Wie sieht der perfekte World-Grand-Prix-Spieler aus? Fünf Darts-Stars liefern die Antwort

PDC
durch Nic Gayer
Montag, 28 September 2026 um 7:00
Joyce_Wade_Dolan
Wenn Niko Springer am heutigen Montagabend den World Grand Prix 2026 im Duell mit Danny Noppert eröffnet, beginnt jene Woche des Dartsjahres, in der wohl so viel philosophiert wird wie in keiner anderen. Der besondere und einzigartige Double-In-, Double-Out-Modus des Turniers in Leicester regt Dartsfans auf der ganzen Welt dazu an, über mögliche Überraschungssieger und Geheimfavoriten zu diskutieren.
Spieler, die über das gesamte Jahr hinweg unter dem Radar fliegen, werden plötzlich zu Titelkandidaten ernannt. Gestandene Topstars werden aufgrund der besonderen Tücken des World Grand Prix infrage gestellt. Wir beteiligen uns an der Diskussion und stellen uns die Frage: Wie würde der perfekte Double-In-, Double-Out-Spieler aussehen? Dafür nominieren wir in den fünf Kategorien „Doppelstärke“, „Power Scoring“, „Timing“, „Setplay“ und „das gewisse Etwas“ jeweils einen Spieler.

Die Kaltschnäuzigkeit in Person

Im Dartsport gibt es Spieler, die untrennbar mit dem Begriff der Doppelstärke verbunden sind – und Ryan Joyce gehört zweifellos zu dieser Riege. Dass sich Joyce in dieser Saison bislang nicht in Bestform präsentiert, ändert daran wenig. Das beweist auch ein Blick auf die Statistiken: In den vergangenen zwölf Monaten hat Joyce 43,1 Prozent seiner Doppelwürfe verwandelt. Damit steht der Engländer im internationalen Vergleich auf Rang fünf. „Relentless“ eben – der Name ist Programm.
Ryan Joyce grüßt in Richtung Publikum.
Ryan Joyce gilt als einer der stärksten Doppelspieler der Welt – beim World Grand Prix könnte genau diese Qualität zum entscheidenden Faktor werden.
Wie außergewöhnlich die Doppelqualität des 41-Jährigen tatsächlich ist, wird noch deutlicher, wenn man andere Statistiken zum Vergleich heranzieht. Joyce spielte in den vergangenen zwölf Monaten einen Average von 91,44 Punkten und belegt damit gerade einmal Rang 57. Im selben Zeitraum warf der Engländer 193 180er – ein Wert, der ihm lediglich Platz 141 beschert und damit theoretisch nicht einmal für eine Platzierung innerhalb der Tour-Card-Ränge reichen würde. Doch die Realität sieht ganz anders aus: „Relentless“ steht auf Platz 25 der Weltrangliste. Einmal mehr wird deutlich, wie sehr das Spiel von Joyce von seiner überragenden Kaltschnäuzigkeit auf dem äußeren Ring lebt.
In der Theorie klingt all das einleuchtend. Einer der besten Doppelspieler der Welt muss bei jenem Turnier, bei dem die Doppel noch wichtiger sind als ohnehin schon, schließlich zu den absoluten Topfavoriten zählen. Aber kann Joyce diese theoretische Stärke am Oche auch in die Tat umsetzen? Die Antwort lautet: Ja! Beim World Grand Prix 2024 erreichte Joyce das Halbfinale – erst das zweite Major-Halbfinale seiner PDC-Karriere. Auf dem Weg in die Vorschlussrunde setzte sich der Engländer gegen Josh Rock, Nathan Aspinall und Rob Cross durch.
„Relentless“ hat also bereits bewiesen, dass er auf der Grand-Prix-Bühne tatsächlich in den Titelkampf eingreifen kann. Mit seiner Weltklasse-Qualität auf dem äußeren Ring übernimmt Ryan Joyce auf unserer Suche nach dem perfekten Double-In-, Double-Out-Spieler die erste und gleichzeitig elementare Kategorie: die Doppelstärke. Wenn der Engländer am Montagabend in das Turnier startet, muss sich Michael van Gerwen in Acht nehmen.

Luke Littler – noch Fragen?

