Dennis Priestley gehörte jahrelang zur absoluten Weltspitze und spielte eine Schlüsselrolle beim Entstehen des heutigen professionellen Dartscircuits. Inzwischen blickt der zweifache Weltmeister mit großer Zufriedenheit auf seine Karriere zurück. Im Podcast Tops & Tales von Schiedsrichter Huw Ware sprach Priestley ausführlich über seine Teilnahme an der Premier League, seine berühmte Kampfeslust, die Diagnose Prostatakrebs und die enorme Entwicklung, die der Dartsport seither durchlaufen hat.
Priestley erlebte zu Beginn dieses Jahrhunderts eine schwächere Phase, kämpfte sich jedoch wieder unter die besten Spieler der Welt. Als die Premier League eingeführt wurde, fehlte „The Menace“ zunächst im Teilnehmerfeld. Das ließ ihm keine Ruhe.
„Ich stand meiner Meinung nach auf Platz fünf der Weltrangliste und dachte: Das kann nicht stimmen“, erzählt Priestley. „Ich sagte zu Freunden: ‚Ich rücke das gerade. Ich sorge dafür, dass ich in die Top Vier komme, dann können sie mich nicht mehr übergehen.‘“
Priestley hielt Wort. Er spielte nahezu alle Turniere, sammelte ausreichend Ranglistenpunkte und kletterte nach eigener Aussage bis auf Rang drei. „Dann kamen sie nicht mehr an mir vorbei.“
Seine Teilnahme an der Premier League bescherte Priestley eines der prägendsten Erlebnisse seiner Laufbahn. Der Engländer durfte in Sheffield vor rund 5000 Zuschauern antreten. Für den stolzen Yorkshireman wurde es ein unvergesslicher Abend.
„Mir stellten sich die Nackenhaare auf, als alle ‚Yorkshire, Yorkshire‘ zu singen anfingen“, erinnert er sich. „Ich glaube, ich spielte gegen Colin Lloyd. Ich weiß nicht mehr genau, ob ich etwas wie 7:0 gewonnen habe, aber das Publikum hatte definitiv Einfluss auf meinen Gegner.“
Für Priestley war dieser Abend zugleich die Bestätigung, dass all die Risiken, die er Jahre zuvor mit der Gründung der neuen Dartsorganisation eingegangen war, nicht umsonst gewesen waren. Auf die Frage, ob sich dadurch alles gelohnt habe, antwortet er ohne Zögern: „Ja.“
Seine Verbundenheit mit Yorkshire zieht sich wie ein roter Faden durch sein Leben. Priestley wuchs in einer Familie auf, in der hartes Arbeiten selbstverständlich war. Vor allem sein Vater hinterließ tiefen Eindruck.
„Ich glaube nicht, dass ich je jemanden getroffen habe, der härter arbeitete als mein Vater“, sagt Priestley. „Er hatte zwei oder drei Jobs. Nachts arbeitete er in der Grube bei Manvers, damit er tagsüber Zeit für andere Tätigkeiten hatte.“
Sein Vater kaufte unter anderem Altholz aus abgerissenen Gebäuden, bearbeitete es weiter und stand zudem auf dem Markt in Doncaster, wo er unter anderem Fahrradzubehör, Werkzeug und andere Waren verkaufte.
Dennis Priestley wurde der erste Weltmeister überhaupt bei der PDC
‚Du liegst 0:5 hinten, aber das hätte gar nicht sein müssen‘
Dieser Arbeitsethos spiegelt sich in einem Merkmal, für das Priestley in seiner Dartskarriere bekannt war: Aufgeben kam für ihn selten infrage. Selbst aus scheinbar aussichtslosen Lagen drehte er Matches noch.
Er denkt sofort an eines seiner bekanntesten Comebacks, gegen John Part. Zur Pause lag Priestley 0:5 zurück.
