„Weniger Druck auf dem Kessel“: Warum Martin Schindler bei der Darts-EM plötzlich aufblüht

PDC
durch Nic Gayer
Martin Schindler (1)
Als Nummer eins der Setzliste war Martin Schindler 2024 zur European Darts Championship nach Dortmund gereist – und bereits in der ersten Runde gescheitert. Ein Jahr später kehrte „The Wall“ als Nummer zwei zurück, doch auch diesmal war nach Runde zwei Schluss. Nun, 2026, hat sich das Blatt auf bemerkenswerte Weise gewendet: Erst auf den letzten Drücker sicherte sich Schindler als Nummer 31 der European Tour Order of Merit überhaupt sein EM-Ticket. Zwei Siege später steht der Deutsche plötzlich erstmals im Viertelfinale. Ausgerechnet dann, als die Erwartungen deutlich niedriger waren als in den Vorjahren.
Nach seinem dramatischen 6:5-Auftakterfolg gegen Wessel Nijman setzte sich Schindler am Freitagabend auch gegen Jermaine Wattimena durch und darf damit am Finaltag vor heimischem Publikum erneut ans Oche treten. Spielerisch war auch dieser Sieg keine Offenbarung, doch der 30-Jährige nutzte die entscheidenden Chancen konsequent. In der anschließenden Pressekonferenz, unter anderem gegenüber Dartsnews.de (YouTube), sprach Schindler bemerkenswert offen über die veränderte Ausgangslage, den Umgang mit Druck und darüber, warum er sich trotz seiner beiden Erfolge nichts vormacht.

Vom Topgesetzten zum Außenseiter: „Ich habe mir einfach weniger Druck gemacht“

Dass der diesjährige Erfolg auch mit seiner veränderten Erwartungshaltung zusammenhängen könnte, räumte Schindler ohne Umschweife ein.
„Ich würde auf jeden Fall sagen, im Verhältnis zu den letzten Jahren war dieses Jahr weniger Druck auf dem Kessel. Also ich habe mir auch einfach weniger Druck gemacht.“
Als einer der Topgesetzten hatte Schindler in den vergangenen beiden Jahren ganz andere Voraussetzungen mitgebracht. Seine starken Leistungen auf der European Tour hatten Hoffnungen auf einen tiefen Lauf beim Heim-Major geweckt. Erfüllen konnte er sie damals nicht.
„Ist immer von außen schön zu sagen, Nummer eins der European Tour, Nummer zwei der European Tour, und da möchte man natürlich dementsprechend auch was sehen. Aber ja, so einfach ist dieses Spiel halt eben nicht“, erklärte der Deutsche.
Nun ist die Situation eine völlig andere. Während Schindler in den Vorjahren als einer der Mitfavoriten antrat, musste er diesmal bis zum letzten European-Tour-Turnier um seine Teilnahme zittern. Dass er überhaupt in Dortmund dabei sein darf, empfindet er bereits als Erfolg.
„Vor zwei Jahren bin ich als Nummer eins gegen van Duijvenbode rausgegangen, gleich in der ersten Runde. Und jetzt hier bin ich als 31 mit dabei, worüber ich glücklich bin, dass ich überhaupt mit dabei bin, und jetzt in der letzten Acht.“
Sein Fazit könnte kaum passender ausfallen: „Das Spiel ist manchmal verrückt. So funktioniert das Spiel, glaube ich.“

