„Wenn du der Beste werden willst, musst du deine Idole schlagen“ – Doets besiegt bei der European Darts Championship sein Jugendidol Van Gerwen

PDC
Kevin Doets & Michael van Gerwen
Kevin Doets feierte am Freitagabend einen besonderen Sieg bei der European Championship in Dortmund. Der Niederländer besiegte Michael van Gerwen mit 6:3 und gab damit ein Traumdebüt bei der EM. Für Doets war der Erfolg besonders emotional, weil er als junger Dartspieler jahrelang zu Van Gerwen aufgeschaut hatte. Bei der Pressekonferenz nach dem Spiel sprach er unter anderem mit Dartsnews.de nicht nur über seinen Sieg, sondern auch über seine Entwicklung als Dartspieler und den Tod seines Vaters am 3. August. Nach einer schwierigen persönlichen Phase finde er langsam zu seiner alten Stärke zurück, erklärte Doets.
Der Sieg gegen Van Gerwen war für Doets ein weiterer Meilenstein in der besten Saison seiner Karriere. In diesem Jahr gewann der Niederländer seinen ersten PDC-Ranglistentitel und zeigt immer häufiger, dass er auch auf der großen Bühne hervorragend zurechtkommt.
Vor der Partie hatte er allerdings gemischte Gefühle bezüglich seines Gegners. Lange sah es danach aus, als würde Doets in der ersten Runde auf Rob Cross treffen. Durch den Turniersieg von Niels Zonneveld bei der Dutch Darts Championship änderte sich jedoch die Setzliste, sodass er schließlich gegen Van Gerwen antreten musste.
„Natürlich ist das etwas Besonderes. Er ist der beste Spieler, den die Niederlande je hatte“, sagte Doets nach dem Spiel. „Er und Raymond van Barneveld liegen in dieser Hinsicht sehr nah beieinander. Als die Auslosung bekannt wurde, hatte ich gemischte Gefühle. Lange sollte ich gegen Rob Cross spielen, aber weil Niels gewann, wurde es schließlich Michael. Ihn auf diese Weise zu besiegen, ist großartig.“

„Vom ersten Leg an hatte ich das Gefühl, dass es mein Spiel wird“

Doets startete stark in das Duell mit seinem Landsmann. Mit einem Checkout von 106 Punkten gelang ihm ein wichtiges Break, bevor er sich mit einem herausragenden 132er-Finish über das Bullseye weiter absetzte.
Van Gerwen gelang es anschließend nicht, den Rückstand vollständig aufzuholen. Der dreimalige Weltmeister kam zwar noch auf 3:5 heran, doch Doets machte mit dem 6:3 den Sieg perfekt.
Der Niederländer räumte ein, dass er sich vor der Partie Chancen ausgerechnet hatte. Van Gerwen durchlebt schließlich eine schwierige Phase und zeigt schon seit längerer Zeit nicht mehr seine frühere Dominanz.
Trotzdem wollte Doets seinen Landsmann keinesfalls unterschätzen. „Es waren natürlich nicht seine besten zwei Jahre, das sagt jeder. Aber für mich bleibt er Michael van Gerwen“, betonte er. „Er hat in diesem Jahr ein Turnier gewonnen und auch im vergangenen Jahr Turniere gewonnen. Außerdem hat er in diesem Jahr noch Averages von über 110 und sogar 120 gespielt.“
Deshalb bleibe Van Gerwen ein Gegner, bei dem man jederzeit mit einer außergewöhnlichen Leistung rechnen müsse, so Doets. „Bei ihm weiß man es nie. Darauf war ich heute vorbereitet. Aber vom ersten Leg an hatte ich das Gefühl, dass es mein Spiel wird.“

