Michael van Gerwen zeigte am vergangenen Wochenende bei den
Czech Darts Open phasenweise wieder, wozu er fähig ist, doch der Weg zurück zu seinem besten Niveau ist laut
Vincent van der Voort noch lang. In der Podcast-Reihe
Darts Draait Door analysierte der ehemalige Profi das Auftreten seines guten Freundes. Vor allem die Partien gegen Wessel Nijman und Jonny Clayton machten Hoffnung, auch wenn Van der Voort sah, dass Van Gerwen später im Turnier physisch und mental kaum noch Reserven hatte.
Van Gerwen hatte zum Auftakt erhebliche Probleme mit Mario Vandenbogaerde in der ersten Runde. Der Niederländer ging zwar in Führung, schaffte es jedoch nicht, seinen belgischen Gegner endgültig abzuschütteln.
„Vandenbogaerde ist natürlich nicht der schnellste Spieler. Wenn du dann nicht in Form bist und sehr hart arbeiten musst, ist das einfach ein unangenehmer Gegner“, analysiert Van der Voort. „Er ist sehr solide, und Michael konnte den Unterschied einfach nicht machen.“
Laut Van der Voort hätte Van Gerwen das Match deutlich früher entscheiden müssen. „Er führt 3:1 und verpatzt es ein bisschen, um auf 4:1 davonzuziehen. Ab da wird es einfach eine sehr zähe Partie. Mario bekommt auch die Chance, ihn zu schlagen. Der muss einfach 5:5 machen.“
Wäre das passiert, hätte Van der Voort sehen wollen, wie Van Gerwen mit dem Druck umgeht. „Dann kommt ein sehr nervöses letztes Leg. Er hat natürlich mehr Erfahrung, aber in diesem Moment denkst du wieder: Oh Gott, jetzt geht’s schief. Da kommt der ‚Dr. Bibber‘-Moment ins Spiel.“
Van Gerwen findet Bestätigung gegen Nijman und Clayton
Später im Turnier sah Van der Voort jedoch einen ganz anderen Van Gerwen. Gegen Nijman beeindruckte der dreifache Weltmeister, gerade weil er sich nach einer schwächeren Phase wieder fing.
„Er beginnt sehr gut gegen Nijman, und dann sind es drei legs überhaupt nichts. Da hattest du eigentlich die Befürchtung: Nijman läuft ihm davon. Und dann zeigt er doch, was noch in ihm steckt. Das ist dann alles wieder sehr stark und richtig gut.“
Diese Partie kann laut Van der Voort wichtig für Van Gerwens Vertrauen sein. „Ich denke, das wird für ihn ein sehr gutes Gefühl sein. Diese Bestätigung: Moment mal, ich kann bei 4:4 auch einfach einen Elfer oder Zwölfer werfen. Das steckt also noch drin.“
Van Gerwen verlor im Halbfinale der Czech Darts Open mit 3:7 gegen Luke Littler.
Auch gegen Clayton folgte anschließend ein Auftritt, aus dem Van Gerwen Zuversicht ziehen konnte. „Dann abends gegen Clayton wieder einfach ein gutes Match abliefern. Ich denke, das wird für ihn ein sehr angenehmes Gefühl gewesen sein.“
Van der Voort bemerkte zudem etwas Auffälliges in der Reaktion seines Landsmanns. Van Gerwen, der jahrelang fast nur mit Turniersiegen zufrieden war, konnte sichtbar eine Einzelsieg feiern. „Die Freude nach einem Sieg über Clayton … Dabei will Van Gerwen normalerweise nur den Titel. Jetzt zieht er aus solchen Siegen bereits viel Halt.“
Das ist laut Van der Voort nicht zwingend ein schlechtes Zeichen. „Ich finde das einerseits sehr gut, denn er begreift, dass er im Moment eigentlich nicht um den Titel spielt. Sein Niveau muss im Allgemeinen einfach rauf.“
„Man sah einfach, dass die Kraft nicht mehr da war“
Gleichzeitig warnt Van der Voort davor, das Zwischenhoch größer zu machen, als es ist. Ein Halbfinale ist ein Schritt nach vorn, doch Van Gerwen ist seiner Meinung nach noch lange nicht auf dem Level, das er anstrebt.
„Es ist ein schönes Ergebnis. Es ist schon eine Weile her, dass wir ihn so haben werfen sehen, und das auch zweimal hintereinander. Das ist für ihn gut, aber am Ende muss man kritisch bleiben.“
Im Halbfinale gegen Luke Littler sah Van der Voort einen Van Gerwen, dem kaum noch etwas blieb. „Das war einfach schlecht. Man sah einfach, dass die Kraft nicht mehr da war. Daran siehst du, wie viel Energie es gekostet hat, diese zwei Matches zu spielen. Deshalb ist das Training so wichtig.“
Laut Van der Voort liegt das nicht nur an Van Gerwens Physis. „Ich denke, Michael hat schon eine ordentliche Grundkondition. Er spielt regelmäßig Padel und macht genug. Aber es ist natürlich auch mental. Er ist gewohnt, dass der Arm macht, was er will, und das tut er in letzter Zeit nicht mehr.“
Deshalb ist strukturiertes Training aus seiner Sicht essenziell. Van Gerwen habe inzwischen selbst erkannt, dass mehr Arbeit nötig ist, um seinem alten Niveau wieder näherzukommen. „Zum Glück begreift er auch, dass er mehr tun muss, und er tut auch mehr. Nur kann man nicht nach einer Woche Training denken: Okay, ich bin wieder da, jetzt läuft es und jedes Match ist top. Das geht natürlich nicht.“
Van der Voort sieht es daher vor allem als langen Prozess. „Jetzt heißt es weitermachen. Weiter trainieren, trainieren, trainieren. Es geht mit Höhen und Tiefen. Man muss das wirklich über ein paar Monate betrachten.“
Darin liegt für ihn die größte Herausforderung. „Ich bin wirklich sehr gespannt, ob er das durchhält, so viel Aufmerksamkeit und Zeit zu investieren. Die ganze Woche muss gearbeitet werden. Von Montag bis Mittwoch, vielleicht am Donnerstag. Und am Samstag und Sonntag muss es dann passieren.“