In den vergangenen beiden Jahren schied
Michael van Gerwen beim
World Grand Prix jeweils in der ersten Runde aus. In der kommenden Woche will der Niederländer in Leicester verhindern, dass sich dieses Szenario zum dritten Mal in Folge wiederholt. Früher sah das für die „Green Machine“ ganz anders aus. Sechsmal gewann van Gerwen den
World Grand Prix, wobei sein erster Triumph 2012 zugleich seinen ersten PDC-Major-Titel überhaupt bedeutete. 14 Jahre später geht der an Nummer neun gesetzte Niederländer am Montag als einer der erfahrensten Spieler des gesamten Teilnehmerfeldes ins Turnier. Doch warum war ausgerechnet dieses Major lange Zeit van Gerwens Lieblingsturnier, und weshalb war er dort so erfolgreich? Unser englischer Kollege
Ben James geht diesen Fragen in seiner
Analyse auf den Grund.
Wie stark war van Gerwen beim World Grand Prix?
Der World Grand Prix war lange Zeit eines von
van Gerwens absoluten Paradeturnieren. Auch wenn der Niederländer, der das Turnier zuletzt im Jahr 2022 gewann, in den vergangenen Jahren nicht mehr an seine früheren Glanzzeiten anknüpfen konnte, gehört er aufgrund seiner Erfahrung weiterhin zu den Titelanwärtern.
Da sowohl der Gesamtaverage als auch der First-Nine-Average durch das Double-In-Format niedriger ausfallen, gestaltet sich ein Vergleich mit anderen Turnieren schwierig. Eine Statistik bleibt jedoch unverändert: die Anzahl der Titel. Lediglich bei den Players Championship Finals hat van Gerwen noch mehr Trophäen gewonnen. Dass ihm das Double-In-Format liegt, steht damit außer Frage.
Sein herausragendes Jahr war 2016. Unter Berücksichtigung der im Vergleich zu anderen Majors angepassten statistischen Maßstäbe erzielte van Gerwen damals seinen höchsten Turnieraverage von 99,97 Punkten, seinen höchsten First-Nine-Average von 119,11 Punkten sowie mit 22 die geteilt höchste Anzahl an 180ern.
Van Gerwen gewann den World Grand Prix 2012, 2014, 2016, 2018, 2019 und 2022. In den 2010er-Jahren verpasste er den Titel bei seinen Teilnahmen lediglich dreimal: durch eine bittere Finalniederlage gegen Robert Thornton, eine Viertelfinalniederlage gegen Dave Chisnall im Jahr 2013 und ein seltenes Erstrundenaus im Jahr 2017.
Fünf Titel bei acht Teilnahmen sowie eine Titelquote von 46 Prozent bei seinen insgesamt 13 Auftritten sprechen für sich.
MVGs sechs Titelgewinne beim World Grand Prix
| Jahr | Turnieraverage | First-Nine-Average | Doppelquote | 180er | Finalergebnis | Finalgegner |
| 2016 | 99.97 | 119.11 | 49.92% | 22 | 5-2 | Gary Anderson |
| 2018 | 93.97 | 110.03 | 52.73% | 22 | 5-2 | Peter Wright |
| 2022 | 93.22 | 113.34 | 45.66% | 20 | 5-3 | Nathan Aspinall |
| 2019 | 92.03 | 111.76 | 47.13% | 16 | 5-2 | Dave Chisnall |
| 2014 | 90.81 | 116.53 | 42.86% | 9 | 5-3 | James Wade |
| 2012 | 87.53 | 104.86 | 38.33% | 5 | 6-4 | Mervyn King |
Obwohl van Gerwen 2016 seine stärkste Leistung zeigte, folgten seine Erfolge in anderen Jahren einem ähnlichen Muster. 2018 traf er in seiner Erstrundenpartie gegen Steve Lennon bemerkenswerte 85,71 Prozent seiner Würfe auf die Doppelfelder. Beim World Grand Prix muss man sich auf seine Doppel verlassen können – und van Gerwen stellte genau das unter Beweis.
