„Ich spiele lieber eine gute WM und habe Schmerzen“ – Callan Rydz spricht über drohende Operation, Morddrohungen und einen emotionalen Verlust

PDC
durch Nic Gayer
Callan Rydz (2)
Callan Rydz scheint allmählich zu alter Stärke zurückzufinden. In den vergangenen Monaten ließ der Engländer immer wieder aufblitzen, welches Potenzial in ihm steckt. Doch hinter den Kulissen hat der Dartsprofi mit erheblichen Belastungen zu kämpfen. Neben schwierigen privaten Umständen macht ihm seit geraumer Zeit eine schmerzhafte Handgelenksverletzung zu schaffen, die einen operativen Eingriff erforderlich macht. Im Interview mit Online Darts spricht Rydz offen über seine gesundheitlichen Probleme, erschreckende Drohungen frustrierter Wettkunden und die prägende Rolle seines inzwischen verstorbenen Großvaters.
Bei der Präsentation der neuen Unicorn-Produkte für 2027 auf der Bradmore Farm zeigte sich Rydz zunächst von seiner unbeschwerten Seite. Gut gelaunt stellte er sich den Fragen vor der Kamera und genoss die Gelegenheit, zahlreiche Kollegen und Bekannte aus der Dartswelt wiederzusehen. „Es ist einfach mal etwas anderes. Man trifft all die Spieler, die von Unicorn gesponsert werden, und dazu viele andere Leute. Es macht Spaß, sich die neuen Produkte anzuschauen, und ich denke, dass am Ende alle mit der Präsentation zufrieden sein werden.“

Neue Darts als Glücksgriff: Rydz erinnert sich an seine Entdeckung

Dass solche Veranstaltungen auch sportlich einen Unterschied machen können, weiß Rydz aus eigener Erfahrung. Bei der entsprechenden Präsentation im vergangenen Jahr entdeckte er die Wraith-Darts, die anschließend zu seinen neuen Wettkampfdarts wurden.
Callan Rydz jubelt.
Callan Rydz kämpft trotz einer schmerzhaften Handgelenksverletzung um seine Rückkehr in die Darts-Weltspitze. Eine notwendige Operation will der Engländer von seinem Abschneiden bei der WM abhängig machen.
„Ich hatte überhaupt keine Ahnung, dass ich diese Darts bekommen würde. An diesem Tag habe ich ein wenig damit trainiert und sofort gedacht: Davon muss ich unbedingt ein Set mit nach Hause nehmen. Ich war auf Anhieb verliebt. Zuerst habe ich damit in der Super League gespielt, danach auf der Pro Tour. Ich habe mich unglaublich schnell daran gewöhnt und bin seitdem bei diesen Darts geblieben.“

„Mein Handgelenk ist definitiv nicht hundertprozentig in Ordnung“ – Rydz braucht eine Operation

