Lange schien die Rollenverteilung im Dartszirkus eindeutig:
Luke Littler eilte von Titel zu Titel, ließ die Konkurrenz regelmäßig staunend zurück und nahm Kurs auf eine Saison für die Geschichtsbücher. Dahinter geriet ausgerechnet der Mann zunehmend unter Druck, der als sein größter Herausforderer galt.
Luke Humphries erlebte ein wechselhaftes Jahr, sein Status als klare Nummer zwei der Welt und gefährlichster Rivale des 19-Jährigen schien allmählich zu bröckeln.
Doch ausgerechnet vor der
European Darts Championship 2026 in Dortmund haben sich die Vorzeichen verändert. Während Littler zuletzt ungewohnt viele Rückschläge hinnehmen musste, meldete sich Humphries mit seinem ersten individuellen Major-Triumph seit 16 Monaten eindrucksvoll zurück. Der Weltranglistenerste bleibt das Maß aller Dinge – doch sein größter Konkurrent scheint rechtzeitig zur heißen Phase der Saison wieder in Schlagdistanz zu sein. Und die jüngsten Zahlen liefern durchaus Argumente dafür, dass Humphries ausgerechnet bei der Europameisterschaft zum Spielverderber werden könnte.
Vom historischen Höhenflug zu unerwarteten Rückschlägen: Littlers Saison bekommt erste Kratzer
Dabei hatte Littlers Jahr beinahe märchenhaft begonnen. Nach seinem WM-Triumph im Alexandra Palace setzte „The Nuke“ seinen Siegeszug beim World Masters fort, wo er Humphries in einem hochklassigen Finale mit 6:5 nach Sätzen bezwang. Es folgte der Titel bei den UK Open durch einen 11:7-Finalerfolg gegen James Wade. Im Juni gewann Littler gemeinsam mit Humphries den World Cup of Darts, ehe er beim World Matchplay in Blackpool eine regelrechte Machtdemonstration ablieferte: Mit einem sensationellen Turnieraverage von 111,04 Punkten sicherte er sich den Titel und stellte eine neue Bestmarke auf.
Mit seinem triumphalen World-Matchplay-Sieg in Blackpool setzte Luke Littler seine historische Erfolgsserie fort – doch zuletzt musste der 19-Jährige einige überraschende Rückschläge hinnehmen.
Fünf Major-Titel waren damit bereits abgehakt. Der historische Clean Sweep, also der Gewinn sämtlicher zehn PDC-Majors innerhalb einer Saison, schien plötzlich mehr als nur eine kühne Fantasie. Doch bei den World Series of Darts Finals in Amsterdam platzte der Traum. Im Viertelfinale unterlag Littler einem auf den Doppeln überragenden Jonny Clayton überraschend deutlich mit 4:10. Es war seine erste Major-Niederlage des Jahres – und sie blieb nicht die letzte. Beim World Grand Prix scheiterte der Engländer bereits zum Auftakt mit 1:2 Sätzen an Luke Woodhouse. Selbst bei der World Youth Championship,
an der er Anfang Oktober überraschend teilnahm, blieb ihm der Einzug ins Endspiel verwehrt: Im Halbfinale verlor der haushohe Favorit mit 5:6 gegen Cameron Crabtree.
Humphries meldet sich zurück – und das zur richtigen Zeit
Während Littler die Dartswelt über Monate dominierte, verlief die Saison seines Landsmanns deutlich holpriger. Nach einer bitteren 1:5-Niederlage gegen Gian van Veen im WM-Viertelfinale erreichte Humphries zwar das Masters-Finale und gewann sowohl auf dem Floor als auch auf der European Tour Titel. Doch insbesondere in der Premier League geriet „Cool Hand Luke“ ins Straucheln: Nach zehn Spieltagen lag er nur auf Rang sieben.
Es folgte eine beeindruckende Aufholjagd mit vier Spieltagsfinals, einem Tagessieg und dem Einzug in die Play-offs. Dort musste sich Humphries Littler erst im entscheidenden Leg des Endspiels mit 10:11 geschlagen geben. Auch bei den Sommerturnieren der World Series deutete er seine Klasse an, erreichte in Kopenhagen das Finale und bezwang Littler wenig später in New York mit 8:7. Hinzu kamen weitere Players-Championship-Titel. Doch auf den großen Major-Bühnen blieb die erhoffte Konstanz zunächst aus. Beim World Matchplay war bereits gegen Cameron Menzies in Runde eins Schluss, bei den World Series of Darts Finals folgte das Aus im Achtelfinale.
Die Zweifel an Humphries' Rolle als ernsthafter Titelkandidat wurden lauter. Seine Antwort ließ allerdings nicht lange auf sich warten: Beim World Grand Prix in Leicester triumphierte er mit 6:4 in Sätzen im Finale gegen Gerwyn Price und feierte seinen ersten individuellen Major-Titel seit einem Jahr und vier Monaten. Nur eine Woche später setzte er seinen Lauf auf der European Tour in Basel fort. Mit herausragenden Averages von 114,15 und 111,17 Punkten stürmte er ins Finale, wo ihn erst Jonny Clayton stoppen konnte.
