In dieser Rubrik blicken wir regelmäßig auf die Karriere eines bestimmten Dartspielers zurück. Heute steht Les Wallace im Mittelpunkt. Nur wenige Weltmeister in der Geschichte des Dartsports können eine derart außergewöhnliche Geschichte vorweisen wie der Schotte.
In den 1990er-Jahren entwickelte sich Wallace zu einem der auffälligsten Spieler auf der Lakeside-Bühne. Dazu trugen auch sein charakteristischer Kilt und sein Spitzname „McDanger“ bei. 1997 schrieb Wallace schließlich Geschichte und gewann den BDO-Weltmeistertitel.
Damit wurde er nicht nur nach Jocky Wilson zum zweiten schottischen Weltmeister. Wallace war zugleich der erste Linkshänder, der eine Weltmeisterschaft der BDO oder PDC gewinnen konnte.
Doch die Geschichte von Wallace umfasst weit mehr als seinen überraschenden Triumph bei der Darts WM. Hinter seinem größten sportlichen Erfolg verbarg sich ein Leben, das wenige Jahre später völlig aus den Fugen geriet. Private Schicksalsschläge, der Verlust seiner Kinder, Alkoholprobleme und mehrere Konflikte mit dem Gesetz führten dazu, dass sich Wallace nahezu vollständig aus dem professionellen Dartsport zurückzog.
Finale beim World Masters und endgültiger Durchbruch auf der Lakeside
Les Wallace wurde am 22. Februar 1962 im schottischen Forres geboren. Bereits 1993 zeigte er, über welche Qualitäten er am Board verfügte. Beim Winmau World Masters erreichte er das Finale und traf dort auf Steve Beaton.
Der Engländer setzte sich mit 3:1 durch, doch Wallace hatte sich endgültig einen Namen gemacht. Fünf Jahre später sollte er sich den Titel beim World Masters doch noch sichern. Im Finale bezwang er Alan Warriner-Little.
Sein Debüt bei der BDO Darts WM gab Wallace 1995. In der ersten Runde traf er auf Raymond van Barneveld, der sich knapp mit 3:2 durchsetzte.
Nur ein Jahr später ging es für den Schotten deutlich weiter. Wallace erreichte das Halbfinale, ehe Titelverteidiger Richie Burnett seinen Lauf stoppte.
Wallace arbeitete sich Schritt für Schritt in die absolute Weltspitze vor. 1997 passte schließlich alles zusammen. Als ungesetzter Spieler startete er in die Darts WM, sollte anschließend aber das gesamte Turnier auf den Kopf stellen.
In der ersten Runde setzte sich Wallace gegen Bob Taylor durch. Danach wartete erneut Van Barneveld, der ihn zwei Jahre zuvor noch aus dem Turnier geworfen hatte.
Dieses Mal behielt Wallace die Oberhand. In einer umkämpften Partie besiegte er den Niederländer mit 3:2. Anschließend räumte er Paul Williams und Mervyn King aus dem Weg.
King gehörte damals zu den großen aufstrebenden Namen der BDO. Wallace setzte sich im Halbfinale mit 5:3 gegen ihn durch und erreichte damit erstmals das Finale einer Darts WM.
Dort wartete mit Marshall James ebenfalls ein überraschender Finalist. Vor Turnierbeginn hatten wohl nur die wenigsten mit einem Endspiel zwischen diesen beiden ungesetzten Spielern gerechnet.
Wallace ließ sich die große Chance jedoch nicht mehr nehmen. Dabei erwischte er zunächst keinen optimalen Start. James gewann zwei der ersten drei Sets, ehe Wallace die Partie eindrucksvoll drehte.
Der Schotte gewann anschließend fünf Sets in Folge. James verkürzte noch einmal um einen Satz, doch im neunten Durchgang machte Wallace alles klar.
Mit 6:3 gewann „McDanger“ das Finale und durfte die WM-Trophäe in die Höhe stemmen. Im entscheidenden Set gelangen ihm nacheinander Finishes von 96, 137 und 130 Punkten. Damit setzte er seinem Triumph ein beeindruckendes Ende.
