In dieser Rubrik reisen wir regelmäßig in die Vergangenheit und blicken auf die Karriere eines bestimmten Dartspielers zurück. Heute steht der Engländer Justin Pipe im Mittelpunkt. Über viele Jahre gehörte er zu den bekanntesten Gesichtern im professionellen Dartsport – nicht nur wegen seiner Leistungen, sondern vor allem aufgrund seines auffallend langsamen Wurfstils. Der Engländer entwickelte sich von einem Amateur, der wegen des Zigarettenrauchs in Pubs kaum Darts spielen konnte, zu einem Profi, der große Namen bezwang, mehrere Pro-Tour-Titel gewann und zeitweise sogar zur absoluten Weltspitze gehörte.
Justin Pipe wurde am 9. November 1971 in Taunton geboren. Sein Weg an die Spitze war alles andere als selbstverständlich. In seiner Jugend widmete er sich zunächst dem Boxsport, während seine Darts-Karriere lange Zeit von den damaligen Bedingungen im Sport ausgebremst wurde. Als überzeugter Nichtraucher weigerte er sich nämlich, in den örtlichen Pubs Darts zu spielen. Die großen Mengen an Zigarettenrauch sorgten dafür, dass ihm die Augen tränten.
Mit der Einführung des Rauchverbots in England im Jahr 2007 änderte sich die Situation. Pipe konnte sich wieder ernsthaft dem Dartsport widmen und feierte ein Jahr später seinen ersten größeren Auftritt auf der Bühne. Bei den UK Open 2008 qualifizierte er sich als Pub Qualifier für das Turnier. Dort bezwang er Geoff Wylie und Lionel Sams, ehe sein Lauf in der dritten Runde gegen James Wade endete.
Ein Jahr später wagte Pipe den Schritt auf die PDC Pro Tour. Auch dort machte er schnell auf sich aufmerksam. Bei den UK Open 2009 erreichte er erneut die dritte Runde, in der sich Andy Jenkins schließlich mit 9:5 als zu stark erwies.
Der endgültige Durchbruch gelang Pipe im Jahr 2011. Er qualifizierte sich für die Weltmeisterschaft und feierte zudem sein Debüt beim World Matchplay. In Blackpool sorgte er direkt für eine Überraschung, als er Mervyn King mit 10:6 bezwang.
Später im selben Jahr folgte ein noch größerer Meilenstein. In Dublin gewann Pipe sein erstes PDC-Pro-Tour-Turnier, indem er im Finale niemand Geringeren als Phil Taylor mit 6:5 besiegte. Dieser Erfolg machte deutlich, dass der ungewöhnliche Engländer längst nicht mehr nur wegen seines auffälligen Spielstils für Aufmerksamkeit sorgte, sondern inzwischen auch zu den gefährlichen Außenseitern auf der Pro Tour gehörte.
Kurz darauf gewann Pipe ein weiteres Players-Championship-Turnier. Seine herausragende Serie führte dazu, dass er bei den Players Championship Finals sogar als Nummer eins gesetzt war. Schließlich hatte er bei sechs seiner letzten zehn Turniere das Finale erreicht.
Auch bei der Weltmeisterschaft 2012 zeigte Pipe, dass er sich weiterentwickelt hatte. Nach einem Sieg über Sean Reed geriet er gegen Wes Newton mit 0:2 nach Sätzen in Rückstand, kämpfte sich jedoch zurück und setzte sich schließlich mit 4:3 durch. Damit erreichte er erstmals das Achtelfinale einer PDC-Weltmeisterschaft. Dort erwies sich Terry Jenkins beim 4:1 als zu stark.
Seine Leistungen im Jahr 2011 brachten Pipe zudem eine bedeutende persönliche Auszeichnung ein. Bei den jährlichen PDC Awards wurde er zum PDPA Players' Player of the Year gewählt.
