„Wir Männer sind verletzlich“: Martin Schindler spricht nach Darts-EM-Krimi offen über seine Selbstzweifel

PDC
durch Nic Gayer
Martin Schindler (2)
Martin Schindler hat bei der European Darts Championship 2026 in Dortmund nicht nur einen sportlichen Befreiungsschlag gelandet, sondern anschließend auch bemerkenswert persönliche Einblicke in sein Innenleben gewährt. Nach seinem dramatischen 6:5-Erfolg gegen Wessel Nijman sprach der Deutsche offen über die mentalen Schwierigkeiten der vergangenen Monate, seine Selbstzweifel und darüber, weshalb es gerade für Männer wichtig sei, auch über negative Gefühle zu sprechen.
Der Weg in die zweite Runde war für „The Wall“ alles andere als ein Spaziergang. Eine frühe 3:0-Führung verspielte Schindler, musste sich anschließend durch eine nervenaufreibende Partie kämpfen und behielt schließlich im entscheidenden Leg die Oberhand. In der anschließenden Pressekonferenz, unter anderem gegenüber Dartsnews.de (YouTube), machte der 30-Jährige deutlich, dass hinter diesem Erfolg weit mehr steckte als ein gewöhnlicher Arbeitssieg.

„Es tut gut, über Schlechtes zu reden“ – Schindler gewährt tiefe Einblicke

Angesprochen auf seine langjährige Zusammenarbeit mit Mentaltrainern wurde Schindler ungewöhnlich nachdenklich. Die vergangenen Monate hatten offenbar Spuren hinterlassen.
„Boah, jetzt wird es wirklich deep, aber ich sage es jetzt mal wirklich so tief, wie es ist“, leitete der Deutsche seine Antwort ein. „Ich war gerade dieses Jahr an einem Punkt, wo ich wirklich dachte: Mann, wenn es jetzt nicht funktioniert, was machen wir? Also immer so diese ganz schwarze Malerei, dass wirklich gar nichts funktioniert.“
Dass Schindler in dieser schwierigen Phase weiterhin an seine Fähigkeiten glaubte, bedeutete nicht, dass er sämtliche Probleme allein bewältigen konnte. Neben früherer Unterstützung durch Mentaltrainer Markus Koch half ihm zuletzt auch Mentalcoach Johannes Lipsius dabei, wieder einen klareren Blick auf seine Situation zu gewinnen.
Dabei ging es offenbar nicht ausschließlich um Techniken für die nächsten entscheidenden Darts. Vielmehr rückte für Schindler eine Erkenntnis in den Vordergrund, die weit über den Sport hinausgeht.
„Es tut gut, über schlechte Erfahrungen, über schlechte Gefühle, über schlechte Erlebnisse [...] zu reden. Und ich glaube, ich rede da auch gerade für viele Männer, dass das wirklich guttut, zuzugeben: Wir sind verletzlich, es kann uns mal schlecht gehen.“
Der Deutsche führte weiter aus: „Man steigert sich da auch mal gerne rein, aber es kann auch guttun, mal darüber zu sprechen. Und das ist das, was ich da auch wirklich mit auf den Weg geben würde.“
Für Schindler selbst war genau diese Offenheit ein wichtiger Schritt. Sich mit den eigenen Ängsten auseinanderzusetzen, statt sie zu verdrängen, habe ihm geholfen, wieder nach vorne zu schauen. Dazu gehörte auch, offen über das denkbar schlechteste Szenario zu sprechen und von dort aus neue Perspektiven zu entwickeln.

„Ich spiele aktuell nur gegen mich“ – der Kopf als größter Gegner

Wie tief die mentalen Schwierigkeiten zuletzt gingen, verdeutlichte Schindler auch an anderer Stelle der Pressekonferenz. Während er am Practice Board weiterhin regelmäßig hohe Scores erzielt und seine Doppel trifft, gelingt es ihm auf der großen Bühne nicht immer, diese Leistungen abzurufen.
„Ich spiele aktuell nur gegen mich, und es nervt“, erklärte Schindler. „Es ist einfach eine lästige Situation, immer zu wissen, der einzige Legostein, der da im Weg steht, ist man selbst. Und der Legostein ist nicht ein Legostein, der ist eine ganz große Mauer.“
Ein Bild, das kaum besser zu seinem Spitznamen „The Wall“ passen könnte – für Schindler derzeit allerdings eine Mauer, die er selbst überwinden muss.
„Ich habe das Gefühl, gerade am Practice Board, wo eben so nichts eine Rolle spielt: Ich habe es, ich kann es. Ich spiele 180er, ich spiele 140er, so in Serie, ich spiele meine Doppel, wenn ich sie brauche. Und dann steht man da oben auf der Bühne und da kommt nichts.“
An seinen technischen Fähigkeiten zweifelt der Deutsche deshalb kaum. Seine Einschätzung fällt vielmehr eindeutig aus: „Es ist 99 Prozent mental, dass wirklich der Kopf einfach immer wieder wie eine Sperre einbaut.“
Schindler berichtete, dass er in den vergangenen Wochen intensiv daran gearbeitet habe, genau solche Blockaden zu überwinden. Dabei nahm er auch professionelle Hilfe in Anspruch. „Ich habe nichts unversucht gelassen. Ich habe versucht, mit mir und meinem Kopf zu arbeiten“, sagte er.
Martin Schindler auf der EM-Bühne.
Martin Schindler zeigte nach seinem dramatischen Auftaktsieg gegen Wessel Nijman bei der Darts-EM in Dortmund eine bemerkenswert persönliche Seite.