Die Zahlen sprechen für Humphries – mit einer bemerkenswerten Ausnahme
Wie deutlich sich die Formkurven der beiden Engländer zuletzt angenähert haben, zeigt ein Blick auf ihre Leistungen seit dem 17. September, dem Beginn der World Series of Darts Finals.
| Statistik (seit 17. September) | Luke Littler | Luke Humphries | Vorteil |
| Drei-Dart-Average | 94.78 | 96.41 | Humphries |
| First-Nine-Average | 102.29 | 101.79 | Littler |
| Siegquote | 75,00 % | 83,33 % | Humphries |
| Doppelquote | 38,19 % | 41,96 % | Humphries |
Besonders bemerkenswert: Littler liegt beim First-Nine-Average weiterhin knapp vorne. In der Anfangsphase der Legs entwickelt der 19-Jährige also nach wie vor enormen Scoringdruck. Doch Humphries gleicht diesen kleinen Rückstand nicht nur aus, sondern erzielt insgesamt den höheren Drei-Dart-Average. Auch seine Siegquote fällt mit 83,33 Prozent besser aus.
Der vielleicht interessanteste Unterschied liegt allerdings auf den Doppelfeldern. Während Littler im betrachteten Zeitraum 38,19 Prozent seiner Chancen verwandelte, kommt Humphries auf 41,96 Prozent. Das sind 3,77 Prozentpunkte mehr – ein Unterschied, der gerade in einem engen Duell zweier Weltklassespieler entscheidend sein kann. Die Werte beweisen zwar keine besondere Nervenstärke auf Matchdarts, zeigen aber, dass Humphries seine Möglichkeiten zuletzt konsequenter nutzte.
Und genau darin könnte der Schlüssel liegen: Littler verfügt weiterhin über die Fähigkeit, Gegner mit seinem Scoring regelrecht zu überrollen. Humphries hingegen bringt aktuell jene Mischung aus konstant hohem Niveau und zuverlässigem Finishing mit, die notwendig ist, um dem Weltranglistenersten auch über längere Distanzen Paroli zu bieten.
24:15 für Littler – doch Humphries weiß, wie man seinen Rivalen schlägt
Dass Humphries seinem Landsmann gefährlich werden kann, hat er längst mehrfach bewiesen. Zwar führt Littler den direkten Vergleich mit 24:15 Siegen an, doch auch im laufenden Jahr lieferten sich die beiden einige packende Duelle.
Luke Humphries reist nach seinem Triumph beim World Grand Prix mit neuem Selbstvertrauen zur Darts-EM – und könnte dort erneut auf Luke Littler treffen.
Im Finale des World Masters setzte sich Littler mit 6:5 durch, in der Premier-League-Ligaphase gewann er fünf ihrer acht Begegnungen. Das anschließende Play-off-Finale entschied „The Nuke“ denkbar knapp mit 11:10 für sich. Humphries schlug allerdings zurück: Bei zwei World-Series-Turnieren bezwang er seinen Rivalen zunächst mit 7:5 im Halbfinale und anschließend mit 8:7 im Endspiel. Das jüngste der aufgeführten Duelle, das Finale des zwölften European-Tour-Turniers, ging wiederum mit 8:6 an Littler.
Von einem Angstgegner kann deshalb keine Rede sein. Wohl aber von einem Konkurrenten, der Littlers Tempo mitgehen, selbst außergewöhnliche Averages spielen und ihn in entscheidenden Momenten tatsächlich bezwingen kann. Hinzu kommt Humphries' Erfahrung aus zahlreichen großen Endspielen – und das Selbstvertrauen eines frischgebackenen Major-Champions.
Traumfinale in Dortmund? Der Turnierbaum macht es möglich
Die Voraussetzungen für ein weiteres Kapitel dieser Rivalität könnten kaum reizvoller sein. Denn der Turnierbaum der European Darts Championship wird nicht ausgelost, sondern ergibt sich aus der
European Tour Order of Merit. Und die hat dafür gesorgt, dass die beiden englischen Topfavoriten in unterschiedlichen Hälften gelandet sind: Humphries in der oberen, Littler in der unteren.
Ein direktes Aufeinandertreffen wäre somit erst im Finale möglich. Bis dahin müssten beide allerdings zunächst ihre eigenen Aufgaben lösen. Littler bekommt es zum Auftakt mit William O´Connor zu tun, Humphries trifft in Runde eins auf seinen Kumpel Ryan Searle.
„The Nuke“ reist trotz seiner jüngsten Niederlagen als unangefochtener Maßstab des Sports nach Dortmund. Doch Humphries hat in den vergangenen Wochen eindrucksvoll daran erinnert, weshalb er lange als dessen gefährlichster Herausforderer galt. Er spielt derzeit konstanter, trifft die Doppel zuverlässiger und hat mit dem World-Grand-Prix-Triumph auch auf der großen Bühne wieder ein deutliches Ausrufezeichen gesetzt.
Ob das reicht, um Littler im möglichen Traumfinale zu stoppen, bleibt offen. Klar ist aber: Sollte der 19-Jährige in Dortmund erneut Schwächen zeigen, dürfte Luke Humphries einer der Letzten sein, der ihn ungestraft davonkommen lässt.