Seine Titelgewinne basierten maßgeblich auf dieser Stärke. Über seine sechs Triumphe hinweg erzielte er eine durchschnittliche Doppelquote von 46,27 Prozent und einen durchschnittlichen Turnieraverage von 93,47 Punkten. Denn beim World Grand Prix nützt das beste Scoring wenig, wenn es einem nicht gelingt, ein Leg zu eröffnen oder zu beenden. Van Gerwen fand bei diesem Major jedoch die richtige Balance zwischen Scoring und Finishing, was auch sein First-Nine-Average von 113,16 Punkten verdeutlicht.
Ein genauerer Blick auf seinen Titelgewinn 2016 zeigt, wie das Erfolgsrezept beim World Grand Prix aussehen kann. Van Gerwen spielte in keiner Partie einen Average von weniger als 97 Punkten, wobei die Werte selbstverständlich an das Double-In-Format angepasst betrachtet werden müssen. Auch sein First-Nine-Average fiel nie unter 116 Punkte. Das zeigt, dass das Scoring trotz seiner untergeordneten Bedeutung weiterhin auf einem hohen Niveau liegen muss.
Das erklärt auch, warum Spieler wie Ryan Joyce, die bei den Buchmachern regelmäßig zu den Favoriten auf den Sieg bei einem Double-In-Turnier gehören, dennoch scheitern: Ihr Scoring harmoniert nicht ausreichend mit ihrer Stärke auf den Doppelfeldern. Konstant herausragende Leistungen über die gesamte Turnierwoche hinweg und eine Doppelquote von 49,92 Prozent zeigen, wie Michael van Gerwen seine Titel gewann. Doch kann er dieses Erfolgsrezept 2026 wiederholen?
Die wohl aufschlussreichste Kennzahl in der Geschichte des World Grand Prix ist der First-Nine-Average. Der enorme Unterschied zwischen van Gerwens Scoring bei seinen ersten drei Aufnahmen und seinem gesamten Turnieraverage verdeutlicht, warum ihm dieses Format so besonders lag. Bei seinem Titelgewinn 2014 erreichte er einen First-Nine-Average von 116,53 Punkten, während sein Turnieraverage bei 90,81 Punkten lag.
Michael van Gerwen gewann den World Grand Prix sechsmal. Seine Titelgewinne zeigen, wie erfolgreich der Niederländer beim Double-In-Format starkes Scoring mit hoher Doppelquote kombinierte.
Diese Differenz von 25,72 Punkten ist die größte, die van Gerwen jemals bei einem seiner Titelgewinne verzeichnete. Über seine sechs Triumphe hinweg betrug der durchschnittliche Unterschied 19,68 Punkte. Das verdeutlicht, wie stark sein Scoring tatsächlich war, bevor das Double-In-Format den Gesamtaverage nach unten drückte.
2016 lag sein First-Nine-Average in keiner Partie unter 116 Punkten. Mit einem First-Nine-Average zwischen 113 und 119 Punkten setzte er seine Gegner konstant unter Druck und legte damit den Grundstein für seinen Erfolg. Van Gerwen setzte seinen Gegnern bereits mit seinem Scoring massiv zu, noch bevor die Doppelfelder überhaupt zum entscheidenden Faktor wurden. Genau auf diesem strukturellen Vorteil – einer Scoring-Dominanz, die durch das Double-In-Format in den Gesamtaverages weniger deutlich sichtbar wird – beruhten seine sechs Titelgewinne.
Die Differenz zwischen First-Nine-Average und Turnieraverage
| Jahr | First-Nine-Average | Turnieraverage | Differenz |
| 2014 | 116.53 | 90.81 | 25.72 |
| 2022 | 113.34 | 93.22 | 20.12 |
| 2019 | 111.76 | 92.03 | 19.73 |
| 2016 | 119.11 | 99.97 | 19.14 |
| 2012 | 104.86 | 87.53 | 17.33 |
| 2018 | 110.03 | 93.97 | 16.06 |
| Mittelwert | 112.61 | 92.92 | 19.69 |
Lag es am World Grand Prix oder war van Gerwen einfach so stark?
Van Gerwens Bilanz beim World Grand Prix ist zweifellos beeindruckend. Doch wie viel davon war schlicht eine natürliche Folge seiner herausragenden Form im jeweiligen Jahr? Da das Double-In-Format die Averages nach unten drückt, müssen die Werte des World Grand Prix für einen Vergleich mit anderen Majors entsprechend eingeordnet werden. Dabei zeigt sich, dass van Gerwens Leistungen beim World Grand Prix selbst in seinen Titeljahren deutlich hinter denen bei anderen Majors zurückblieben.
