In dieser Rubrik blicken wir regelmäßig auf die Karriere eines besonderen Dartspielers zurück. Heute steht der Deutsche Jyhan Artut im Mittelpunkt. Über viele Jahre gehörte er zu den bekanntesten deutschen Spielern auf der internationalen Bühne.
Rund um das Jahr 2010 entwickelte sich Artut zu einer festen Größe bei den großen PDC-Turnieren. Mehrfach qualifizierte er sich für die Darts WM. Zwar schaffte er nie den endgültigen Sprung in die absolute Weltspitze, dennoch erlebte er einige bemerkenswerte Momente. Vielen Dartsfans dürfte vor allem sein spektakulärer Auftritt gegen Gary Anderson bei der Darts WM 2012 in Erinnerung geblieben sein.
Jyhan Artut wurde am 9. Oktober 1976 in Holzminden geboren. Seinen großen Durchbruch feierte er zunächst in Deutschland. 2009 und 2010 wurde er Deutscher Meister und machte damit innerhalb kurzer Zeit auf sich aufmerksam. Sein zweiter nationaler Titel brachte ihm zudem zum zweiten Mal in Folge einen Startplatz bei der Darts WM ein.
Bei der Darts WM 2010 sorgte Artut direkt für eine große Überraschung. In der ersten Runde traf er auf den erfahrenen Engländer Wayne Mardle, damals eines der bekanntesten Gesichter des Sports. Artut ließ sich davon nicht beeindrucken und feierte einen überzeugenden 3:0-Erfolg.
Damit zog er in die zweite Runde ein, wo Robert Thornton wartete. Gegen den Schotten endete Artuts Turnier schließlich mit einer 1:4-Niederlage.
Ein Jahr später kehrte Artut in den Alexandra Palace zurück. Bei der Darts WM 2011 musste er zunächst durch die Vorrunde. Dort setzte er sich mit 4:3 gegen Scott MacKenzie aus Hongkong durch.
In der ersten Hauptrunde bekam es der Deutsche anschließend mit Denis Ovens zu tun. Seinen Coup gegen Mardle konnte Artut diesmal nicht wiederholen und unterlag mit 1:3.
Artut entwickelte sich weiter und qualifizierte sich auch für die Darts WM 2012. Diesmal löste er sein Ticket über die europäische Order of Merit. Die Auslosung meinte es allerdings alles andere als gut mit ihm: Sein Gegner hieß Gary Anderson.
Was anschließend passierte, entwickelte sich zu einem der denkwürdigsten Erstrundenmatches der damaligen WM-Geschichte. Artut erwischte einen Traumstart und gewann die ersten beiden Sätze. Anderson, bekannt für sein enormes Scoring und sein schnelles Spiel, stand plötzlich mit dem Rücken zur Wand.
Der Schotte kämpfte sich jedoch zurück. Anderson entschied den dritten und vierten Satz für sich und stellte damit auf 2:2. Die Entscheidung musste im fünften und letzten Satz fallen.
Dort bekamen beide Spieler ihre Möglichkeiten. Artut biss sich weiter in die Partie und stand unmittelbar vor einer riesigen Sensation. Im zehnten Leg erhielt er sogar vier Darts, um das Match für sich zu entscheiden.
Doch Artut ließ alle vier Chancen liegen. Anderson entkam und zwang seinen deutschen Gegner schließlich in ein Sudden-Death-Leg.
Dort setzte sich der Schotte letztlich durch. Für Artut war die Niederlage enorm bitter, gleichzeitig hatte er sich mit diesem Auftritt endgültig einen Namen beim internationalen Dartspublikum gemacht. Der Deutsche hatte bewiesen, dass er mit einem der besten Spieler der Welt mithalten konnte.
Auch abseits der Darts WM blieb Artut auf dem internationalen Circuit aktiv. 2012 vertrat er Deutschland gemeinsam mit Bernd Roith beim World Cup of Darts. Das deutsche Duo schied in der zweiten Runde nach einer 1:3-Niederlage gegen die Vereinigten Staaten aus.
Später im Jahr qualifizierte sich Artut über ein Qualifikationsturnier für ein Event der European Tour. Dort bezwang er zunächst Jann Hoffmann und bekam anschließend die Chance, sich mit Wes Newton zu messen. Der damalige Weltranglistenfünfte aus England setzte sich mit 6:4 durch.
Ein Jahr später stand Artut vor einer wichtigen Herausforderung. Er begann 2013 als Nummer 71 der Welt und lag damit außerhalb der Top 64, die ihre PDC Tour Card automatisch behielten.