Ja, wir lieben es alle, vor dem World Grand Prix über die unglaubliche Bedeutung der Doppelfelder zu philosophieren. Dabei sollte man eines jedoch nicht vergessen: Selbst bei einem perfekten 9-Darter müssen mehr als 82 Prozent aller Punkte auf den Triple-Feldern erzielt werden. Und wenn man beim Gedanken an die Doppel-16 an Ryan Joyce denkt, dann denkt man bei einer auf einem Stecknadelkopf gruppierten 180 an Luke Littler.
Luke Littler posiert mit der Trophäe.
Luke Littler dominiert die wichtigsten Scoring-Statistiken und bringt damit die pure Power in unseren perfekten Grand-Prix-Spieler ein.
Natürlich hätte man „The Nuke“ an jeder Stelle dieses Artikels nennen können. Littler ist seinen Konkurrenten in sämtlichen Kategorien des Spiels derart überlegen, dass man auch einfach den zweifachen Weltmeister als perfekten Grand-Prix-Spieler hätte auswählen können. Aber: Das hätte bei Weitem nicht so viel Spaß gemacht.
Wenn man sich also eine seiner herausragenden Qualitäten herauspicken muss, landet man schnell beim Scoring des Weltranglistenersten. 101,26 Punkte im Average über die vergangenen zwölf Monate – Rang eins. 740 180er in den vergangenen zwölf Monaten – Rang eins. 111,63 Punkte im First-Nine-Average in den vergangenen zwölf Monaten – Rang eins. Viel mehr muss eigentlich nicht gesagt werden.
Als amtierender Titelverteidiger liefert Littler außerdem den fast schon überflüssigen Beweis, dass er es auch an einer kalten und regnerischen Nacht in Leicester kann. Seine Titelverteidigung startet der Weltmeister am Montagabend gegen den wenig beneidenswerten Luke Woodhouse.

Die Timing-Maschine

Mit Ryan Joyce als Doppel-Experten und Luke Littler als Scoring-Maschine haben wir die beiden wichtigsten spielerischen Bereiche des Dartsports mit absoluten Weltklasse-Akteuren besetzt. Zeit also, sich um die Soft Factors zu kümmern. Um die Dinge, die zwischen den Ohren passieren. Die Dinge, die sich nicht beziffern lassen und Experten wie Analysten an die Grenzen ihrer Mathematik treiben. Oder kurz gesagt: James Wade.
James Wade jubelt.
Kaum ein Spieler steht derart für perfektes Timing wie James Wade – „The Machine“ weiß wie kaum ein Zweiter, wann die entscheidenden Nadelstiche gesetzt werden müssen.
Wenn Sie in einem Wörterbuch Ihrer Wahl das Wort „Timing“ nachschlagen, werden Sie dort im Bereich der Synonyme die Begriffe „James Wade“ oder „The Machine“ vorfinden. Kaum ein Spieler im Dartsport ist so eng mit einer Eigenschaft verbunden wie Wade mit seiner nahezu undefinierbaren Fähigkeit des perfekten Timings. Es ist die Kunst, jeden Spieler der Welt mit einem 95er-Average besiegen zu können – ganz unabhängig davon, was der Gegner auf der anderen Seite des Oches veranstaltet. Der Engländer hat diesen Spielstil in den vergangenen 25 Jahren derart verfeinert, dass sich in der Dartswelt längst eine eigene Begrifflichkeit dafür etabliert hat: „Wadeing“.
Und auch „The Machine“ hat in der 29-jährigen Turniergeschichte des World Grand Prix unübersehbare Fußspuren hinterlassen. 2007 und 2010 gewann der Engländer das Turnier, 2014 stand Wade ein weiteres Mal im Endspiel. Da sein Grand-Prix-Abenteuer zuletzt allerdings dreimal innerhalb von vier Jahren bereits in Runde eins endete, dürfte der Engländer in dieser Woche hochmotiviert in die East Midlands reisen. Seine Kampagne beginnt der zweifache Champion am Dienstagabend gegen Joe Cullen.