Vom 3:0 zum Decider: Schindler kämpft sich durch seine Zweifel

Wie schmal der Grat zwischen Selbstvertrauen und Unsicherheit derzeit ist, zeigte sich ausgerechnet in seinem Auftaktmatch gegen Nijman. Schindler erwischte einen guten Start und führte schnell mit 3:0. Doch statt die Partie souverän nach Hause zu bringen, ließ er seinen niederländischen Gegner zurückkommen.
„Ich bin heute ohne wirklich Angst oder Druck reingegangen. Aber als ich dann 3:0 geführt habe, habe ich doch gemerkt: Mist, es ist doch ein bisschen Angst und Druck da“, gestand der Deutsche.
Nijman glich zum 3:3 aus, die Partie entwickelte sich zu einem offenen Schlagabtausch. Schindler fand jedoch immer wieder Antworten, unter anderem mit einem starken 10-Darter, den er mit Aufnahmen von 180 und 177 Punkten einleitete.
„Im Endeffekt habe ich mich nicht aufgegeben, ich wollte die ganze Zeit weitermachen“, erklärte er rückblickend.
Dass es am Ende tatsächlich zum Sieg reichte, war für den Deutschen auch deshalb so wertvoll, weil er in dieser Saison bereits zahlreiche enge Begegnungen verloren hatte. Gerade in den entscheidenden Momenten hatten ihn Selbstzweifel immer wieder ausgebremst.
„Da waren wirklich viele Spiele dabei, die ich 6:5, 6:4 verloren habe, die ich vielleicht die letzten Jahre geschaukelt habe“, sagte Schindler. Teilweise habe er sogar bei 32 Restpunkten und drei Darts in der Hand das Gefühl gehabt, nicht mehr ausmachen zu können, weil er zu sehr an sich selbst zweifelte.
Aufgeben kommt für ihn dennoch nicht infrage.
„Ich muss mich da durchkämpfen, ich muss mich da durchbeißen“, stellte Schindler klar. „Wenn es mir so schlecht geht, ich kämpfe mich da durch, ich beiße mich da durch. Und da kann, auf gut Deutsch, von außen alles kommen, was will: Ich werde nicht aufgeben.“

Trotz des Befreiungsschlags bleibt Schindler selbstkritisch

So erleichtert Schindler über seinen Einzug in die zweite Runde war, so realistisch ordnete er seine Leistung ein. Weder er noch Nijman hätten ihr bestes Niveau erreicht.
„Wessel war heute definitiv unter seinen Möglichkeiten. Aber ich glaube, es ist schon auch fair zu sagen: Ich auch. Wir haben beide sehr, sehr gekämpft“, erklärte der Deutsche.
Auch mit Blick auf sein nächstes Match machte er sich nichts vor. Die Unterstützung des Dortmunder Publikums habe ihm zwar geholfen, doch spielerisch müsse eine Steigerung her.
„Spiele ich morgen noch mal so, weiß ich, wird es wahrscheinlich eine Niederlage. Da brauche ich niemandem etwas vorzumachen. Ich muss es ein bisschen konstanter machen, ohne Wenn und Aber.“
In der zweiten Runde wartet mit Jermaine Wattimena ein Gegner, dessen Entwicklung Schindler großen Respekt zollt. Der Niederländer spiele inzwischen deutlich ruhiger, abgeklärter und konstanter als noch vor einigen Jahren. Trotzdem ist der Deutsche überzeugt, dass er auch diese Aufgabe lösen kann, wenn er sein eigenes Spiel abruft.
Vorerst überwiegt jedoch die Erleichterung. Nach einer schwierigen Saison, einer erst auf den letzten Drücker gesicherten EM-Qualifikation und einem nervenaufreibenden Auftaktsieg darf Schindler wieder aufatmen.
Der vielleicht wichtigste Erfolg dieses Abends lässt sich ohnehin nicht allein am Ergebnis ablesen. Schindler hat sich nicht nur gegen Wessel Nijman durchgesetzt, sondern auch gezeigt, dass der offene Umgang mit den eigenen Schwächen kein Zeichen von Schwäche sein muss. Und dass manchmal schon der Mut, darüber zu sprechen, ein erster Schritt zurück zu alter Stärke ist.
Klatscht 1Besucher 1
loading

Gerade In

Beliebte Nachrichten

Aktuelle Kommentare

Loading