Michael van Gerwen will zurück an die Spitze der Dartswelt. Der dreimalige Weltmeister durchlebt eine schwierige Saison und ist in der Weltrangliste mittlerweile auf den neunten Platz abgerutscht. An seinem Selbstvertrauen hat der 37-jährige Niederländer dennoch nicht grundsätzlich eingebüßt. Im Gespräch mit
Sportnieuws.nl findet „Mighty Mike“ deutliche Worte für seine derzeitigen Leistungen, macht seinen Konkurrenten aber gleichzeitig klar, dass sie ihn noch lange nicht abschreiben sollten.
Über Jahre hinweg war van Gerwen das Maß aller Dinge im Dartsport. Der Mann aus der niederländischen Provinz Brabant dominierte die Konkurrenz und sammelte große Titel beinahe nach Belieben. Inzwischen haben sich die Kräfteverhältnisse jedoch verschoben. Immer häufiger muss sich der einstige Seriensieger seinen Rivalen geschlagen geben. Auch in der laufenden Saison sucht er bislang vergeblich nach jener Konstanz, die ihn einst so gefürchtet machte.
Van Gerwen übt Selbstkritik: „Gehöre momentan nicht zu den besten Spielern der Welt“
Dass zwischen seinem eigenen Anspruch und der sportlichen Realität derzeit eine erhebliche Lücke klafft, weiß Van Gerwen nur zu gut. Ausreden sucht der Niederländer deshalb nicht. „Wenn man nur auf die Form schaut, gehöre ich momentan nicht zu den besten Spielern der Welt“, gesteht er offen ein.
Michael van Gerwen glaubt trotz seiner sportlichen Krise weiterhin an seine Rückkehr an die Weltspitze und den vierten WM-Titel.
„Als Spitzenspieler muss man einfach konstant Leistung bringen, und das gelingt mir derzeit nicht“, erklärt van Gerwen weiter. Seinen Absturz in der Weltrangliste hält er deshalb für nachvollziehbar. Mit der aktuellen Reihenfolge will er sich allerdings keineswegs abfinden: „Dass ich in der Rangliste abrutsche, kann jeder nachvollziehen. Bei vielen Spielern habe ich allerdings das Gefühl, dass ich in der Weltrangliste vor ihnen stehen müsste. Jetzt liegt es an mir, zu zeigen, dass ich dort nach wie vor hingehöre.“
Bittere Niederlagen setzen „Mighty Mike“ zu
Besonders schmerzhaft ist für van Gerwen, auf welche Weise ihm zuletzt mehrfach mögliche Erfolge entglitten sind. Bei den World Series of Darts Finals gab er gegen Daryl Gurney eine Führung aus der Hand, beim World Grand Prix musste er sich Ryan Joyce geschlagen geben. Es sind Rückschläge, die verdeutlichen, wie schwer sich der Niederländer momentan damit tut, vielversprechende Ausgangspositionen tatsächlich in Siege umzumünzen.
„Ich bringe mich oft selbst um den Lohn“, ärgert sich van Gerwen. Dabei nimmt er sich selbst ausdrücklich in die Verantwortung, verweist aber auch auf das nötige Quäntchen Glück seiner Gegner: „Das liegt zum Teil an meinem eigenen Unvermögen, manchmal hat der Gegner aber auch einfach Glück. Ich muss einige Rückschläge verkraften. Diese Niederlagen schmerzen natürlich, aber zum Glück kann ich einiges wegstecken. Ich will das so schnell wie möglich drehen. Das gelingt allerdings nicht immer.“
Erschwerend kommt hinzu, dass der dreimalige Weltmeister auch privat eine äußerst belastende Zeit hinter sich hat. Seine Ehe mit Daphne ist gescheitert, zudem wurde bei seinem Vater Krebs diagnostiziert. Zumindest hinsichtlich dessen Gesundheitszustands gibt es inzwischen vorsichtig positive Nachrichten. „Zum Glück geht es ihm besser. Hoffen wir, dass es so bleibt“, berichtet van Gerwen.
Auch die Herausforderung, seine Karriere als Dartsprofi mit dem Familienleben und der Betreuung seiner beiden Kinder Zoë und Mike zu vereinbaren, nahm zuletzt viel Raum ein. Mittlerweile scheint es dem Niederländer jedoch zunehmend zu gelingen, wieder mehr Ruhe und Stabilität in seinen Alltag zu bringen.
