ZEITREISE MIT: Colin Osborne – Der Engländer, der einst einen unglaublichen Average von 143,14 Punkten gespielt haben soll

PDC
durch Nic Gayer
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In unserer Rubrik „ZEITREISE“ blicken wir regelmäßig auf die Karrieren früherer Dartsprofis zurück. Heute steht Colin Osborne im Mittelpunkt. Der Engländer gehörte in der zweiten Hälfte der 2000er-Jahre zu den festen Größen auf der PDC-Tour. Er entwickelte sich zu einem Spieler, der die etablierten Stars regelmäßig herausfordern konnte und auf den größten Bühnen mit der absoluten Weltspitze mithielt. Mit zwei Pro-Tour-Titeln, zwei 9-Dartern und einer Finalteilnahme bei den UK Open erlebte Osborne einige äußerst erfolgreiche Jahre. Dennoch blieb seine Karriere vor allem von dem Gefühl geprägt, dass möglicherweise noch mehr für ihn möglich gewesen wäre.
Colin Osborne wurde am 19. Juni 1975 in Middlesbrough geboren. In seiner Jugend galt er als vielversprechender Tischtennisspieler und gehörte sogar der englischen Nationalmannschaft an. Später fand er in Derby seine neue Heimat.
Einen eindrucksvollen Beweis seiner dartspielerischen Qualitäten lieferte Osborne bereits 2005. In diesem Jahr gelang es ihm nämlich, gleich zwei 9-Darter zu werfen. Das erste perfekte Leg spielte er bei einem Players-Championship-Turnier auf der Isle of Wight. Ein weiterer 9-Darter folgte später in den nicht im Fernsehen übertragenen Qualifikationsrunden für das World Matchplay.
Zwei 9-Darter innerhalb eines Jahres waren zu jener Zeit eine außergewöhnlich beeindruckende Leistung. Osborne bewies damit, dass er nicht nur ein Spieler war, der regelmäßig Partien gewinnen konnte, sondern auch über die nötige Scoringstärke verfügte, um an seinen besten Tagen für spektakuläre Momente zu sorgen.

Beeindruckendes WM-Debüt

Seinen großen Durchbruch auf internationaler Bühne feierte Osborne bei der PDC-Weltmeisterschaft 2007. Der Engländer gab sein WM-Debüt und benötigte offensichtlich kaum Eingewöhnungszeit auf der großen Bühne. Gleich bei seiner ersten Teilnahme kämpfte er sich bis ins Viertelfinale vor.
Dort traf er auf Andy Jenkins. Osborne stand kurz vor dem Einzug ins Halbfinale, musste sich seinem Landsmann in einem packenden Krimi letztlich jedoch mit 4:5 Sätzen geschlagen geben. Trotz des Ausscheidens war sein WM-Debüt ein deutliches Warnsignal an die Konkurrenz: Mit Colin Osborne musste man in Zukunft rechnen.
Wenige Monate später bestätigte er diesen Eindruck bei den UK Open. Osborne feierte dort mehrere bemerkenswerte Siege und schaltete unter anderem Michael van Gerwen und Mervyn King aus. Damit zog er ins Halbfinale des prestigeträchtigen Turniers ein.
Dort stand er Vincent van der Voort gegenüber. Es entwickelte sich eine Partie, die bis ins letzte Leg spannend blieb. Am Ende musste sich Osborne dem Niederländer denkbar knapp mit 10:11 geschlagen geben. Dennoch hatte er erneut bewiesen, dass er bei einem Major-Turnier weit kommen konnte.
Auch bei der Las Vegas Desert Classic 2007 machte Osborne auf sich aufmerksam. Er besiegte James Wade und feierte damit einen weiteren Erfolg gegen einen Spieler aus der Weltspitze. In der zweiten Runde erwies sich allerdings Peter Manley als zu stark.
Colin Osborne in Aktion.
Colin Osborne gehörte in den späten 2000er-Jahren zu den stärksten englischen Dartsprofis und sorgte bei mehreren großen PDC-Turnieren für Aufsehen.

