Wenn die Setzlistenposition mehr zählt als die Leistung: Das Qualifikationsproblem der European Darts Championship

PDC
Stephen Bunting präsentiert sein neues Trikot auf der Matchplay-Bühne.
Sebastian Bialecki spielte eine herausragende European-Tour-Saison 2026. Für gleich acht Turniere konnte sich der Pole qualifizieren. Doch genützt hat es ihm nicht viel: „Bolt“ hat die Qualifikation für die European Championship in Dortmund verpasst.
Grund genug, einen genaueren Blick auf die Qualifikationskriterien der European Tour zu werfen.

Was hat sich durch die neue PDC-Regelung verändert?

Anfang des vergangenen Jahres gab die PDC eine Reform der European Tour bekannt. Seitdem sind die Top-16 der Order of Merit bei jedem Turnier nicht nur automatisch startberechtigt, sondern auch gesetzt. Die besten 16 Spieler der Pro Tour Order of Merit müssen hingegen am Freitag ihre Erstrundenpartie gegen einen Qualifikanten gewinnen, um am Folgetag auf die Gesetzten treffen zu können.
Sebastian Bialecki ist die aktuelle Nummer 54 der Welt. Er gehört weder zu den Top-16 noch ist er über die Pro Tour für die European-Tour-Events qualifiziert. Allerdings gibt es noch einen dritten Weg, sich einen Startplatz bei einem Turnier der europäischen Serie zu sichern.

Wie qualifizieren sich Spieler außerhalb der Top-16?

Bialecki kann den Qualifier spielen. Dabei handelt es sich um ein Qualifikationsturnier, an dem jeder Tourcard-Inhaber teilnehmen darf, sofern er noch nicht für das jeweilige Event qualifiziert ist.
Um über diesen Weg dabei zu sein, muss man vier Spiele gewinnen. Bialecki konnte sich in dieser Saison bei acht dieser anspruchsvollen Qualifikationsturniere durchsetzen. Für jede Teilnahme an einem European-Tour-Event erhielt er 2.000 Pfund.

Topstars sind bei jedem Turnier gesetzt

Anders sieht das bei den gesetzten Spielern aus: Stephen Bunting ist die aktuelle Nummer 13 in der Order of Merit und bestreitet daher erst am Samstag sein Auftaktmatch.
Stephen Bunting gestikuliert in Richtung Publikum.
Stephen Bunting konnte sich knapp für die European Championship qualifizieren.
Er muss seine Zweitrundenspiele gewinnen, um Preisgeld für die Rangliste einzustreichen. Sollte „The Bullet“ in seiner ersten Partie verlieren, erhält er zwar 3.500 Pfund, dieses Preisgeld fließt jedoch nicht in die Ranglistenwertung ein.
Damit verhindert die PDC, dass gesetzte Spieler allein aufgrund ihrer automatischen Teilnahmeberechtigung bei jedem Turnier Ranglistenpreisgeld sammeln. Eine Auftaktniederlage bleibt für die gesetzten Spieler damit zumindest ohne unmittelbare Auswirkungen auf ihr bisheriges Ranglistenpreisgeld.
Dass diese Rechnung nicht wirklich aufgeht, zeigt sich am Beispiel von Stephen Bunting: Der Engländer hat an 13 von insgesamt 15 European-Tour-Turnieren in dieser Saison teilgenommen. Große Erfolge gelangen ihm bis zum Saisonfinale in Maastricht nicht.
Insgesamt sechsmal war für den 41-Jährigen zum Auftakt in Runde zwei Schluss. Neben fünf gespielten Achtelfinals gelang ihm direkt zu Beginn der Saison ein Viertelfinaleinzug. Beim Abschlussturnier in Maastricht gelang „The Bullet“ schließlich mit einem Halbfinale der Befreiungsschlag. Somit hat Bunting im gesamten European-Tour-Jahr 2026 zehn Spiele gewonnen und insgesamt 13-mal verloren.
Auch die Bilanz des Deutschen Martin Schindler fällt ähnlich ernüchternd aus. Der Strausberger war bei 13 seiner 15 European-Tour-Teilnahmen direkt für die zweite Runde gesetzt. Lediglich zweimal musste Schindler bereits in der ersten Runde antreten. In sieben seiner 13 Auftaktpartien in Runde zwei zog „The Wall“ den Kürzeren. Hinzu kommen eine Erstrundenniederlage, ein weiterer Zweitrundenauftritt, vier Achtelfinals und zwei Viertelfinals. Die ernüchternde Bilanz: neun Siege, 15 Niederlagen.
Martin Schindler lacht.
Auch Martin Schindler konnte von den Regularien profitieren.
Obwohl Schindler und Bunting in Runde zwei auf vermeintlich leichtere Gegner trafen, die in der Order of Merit hinter ihnen standen oder sogar nur Host-Nation-Qualifier waren, schafften sie es nur unregelmäßig, ihre ersten Spiele zu gewinnen.
Wirkliche Folgen hatte diese Bilanz für beide dennoch nicht. Sie haben die Qualifikation für die Darts-EM geschafft – wenn auch nur knapp.

Ist die Qualifikation für die European Championship unfair?

