielten jeweils einen Average von beinahe 103 Punkten.
Auch beim World Matchplay im Juli zog Anderson bis ins Viertelfinale ein. Wenig später erreichte er bei seinem erst dritten European-Tour-Auftritt der Saison sogar das Endspiel der Hungarian Darts Trophy. Dort hatte er zuvor Krzysztof Ratajski, Stephen Bunting, Gian van Veen und Nathan Aspinall ausgeschaltet, ehe er im Finale an Ross Smith scheiterte. Besonders bemerkenswert waren dabei seine Leistungen gegen Ratajski, den er mit einem Average von 105,27 bezwang, sowie gegen van Veen, gegen den er ebenfalls die 100-Punkte-Marke übertraf.
Spekulationen, wonach sein eingeschränktes Turnierprogramm auf einen bevorstehenden Rücktritt hindeuten könnte, hatte Anderson zuletzt selbst zurückgewiesen. Der Schotte betonte vielmehr, dass seine Familie für ihn an erster Stelle stehe. Gleichzeitig übernahm er die Verantwortung dafür, dass er durch den Verzicht auf zahlreiche Turniere inzwischen um wichtige Qualifikationsplätze kämpfen muss.
Anderson erklärte zudem, weshalb er einer Teilnahme am Qualifikationsturnier für den Grand Slam of Darts skeptisch gegenübersteht, wenn er der Ansicht ist, sich einen Platz bei diesem Wettbewerb aufgrund seiner Ergebnisse nicht verdient zu haben. Bereits zuvor hatte er eine Einladung zu den World Series of Darts Finals ausgeschlagen, nachdem er in der betreffenden Saison nicht an der World-Series-Tour teilgenommen hatte.
„Er hat Gründe, warum er nicht spielt, anstatt einfach zu sagen: ‚Es ist mir eigentlich egal, ich lasse dieses Turnier aus‘“, erklärte Gill. „Wenn er andere Prioritäten hat und nicht auf der Pro Tour schuften möchte, ist das sein gutes Recht. Er hat sich eine Karriere aufgebaut, in der er auswählen, Entscheidungen treffen und tun kann, was er möchte.“
Gill hält es zudem für möglich, dass die sportliche Entwicklung von Andersons Sohn dem Schotten neue Motivation geben könnte, seine eigene Karriere länger fortzusetzen. Gleichzeitig könnte der Nachwuchs aber auch dazu führen, dass Anderson künftig noch mehr Zeit in die Förderung und Betreuung seines Sohnes investieren möchte.
„Für mich steht er an einem Scheideweg, und es wird interessant zu sehen, was passiert, denn auch die Fans sehen ihn sehr gern“, führte Gill aus. „Als Anderson letzte Woche die Halle betrat, erhielt er immer noch eine der lautesten Ovationen im Dartsport. Die Dartsfans lieben ihn wirklich.“
Moderator Kieran Wood zog anschließend einen ungewöhnlichen Vergleich mit einer Legende aus der Wrestlingwelt. „Anderson ist ein wenig wie The Undertaker zu Beginn der 2010er-Jahre: eine besondere Attraktion. Holt ihn nur für WrestleMania zurück.“ Gill konnte dieser Einschätzung durchaus etwas abgewinnen: „Es wäre schade, wenn er bis zur Weltmeisterschaft nicht mehr spielt. Aber wenn es jemand einmal im Jahr machen kann, dann ist es Gary Anderson.“
Die nächsten beiden Players-Championship-Turniere finden am 28. und 29. Oktober in Den Bosch statt. Am 4. und 5. November folgen in Leicester die letzten beiden Floor-Veranstaltungen der Saison. Damit bleiben Anderson noch vier Gelegenheiten, seinen Startplatz bei den Players Championship Finals in Minehead abzusichern. Ob der Schotte diese Chancen tatsächlich wahrnimmt oder durch weitere Absagen riskiert, von seinen Verfolgern aus den Qualifikationsrängen verdrängt zu werden, bleibt vorerst offen.
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