„Vielleicht, ja. Aber wenn sie mich nicht gut behandeln, komme ich nicht“ – Luke Littler stellt Rückkehr auf die European Tour in Deutschland in Aussicht

PDC
durch Nic Gayer
Luke Littler (2)
Luke Littler könnte seinen selbst auferlegten Boykott der deutschen European-Tour-Turniere im kommenden Jahr beenden. Der amtierende Weltmeister, der aufgrund negativer Erfahrungen mit dem Publikum zuletzt auf entsprechende Starts verzichtet hatte, zeigte sich bei der European Darts Championship in Dortmund offen für eine Rückkehr. Zuletzt war der Engländer in Deutschland lediglich bei verpflichtenden Turnieren und im Rahmen der Premier League und bei Major-Events angetreten. Nun könnte sich seine Haltung gegenüber den deutschen Darts-Fans ändern.
Anlass für diese Überlegungen war ein beeindruckender Auftritt am Samstagabend. Mit einem Average von über 114 Punkten setzte sich Littler gegen Nathan Aspinall durch und zog ins Viertelfinale der European Championship ein. Im anschließenden Gespräch mit Medienvertretern, darunter DartsNews.de (YouTube), sprach der Weltmeister über seine herausragende Leistung, die besondere Rivalität mit Aspinall, einen störenden Zuschauer und seine Zukunftspläne für die European Tour.

Littler glänzt mit 114er-Average und denkt an Phil Taylors Rekord

„Ja, ich fühle mich wirklich sehr gut. Bei längeren Matches passiert es mir manchmal, dass ich in alte Gewohnheiten zurückfalle und plötzlich wieder viel zu schnell werfe. Aber diesmal bin ich ruhig geblieben und habe meine Aufgabe erledigt“, erklärte Littler.
Dass der junge Engländer ein besonderes Gespür für Statistiken und Rekorde besitzt, ist längst bekannt. Auch während seines beeindruckenden Auftritts gegen Aspinall hatte Littler die Zahlen im Blick. Zwischenzeitlich lag sein Average sogar in einem Bereich, der ihn an eine historische EM-Bestmarke von Phil Taylor heranführte. Erst nach der Partie wurde ihm allerdings bewusst, wie nahe er dem Rekord tatsächlich gekommen war.
„Ja, ich glaube, ich habe darauf geschaut, als wir wieder auf die Bühne gekommen sind. Zu diesem Zeitpunkt lag mein Average wohl bei 121 Punkten. Das war aber auch das einzige Mal, dass ich darauf geachtet habe. Als wir beim Stand von 6:4 in die zweite Pause gingen, lag ich bei 117. Von dem Rekord wusste ich bis gerade eben allerdings überhaupt nichts. Phil Taylor steht bei 118? Vielleicht hätte ich mich also noch ein bisschen mehr anstrengen sollen! Aber ich bin wirklich sehr zufrieden mit mir.“