In der Dortmunder Westfalenhalle duellieren sich die besten 32 Spieler der European-Tour-Saison jährlich zum Abschluss der Turnierserie. Bunting und Schindler haben sich über die beiden Qualifikationsplätze 28 und 31 in das Teilnehmerfeld gespielt.
Anders sieht das bei Sebastian Bialecki aus. Der Pole verpasste die Qualifikation für die European Championship dagegen denkbar knapp. Sein 34. Platz reichte nicht für eine EM-Qualifikation.
Und das, obwohl Bialecki in dieser Saison nur einen Sieg weniger als Stephen Bunting und gleich viele Siege wie Martin Schindler aufweisen kann. In nur drei seiner acht Turniere schied er in Runde eins aus. Neben seinen drei Zweitrundenniederlagen und dem Erreichen eines Achtelfinals spielte sich Bialecki auch einmal ins Halbfinale. Seine Saisonbilanz liest sich positiv: Neunmal konnte „Bolt“ in dieser Euro-Tour-Saison triumphieren, achtmal unterlag er.

Warum ist Bialecki dann nicht qualifiziert?

Dass Bialecki die Qualifikation für die European Championship verpasst hat, ist auf die Preisgeldverteilung der European Tour zurückzuführen. Pro Event schüttet die PDC einen Preispool von 230.000 Pfund aus. Für eine Erstrundenniederlage erhielt Bialecki 2.000 Pfund, für das Erreichen der zweiten Runde 3.500 Pfund und bei einem Ausscheiden im Achtelfinale sogar 5.000 Pfund.
Sebastian Bialecki schaut deprimiert.
Sebastian Bialecki wird bei der EM in Dortmund nicht mit dabei sein.
Stephen Bunting erhält dagegen bereits für seinen ersten Sieg 5.000 Pfund Ranglistenpreisgeld. Das sind 1.500 Pfund mehr, als Bialecki für seinen Auftaktsieg erhält. Dieser muss in der zweiten Runde außerdem immer gegen einen Top-16-Spieler antreten und hat deshalb auch das schwierigere Auftaktprogramm als Bunting, der nie gegen einen Topstar in Runde zwei spielen muss. Für Bunting und die übrigen gesetzten Spieler sinkt dadurch zumindest auf dem Papier das Risiko, bereits im Auftaktmatch zu scheitern und ohne Ranglistenpreisgeld auszuscheiden.

Was wollte die PDC mit der Regeländerung erreichen?

Der Gedanke liegt nahe, dass sich die PDC durch die Regeländerung eine höhere Teilnahmequote der absoluten Darts-Elite erhofft haben könnte. Vor 2025 waren diese nämlich nicht in Runde zwei gesetzt, sondern mussten bereits in Runde eins antreten, falls sie nicht zu den Top-16 der Pro Tour Order of Merit gehörten. Betrachtet man die Teilnahmen von Luke Littler oder Luke Humphries auf der European Tour in diesem Jahr, scheint sich diese Hoffnung allerdings nicht erfüllt zu haben.
„The Nuke“ hat in diesem Jahr lediglich drei Events gespielt und 12 abgesagt, Gerwyn Price hat in diesem Jahr an neun Turnieren nicht teilgenommen und Luke Humphries hat nur fünf von 15 Mal gemeldet. Auch Gary Anderson hat die European Tour in diesem Jahr meist gemieden und hat nur vier Turniere mitgespielt.
Luke Littler wirft einen Pfeil.
Littler hat auf die European-Tour in diesem Jahr größtenteils verzichtet.
Für die Topspieler ist die European Tour nun einmal nicht so wichtig für die Rangliste wie für Sebastian Bialecki und Co. Sie müssen sich nicht durch die Qualifikation kämpfen oder bereits einen Tag früher anreisen, um ihr Auftaktmatch am Freitag zu spielen. Sie wissen, dass sie mehrere Events absagen können und dennoch problemlos bei der European Championship mit dabei sein werden. Das liegt zum einen an ihrer hohen spielerischen Qualität, zum anderen aber auch an der für sie vorteilhaften Regeländerung der PDC.

Der entscheidende Vorteil der Top-16

Am 22. Oktober startet die European Championship. Vier Tage lang kämpfen die besten Spieler der Welt um den inoffiziellen Europameistertitel. Aus den Top-16 der Welt sind 15 Spieler mit dabei. Nur Gary Anderson konnte oder wollte sich vielmehr nicht qualifizieren.
Für Sebastian Bialecki hat es ebenfalls nicht gereicht. Bei der Dutch Darts Championship unterlag er chancenlos gegen Gian van Veen und musste seine EM-Hoffnungen endgültig begraben.
Dabei konnte der Pole in dieser Saison genauso viele Spiele auf der European Tour gewinnen wie Martin Schindler. Auch sein bestes Turnierergebnis fiel mit dem Halbfinaleinzug besser aus als Schindlers Viertelfinale. Dennoch steht „The Wall“ in Dortmund im Teilnehmerfeld, während Bialecki zuschauen muss.
Aus deutscher Sicht ist die EM-Qualifikation von Schindler natürlich absolut erfreulich. Das sollte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Strausberger erheblich vom geltenden Reglement profitiert hat. Denn eines ist klar: Seine Setzlistenposition, die ihm bei 13 seiner 15 Turnierteilnahmen den Auftakt in der zweiten Runde garantierte, verschaffte ihm im Kampf um die EM-Tickets einen entscheidenden Vorteil gegenüber Spielern wie Bialecki.
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