2019 lag sein Turnieraverage beim World Grand Prix bei 92,03 Punkten. Bei anderen Majors erzielte er dagegen wesentlich höhere Werte. So spielte er bei der Weltmeisterschaft, bei der er sich zum Champion krönte, einen Average von 103,28 Punkten. Bei der Europameisterschaft übertraf er diesen Wert sogar noch mit 105,10 Punkten.
Die durchschnittlichen Turnieraverages der vier wichtigsten Majors der Saison 2019 offenbaren eine Differenz von 9,80 Punkten. Das deutet darauf hin, dass das Leistungsniveau beim World Grand Prix nie besonders hoch war.
Der World Grand Prix brachte also nicht unbedingt das Beste aus Michael van Gerwen heraus. In jedem seiner Titeljahre gab es mindestens ein anderes Major, bei dem er einen höheren Average spielte als beim World Grand Prix. Das Turnier belohnte vielmehr van Gerwens ohnehin starke Form. Er musste dort nicht sein absolutes Maximum abrufen und zeitweise nicht einmal sein gewohntes Leistungsniveau erreichen. Alles, was er brauchte, war ein Format, das seine Scoring-Dominanz unabhängig vom Gesamtaverage noch stärker zur Geltung brachte. Und van Gerwen war in den 2010er-Jahren der beste Scorer.
Selbst in den Jahren, in denen van Gerwen den World Grand Prix nicht gewann, zeigte sich ein ähnliches Bild. 2017 scheiterte er bereits in der ersten Runde am Schotten John Henderson, der später das Halbfinale erreichte. Van Gerwen spielte dabei lediglich einen Average von 87,64 Punkten. Sein Average bei der Weltmeisterschaft lag dagegen mit 107,06 Punkten fast 20 Punkte höher.
2017 gewann van Gerwen insgesamt drei Majors. Es war das einzige Mal in seiner Karriere, dass der dreimalige Weltmeister in einer Saison drei Major-Titel holte, ohne dabei auch den World Grand Prix zu gewinnen.
Trotz seiner sechs Titel spielte Michael van Gerwen beim World Grand Prix häufig niedrigere Averages als bei anderen Majors. Das Double-In-Format kam seiner Scoring-Stärke dennoch entgegen.
Mit dem World Grand Prix beginnt die „Major-Saison“. Doch selbst wenn van Gerwen zu diesem Zeitpunkt seine beste Saisonform erreicht hatte, war ihm der Titel keineswegs garantiert. 2020 spielte er einen Average von 97,21 Punkten und scheiterte dennoch im Viertelfinale an Simon Whitlock. Seine stärksten Saisons führten also nicht zwangsläufig auch zum Erfolg beim World Grand Prix. Entscheidend ist, dass er dort sein bestes World-Grand-Prix-Darts spielt – nicht unbedingt sein insgesamt bestes Darts. Diese Besonderheit zeigt, dass seine Form beim World Grand Prix und seine allgemeine Form weitgehend unabhängig voneinander sind. Selbst in absoluter Topform war ihm der Titel nicht sicher, und das Turnierformat liefert die Erklärung dafür.
Beim Double-In-Format erhöhen verfehlte Einstiegsdoppel die Anzahl der benötigten Darts und drücken damit den Average, ohne dass dabei Punkte erzielt werden. 2019 stand van Gerwens Erstrundenaverage von 84,59 Punkten einem First-Nine-Average von 105,08 Punkten gegenüber. Das verdeutlicht, auf welch hohem Niveau er nach dem erfolgreichen Einstieg in die Legs scorte. 2015 erreichte er das Finale mit einer Doppelquote von lediglich 32,26 Prozent. Seine beeindruckende Doppelquote von 85,71 Prozent in der ersten Runde 2018 brachte ihn ebenfalls eine Runde weiter.