Artut musste deshalb bei der Q School um seinen Platz auf dem professionellen Circuit kämpfen. Das gelang ihm eindrucksvoll. Bereits am ersten Tag sicherte er sich seine Tour Card mit einem 6:3-Erfolg über Vernon Sheppard.
Dieser Erfolg gab seiner Karriere neuen Schwung. Artut vertrat Deutschland anschließend erneut beim World Cup of Darts, diesmal gemeinsam mit Andree Welge. Das Duo spielte eine starke Gruppenphase und feierte Siege über Finnland und die Vereinigten Staaten.
Anschließend setzte sich Deutschland mit 5:2 gegen Polen durch und erreichte das Viertelfinale. Dort kam es erneut zum Duell mit Finnland.
Artut gewann sein Einzel gegen Jani Haavisto deutlich mit 4:1, während Welge gegen Jarkko Komula verlor. Damit musste das Doppel die Entscheidung bringen. Deutschland kämpfte sich von einem 1:3-Rückstand auf 3:3 zurück, verlor jedoch das entscheidende Leg.
Individuell erzielte Artut 2013 sein bestes Ergebnis beim sechsten UK Open Qualifier. Dort erreichte er das Viertelfinale, in dem John Bowles mit 6:1 zu stark war. Bei den UK Open selbst schaffte es Artut bis in die dritte Runde. Dort unterlag er Kim Huybrechts mit 5:9.
Auch auf der European Tour war der Deutsche regelmäßig vertreten. Er qualifizierte sich für fünf der acht Events und besiegte bei der German Darts Championship unter anderem David Pallett. In der zweiten Runde beendete Andy Hamilton schließlich sein Turnier.
Eine erneute Teilnahme an der Darts WM verpasste Artut 2013 denkbar knapp. Er belegte Rang 13 der europäischen Order of Merit, ihm fehlten jedoch lediglich 500 Pfund zur Qualifikation für die Darts WM 2014. Für einen Spieler, der bereits mehrfach auf der größten Bühne gestanden hatte, war das besonders bitter.
Die Saison 2014 brachte sowohl Enttäuschungen als auch einen großen Höhepunkt. Bei den UK Open schied Artut bereits in der ersten Runde gegen Alan Derrett aus. Auch beim World Cup of Darts lief es für Deutschland mit Artut und Welge nicht nach Wunsch. Südafrika setzte sich mit 5:3 durch.
Van Gerwen stoppt Artut im Players-Championship-Halbfinale
Im Oktober folgte jedoch eine der besten Einzelleistungen in Artuts Karriere. Beim 18. Players Championship des Jahres 2014 stürmte der Deutsche bis ins Halbfinale.
Auf seinem Weg dorthin besiegte er nacheinander Steve Grubb, Ron Meulenkamp, Chris Aubrey, Steve Beaton und Ian White. Erst Michael van Gerwen konnte seinen Lauf stoppen.
Die damalige Nummer eins der Welt gewann das Halbfinale mit 6:4. Dennoch hatte Artut mit seinem starken Turnier erneut bewiesen, dass er an guten Tagen auch gegen absolute Weltklassespieler bestehen konnte.
Zudem qualifizierte er sich für die Darts-EM. Dort unterlag er allerdings bereits in der ersten Runde mit 4:6 gegen Dave Chisnall.
2015 brachte Artut eine weitere besondere Auslosung bei der Darts WM. Über die Pro Tour Order of Merit hatte er sich für das Weltmeisterschaftsturnier qualifiziert und bekam es direkt mit Phil Taylor zu tun.
Gegen den erfolgreichsten Spieler der Darts-Geschichte erwischte Artut einen schwierigen Start. Die ersten beiden Sätze verlor er, ohne ein einziges Leg für sich zu entscheiden.
Aufgeben wollte sich der Deutsche jedoch nicht. Im dritten Satz zwang er Taylor in ein entscheidendes Leg. Der Engländer entschied letztlich auch diesen Durchgang für sich und machte den 3:0-Erfolg perfekt.
Trotz der Niederlage brachte die WM-Teilnahme Artut eine neue persönliche Bestmarke in der Weltrangliste. Er kletterte bis auf Rang 48.
Erneut World-Cup-Viertelfinale – diesmal mit Max Hopp
Auch beim World Cup of Darts 2015 zeigte Artut starke Leistungen. Gemeinsam mit dem jungen Max Hopp vertrat er Deutschland. Das Duo besiegte Indien und Österreich und zog damit ins Viertelfinale ein.
Dort wartete England. Sowohl Artut als auch Hopp verloren ihre Einzelpartien, wodurch das deutsche Team ausschied.