Wallace erzielte zudem in jedem seiner fünf WM-Spiele einen Average von mehr als 30 Punkten pro Dart. Das entspricht einem Drei-Dart-Average von jeweils über 90 Punkten.
Sein Erfolg war historisch. Nach dem legendären Jocky Wilson wurde Wallace zum zweiten schottischen Darts-Weltmeister. Gleichzeitig war er der erste Linkshänder, der einen WM-Titel der BDO oder PDC gewinnen konnte.
Auch optisch war Wallace kaum mit einem anderen Spieler zu verwechseln. Regelmäßig betrat er die Bühne in einem traditionellen schottischen Kilt. Das verschaffte ihm in einer Zeit, in der der Dartsport immer populärer wurde, einen besonderen Wiedererkennungswert.
Keine erfolgreiche Titelverteidigung, dafür Triumph beim World Masters
Eine Darts WM zu gewinnen, ist schwierig. Den Titel im folgenden Jahr erfolgreich zu verteidigen, ist oftmals noch schwerer. Diese Erfahrung musste auch Wallace machen.
Bei der Darts WM 1998 ging er als Nummer acht der Setzliste ins Turnier. Entsprechend hoch waren die Erwartungen an den amtierenden Weltmeister. In der zweiten Runde traf er ausgerechnet auf Steve Beaton, gegen den er bereits das World-Masters-Finale 1993 verloren hatte.
Wieder setzte sich Beaton durch. Wallace unterlag mit 2:3 und musste seine WM-Krone frühzeitig abgeben. Am Ende gewann Raymond van Barneveld das Turnier und feierte seinen ersten Weltmeistertitel.
Wallace schlug allerdings noch im selben Jahr zurück. Beim World Masters erreichte er erneut das Finale und bezwang dort Alan Warriner-Little mit 3:2.
Damit standen innerhalb kurzer Zeit sowohl der WM-Titel als auch der World-Masters-Triumph in seiner Vita. Wallace gehörte damit zu einem exklusiven Kreis von Spielern, die beide prestigeträchtigen Titel gewinnen konnten.
Les Wallace gewann die BDO-WM 1997
Der Absturz
Am Board gehörte Wallace weiterhin zur Weltklasse. Abseits des Oche häuften sich jedoch die Probleme.
1999 wurde sein Privatleben von einem schweren Schicksalsschlag getroffen. Wallace und seine Partnerin Carol verloren ihre zu früh geborenen Zwillinge. Die beiden Kinder wurden lediglich vier Tage alt.
Der Verlust belastete auch die Beziehung schwer. Schließlich trennte sich das Paar und Wallace begann zunehmend Alkohol zu trinken.
Seine professionelle Dartskarriere rückte dadurch immer weiter in den Hintergrund. Bei der Darts WM 1999 traf Wallace erneut auf Raymond van Barneveld.
Der Schotte stand dabei dicht vor einem Sieg und erhielt sogar Matchdarts. Er konnte seine Möglichkeiten jedoch nicht nutzen. Van Barneveld setzte sich schließlich erneut mit 3:2 durch.
Im Jahr 2000 nahm Wallace zum letzten Mal an der BDO Darts WM teil. Bereits in der ersten Runde verlor er mit 0:3 gegen Ritchie Davies. Anschließend verschwand der ehemalige Weltmeister weitgehend von der professionellen Dartsbühne.
Auch abseits des Boards geriet Wallace in Schwierigkeiten
In den folgenden Jahren bekam Wallace zudem mehrfach Probleme mit dem Gesetz. Bereits 1996 wurde er wegen Fahrens unter Alkoholeinfluss, Fahrens ohne Versicherung und Nichtanhaltens verurteilt. Er erhielt eine Geldstrafe und durfte zwölf Monate lang kein Fahrzeug führen.
2001 folgte eine deutlich schwerere Verurteilung wegen gefährlichen Fahrverhaltens. Wallace musste für vier Monate ins Gefängnis und erhielt ein dreijähriges Fahrverbot.
Im selben Jahr bekam er zudem eine Bewährungsstrafe, weil er kommunale Steuern in Höhe von mehr als 778 Pfund nicht bezahlt hatte.