„Ich sagte zu mir selbst: ‚Dennis, du liegst 0:5 hinten, aber das hätte gar nicht sein müssen. Du hättest genauso gut 5:0 führen können, oder es hätte 3:2 stehen können.‘“
Dieser Gedanke ließ ihn an seine Chancen glauben. Das Ergebnis war spektakulär. „Nach der Pause habe ich am Ende 6:5 gewonnen.“
Priestley räumt ein, dass Spieler manchmal besser werfen, wenn ein Match verloren scheint, weil der Druck abfällt. Bei ihm lief es jedoch anders. Nach eigener Aussage blieb er voll im Spiel.
„Ich habe genauso hart weitergekämpft. Ich sagte mir, dass ich überhaupt nicht 0:5 hätte hinten liegen müssen – warum also aufgeben?“
Seine Reputation als Comeback-König ordnet er dennoch mit Humor ein. „Ich wäre lieber derjenige gewesen, der vorne liegt, als jedes Mal zurückkommen zu müssen. Ganz auf die einfache Art, so wie Phil es schließlich gemacht hat.“
2007 stand Priestley vor einer weit größeren Herausforderung. Während seiner Teilnahme an der Premier League merkte er, dass etwas nicht stimmte. Vor allem nachts häuften sich die Beschwerden.
„Ich musste mitten in der Nacht vier- bis fünfmal zur Toilette. Da dachte ich: Das lasse ich mal untersuchen.“
Im Oktober 2007 erhielt er die Diagnose Prostatakrebs. Die Nachricht traf ihn hart.
„Es ist natürlich ein gewaltiger Schock, wenn jemand dir sagt, dass du Krebs hast. Du fragst dich: Wie lange habe ich noch? Aber Krebs ist heute in vielen Fällen behandelbar, vor allem, wenn er früh entdeckt wird. Die Überlebenschancen waren noch nie so hoch.“
Priestley versuchte, sich nicht vollständig von der Diagnose bestimmen zu lassen. „Es war definitiv eine schwere Zeit, aber ich dachte: Was passiert, das passiert. Wenn meine Zeit gekommen ist, an Prostatakrebs zu sterben, dann ist das so. Es hätte keinen Sinn gehabt, mir ständig Sorgen zu machen.“
Er trat anschließend noch bei der WM an, wo er in der ersten Runde ausschied. Danach konzentrierte sich Priestley auf seine Operation. Er wollte selbst bestimmen, wann der Eingriff erfolgt, und ließ ihn privat durchführen.
Anfang Januar reiste er in aller Frühe nach Sunderland, wo er operiert wurde. Laut Priestley verlief der Eingriff gut, und nach nur einer Nacht durfte er nach Hause, um dort weiter zu genesen.
Darts war anschließend vorerst keine Option. „Ich habe drei oder vier Wochen keinen Dart angefasst. Alles musste natürlich erst verheilen.“
Einige Monate später kehrte Priestley bei einem Players Championship in Wigan zurück. Dort erlebte er einen Empfang, den er nicht so schnell vergessen würde.
„Als ich hereinkam, begannen die Leute vor mir zu klatschen. Offenbar hatte jemand gesagt, dass Dennis kommt. Ich betrat den Saal und alle applaudierten. Das war sehr schön.“
Danach folgten regelmäßig PSA-Bluttests. Der gewünschte Wert blieb laut Priestley bei null. Nach fünf Jahren wurde die Häufigkeit der Kontrollen reduziert, und seither ist alles gut geblieben.
In den 90er-Jahren waren Phil Taylor und Dennis Priestley große Rivalen
„Ich wusste, dass meine Zeit gekommen war“
Priestley blieb anschließend noch jahrelang auf der Profi-Tour aktiv. Obwohl er nicht mehr so konstant spielte wie in seinen besten Jahren, feierte er weiterhin Erfolge. Er nennt unter anderem einen Turniersieg im Ashton Gate, dem Stadion von Bristol City, und einen Triumph in Gibraltar.