Justin Pipe feierte 2011 seinen endgültigen Durchbruch auf der PDC Pro Tour. Mit mehreren Finalteilnahmen und Siegen über große Namen etablierte sich der Engländer in der Weltspitze.
Ein herausragendes Jahr 2012
Pipe setzte seine starke Form auch 2012 fort. Beim ersten Players Championship des Jahres gewann er das Finale souverän mit 6:0 gegen Paul Nicholson. Einen Tag später stand er erneut im Endspiel, diesmal musste er sich jedoch Michael Smith mit 3:6 geschlagen geben.
Im April folgte einer der bedeutendsten Erfolge seiner Karriere. Pipe gewann die Austrian Darts Open, nachdem er James Wade im Finale mit 6:3 bezwungen hatte. Im Halbfinale hatte er zuvor bereits Raymond van Barneveld mit 6:3 ausgeschaltet und dabei einen Average von 107 Punkten gespielt.
Durch diesen Turniersieg schaffte Pipe erstmals den Sprung in die Top 16 der Weltrangliste. Er rückte auf den 15. Platz vor und war dadurch automatisch für mehrere große TV-Turniere qualifiziert.
Auch beim World Matchplay 2012 wusste Pipe zu überzeugen. Er bezwang Joe Cullen und Wes Newton und erreichte damit das Viertelfinale. Dort erwies sich Ronnie Baxter beim 16:11 als zu stark. Dennoch war es für Pipe das erste Viertelfinale bei einem großen TV-Turnier.
Später im selben Jahr erreichte er auch beim World Grand Prix das Viertelfinale. Darüber hinaus qualifizierte er sich für die Winners Group der Championship League, nachdem er Phil Taylor mit 6:5 besiegt hatte.
Seine starke Pro Tour-Saison brachte Pipe schließlich den fünften Platz in der Order of Merit ein. Bei den Players Championship Finals erreichte er anschließend erstmals das Halbfinale eines großen TV-Turniers. Er bezwang Colin Osborne, Brendan Dolan und Mervyn King, ehe Kim Huybrechts seinen Lauf stoppte. Pipe unterlag mit 6:11.
Auch das Jahr 2013 brachte einige Höhepunkte mit sich. Beim World Matchplay erreichte Pipe zum zweiten Mal in Folge das Viertelfinale. Er bezwang zunächst Mark Webster und anschließend Raymond van Barneveld. Gegen den Niederländer gelang ihm zudem ein spektakuläres 170er-Finish.
Im Viertelfinale wartete Phil Taylor. Pipe konnte die Partie nicht für sich entscheiden und unterlag mit 10:16, hatte damit aber erneut bewiesen, dass er sich mit den besten Spielern der Welt messen konnte.
Eine der größten Leistungen seiner Karriere folgte später im selben Jahr beim World Grand Prix. Pipe bezwang nacheinander Andy Smith, Adrian Lewis und Andy Hamilton und zog damit ins Halbfinale ein. Er selbst bezeichnete diesen Turnierlauf als die beste Leistung seiner Karriere.
Im Halbfinale erwischte Pipe gegen Dave Chisnall einen hervorragenden Start. Er ging zunächst mit 1:0 und später mit 2:1 nach Sätzen in Führung, doch Chisnall drehte die Partie. Am Ende musste sich Pipe mit 2:5 geschlagen geben.
Auch bei den Players Championship Finals erreichte Pipe zum zweiten Mal in Folge das Halbfinale. Erneut hieß sein Gegner Phil Taylor. Zunächst konnte Pipe gut mit der Darts-Legende mithalten, doch beim Stand von 4:5 folgte ein entscheidender Moment. Taylor checkte 132 Punkte über das Bullseye, während Pipe noch 38 Punkte Rest hatte. Anschließend setzte sich Taylor weiter ab und gewann mit 10:4.