„Nathan gibt niemals auf“ – Littler schwärmt von der Rivalität mit Aspinall

Trotz Littlers überragender Scoring-Leistung erwies sich Nathan Aspinall als hartnäckiger Gegner. Der Engländer ließ sich vom hohen Niveau des Weltmeisters nicht entmutigen und kämpfte bis zum Schluss um seine Chancen. Für Littler kam diese Gegenwehr keineswegs überraschend. Gerade die enorme Beharrlichkeit seines Landsmanns habe ihn dazu gezwungen, über die gesamte Distanz konzentriert zu bleiben und seinen gewohnten Rhythmus nicht zu verlieren.
„Genau das zeichnet Nathan aus. Er ist immer da und gibt niemals auf. Deshalb wusste ich, dass ich mein Tempo beibehalten musste und nicht plötzlich anfangen durfte, viel zu schnell zu werfen. Jeder weiß schließlich, dass Nathan niemals aufgibt. Selbst nach neun oder zwölf Darts war er noch auf einem Finish und konnte mit mir mithalten. Aber ich musste dafür sorgen, dass ich das Match am Ende auch über die Ziellinie bringe.“
Nathan Aspinall blickt nachdenklich.
Nathan Aspinall liefert sich bei der Darts-EM in Dortmund ein hochklassiges Duell mit Luke Littler, muss sich dem überragend aufspielenden Weltmeister am Ende jedoch geschlagen geben.
Auf die Frage, ob gerade Aspinall regelmäßig seine besten Leistungen aus ihm heraushole, stimmte Littler zu. Die langjährige Bekanntschaft der beiden sorge zwar für eine gewisse Lockerheit, ändere aber nichts daran, dass er auf der Bühne jederzeit hellwach bleiben müsse.
„Ich würde schon sagen, dass ich gegen ihn etwas entspannter bin, weil ich Nathan natürlich schon seit vielen Jahren kenne. Trotzdem muss ich immer genau darauf achten, was auf der Bühne passiert.“
Besonders die kämpferische Mentalität seines Gegners mache die direkten Duelle für ihn so reizvoll. Littler zog dabei sogar einen Vergleich zu seinen Rivalitäten mit Luke Humphries und Michael van Gerwen, gegen die er zuletzt nicht mehr so häufig angetreten war.
„Er gibt niemals auf und geht keiner Herausforderung aus dem Weg. Er bleibt immer dran und hält mit dir Schritt. Ich glaube, dass wir gegenseitig das Beste aus uns herausholen. Gegen Luke habe ich schon eine Weile nicht mehr gespielt, gegen Michael ebenfalls nicht. Aber ich würde sagen, dass meine Rivalität mit Nathan mittlerweile fast genauso groß ist wie die mit Luke.“

Zeitumstellung und Nachmittagssession: Littler erwartet schwierige Umstellung

Mit zunehmender Spieldauer sieht Littler durchaus Vorteile für sich. Eine größere Herausforderung könnte für den Weltmeister allerdings die Umstellung auf die Nachmittagssession am Sonntag darstellen. Nach dem späten Einsatz am Samstagabend muss der Engländer seinen gewohnten Tagesablauf anpassen. Hinzu kommt die Zeitumstellung in der Nacht auf Sonntag, die seine Planung zusätzlich beeinflusst.
„Ja, hoffentlich. Ich war schließlich auch bei den letzten Turnieren immer noch dabei. Nachts werden die Uhren zurückgestellt, dann werde ich duschen und ins Bett gehen. Ich habe gerade zu Polly gesagt, dass der morgige Nachmittag schwierig werden könnte: aufwachen, aufstehen und dann direkt am Nachmittag spielen.“
Mit der Atmosphäre in Dortmund zeigte sich Littler unterdessen ausgesprochen zufrieden. Dabei verwies er auch auf zahlreiche Fußballfans, die am Samstagabend offenbar den Weg vom BVB-Spiel zum Darts gefunden hatten. Für den weiteren Turnierverlauf hoffte er, zunächst die Nachmittagssession erfolgreich zu überstehen und anschließend am Abend erneut auf der Bühne stehen zu dürfen.
„Ich glaube, heute Abend waren etwa 1.500 Fans vom Dortmund-Spiel hier, und die Stimmung war wirklich gut. Jetzt möchte ich einfach das Spiel am Nachmittag hinter mich bringen. Danach können wir uns hoffentlich auf morgen Abend freuen.“