Ein Setplay-Experte

Als wäre der Double-Start nicht schon genug, setzt der World Grand Prix in Sachen Besonderheiten noch einen drauf: Als einziges PDC-Turnier abseits der Weltmeisterschaft und des World Masters wird der Grand Prix im Satzmodus gespielt. Ein Format, das sich deutlich vom klassischen Leg-Modus unterscheidet – und eines, das seine ganz eigenen Experten kennt.
Einer dieser Experten ist Gary Anderson. Obwohl der Schotte zweifelsohne zu den besten Dartspielern der Geschichte gehört, war Anderson selbst in seiner absoluten Hochphase nie annähernd so dominant wie Phil Taylor, Michael van Gerwen oder mittlerweile auch Luke Littler. Das liegt vor allem daran, dass Anderson nie diese fast schon maschinelle Fähigkeit besaß, über Jahre hinweg ein Leg nach dem anderen abzuräumen. Drei Fehler auf der Doppel-10 oder ein schmerzhafter Verrechner – und anschließend das verschmitzte Grinsen in Richtung Kamera. Anderson präsentierte sich trotz seiner unglaublichen Klasse meist ein Stück menschlicher als die zuvor genannten Dominatoren.
Gary Anderson beim Walk-on.
Gary Anderson fühlt sich im Satzmodus seit jeher wohl. Seine beiden WM-Titel sind der eindrucksvollste Beleg für die besondere Setplay-Qualität des Schotten.
Ein Modus spielte dem Schotten im Laufe seiner Karriere jedoch immer wieder in die Karten: der Satzmodus. Wenn Anderson seinen unnachahmlichen Touch erst einmal gefunden hat, kann er in gewissen Spielphasen schlicht unspielbar werden. Eines der kraftvollsten Power-Scorings der Dartsgeschichte, gepaart mit Kaltschnäuzigkeit und einem besonderen Timing bei Highfinishes. Purple Patches, die nicht unbedingt über 25 Legs anhalten – die den Schotten im Satzmodus aber seit jeher zu einem absoluten Experten machen.
Andersons zwei Weltmeistertitel untermauern diese These selbstverständlich. Hinzu kommt die Tatsache, dass Anderson in den vergangenen fünf Jahren drei Major-Halbfinals und ein Finale erreicht hat – drei dieser vier Runs gelangen ihm im Ally Pally, also im Satzmodus. Dennoch ist die Darts-Legende noch den Nachweis schuldig, dass ihn diese Qualität auch in Leicester zum Titel tragen kann. Als eines der wenigen großen Turniere fehlt der World Grand Prix noch immer in der Titelsammlung des „Flying Scotsman“. Das Finale 2016, das Anderson gegen Michael van Gerwen verlor, ist bis heute sein bestes Ergebnis. Wenn der Schotte am Dienstagabend gegen Damon Heta in das Turnier startet, wird er versuchen, diese Bilanz zu verbessern.

Der History Maker

Abgerundet wird unser perfekter Grand-Prix-Spieler von einem Mann, der auf ewig mit der Geschichte dieses Turniers verbunden sein wird – selbst wenn er, wie in diesem Jahr, gar nicht dafür qualifiziert ist.
Es war der Abend des 8. Oktober 2011 im Citywest Hotel in Dublin. Brendan Dolan war mit einer 160 und einer 180 perfekt in das vierte Leg des zweiten Satzes seines Halbfinals gegen James Wade gestartet. Mit einem 161er-Finish vollendete Dolan schließlich das perfekte Leg – und krönte sich zum ersten Spieler in der Geschichte des World Grand Prix, dem ein 9-Darter gelang.
Seither thront dieser Moment über dem Major-Turnier. Kaum ein World Grand Prix vergeht, bei dem Dolans legendärer 9-Darter nicht noch einmal aus dem Archiv geholt und in die TV-Übertragung eingebunden wird. Gleichzeitig baute der Nordire rund um das perfekte Leg ein gesamtes Image auf: Sein inzwischen ikonischer Spitzname „The History Maker“ ist an diesen historischen Moment angelehnt und ziert seither jedes Trikot des zehnfachen PDC-Titelgewinners.
15 Jahre später ist Dolan noch immer einer von lediglich drei Spielern, denen beim World Grand Prix ein 9-Darter gelungen ist. Die beiden anderen – und gleichzeitig letzten – perfekten Legs liegen mittlerweile zwölf Jahre zurück. Damals produzierten James Wade und Robert Thornton ausgerechnet im direkten Duell gegeneinander Perfektion.

Der perfekte Grand-Prix-Spieler

SpielerEigenschaftStatistik (letzte 12 Monate)
Ryan JoyceDoppelstärke43.1% Doppelquote (Rang fünf weltweit)
Luke LittlerPower Scoring740 180er (Rang eins weltweit)
James WadeTiming-
Gary AndersonSetplay-
Brendan DolanDas besondere EtwasErster 9-Darter der Grand-Prix-Historie
Die Doppelstärke von Ryan Joyce, das brachiale Scoring eines Luke Littler, James Wades unnachahmliches Timing, Gary Andersons Qualitäten im Satzmodus und schließlich das ganz besondere Grand-Prix-Gen von Brendan Dolan: Fertig ist unser perfekter Spieler für das wohl eigenwilligste Turnier des Dartsjahres. Ob unsere fünf Zutaten tatsächlich das Erfolgsrezept für Leicester bilden, wird sich ab Montagabend zeigen. Dann können vier unserer fünf Auserwählten ihr Können beim World Grand Prix 2026 selbst unter Beweis stellen. Einzig Brendan Dolan wird nicht am Oche stehen – doch „The History Maker“ ist in den Grand-Prix-Tagen von Leicester ohnehin allgegenwärtig.
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