Ein letzter Pro-Tour-Titel im Jahr 2014
Auch 2014 spielte Pipe weiterhin auf höchstem Niveau. Bei der German Darts Championship erreichte er das Finale und schien gegen Gary Anderson lange Zeit auf Titelkurs zu liegen. Pipe führte mit 5:3, vergab jedoch gleich sechs Matchdarts. Anderson nutzte seine Chance und setzte sich schließlich mit 6:5 durch.
Im Mai verlor Pipe das Finale eines Players Championship mit 2:6 gegen Peter Wright. Später im Jahr gelang ihm jedoch eine wichtige Revanche. Beim 15. Players Championship 2014 sicherte sich Pipe seinen ersten Titel seit mehr als zwei Jahren.
Die Art und Weise, wie ihm dieser Triumph gelang, war bemerkenswert. Im Halbfinale bezwang er Adrian Lewis in einem Entscheidungsleg, ehe im Finale der amtierende Weltmeister Michael van Gerwen auf ihn wartete. Auch gegen den Niederländer behielt Pipe im Decider die Nerven und sicherte sich den Titel.
Auf seinen Triumph folgte allerdings eine herbe Enttäuschung. Nur zwei Tage später schied Pipe beim World Grand Prix bereits in der ersten Runde aus. Gegen Robert Thornton unterlag er mit 0:2 nach Sätzen.
Ab 2015 wurde es für Pipe zunehmend schwieriger, das Niveau der vorherigen Jahre aufrechtzuerhalten. Bei der Weltmeisterschaft 2015 führte er gegen Laurence Ryder mit 2:1 nach Sätzen, verlor anschließend jedoch sechs Legs in Folge und schied überraschend aus.
Eines seiner letzten großen Endspiele erreichte er im selben Jahr beim Dutch Darts Masters. Pipe zog ins Finale ein, ohne auf dem Weg dorthin einen Spieler aus den Top 20 bezwungen zu haben. Im Endspiel wartete allerdings Michael van Gerwen. Der Niederländer ließ seinem Gegner keine Chance und setzte sich deutlich mit 6:0 durch.
Auch in den folgenden Jahren wurde es für Pipe immer schwieriger, bei großen Turnieren weit vorzustoßen. Bei der Weltmeisterschaft 2016 scheiterte er bereits in der ersten Runde mit 0:3 an Christian Kist. Sein Average lag bei lediglich 75,55 Punkten, zudem verlor er die letzten sieben Legs der Partie.
Dennoch gab es weiterhin Momente, in denen Pipe an seine frühere Klasse anknüpfen konnte. Beim letzten Players Championship des Jahres 2016 erreichte er das Halbfinale. Dabei bezwang er unter anderem Peter Wright, ehe er sich Benito van de Pas knapp mit 5:6 geschlagen geben musste.
2017 folgte bei den Players Championship Finals noch einmal ein bemerkenswerter Erfolg. Als Nummer 23 der Setzliste bezwang Pipe Daryl Gurney im Viertelfinale mit 10:9. Im Halbfinale erwies sich anschließend Michael van Gerwen beim 11:3 als zu stark.
„Cough-gate“ sorgt für Kontroversen
Bei der Weltmeisterschaft 2018 erhielt Pipes Karriere ein äußerst kontroverses Kapitel. In der ersten Runde traf er auf Bernie Smith. In der entscheidenden Phase der Partie schien Pipe näher an Smith heranzurücken und hustete in einem Moment, als sein Gegner zum Matchgewinn warf.
Smith vergab seine Chance und Pipe gewann die Partie schließlich mit 3:2 nach Sätzen. Der Vorfall erhielt schnell den Beinamen „Cough-gate“ und sorgte für zahlreiche Diskussionen. Schließlich schritt die Darts Regulation Authority ein. Am 8. Januar 2018 wurde Pipe aufgrund des Vorfalls mit einer Geldstrafe in Höhe von 3.000 Pfund belegt.
In der zweiten Runde wartete anschließend ein Duell mit Phil Taylor. Gegen den legendären Engländer konnte Pipe nur wenig ausrichten. Er gewann lediglich zwei Legs und musste sich mit 0:4 nach Sätzen geschlagen geben.