Eine schmerzhafte Begegnung mit Phil Taylor

Die Saison 2008 brachte Osborne auf den größten Bühnen weniger Erfolg. Bei der Weltmeisterschaft schied er bereits in der ersten Runde aus. Der Niederländer Erwin Extercatte erwies sich beim 3:1 als zu stark.
Beim World Matchplay gelang es Osborne anschließend jedoch, sich wieder zu steigern. In der ersten Runde besiegte er Mervyn King und zog damit in die zweite Runde ein. Dort wartete allerdings eine nahezu unlösbare Aufgabe auf ihn: Phil Taylor.
Taylor befand sich zu dieser Zeit in einer dominanten Phase seiner Karriere, und Osborne bekam das auf schmerzhafte Weise zu spüren. Der Engländer geriet mit sage und schreibe 0:10 Legs in Rückstand, bevor er endlich sein erstes Leg auf die Anzeigetafel bringen konnte.
Zwar gelang es Osborne anschließend noch, einige weitere Legs zu gewinnen, doch der Rückstand war bereits zu groß. Taylor setzte sich mit 13:5 durch und erzielte dabei einen beeindruckenden Average von 109 Punkten. Für Osborne war es eine schmerzhafte Erinnerung daran, welches Niveau erforderlich war, um die absolute Weltspitze tatsächlich besiegen zu können.

2009 – Das Jahr des Durchbruchs

War 2008 für Osborne noch enttäuschend verlaufen, machte er dies 2009 mehr als wett. Es sollte das Jahr werden, in dem er sein erstes großes Finale erreichte und zugleich einen der wichtigsten Titel seiner Karriere gewann.
Bei der Weltmeisterschaft 2009 erwischte Osborne einen starken Start. In der ersten Runde setzte er sich souverän mit 3:0 gegen den Südafrikaner Charles Losper durch. In der zweiten Runde traf er erneut auf Vincent van der Voort. Diesmal behielt der Niederländer mit 4:1 die Oberhand.
Der endgültige Durchbruch gelang Osborne jedoch bei den UK Open. Im Verlauf des Turniers steigerte er sich kontinuierlich und schaltete auf seinem Weg ins Endspiel mehrere große Namen aus. Raymond van Barneveld, Jamie Caven und Kevin Painter mussten sich dem Engländer geschlagen geben. Damit stand Osborne erstmals in seiner Karriere im Finale eines Major-Turniers.
Sein Gegner war erneut Phil Taylor. Für Osborne bot sich damit die Gelegenheit, eine der größten Enttäuschungen seiner Karriere vergessen zu machen. Doch Taylor erwies sich abermals als eine Nummer zu groß. Osborne kämpfte mit allen Mitteln, musste sich am Ende jedoch mit 6:11 geschlagen geben.
Dennoch konnte der Engländer auf ein Turnier zurückblicken, bei dem ihm endgültig der Durchbruch gelungen war. Ein Spieler, der wenige Jahre zuvor vor allem eingefleischten Dartskennern ein Begriff gewesen war, stand nun in einem Major-Finale dem größten Namen der Dartsgeschichte gegenüber.

Revanche gegen Taylor

Bemerkenswerterweise musste Osborne nicht lange auf eine weitere Chance gegen Taylor warten. Noch im selben Jahr standen sich die beiden erneut gegenüber, diesmal im Finale der Championship League Darts. Dieses Mal behielt allerdings Osborne die Oberhand.
Mit einem 6:4-Erfolg über Taylor sicherte er sich den Titel bei der Championship League Darts 2009. Die Kombination aus seiner Finalteilnahme bei den UK Open und dem Triumph in der Championship League machte 2009 zu einem der bedeutendsten Jahre seiner Karriere.

Aus „The Wizard“ wird „Ozzy“

In dieser Phase seiner Karriere war Osborne unter dem Spitznamen „The Wizard“ bekannt. Der Name war von „The Wizard of Oz“ (Der Zauberer von Oz) inspiriert und passte gut zu seinem auffälligen Auftreten auf der Darts-Tour.
Allerdings setzte sich zunehmend ein weiterer Spitzname durch: „Ozzy“. Vor allem der legendäre Darts-Kommentator Sid Waddell verwendete diese Bezeichnung regelmäßig.
Dahinter steckte ein bewusstes Wortspiel. „Ozzy“ war nicht nur eine Kurzform von Osbornes Nachnamen, sondern zugleich eine Anspielung auf den Rocksänger Ozzy Osbourne. Die Verbindung zur Musikwelt wurde durch die Wahl seiner Einlaufmusik noch deutlicher.
Osborne betrat die Bühne zu „Paranoid“ von Black Sabbath – jener Band, deren Frontmann Ozzy Osbourne über viele Jahre gewesen war.
Als Simon Whitlock im selben Zeitraum zunehmend unter dem Spitznamen „The Wizard“ bekannt wurde, entschied sich Osborne 2011 schließlich dazu, offiziell zu „Ozzy“ zu wechseln. Damit hatte er einen Spitznamen gefunden, der perfekt zu seiner eigenen Identität passte.