Auch auf sportlicher Ebene scheint es für Rydz wieder bergauf zu gehen. Mit überzeugenden Leistungen bei Qualifikationsturnieren erkämpfte er sich unter anderem einen Startplatz bei den World Series of Darts Finals. Dass er zuletzt wieder häufiger sein Können abrufen konnte, führt der Engländer vor allem auf eine positive Veränderung seiner persönlichen Lebensumstände zurück.
„Ich finde langsam wieder zu mir selbst. Abseits des Dartsports hatte ich mit einigen privaten Problemen zu kämpfen. Mittlerweile bin ich aber deutlich glücklicher und habe das Gefühl, endlich wieder der Alte zu werden.“
Ein gravierendes Problem steht seiner Rückkehr zu konstanten Spitzenleistungen allerdings weiterhin im Weg. Wie Rydz offenbart, bereitet ihm sein Handgelenk bereits seit längerer Zeit erhebliche Beschwerden.
„Jeder weiß, dass ich zu den Besten gehören kann, wenn ich mein Spiel auf die Bühne bringe. Aber ich bin nun einmal kein Roboter. Auch ich muss mit Verletzungen zurechtkommen. Mein Handgelenk ist definitiv nicht hundertprozentig in Ordnung. Solange ich trotzdem weiter Matches gewinne, bin ich fürs Erste zufrieden. Ich versuche einfach, irgendwie weiterzumachen, bis ich operiert werden kann.“
Die Ursache der Beschwerden liegt offenbar viele Jahre zurück. Ein alter Knochenbruch ist nie vollständig verheilt und verursacht bis heute Schmerzen. Während des Interviews bewegte Rydz sein Handgelenk und demonstrierte das Problem mit einem deutlich hörbaren Geräusch.
„Das ist ein alter Bruch, den ich mir vor vielen Jahren zugezogen habe und der nie richtig verheilt ist. Deshalb habe ich manchmal ziemlich heftige Schmerzen. Natürlich ist es in unserem Sport sehr einfach, nach einer Niederlage eine Verletzung als Ausrede anzuführen. Genau deshalb versuche ich, einfach weiterzuspielen.“
Eine Operation ist unumgänglich und würde den Engländer voraussichtlich für rund sechs Wochen außer Gefecht setzen. Wann er sich dem Eingriff unterzieht, will Rydz allerdings von seinem Abschneiden bei der bevorstehenden Darts-Weltmeisterschaft abhängig machen.
„Ich habe gesagt, dass ich mich operieren lasse, wenn ich bei der WM schlecht abschneide. Dann würde ich wahrscheinlich die Masters und die ersten beiden Players Championships verpassen, wäre anschließend aber wieder vollständig fit. Wenn ich bei der WM dagegen gut spiele, muss ich eben weiterhin mit den Schmerzen leben.“
Welche der beiden Möglichkeiten er bevorzugt, steht für den Engländer außer Frage. „Ich spiele lieber eine gute WM und habe Schmerzen, als zu Hause herumzusitzen und zuschauen zu müssen. Wobei, zuschauen … Eigentlich schaue ich überhaupt kein Darts. Ich verfolge die Ergebnisse ein bisschen, aber ansonsten interessiert es mich nicht sonderlich.“

„Weil jemand fünfzig Cent gesetzt hat, glaubt er, meine Familie bedrohen zu dürfen“

Neben den körperlichen Beschwerden belasten Rydz auch die Schattenseiten des Profisports. Insbesondere der Umgang mancher Wettkunden mit den Spielern stößt ihm bitter auf. Nach verlorenen Wetten sehen sich Dartsprofis immer wieder massiven Anfeindungen ausgesetzt, die nach Ansicht des Engländers längst jede Grenze überschritten haben.
„Wir bekommen unglaublich viel Hass ab. Und das betrifft wirklich alle Dartspieler, nicht nur mich. Da setzt jemand fünfzig Cent auf ein Match und glaubt anschließend, er hätte das Recht, meine Familie zu bedrohen und uns die schlimmsten Dinge an den Kopf zu werfen.“
Die ständigen Anfeindungen haben für Rydz inzwischen Konsequenzen. Der Engländer hat sich weitgehend aus den sozialen Medien zurückgezogen. Insbesondere mit X, dem früheren Twitter, möchte er nichts mehr zu tun haben.
„Das ist wahrscheinlich der einzige Aspekt dieses Sports, mit dem ich überhaupt nichts anfangen kann. Ich habe Twitter komplett den Rücken gekehrt. Mein Account existiert zwar noch, aber ich weiß nicht einmal mehr, wann ich dort zuletzt etwas veröffentlicht habe. Die App habe ich von meinem Handy gelöscht, weil es der giftigste Ort ist, den ich jemals erlebt habe. Seitdem ich dort nicht mehr unterwegs bin, geht es mir deutlich besser.“
Trotz seiner gesundheitlichen Probleme und der negativen Begleiterscheinungen des Profidaseins blickt Rydz voller Vorfreude auf die kommende Weltmeisterschaft. Im Alexandra Palace konnte der Engländer in der Vergangenheit bereits mehrfach mit herausragenden Leistungen überzeugen. Mit einem Augenzwinkern erklärt er sogar, dass ihm ein einziger WM-Triumph genügen würde, um seine Karriere wenige Jahre später zu beenden.
„Ich habe immer gesagt: Wenn ich schon irgendwo ein One-Hit-Wonder sein darf, dann am liebsten bei der Weltmeisterschaft. Ich habe mir das sogar schon ganz genau ausgemalt. Wenn ich dieses Jahr Weltmeister werde, höre ich zwei Jahre später auf, nachdem ich es unter die besten vier Spieler der Welt geschafft habe.“
Ein Grund für diese Gedankenspiele ist seine ausgeprägte Abneigung gegen die ständige Reiserei. „Die Jungs und das ganze Drumherum würden mir auf jeden Fall fehlen. Aber das Reisen … Ich spiele nicht einmal in der Premier League und beschwere mich jetzt schon ständig darüber. Wenn ich dort tatsächlich mitspielen würde, könntet ihr wahrscheinlich keine fröhlichen Interviews mehr mit mir führen.“