WM-Ergebnisse von Justin Pipe
Jahr
Runde
Gegner
Ergebnis
2011
1. Runde
Mark Walsh
1-3
2012
3. Runde
Terry Jenkins
1-4
2013
2. Runde
Mark Walsh
2-4
2014
2. Runde
Devon Petersen
1-4
2015
1. Runde
Laurence Ryder
2-3
2016
1. Runde
Christian Kist
0-3
2017
1. Runde
Chris Dobey
1-3
2018
2. Runde
Phil Taylor
0-4
2020
2. Runde
Daryl Gurney
0-3
Eine außergewöhnliche Geschichte
Was Pipes Karriere so besonders macht, ist die Tatsache, dass sein Erfolg keineswegs selbstverständlich war. Er gehörte nicht zu jenen Spielern, die bereits als junge Teenager jahrelang auf höchstem Niveau aktiv waren. Zunächst hatte er einen Hintergrund im Boxsport, später arbeitete er als Baumpfleger, während seine Darts-Karriere lange Zeit durch den Zigarettenrauch in den Pubs behindert wurde.
Hinzu kam 1993 ein schwerer Autounfall. Dabei war sein rechter Arm drei Monate lang gelähmt. Sein ungewöhnlich langsamer Wurfstil wird teilweise auf die Folgen dieses Unfalls zurückgeführt.
Dennoch gelang es Pipe schließlich, sich zu einem Spieler zu entwickeln, der Phil Taylor, Michael van Gerwen, Raymond van Barneveld, Adrian Lewis und weitere Weltklassespieler bezwingen konnte. Er gewann mehrere Pro-Tour-Titel, erreichte Halbfinals bei großen TV-Turnieren und gehörte zeitweise sogar zu den Top 16 der Weltrangliste.
Seit Januar 2015 wurde Pipe zudem von seinem eigenen „Team Pipe“ betreut. Sein Management bestand aus Familienmitgliedern und seinem Freund Krispy Brown. Zuvor hatte er bereits einen Sponsorenvertrag mit Cosmo Darts abgeschlossen. 2021 verlor Pipe seine PDC Tour Card und kehrte anschließend nicht mehr auf den professionellen Circuit zurück.
Justin Pipe wird letztlich vor allem als einer der eigenwilligsten Spieler in der Geschichte des modernen Dartsports in Erinnerung bleiben. Sein extrem langsames Spieltempo war für die einen ein Ärgernis, für die anderen eine taktische Waffe. Doch hinter diesem auffälligen Spielstil verbarg sich vor allem eine bemerkenswerte Geschichte: die eines Mannes, der seine Chance erst spät ergriff, zahlreiche Hindernisse überwand und sich schließlich unter den besten Dartspielern seiner Generation etablierte.
Nic Gayer ist seit 2022 im Journalismus tätig und begann seine Laufbahn als freier Redakteur im Lokaljournalismus für eine Tageszeitung. Heute berichtet er für Dartsnews.de über den professionellen Dartsport und ordnet das aktuelle Geschehen ein – von großen Turnieren bis zu Entwicklungen abseits der Bühne.
Regelmäßig ist er bei Events vor Ort und begleitet rund 20 Turniere pro Jahr, wo er Interviews führt, unter anderem mit Luke Littler, Luke Humphries, Michael van Gerwen, Gerwyn Price sowie Martin Schindler, Gian van Veen und Josh Rock.
Zudem ist er eine der prägenden Stimmen im englischsprachigen Dartsnews Podcast und Co-Host des Sport-Podcasts Overtime Takes.
Nic arbeitet aus der Nähe von München und steht kurz vor dem Abschluss als Bachelor of Arts in Sportjournalismus.
In seiner Berichterstattung legt er großen Wert auf sorgfältige Quellenprüfung, präzise Einordnung und aktualisiert Inhalte, sobald neue, gesicherte Informationen vorliegen.