„Mit 15 habe ich zu ihm aufgeschaut“

Der Sieg hatte für Doets nicht nur sportliche Bedeutung. Als junger Dartspieler wuchs er mit den Erfolgen von Van Gerwen und Van Barneveld auf. Beide waren jahrelang die bekanntesten niederländischen Gesichter im internationalen Dartsport und für Doets wichtige Vorbilder.
Bei der Pressekonferenz wurde er gefragt, ob es besonders schwierig sei, als Niederländer gegen Van Gerwen zu spielen, gerade weil er jahrelang zu ihm aufgeschaut hatte. „Ehrlich gesagt habe ich heute darüber nachgedacht“, gab Doets zu. „Ich fragte mich: Hätte ich mich genauso gefühlt, wenn ich kein Niederländer wäre? Das lässt sich schwer beantworten, denn ich bin nun einmal Niederländer.“
Den Gedanken hinter der Frage konnte er dennoch nachvollziehen. „Vielleicht ist da etwas dran. Als ich 15 Jahre alt war, habe ich zu ihm aufgeschaut. Dass ich 13 Jahre später sagen kann, ich hätte ihn bei einem Major geschlagen, ist einfach unglaublich.“

Mehr Trainingsstunden zahlen sich aus

Doets hat sich in den vergangenen Jahren deutlich weiterentwickelt. Ein wichtiger Moment seiner Karriere war sein Auftritt bei der Darts-Weltmeisterschaft, bei der er auf Michael Smith traf.
Obwohl er die Partie verlor, erkannte er, dass auf der großen Bühne mehr in ihm steckte, als er vielleicht selbst gedacht hatte. „Nach diesem Turnier dachte ich wirklich: Wow, da steckt viel in mir. Vor allem auf der Bühne“, erzählte er.
Dieses Potenzial konnte er zunächst jedoch nicht vollständig ausschöpfen. „Aber eigentlich habe ich nie wirklich etwas daraus gemacht. Ich habe nicht die Trainingsstunden absolviert, die meiner Meinung nach nötig sind.“
Das änderte sich in diesem Jahr. Doets beschloss, gezielter in seine Vorbereitung zu investieren und mehr Zeit am Trainingsboard zu verbringen. „In diesem Jahr habe ich diese Trainingsstunden absolviert. Und das merkt man. Das hat sich in letzter Zeit deutlich gezeigt.“
Der zusätzliche Einsatz brachte ihm inzwischen seinen ersten Ranglistentitel und mehrere starke Ergebnisse ein. Auch mental hat Doets Fortschritte gemacht. Früher ließ er sich mitunter vom Ruf seines Gegners beeinflussen, heute gelingt es ihm besser, sein eigenes Spiel durchzuziehen.
„Natürlich weiß ich, dass Michael nicht in seiner besten Form ist. Aber wenn ich gegen ihn spiele, sehe ich immer noch den Michael van Gerwen, zu dem ich früher aufgeschaut habe. Es gelingt mir nur immer besser, gegen jeden mein eigenes Spiel zu spielen. Ich lasse mich von meinem Gegner nicht mehr einschüchtern.“ Gegen Van Gerwen ging diese Einstellung voll auf. „Ich glaube, das hat heute funktioniert.“

„Wenn du der Beste werden willst, musst du deine Idole schlagen“

Doets blickt zuversichtlich in die Zukunft des niederländischen Darts. Obwohl Van Gerwen in den vergangenen Jahren an Dominanz eingebüßt hat, rücken immer mehr Landsleute nach, die auf höchstem Niveau überzeugen.
Neben Doets selbst feierten in dieser Saison unter anderem Jermaine Wattimena, Wessel Nijman und Niels Zonneveld beachtliche Erfolge. Doets zufolge ist die starke niederländische Präsenz zu einem großen Teil den Generationen vor ihnen zu verdanken. „Ich denke, der niederländische Dartsport ist hervorragend aufgestellt. Das haben wir im Grunde alles Raymond und Michael zu verdanken.“
Die beiden früheren Weltmeister hätten eine wichtige Rolle bei der Entwicklung der heutigen niederländischen Spieler gespielt, sagte er. „Wir haben ihnen unglaublich viel zu verdanken. Sie sind deine Idole, aber wenn du selbst der Beste werden willst, musst du deine Idole irgendwann schlagen.“
Doets schätzte, dass derzeit acht oder neun Niederländer unter den Top 32 der Weltrangliste stehen, wusste die genaue Zahl aber nicht. Die breite Präsenz sorge auch für eine besondere Rivalität untereinander. „Die Rivalität unter uns Niederländern ist enorm. Ich weiß nicht, woran es bei niederländischen Dartspielern liegt, aber wir können es wirklich nicht ausstehen, gegeneinander zu verlieren.“
Er betonte, wie viel er von den erfolgreichen Spielern gelernt habe, die vor ihm kamen. „Vieles von dem, was ich heute mache, habe ich von Michael, Raymond und all den anderen gelernt, die vor mir da waren. Man lernt von denen, die schon vorher dabei waren. Ich habe ihnen unglaublich viel zu verdanken, aber Mitleid werde ich trotzdem nicht mit ihnen haben. Genau das haben sie mir nämlich auch beigebracht.“