Starker Auftritt bei den Players Championship Finals

Auch 2010 blieb Osborne ein Spieler, der bei großen Turnieren regelmäßig weit kommen konnte. Bei den Players Championship Finals erreichte er das Halbfinale. Dort musste er sich erneut Mervyn King geschlagen geben.
Auch beim Grand Slam of Darts erlebte Osborne ein interessantes Turnier. Zwar verlor er sein erstes Gruppenspiel gegen Robert Thornton, zeigte anschließend jedoch eine starke Reaktion. Mit Siegen über Simon Whitlock und Dave Chisnall sicherte er sich den Einzug in die K.-o.-Phase.
Im Achtelfinale wartete Gary Anderson auf ihn. Der Schotte erwies sich letztlich als zu stark und setzte sich mit 10:3 durch. Osborne blieb jedoch weiterhin eine feste Größe auf der internationalen Darts-Tour und erreichte ein Jahr später bei der Weltmeisterschaft erneut die dritte Runde.

Beinahe eine Sensation gegen van Barneveld

Bei der Weltmeisterschaft 2011 traf Osborne auf Raymond van Barneveld. Es entwickelte sich eine Partie, in der der Engländer lange Zeit auf eine große Überraschung hoffen durfte.
Osborne ging nämlich mit 3:2 Sätzen in Führung. Van Barneveld stand damit mit dem Rücken zur Wand, doch dem Niederländer gelang es, sich zurückzukämpfen.
Die Begegnung kippte vollständig, und Van Barneveld setzte sich am Ende noch mit 4:3 durch. Für Osborne bedeutete dies eine weitere schmerzhafte Niederlage auf einer großen Bühne. Gleichzeitig unterstrich die Partie jedoch seinen Ruf als gefährlicher Außenseiter. Wenn Osborne sein bestes Niveau abrief, konnte er nahezu jeden Gegner vor erhebliche Probleme stellen.

WM-Ergebnisse von Colin Osborne

JahrRundeGegnerResultat
2007ViertelfinaleAndy Jenkins4–5
20081. RundeErwin Extercatte1–3
20092. RundeVincent van der Voort1–4
20101. RundeSimon Whitlock1–3
20113. RundeRaymond van Barneveld3–4
20121. RundeMichael van Gerwen1–3
20132. RundeSimon Whitlock0–4
20141. RundeBrendan Dolan0–3

Der höchste Average aller Zeiten

Im Jahr 2015 sorgte der ehemalige Major-Sieger Paul Nicholson mit einer bemerkenswerten Geschichte über Colin Osborne für Aufsehen. Laut Nicholson soll Osborne bei einem UK Open Qualifier einst einen phänomenalen Average von sage und schreibe 143,14 Punkten gespielt haben. Da es zu jener Zeit noch kein Online-Scoringsystem gab, wurde dieser außergewöhnliche Wert allerdings nie offiziell erfasst.
Nicholson war dennoch fest von der Richtigkeit seiner Geschichte überzeugt. Der damalige Schreiber soll Osbornes außergewöhnliche Leistung bestätigt haben. Demnach wäre es weder Phil Taylor noch Michael van Gerwen oder Luke Littler, sondern Colin Osborne, der den höchsten jemals in der PDC gespielten Average erzielt hätte – wenn auch nur inoffiziell. Ein durchaus bemerkenswerter Rekord, auf den der Engländer stolz sein darf.