Damit befand sich Wallace plötzlich in einer völlig anderen Lebenssituation. Nur wenige Jahre zuvor hatte er für seinen Triumph bei der Darts WM noch 38.000 Pfund Preisgeld kassiert.
Seine Liebe zum Dartsport verlor Wallace dennoch nie vollständig. 2004 gewann er die Hampshire Open. Auch in den folgenden Jahren versuchte er gelegentlich, wieder auf die große Bühne zurückzukehren.
2006 trat er im Vorfeld des Finales der World Darts Trophy in einem Legends-Match gegen Bobby George an. Für einen Spieler, der zu diesem Zeitpunkt weitgehend von der Bildfläche verschwunden war, bedeutete das einen bemerkenswerten Auftritt vor dem TV-Publikum.
Die noch größere Überraschung folgte 2012. Im Alter von 49 Jahren nahm Wallace an der PDC Q-School teil.
Entgegen vieler Erwartungen gelang es dem ehemaligen Weltmeister tatsächlich, eine PDC Tour Card zu gewinnen. Wallace belegte den 23. Rang der Q-School Order of Merit und erhielt dadurch die Spielberechtigung für zwei Jahre auf dem professionellen Circuit.
Zur großen sportlichen Rückkehr entwickelte sich das Comeback allerdings nicht. Nach zwei Jahren verlor Wallace seine Tour Card wieder.
Les Wallace kam auf die World Seniors Darts Tour zurück
Ein Weltmeister, der nie vergessen wurde
2022 tauchte Wallace erneut in der Dartswelt auf. Dieses Mal trat er auf der World Seniors Darts Tour an. Bei der Senioren Darts WM unterlag er John Walton knapp mit 2:3.
Auch beim World Seniors Masters ging „McDanger“ an den Start. Dort schaffte er es sogar bis ins Viertelfinale, ehe Phil Taylor seinen Lauf beendete.
Die Geschichte von Les Wallace bleibt damit eines der bewegendsten Kapitel der Dartsgeschichte. Sportlich erreichte er beinahe alles: einen Weltmeistertitel, den Triumph beim World Masters, historische Bestmarken und einen Kultstatus bei den Fans.
Doch gerade nach seinem größten Erfolg begann eine Phase, in der sein Privatleben zunehmend aus den Fugen geriet.
Das macht seinen WM-Triumph von 1997 rückblickend umso bemerkenswerter. In einer Ära mit Spielern wie Richie Burnett, Steve Beaton und Raymond van Barneveld kämpfte sich der ungesetzte Schotte durch ein hochkarätiges Teilnehmerfeld.
Er bezwang Van Barneveld, schaltete Mervyn King aus und ließ schließlich auch Marshall James im Finale hinter sich. Damit verewigte sich Les Wallace endgültig in der Geschichte der Darts WM.
Sylke Puck ist seit vielen Jahren Teil unseres Redaktionsteams und gehört zu den vielseitigsten Mitgliedern von dartsnews.de. Sie berichtet regelmäßig in Liveblogs über aktuelle Turniere, verfasst Hintergrundberichte und Artikel und trägt mit ihrer Erfahrung und Leidenschaft wesentlich zur Qualität unserer Berichterstattung bei. Durch ihre zuverlässige Arbeitsweise, ihre Begeisterung für den Sport und ihren Blick für Details ist sie zu einem unverzichtbaren Bestandteil des Teams geworden.
Die deutsche Sportjournalistin kam als Seiteneinsteigerin zum Journalismus und entdeckte 2021 ihre Leidenschaft für den Darts-Sport. Seitdem hat sie sich ein beachtliches Portfolio aufgebaut und sich als feste Größe in der Darts-Berichterstattung etabliert. Neben ihrer Arbeit für dartsnews.de schreibt sie gelegentlich auch für dartsnews.com, wo ihre Artikel ein internationales Publikum erreichen.
Ihr Schreibstil zeichnet sich durch Präzision, Einfühlungsvermögen und ein tiefes Verständnis für Spieler und Fans gleichermaßen aus – Eigenschaften, die sie zu einer wertvollen Stimme im DartsNews-Netzwerk machen.