„Mein Opa hat mich 13 Jahre lang zu Turnieren gefahren“ – Rydz erinnert sich an seinen größten Unterstützer

Besonders emotional wurde das Gespräch, als Rydz auf seinen verstorbenen Großvater zu sprechen kam. Dieser hatte seine Entwicklung als Dartspieler über viele Jahre hinweg entscheidend begleitet und zahlreiche persönliche Opfer gebracht, um seinem Enkel die sportliche Laufbahn zu ermöglichen.
„Mein Opa hat die letzten 13 Jahre seines Lebens damit verbracht, mich zu Dartturnieren zu fahren“, erinnerte sich Rydz. „Ich weiß noch, dass er einmal mit meinem Onkel Kevin, dessen Partner Ali und meiner Oma, die damals noch lebte, im Urlaub war. Sie wohnten in einem Wohnwagen. Trotzdem ist er den ganzen Weg von Seahouses in Northumberland gefahren, um mich abzuholen und anschließend nach Durham zu bringen.“
Diese besondere Fahrt sollte sich für den jungen Rydz als enorm wichtig erweisen. Nur dank der Unterstützung seines Großvaters konnte er damals die erforderliche Anzahl registrierter Averages erreichen, um sich für einen Platz in der englischen Nationalmannschaft zu qualifizieren.
„Das englische Trikot habe ich bis heute aufgehoben. Diesen Moment werde ich niemals vergessen. Vor allem, weil mein Opa all das für mich getan hat.“

World Matchplay und World Grand Prix: Rydz nimmt die großen TV-Bühnen ins Visier

Für die kommenden Jahre hat sich Rydz klare sportliche Ziele gesetzt. Neben der Hoffnung auf einen großen Titel möchte er vor allem wieder regelmäßig bei den bedeutenden TV-Turnieren vertreten sein. Besonders die Rückkehr zum World Matchplay und zum World Grand Prix hat für ihn Priorität.
„Natürlich wäre ein großer Erfolg fantastisch. Aber in erster Linie möchte ich versuchen, wieder beim World Matchplay und beim World Grand Prix dabei zu sein. Wobei meine Bilanz beim Grand Prix natürlich überragend ist: dreimal teilgenommen und insgesamt vier Legs gewonnen. Fantastisch!“, scherzte der Engländer über seine bisherigen Auftritte bei dem Major.
Eine besondere emotionale Verbindung hat Rydz zum World Matchplay. Dort durfte er nicht nur auf einer der prestigeträchtigsten Bühnen des Dartsports antreten, sondern auch einen unvergesslichen Moment mit seinem Großvater erleben.
„Es hat mir unglaublich viel Spaß gemacht, dort zu spielen. Einmal war sogar mein Opa dabei. Deshalb würde ich im nächsten Jahr wahnsinnig gerne wieder zurückkehren.“
Um seine Chancen auf die großen TV-Turniere zu verbessern, plant Rydz für 2027 eine deutlich konsequentere Teilnahme an den Qualifikationsturnieren der European Tour. Dabei kommt ihm eine Änderung im Turnierkalender entgegen: Die meisten Qualifier werden in der kommenden Saison bereits vor den Players Championships ausgetragen.
„Das ist für uns Spieler viel angenehmer. So kann man die Qualifikationsturniere gewissermaßen als Aufwärmprogramm für die Pro Tour nutzen. Wenn man dagegen nach dem letzten Tag eines Players Championship noch Qualifier spielen muss, möchte man eigentlich nur noch nach Hause.“
Dass er in der laufenden Saison einige Chancen auf zusätzliche Turnierteilnahmen selbst verstreichen ließ, räumt Rydz offen ein. Häufig fehlte ihm schlichtweg die Motivation, nach den regulären Wettbewerben noch weitere Matches zu bestreiten.
„Ich glaube, nach dem ersten Turnier habe ich mich von ungefähr acht European-Tour-Qualifikationen wieder abgemeldet, einfach weil ich keine Lust mehr hatte, weiterzuspielen. Das muss ich ganz allein auf meine Kappe nehmen. Im nächsten Jahr möchte ich wirklich versuchen, bei allen Qualifikationsturnieren anzutreten.“
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