„Hätte ich das früher gewusst, wäre mein Leidensweg wahrscheinlich deutlich kürzer gewesen“ – Jules van Dongen arbeitet mit einem Neurologen zusammen, um Dartitis zu behandeln

PDC
Montag, 16 März 2026 um 15:30
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Jules van Dongen erlebt derzeit die wohl schwerste Phase seiner Karriere. Seit Monaten kämpft der US-Niederländer mit Darteritus – einer Störung, die ihn daran hindert, seine Pfeile kontrolliert loszulassen. Die Situation wurde so schlimm, dass der 35-Jährige nun umdenken musste: Er wirft inzwischen mit der linken Hand, weil der rechte Arm den Wurf schlicht verweigert. Eine radikale Entscheidung, die seinen sportlichen Neuanfang bedeutet – auf einem Niveau, das weit unter seinen gewohnten Averages liegt.
Erstmals machten sich die Symptome im vergangenen Jahr bemerkbar. „Es ist wie ein Kurzschluss in der Hand“, beschreibt van Dongen das Gefühl im Gespräch mit dem niederländischen AD. Bei seinem ersten Match nach dem Ausbruch – der UK Open 2025 – reiste er dennoch entschlossen nach England, wollte sich nicht unterkriegen lassen. Doch schon nach wenigen Minuten brach er ein. „Ich spielte mit Tränen in den Augen“, erinnert sich van Dongen. Er verlor die Partie mit 0:6, erzielte einen Average von 61,11 Punkten und spürte dabei jede Sekunde das Unwohlsein der Zuschauer. „Ich senkte den Kopf und versuchte, durchzuhalten. Aber es war furchtbar.“

Ein neuer Anfang – mit der linken Hand

Nach dieser Enttäuschung erlitt van Dongen eine Panikattacke – ein Moment, der ihm zeigte, wie sehr die Krankheit auch mental zusetzt. Die PDC-Ärzte griffen ein, und van Dongen legte die Pfeile für vier Monate beiseite. „Ich hätte mir mehr Unterstützung von der PDC gewünscht. Wenn jemand wie Michael van Gerwen betroffen wäre, sähe das ganz anders aus“, kritisiert der Spieler offen.
Jules van Dongen will seinen Pfeil aufs Board werfen.
Van Dongen entschied sich nach einem langen Kampf mit Darteritus kürzlich dazu, linkshändig zu werfen.
Doch an Aufgeben dachte van Dongen nie. Stattdessen wagte er den Neuanfang – mit links. „Mit diesem Arm werfe ich immerhin flüssig“, sagt er mit einem gequälten Lachen. Fortschritte kosten dennoch Geduld: „Das Talent steckt nun mal in der rechten Hand.“ Während er technisch komplett bei Null anfangen muss, wächst in ihm zugleich die Überzeugung, dass Darteritus mehr Aufmerksamkeit verdient. Auch große Namen wie Nathan Aspinall, Gian van Veen oder Phil Taylor kämpften in ihrer Karriere zeitweise mit ähnlichen Symptomen.
Seinen eigenen Kampf führte van Dongen mit offenen Karten. Er suchte Hilfe – bei Psychologen, Physiotherapeuten, Handspezialisten und sogar Hypnose-Experten. „Ich ließ ein MRT meiner Halswirbelsäule machen und probierte Akupunktur. Nichts half“, berichtet er. „Keiner dieser Spezialisten kam auf die Idee, mir einen Neurologen zu empfehlen.“

Auf der Suche nach der Ursache

Heute weiß van Dongen mehr. In den Niederlanden arbeitet er mit dem Neurologen Erik van Wensen zusammen, einem Experten für Bewegungsstörungen im Sport. Van Wensen forscht über sogenannte Yips, eine plötzliche, unwillkürliche Muskelanspannung – ursprünglich aus dem Golf bekannt. Dabei handelt es sich um eine aufgabenspezifische Dystonie: eine Störung, die nur bei bestimmten Bewegungen wie dem Loslassen eines Dartpfeils auftritt.
„Dystonie ist eine falsche Muskelanspannung“, erklärt van Wensen. „Das Gehirn versucht, eine Bewegung auszuführen, doch mehrere Muskeln spannen gleichzeitig an, obwohl sie das nicht sollten.“ Die Folge sei eine Verkrampfung, die den Wurf blockiert. Bei van Dongen sei diese Verkrampfung in der rechten Hand deutlich sichtbar. „Mit seiner scheinbar ‚weniger talentierten‘ linken Hand wirft er im Moment sogar schöner“, sagt der Neurologe mit einem Schmunzeln.
Dass Darteritus rein psychischer Natur sei, hält van Wensen für falsch. „Es ist ein neurologisches Problem, keine Kopfsache. Die Psyche spielt eine Rolle, aber sie ist nicht die Ursache“, betont er. Trotzdem bleibt das Phänomen wissenschaftlich weitgehend unerforscht – und wird in der Dartszene häufig tabuisiert. „Viele Spieler reden nicht darüber, weil sie Angst haben, selbst betroffen zu sein“, sagt van Dongen. „Einer meinte sogar, er wolle gar nicht darüber nachdenken – sonst kriegt er es am Ende selbst.“

„Das muss raus aus der Tabuzone“

Van Wensen kann darüber nur den Kopf schütteln. „Das ist Aberglaube. Als wäre es ein Virus, das überspringt. Dabei braucht die Szene das genaue Gegenteil: Transparenz.“ Für van Dongen ist dieses Umdenken längst überfällig. Er wünscht sich, dass betroffene Spieler künftig schneller medizinische Hilfe suchen. „Hätte ich das früher gewusst, wäre mein Leidensweg wahrscheinlich deutlich kürzer gewesen.“
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