Ryan Joyce strotzt vor Selbstvertrauen nach einem beeindruckenden 2:1-Erfolg gegen
Michael van Gerwen beim
World Grand Prix. Der Doppelspezialist setzt sich für das Turnier höhere Ziele als je zuvor.
Nach frühem Rückstand arbeitete sich Joyce Schritt für Schritt an den sechsmaligen Champion heran, während sein niederländischer Gegner weiter auf den Doppeln strauchelte. Joyce traf 67% seiner Doppel zum Leggewinn, van Gerwen kam nur auf schwache 19% – am Ende ein verdienter Sieg für "Relentless".
Selbstkritik trotz Sieg
„Um fair zu sein gegenüber Michael: Wenn du fünf oder zehn Jahre zurückgehst, hätte er uns zerstört“, sagte Joyce in seiner
Pressekonferenz mit DartsNews.com nach dem Sieg. „Aber heute war er nicht bei 100%. Ehrlich gesagt war es kein großes Match, aber manchmal dankst du einfach deinem Glück und sagst: ‚Okay, das nehme ich mit.‘ Ich hatte etwas Glück, also versuche ich in der nächsten Runde besser zu spielen.“
Joyce betonte, dass van Gerwen nicht in seiner Bestform war. Der dreifache Weltmeister tut sich 2026 weiter schwer auf der Bühne und läuft Gefahr, in der Rangliste abzurutschen. Das nährte bei „Relentless“ die Hoffnung auf eine Überraschung.
„Ich spiele seit einem Jahrzehnt gegen Michael. Ich habe ihn in Bestform erlebt, ich habe ihn erlebt, wenn es nicht lief, und ich habe ihn in beiden Szenarien geschlagen. Daher habe ich immer Vertrauen in meine eigene Qualität, dass ich gut spielen kann“, sagte Joyce.
„Aber ich habe heute nicht gut gespielt, und deshalb fühlte ich mich glücklich, dass Michael ebenfalls nicht bei sich war und ich mich irgendwie durchgewurschtelt habe. Mir wäre lieber gewesen, wir hätten beide zum Beispiel einen 100er-Average gespielt und ich hätte so gewonnen. Das wäre besser. Aber es ist nur ein weiteres Spiel. Du spielst immer nur gegen den, der vor dir steht. Egal, ob es Michael van Gerwen ist oder jemand anders. Ich denke nicht darüber nach, wer mein Gegner ist. Ich versuche einfach, mein Spiel zu spielen und mich nicht darum zu kümmern, was der Gegner macht oder wie gut er ist.“
Runde eins ist für alle nervenaufreibend. Im Double-in/Double-out-Format in Kombination mit Best-of-Three-Sets kann ein Fehlstart sofort teuer werden – ein brutales Wertungssystem.
Ryan Joyce trifft in der zweiten Runde des World Grand Prix 2026 auf Danny Noppert.
Angesichts des Weltklasse-Feldes war Joyce erleichtert, die erste Hürde mit einem Schub fürs Selbstvertrauen zu nehmen. „Ich hoffe es. Ja, du hast recht mit dem Format. Man hat das Gefühl, ein Fehler kann schon das Aus bedeuten. Jeder, der sich für den Grand Prix qualifiziert, ist ein fantastischer Spieler, und ja, es ist richtig hart. Ein Fehler kann dir wirklich das Spiel kosten.“
Nach Jahren der Erfahrung sind TV-Kameras, tausende leidenschaftliche Fans und Gegner aus der Weltspitze für Joyce zur Routine geworden. „Es ist wie bei allem im Leben. Vergiss Darts oder Sport allgemein, es gilt für alles. Mit viel und jahrelanger Erfahrung fühlt sich alles deutlich angenehmer an, oder?"