Zwei Siege, keine Glanzleistungen: Schindler bleibt bemerkenswert selbstkritisch

Wer nach dem Einzug ins Viertelfinale einen rundum zufriedenen Martin Schindler erwartet hatte, wurde allerdings eines Besseren belehrt. Zwar überwog die Freude über den Erfolg gegen Wattimena, doch mit seiner eigenen Leistung ging der Deutsche erneut hart ins Gericht.
Martin Schindler jubelt.
Martin Schindler steht erstmals im Viertelfinale der European Darts Championship – und sieht im geringeren Erwartungsdruck einen wichtigen Unterschied zu den Vorjahren.
„Spielerisch fühlt es sich nicht an wie ein eindeutiger Sieg“, erklärte Schindler und verwies darauf, dass sein niederländischer Gegner deutlich hinter seinen Möglichkeiten zurückgeblieben sei.
„Jermaine ist heute definitiv unter seinen Möglichkeiten geblieben. Er war einfach, finde ich, für das, was man gerade von ihm auch dieses Jahr gesehen hat, einfach nicht gut.“
Doch auch seine eigene Leistung wollte Schindler keineswegs schönreden: „Ich war auch nicht gut, aber ich habe einfach die, die, die Dinger ausgemacht, als ich sie ausmachen musste, und habe ein bisschen durch seine Fehler profitiert. Aber mich freut der Sieg trotzdem.“
Gerade darin liegt womöglich der entscheidende Unterschied zu einigen Auftritten der vergangenen Monate. Schindler musste nicht sein bestes Darts spielen, um die Partie zu gewinnen. Stattdessen nutzte er die Gelegenheiten, die sich ihm boten – und behielt in den wichtigen Momenten die Oberhand.
Dass er diese beiden Spiele auch hätte verlieren können, ist ihm durchaus bewusst.
„Das waren von mir auch keine Performances, wo ich sage, damit gewinnst du easy deine Spiele“, stellte er klar. „Sowohl Wessel als auch Jermaine, die waren unter ihren Möglichkeiten. Die sind vielleicht aufgrund der Situation vielleicht ein bisschen zusammengebrochen. Ich weiß es nicht.“
Dennoch wusste Schindler, was in diesen Situationen von ihm verlangt wurde: „Ich musste diese Spiele dann holen. Und mich freut das, dass ich diese Spiele geholt habe.“

„Alles andere ist mir gerade wirklich absolut wurscht“ – Schindler blickt nur noch nach vorne

Nach einer Saison voller Rückschläge könnte der Viertelfinaleinzug bei der Heim-EM auch über Dortmund hinaus Wirkung entfalten. Auf die Frage, welchen Einfluss dieses Wochenende auf die kommenden Wochen und Monate haben könnte, zeigte sich Schindler vorsichtig optimistisch.
„Ich glaube, im Endeffekt schon einen positiven Einfluss“, erklärte er. Die beiden Siege dürften ihm guttun, auch wenn er seine Leistungen weiterhin realistisch einschätze.
Vor allem aber scheint Schindler nicht länger bereit zu sein, sich von vergangenen Enttäuschungen bestimmen zu lassen.
„Dass diese Partien jetzt so für mich ausgegangen sind, freut mich sehr. Aber ja, ich bin ehrlich: Alles andere ist mir gerade wirklich absolut wurscht. Ich gucke nach vorne.“
Dieser Blick richtet sich nun auf das Viertelfinale am Samstag. Dort könnte es zu einem erneuten Duell mit Jonny Clayton kommen, der zunächst noch seine Partie gegen Josh Rock bestreiten muss.
Ein möglicher Gegner, den Schindler bestens kennt. „Ich glaube schon, dass es einfacher fällt, wenn man gegen jemanden spielt, gegen den man schon häufiger gespielt hat“, sagte der Deutsche. „Wir hatten schon ein paar Mal das Vergnügen, gegeneinander spielen zu dürfen.“
Große Gedanken über die nächste Runde möchte er sich allerdings noch nicht machen. Schließlich wartet zunächst die Entscheidung zwischen Clayton und Rock – und für Schindler ist ohnehin klar, dass am nächsten Tag wieder alles von vorne beginnt.
„Morgen ist wieder ein neuer Tag. Morgen ist auch eine wesentlich andere Zeit, bei der es dann losgeht. Und ja, schauen wir mal.“
Auf die mögliche Viertelfinalpaarung angesprochen, hatte er deshalb eine ebenso gelassene wie deutliche Antwort parat: „Die sollen es erst mal unter sich ausmachen. Und alles andere ist mir gerade wurscht.“
Vielleicht ist genau diese Haltung der Schlüssel zu Schindlers überraschendem Erfolg in Dortmund. Während ihn die Favoritenrolle in den vergangenen beiden Jahren nicht weit getragen hatte, spielt er sich nun ohne überhöhte Erwartungen durch das Turnier. Die große spielerische Glanzleistung steht noch aus – der größte EM-Erfolg seiner Karriere ist ihm aber schon jetzt sicher.
Klatscht 1Besucher 1
loading

Gerade In

Beliebte Nachrichten

Aktuelle Kommentare

Loading