Bei den European Darts Open 2015 gelang Artut zudem ein bemerkenswerter Erfolg gegen Stephen Bunting. Der Deutsche gewann mit 6:3 und zeigte anschließend auch gegen Kim Huybrechts, dass er weiterhin auf hohem Niveau spielen konnte.
Artut erzielte in dieser Zweitrundenpartie einen starken Average von 104,14 Punkten. Dennoch musste er sich Huybrechts mit 4:6 geschlagen geben.
Durch seine konstanten Teilnahmen auf der European Tour qualifizierte sich Artut erneut für die Darts WM. Bei der Ausgabe 2016 traf er wieder auf Bunting.
Diesmal verlor der Deutsche mit 0:3. Im letzten Satz hatte Artut noch Möglichkeiten, die Partie zu verlängern, ließ jedoch zwei entscheidende Chancen ungenutzt.
Anschließend wurde es auf der internationalen Bühne zunehmend ruhiger um Artut. 2016 qualifizierte er sich noch für drei European-Tour-Events, schied allerdings jeweils in der ersten Runde aus.
Auf der Players-Championship-Tour erreichte er immerhin noch einmal das Achtelfinale. Dabei bezwang Artut Dave Chisnall, ehe Joe Cullen ihn mit 6:4 aus dem Turnier nahm.
Gemeinsam mit Max Hopp trat Artut 2016 außerdem erneut beim World Cup of Darts an. Diesmal war bereits in der ersten Runde Schluss. Australien gewann das Duell mit 5:3.
Rückkehr auf die European Tour nach jahrelanger Abwesenheit
Nach mehreren Jahren abseits des Rampenlichts kehrte Artut 2019 auf die European Tour zurück. Bei den European Darts Open in Leverkusen verlor er in der ersten Runde mit 4:6 gegen Wesley Plaisier.
Auch für die beiden darauffolgenden European-Tour-Turniere konnte er sich qualifizieren. In Hildesheim kassierte er allerdings eine deutliche 0:6-Niederlage gegen Boris Koltsov. In München setzte sich Josh Payne mit 6:2 gegen den Deutschen durch.
Diese drei Partien waren zugleich sinnbildlich für das Ende seiner Zeit auf der internationalen Bühne. Artut spielte dabei Averages von lediglich 81, 75 und 82 Punkten.
Kein großer Champion – aber ein Wegbereiter für die heutige deutsche Darts-Generation
All das schmälert Artuts bemerkenswerte Karriere jedoch nicht. Er wurde zweimal Deutscher Meister, spielte bei mehreren Darts WMs und besaß über viele Jahre eine PDC Tour Card. Zudem vertrat er Deutschland mehrfach beim World Cup of Darts.
Artut besiegte Wayne Mardle bei der Darts WM, erreichte ein Halbfinale auf der Players-Championship-Tour und schaffte es bis auf Rang 48 der Weltrangliste.
Vor allem aber wird Jyhan Artut vielen Dartsfans wegen jener spektakulären Nacht im Alexandra Palace in Erinnerung bleiben. Gegen Gary Anderson stand er 2012 lange unmittelbar vor einer Sensation.
Vier vergebene Matchdarts und ein Sudden-Death-Leg trennten den Deutschen letztlich von einem der größten WM-Coups seiner Karriere.
Artut gewann dieses Match nicht. Sein Auftritt zeigte jedoch eindrucksvoll, wozu er an seinen besten Tagen fähig war. Damit gehört er zu jener Generation deutscher Dartspieler, die den Weg für den späteren Aufschwung des deutschen Dartsports auf der internationalen Bühne ebnete.
Sylke Puck ist seit vielen Jahren Teil unseres Redaktionsteams und gehört zu den vielseitigsten Mitgliedern von dartsnews.de. Sie berichtet regelmäßig in Liveblogs über aktuelle Turniere, verfasst Hintergrundberichte und Artikel und trägt mit ihrer Erfahrung und Leidenschaft wesentlich zur Qualität unserer Berichterstattung bei. Durch ihre zuverlässige Arbeitsweise, ihre Begeisterung für den Sport und ihren Blick für Details ist sie zu einem unverzichtbaren Bestandteil des Teams geworden.
Die deutsche Sportjournalistin kam als Seiteneinsteigerin zum Journalismus und entdeckte 2021 ihre Leidenschaft für den Darts-Sport. Seitdem hat sie sich ein beachtliches Portfolio aufgebaut und sich als feste Größe in der Darts-Berichterstattung etabliert. Neben ihrer Arbeit für dartsnews.de schreibt sie gelegentlich auch für dartsnews.com, wo ihre Artikel ein internationales Publikum erreichen.
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