Ärger mit einem Zuschauer: Littler reagiert auf Störversuch

Ganz ohne Zwischenfall verlief der Abend für den Weltmeister allerdings nicht. Während der Begegnung mit Aspinall fühlte sich Littler durch einen Zuschauer gestört, der unmittelbar vor einem wichtigen Wurf laut auf einen Tisch geschlagen haben soll. Der Engländer reagierte auf die Aktion und schaltete den Sicherheitsdienst ein. Als er den mutmaßlichen Verursacher direkt ansprach, habe dieser auffällig verlegen reagiert.
„Kurz bevor ich bei einem 126er-Finish auf das Bullseye werfen wollte, hat jemand ganz vorne unglaublich laut auf den Tisch geschlagen.“
Littler ließ die Aktion nicht unkommentiert und machte dem Zuschauer deutlich, dass er dessen Verhalten bemerkt hatte. Die anschließende Reaktion des Mannes wertete er als Bestätigung seines Verdachts.
„Der Mann, der das gemacht hatte, schaute hoch. Ich zeigte auf ihn und sagte: ‚Du warst das.‘ Daraufhin nahm er seinen Stift und fing an, irgendetwas auf sein 180er-Schild zu schreiben. Danach schaute er überhaupt nicht mehr hoch. Er wusste also ganz genau, was er getan hatte.“
Trotz des Vorfalls wollte Littler die Stimmung in der Halle keineswegs grundsätzlich kritisieren. Vielmehr betonte er, dass es sich um die erste negative Erfahrung dieser Art während des gesamten Turnierwochenendes gehandelt habe.
„Das war allerdings der erste Zwischenfall an diesem Wochenende. Ansonsten war das Publikum wirklich sehr gut.“

„Wenn sie mich nicht gut behandeln, komme ich nicht“ – Littler denkt über Deutschland-Rückkehr nach

Gerade die überwiegend positiven Erfahrungen mit den Zuschauern in Dortmund könnten nun Auswirkungen auf Littlers künftige Turnierplanung haben. Der Weltmeister hatte in diesem Jahr weitgehend auf Auftritte in Deutschland verzichtet und war abgesehen von seinen Einsätzen in Berlin und Frankfurt nicht im Land angetreten. Nun stellte er erstmals konkret in Aussicht, im kommenden Jahr wieder bei deutschen Turnieren der European Tour an den Start zu gehen. Voraussetzung dafür sei allerdings, dass er sich vom Publikum weiterhin respektvoll behandelt fühle.
„Ja, in diesem Jahr war ich außer in Berlin überhaupt nicht in Deutschland. Deshalb haben mich die Fans hier erst zum zweiten Mal gesehen. Natürlich möchte ich gut empfangen werden, denn nächstes Jahr würde ich gerne wieder bei der European Tour in Deutschland spielen. Wenn sie mich nicht gut behandeln, komme ich nicht. Aber bislang läuft es wirklich gut. Hoffentlich gefällt den Zuschauern mein Spiel, und vielleicht kann ich morgen sogar noch ein bisschen besser spielen.“
Auf die direkte Nachfrage, ob er seine Pause von den deutschen European-Tour-Turnieren tatsächlich beenden wolle, hielt sich Littler zwar noch eine Hintertür offen, bestätigte aber ausdrücklich, dass eine Rückkehr möglich sei.
„Vielleicht, ja.“

Littler could end the boycott.

Zum Abschluss des Gesprächs kam der Weltmeister noch einmal auf seinen unterlegenen Gegner Nathan Aspinall zurück. Trotz der sportlichen Rivalität verbindet die beiden Engländer ein freundschaftliches Verhältnis, das sich auch unmittelbar nach dem Match in einem humorvollen Wortwechsel zeigte. Aspinall habe dabei scherzhaft beklagt, dass Littler ausgerechnet gegen ihn regelmäßig zu Höchstleistungen auflaufe.
„Am Ende hat er zu mir gesagt: ‚Warum musst du ausgerechnet gegen mich immer so gut spielen?‘“
Littler konnte über die Bemerkung seines Landsmanns nur lachen. Doch Aspinall ließ nicht locker und erinnerte den Weltmeister daran, dass ihre direkten Duelle offenbar besonders häufig starke Leistungen hervorbringen.
„Ich musste lachen. Dann sagte er noch einmal: ‚Früher hast du auch schon immer so gut gegen mich gespielt. Du holst einfach jedes Mal das Beste aus mir heraus.‘ Als wir anschließend zurück zum Tisch gingen, meinte er: ‚Irgendwann kriege ich dich.‘ Und ich habe nur geantwortet: ‚Ja, vielleicht, Nathan.‘“
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