Ein vielseitiger Sportler

Eine weitere Besonderheit von Osborne war, dass Darts keineswegs seine einzige sportliche Leidenschaft darstellte. Der Engländer gehörte früher sogar der englischen Tischtennis-Nationalmannschaft an. Darüber hinaus war er einst Meister im Jo-Jo-Spielen. Auch Golf und Snooker zählten zu seinen Hobbys.
Seine sportliche Vielseitigkeit abseits des Dartsports passte zum Bild eines Athleten, der sich nicht ausschließlich mit dem Werfen von Pfeilen beschäftigte. Letztlich war es jedoch der Dartsport, der ihm zu größerer Bekanntheit verhalf.
Osborne zog von seiner Geburtsstadt Middlesbrough nach Derby, wo er sich gemeinsam mit seiner Frau Sarah niederließ. Das Ehepaar bekam zwei Söhne: Colin Jr., geboren 2003, und Alfie, geboren 2006.
Gemeinsam mit Sarah war Osborne außerdem rund eineinhalb Jahre lang Eigentümer und Betreiber des Greyhound-Pubs in der Village Street.

Lange Auszeit und Rückkehr

Nach seinen Jahren als feste Größe auf der PDC-Tour wurde es zunehmend ruhiger um Osborne. Von März 2020 bis einschließlich 2023 nahm er an keinen Dartsveranstaltungen mehr teil.
Im Jahr 2023 kehrte er jedoch in die Dartswelt zurück. Osborne nahm an der MODUS Super Series teil und rückte damit wieder ins Blickfeld der Dartsöffentlichkeit.
Sein Comeback machte deutlich, dass seine Leidenschaft für den Sport nach wie vor ungebrochen war. Auch wenn seine erfolgreichsten Jahre inzwischen hinter ihm lagen, blieb der Name Colin Osborne eng mit einer Ära verbunden, in der er regelmäßig gegen Größen wie Phil Taylor, Raymond van Barneveld, Mervyn King, Michael van Gerwen und Gary Anderson angetreten war.
In den folgenden Jahren versuchte Osborne noch mehrfach, sich über die Q-School eine PDC Tour Card zurückzuerobern. Dies gelang ihm allerdings nicht mehr. Dennoch ist er bis heute gelegentlich bei der MODUS Super Series im Einsatz.

Eine Karriere voller besonderer Momente

Die Karriere von Colin Osborne lässt sich nur schwer anhand seiner gewonnenen Titel zusammenfassen. Natürlich stechen seine beiden Pro-Tour-Titel und sein Triumph bei der Championship League 2009 hervor. Auch seine beiden 9-Darter aus dem Jahr 2005 zählen zu den außergewöhnlichsten Leistungen seiner Laufbahn.
Doch vor allem seine Auftritte auf den großen Bühnen sorgten dafür, dass „Ozzy“ unter den Dartsfans zu einem bekannten Namen wurde.
Zu seinen größten Erfolgen gehörten der Viertelfinaleinzug bei der Weltmeisterschaft 2007, das Halbfinale bei den UK Open im selben Jahr und insbesondere seine Finalteilnahme bei diesem Major-Turnier 2009. Dem gegenüber standen zahlreiche Partien, in denen er den absoluten Topspielern gefährlich nahekam, am Ende jedoch knapp den Kürzeren zog.
Seine Niederlage gegen Taylor beim World Matchplay 2008 war dafür ein extremes Beispiel. Sein Sieg über denselben Gegner im Finale der Championship League 2009 zeigte hingegen eindrucksvoll, wozu Osborne an seinen besten Tagen fähig war.
Damit bleibt Colin Osborne ein Spieler, der zwar nicht dieselbe Titelsammlung vorweisen kann wie die ganz großen Namen seiner Generation, aber dennoch einen wichtigen Platz in der Geschichte der PDC einnimmt. Mit seiner spektakulären Scoringstärke, zwei 9-Dartern, großen Siegen und seinem unverwechselbaren Spitznamen „Ozzy“ hinterließ er in seinen erfolgreichsten Jahren einen bleibenden Eindruck.
Vor allem die Kombination aus seinem ursprünglichen Spitznamen „The Wizard“, der Musik von Black Sabbath und seinen Leistungen gegen die Weltspitze machte Osborne zu einer der schillernden Persönlichkeiten des Dartsports in den 2000er-Jahren. Ein Spieler, der an seinen besten Tagen nicht nur für Überraschungen sorgen, sondern tatsächlich auch die allergrößten Stars besiegen konnte.
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