Parallel dazu arbeitet van Gerwen intensiv an den sportlichen Stellschrauben. Unterstützung erhält er dabei von seinem langjährigen Vertrauten
Vincent van der Voort. Gemeinsam nehmen die beiden insbesondere die Wurftechnik des ehemaligen Weltranglistenersten unter die Lupe.
Mit gezielten Anpassungen soll van Gerwen künftig wieder müheloser und vor allem konstanter sein gewohnt hohes Niveau abrufen können. Erste Fortschritte glaubt der Niederländer bereits zu erkennen. Gleichzeitig ist ihm bewusst, dass sich eine solche technische Veränderung nicht von heute auf morgen vollständig umsetzen lässt.
„Es geht ausschließlich um mehr Geschmeidigkeit. Wir wollen den Wurf etwas flüssiger machen“, erläutert van Gerwen. Vor allem eine kleine Unregelmäßigkeit im Bewegungsablauf möchte er beseitigen: „Manchmal habe ich dabei einen kleinen Knick. Den versuche ich herauszunehmen. Doch alles braucht Zeit, und ich merke, dass mein Niveau wieder steigt.“
Viel Zeit zum Experimentieren bleibt dem Niederländer allerdings nicht, denn der Erwartungsdruck ist beträchtlich. Jeder weitere Rückschlag nährt die Zweifel daran, ob van Gerwen noch einmal dauerhaft zur absoluten Weltspitze aufschließen kann. Dass seine Leistungen besonders kritisch bewertet werden, überrascht ihn nicht. „Als Spieler meines Kalibers steht man dann einfach auf dem Prüfstand. Das ist mir klar.“
Darts WM als große Chance: Van Gerwen fürchtet auch Luke Littler nicht
Die nächste große Gelegenheit, seinen Kritikern eine Antwort auf der Bühne zu geben, bietet sich van Gerwen bei der
Darts WM im Dezember. 2014, 2017 und 2019 krönte sich der Niederländer zum Weltmeister. Auf seinen vierten Triumph wartet er mittlerweile seit mehr als sieben Jahren.
Angesichts seiner aktuellen Form kann van Gerwen verstehen, weshalb ihn viele Beobachter diesmal nicht zum engsten Favoritenkreis zählen. Eine Außenseiterrolle bedeutet für ihn allerdings noch lange nicht, dass er seine Titelhoffnungen begraben müsste. Selbst ein mögliches Duell mit Luke Littler, der sich in den vergangenen Jahren zur dominierenden Kraft auf der Tour entwickelt hat, bereitet ihm keine Sorgen.
„Für jeden Dartspieler ist die WM das Wichtigste. Mir ist durchaus bewusst, dass ich momentan nicht der Favorit bin“, betont van Gerwen. Sollte er rechtzeitig wieder zu seiner Stärke finden, traut er sich jedoch zu, jeden Gegner zu bezwingen: „Wenn ich mir aber ein Ziel setze und es wieder besser läuft, muss jemand schon sehr gut sein, um mich zu schlagen. Das gilt auch für Luke Littler in Bestform. Das ist mir egal. Im Darts entscheiden Kleinigkeiten. Manchmal kann sich alles schnell drehen. Ich selbst muss allerdings richtig hart arbeiten: viel trainieren und mehr Selbstvertrauen aufbauen. Dann will ich sehen, was passiert.“
Eine entscheidende Grundlage für die erhoffte Rückkehr zu alter Stärke ist für van Gerwen bereits geschaffen: Er hat die Freude am Dartsport wiedergefunden. Nun möchte er seiner ohnehin beeindruckenden Titelsammlung weitere Erfolge hinzufügen. Der vierte Weltmeistertitel bleibt dabei ein Anspruch, den er trotz aller Schwierigkeiten nicht aufgeben will. „Ich finde auch, dass das so sein muss. Wenn ich das nicht mehr schaffe, wäre ich enttäuscht. Ich muss an mich glauben.“
Von einem endgültigen Abschied aus der Weltspitze will van Gerwen trotz seiner jüngsten Ergebnisse jedenfalls nichts wissen. Ob die Veränderungen an seiner Wurftechnik und die zurückgewonnene Begeisterung für den Sport tatsächlich die erhoffte Wende einleiten, wird sich in den kommenden Monaten zeigen. Fest steht: Der dreimalige Weltmeister hat den Glauben an weitere große Erfolge noch längst nicht verloren.