„Es fühlt sich seltsam an, mich gegen Michael als Favoriten zu bezeichnen“

Aufgrund seiner starken Ergebnisse in dieser Saison sahen ihn manche vor dem Duell mit Van Gerwen sogar als Favoriten. Dem Niederländer fiel es jedoch schwer, sich selbst diese Rolle zuzuschreiben. „Auch wenn ich weiß, dass Michael ein paar schwierige Jahre hinter sich hat, fühlt es sich doch etwas seltsam an, mich gegen den besten niederländischen Dartspieler aller Zeiten als Favoriten zu bezeichnen.“
Doets fragte sich sogar, ob diese Einschätzung überhaupt gerechtfertigt sei. „Vielleicht ist sie das gar nicht. Natürlich habe ich dieses Jahr großartig gespielt, das weiß ich. Ich habe meinen ersten Titel gewonnen.“
Dennoch bleibt ein Match gegen Van Gerwen für ihn eine besondere Herausforderung. „Aber gegen einen Spieler wie ihn zu spielen, ist immer schwierig.“

Tod des Vaters führte zu schwieriger Zeit

Der persönlichste Moment der Pressekonferenz folgte, als Doets nach dem Kontrast zwischen seinen sportlichen Erfolgen und seiner schwierigen privaten Situation gefragt wurde.
Der Niederländer verlor am 03.08. seinen Vater. Die Trauer wirkte sich in den Wochen danach deutlich auf seine Leistungen aus. „Mein Vater ist am 03.08. gestorben“, erzählte Doets.
Er erinnerte sich daran, wie schwer ihm kurz darauf das European-Tour-Turnier in Budapest fiel. „Wenn man auf mein erstes European-Tour-Turnier in Budapest zurückblickt, habe ich furchtbar gespielt. Meine Doppel wollten nicht fallen, meine Triple auch nicht, und ich konnte mich überhaupt nicht konzentrieren.“
Doets merkte, dass es ihm während der Matches schwerfiel, sich ganz auf Darts zu konzentrieren. „Ich habe einfach unglaublich schlecht gespielt.“ In den Wochen danach ging es langsam aufwärts, auch wenn er nach eigener Aussage noch weit von seinem gewohnten Niveau entfernt war. „In den Wochen danach habe ich etwas besser gespielt, aber immer noch nicht gut.“
Doets zufolge brauchte er Zeit, um den Verlust seines Vaters zu verarbeiten. „Ich habe einfach getrauert. Damit war ich beschäftigt.“ Inzwischen könne er seine sportlichen Leistungen und seine persönliche Trauer besser voneinander trennen. „Ich denke, mittlerweile kann ich Darts und mein Privatleben etwas besser auseinanderhalten.“
Das bedeute nicht, dass die Trauer verschwunden sei, aber während der Matches gelinge es ihm zunehmend besser, konzentriert zu bleiben. „Es ist inzwischen fast drei Monate her, etwa zweieinhalb Monate. Ich glaube, langsam werde ich wieder zu dem Spieler, der ich vor diesem Ereignis war.“
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