Unabhängig von seiner Doppelquote war es Michael van Gerwens Scoring, das ihn durch die einzelnen Runden trug. Wenn dann auch noch die Einstiegsdoppel funktionierten, war van Gerwen kaum noch aufzuhalten. Doch wie bereits erwähnt, musste er dafür nicht einmal unaufhaltsam sein. Der Schlüssel lag in seinen ersten neun Darts, mit denen er seine Gegner maximal unter Druck setzte. Das galt insbesondere dann, wenn er selbst Anwurf hatte und seine Gegner dadurch zunehmend unter Zugzwang gerieten, ihre eigenen Einstiegsdoppel zu treffen.
Andere Spieler haben Schwierigkeiten, diese Balance zu finden, und tun sich deshalb auch mit dem Format schwer. MVG hingegen profitierte davon und weiß, wie er beim World Grand Prix sein bestes Darts abrufen kann – selbst wenn er insgesamt gerade nicht seine beste Saison spielt.
2026 fiel van Gerwen erstmals seit zwölf Jahren aus den Top vier der Weltrangliste. Er spielt derzeit nicht sein bestes Darts, und auch bei anderen Majors blieben die erhofften Erfolge aus. Kann er sein Erfolgsrezept beim World Grand Prix dennoch wiederholen?
MVG beim World Grand Prix zwischen 2016 und 2025: Die komplette Bilanz
| Jahr | Turnieraverage | Ergebnis |
| 2016 | 99.97 | Titelgewinn |
| 2017 | 87.64 | Erste Runde |
| 2018 | 93.97 | Titelgewinn |
| 2019 | 92.03 | Titelgewinn |
| 2020 | 97.21 | Viertelfinale |
| 2021 | 90.55 | Erste Runde |
| 2022 | 93.22 | Titelgewinn |
| 2023 | 89.23 | Achtelfinale |
| 2024 | 86.94 | Erste Runde |
| 2025 | 88.67 | Erste Runde |
Kann er an seine früheren Erfolge anknüpfen?
Der Absturz aus den Top vier der Weltrangliste mag nach dem World Matchplay plötzlich gekommen sein, doch diese Entwicklung hatte sich bereits länger abgezeichnet. Bei seinen letzten beiden Teilnahmen am World Grand Prix gelang dem Mann aus Boxtel kein einziger Sieg. Sein durchschnittlicher Average lag dabei bei 88,28 Punkten. 2024 spielte er mit 86,94 Punkten sogar den niedrigsten Average, den er jemals in einer Partie bei diesem Turnier erzielt hatte.
Dass Michael van Gerwen an Scoring-Stärke eingebüßt hat, steht außer Frage. Sein neuer Wurfstil hat zu weniger Rhythmus geführt, und sein Scoring ist nicht mehr so konstant wie zu seinen besten Zeiten. Er kann seine Gegner nicht mehr einfach mit seinem Scoring dominieren. Der deutliche Leistungsabfall beim World Grand Prix, während er bei anderen Turnieren durchaus noch konkurrenzfähig war und Finals erreichte, zeigt, dass sein früherer struktureller Vorteil in diesem Format inzwischen weitgehend verloren gegangen ist. Selbst in schwächeren Jahren konnte er sich einst auf starke erste neun Darts verlassen – doch dieser Vorteil ist mittlerweile geschwunden.
Allerdings muss van Gerwen lediglich 7.500 Pfund Preisgeld verteidigen. Er weiß, dass jedes Preisgeld, das er bis zur Weltmeisterschaft noch erspielen kann – beim World Grand Prix stehen 200.000 Pfund für den Sieger auf dem Spiel –, nicht nur für seine Weltranglistenposition, sondern auch für seine Nominierung für die Premier League von entscheidender Bedeutung ist. Da Spieler wie Ross Smith ihm diesen Premier-League-Platz streitig machen könnten, muss er sich auf das konzentrieren, was in diesem Jahr bereits funktioniert hat. Dazu gehören sein First-Nine-Average von 122,34 Punkten gegen Martin Schindler und sein Turniersieg bei Players Championship 15.
Es gab durchaus Phasen, in denen van Gerwens First-Nine-Average wieder das Niveau seiner Glanzzeit in den 2010er-Jahren erreichte. In den vergangenen drei Monaten ist dieser Wert allerdings auf 101,43 Punkte gesunken. Wenn er den World Grand Prix erneut gewinnen und an seiner einstigen Erfolgsstätte wieder zu alter Stärke finden will, muss er seine frühere Scoring-Power zurückgewinnen.