„Es ist wie am ersten Tag auf der weiterführenden Schule. Nervenaufreibend, furchtbar, aber nach fünf Jahren spürst du keine Nervosität mehr, oder? So würde ich Profi-Darts beschreiben. Es ist richtig hart, gegen Spieler vom Kaliber eines Michael van Gerwen zu spielen, wenn du ihnen das erste Mal auf der Bühne begegnest. Aber nach 10, 15, 20 Duellen ist es einfach ein Dartspiel. Du machst deinen Job.“
Doppelspezialist hat die Trophäe in Leicester im Blick
Es sagt viel aus, dass Joyce einen Spieler bezwingt, der dieses Turnier bereits sechsmal gewonnen hat, und dennoch seine eigene Leistung bemängelt. Einer der besten Doppelspieler der Welt: Wenn bei Joyce die Doppel 16 fällt, geraten selbst die Topstars ins Hintertreffen.
Auf der Bühne bleibt Zeit, sein Spiel zu schärfen, und die Zeichen im Training sind vielversprechend. „Wenn ich so gespielt hätte wie im Practice, hätte ich das Match locker mit 2:0 in Sätzen gewonnen, glaube ich. Das klingt überheblich, klingt dumm, ich spiele schließlich gegen Michael van Gerwen, aber ja, so wie Michael gespielt hat, hätte ich klarer gewinnen müssen, statt darauf zu bauen, dass er viele Doppel verpasst und ich ein, zwei Legs klaue.“
Das macht den Halbfinalisten von 2024 so gefährlich. „Ich fühle mich wohl. Ich bin selbstbewusst, und es hat mich geärgert, dass das heute nicht wirklich rüberkam.“
Der Engländer stand bereits zweimal im Halbfinale eines Majors: beim
World Grand Prix 2024 und bei den Players Championship Finals 2023. Der lang ersehnte Major-Titel liegt in Reichweite, nicht nur dank seines Sieges über van Gerwen, sondern auch, weil Titelverteidiger Luke Littler raus ist.
Schwieriges Major-Jahr bisher
Die Bilanz des 41-Jährigen in dieser Saison überrascht deshalb. Rein sportlich lief das Jahr für den Engländer vor allem bei großen Turnieren nicht sehr erfolgreich: Bei seinem World Masters Debüt sorgte Vizeweltmeister Gian van Veen für das Ausscheiden in Runde 1. Nach seinem Auftakterfolg über Charlie Manby war auch bei den UK Open nach einer Niederlage gegen Keany Barry unter den letzten 32 früh Schluss und beim World Matchplay blieb er auch in seinem vierten Spiel sieglos. Im Empress Ballroom von Blackpool verlor Joyce gegen einen stark aufspielenden Gary Anderson chancenlos.
Akzente konnte Joyce in diesem Jahr hingegen auf der European Tour setzen. In Wieze spielte er sich in das Viertelfinale, musste sich dort jedoch seinem World-Grand-Prix-Gegner Michael van Gerwen geschlagen geben. In Graz und Riesa erreichte er das Achtelfinale und bei den Baltic Sea Darts Open in Kiel gelang ihm sein zweiter European-Tour-Finaleinzug. Im Endspiel nutzte sein Gegner Luke Woodhouse seine Chancen aber besser und gewann seinen ersten Titel auf der European Tour.
Jetzt sieht Joyce seine Chance gekommen. „Ich denke schon, ja. Das habe ich über die Jahre gesagt und sage es immer noch. Ich glaube, das ist meine beste Chance auf einen Majorgewinn, definitiv, vor allem mit Spielern wie Luke Humphries und Luke Littler, die unfassbare Superstars mit natürlichem Talent sind."
„Ich kann da einfach nicht mithalten, habe es nie gekonnt und werde es wohl nie können. Aber in diesem Format habe ich eine Außenseiterchance. Im Matchplay-Format, zum Beispiel in einem Finale gegen Luke Littler, würde ich wahrscheinlich denken: ‚Hier habe ich keine Chance.‘ Aber in diesem Format, wenn ich ihm im Viertelfinale begegne, habe ich das Gefühl, dass ich eine Chance habe.“
Joyce hat jetzt die Möglichkeit, zu zeigen, dass er ein ernstzunehmender Gegner für die Topspieler in diesem Modus ist. Sein nächster Gegner ist
Danny Noppert. Dieser siegte in Runde 1 überzeugend gegen Niko Springer. Das Achtelfinale wird am Mittwoch (30.09) um 20:00 Uhr deutscher Zeit gespielt.