Am Ende kam jedoch der Moment, an dem die Motivation schwand. Wieder spielte Wigan eine wichtige Rolle. „Ich spielte dort am Samstag und wurde, glaube ich, von einem jungen Kerl deutlich abgefertigt. Es hat mir einfach keinen Spaß mehr gemacht.“
Für den nächsten Morgen stand erneut ein Turnier an, doch Priestley traf eine Entscheidung. „Ich sagte zu Jenny: ‚Ich gehe morgen nicht zurück.‘ Das ist eigentlich gar nicht typisch für einen Yorkshireman, denn ich hatte 110 Pfund Startgeld bezahlt. Dieses Geld war also weg.“
Aber selbst diese vergeudeten 110 Pfund konnten ihn nicht mehr umstimmen. „Ich wusste, dass meine Zeit gekommen war. Ich konnte die Energie einfach nicht mehr aufbringen, um weiterzuspielen.“
Als einer der Spieler, die das moderne Profi-Darts mitbegründeten, verfolgt Priestley den aktuellen Sport noch immer mit Interesse. Er sieht vor allem, wie viele Möglichkeiten die Spieler heute haben.
„Es ist natürlich extrem vollgepackt. Die Topspieler, die gut performt haben, können sich heute aussuchen, welche Turniere sie spielen und welche nicht.“
Dennoch stellt Priestley die derzeitige PDC Order of Merit, die auf erzieltem Preisgeld basiert, infrage. „Ob jemand, der die WM gewinnt, allein durch das Preisgeld automatisch die Nummer eins der Welt sein sollte, weiß ich nicht. Ich bin mir nicht sicher, ob das der beste Weg ist, eine Weltrangliste zu erstellen.“
Gleichzeitig erkennt er, wie viel professioneller der Sport geworden ist. Die Organisation habe sich seiner Ansicht nach stark verbessert, und die finanziellen Möglichkeiten seien mit seiner eigenen Spitzenzeit kaum noch vergleichbar.
„Ich hoffe, sie begreifen, was wir durchgemacht haben“
Gerade deshalb hofft Priestley, dass die aktuelle Generation die Opfer seiner Generation nicht vergisst. Er gehörte zu der Spielerguppe, die Anfang der 1990er-Jahre mit dem bestehenden Darts-Verband brach und damit letztlich die Grundlage für die heutige PDC legte.
„Wir haben das aufgebaut, damit Dartspieler Multimillionäre werden können. Ich hoffe nur, dass sie begreifen, welche Opfer wir dafür gebracht haben.“
Priestley weist darauf hin, dass aus der ursprünglichen Gruppe mittlerweile mehrere Spieler verstorben sind. Unter anderem Jocky Wilson und Eric Bristow sind nicht mehr da. Er würde es begrüßen, wenn die Pioniere von damals deutlicher gewürdigt würden.
„Es wäre schön, wenn die PDC etwas mehr anerkennen würde, wie viel Unruhe wir erlebt haben und wie viel wir dafür geopfert haben. Nicht einmal Respekt, wie soll ich es sagen? Einfach ein Dankeschön.“
Dabei betont Priestley auch die wichtige Rolle von Sky Sports und Barry Hearn. „Wenn Sky uns nach dem Bruch nicht unterstützt hätte, gäbe es keine PDC. Sie sind uns treu geblieben.“
Als Hearn sich in die Organisation einschaltete, gab es laut Priestley zudem finanzielle Probleme. „Barry kam herein und sagte, er werde alle Schulden bezahlen. Die PDC schuldete mir und Phil eine ganze Menge Geld. Es gab kein Geld, um Sieger und Finalverlierer auszuzahlen.“
Hearn versprach bei einem Treffen in Blackpool, die Organisation innerhalb weniger Jahre auf Kurs zu bringen. Sonst würde er gehen.
„Aber wie wir jetzt wissen, ist der Rest Geschichte“, so Priestley. „Es ist eine Millionenindustrie geworden. Ich hoffe einfach, dass die Jungs, die heute ein Vermögen verdienen, zu schätzen wissen, was wir durchgemacht haben.“
Oliver Ried ist seit Ende 2024 Redakteur bei Dartsnews.de. Er berichtet dort über den professionellen Dartsport und erstellt regelmäßig Liveblogs zu den wichtigsten Turnieren und Ereignissen, darunter die PDC World Darts Championship, die Premier League Darts und das World Matchplay. Ergänzend veröffentlicht er Berichte, Einordnungen und Hintergrundtexte zum Geschehen auf der PDC-Tour. Seit Anfang 2025 schreibt er zudem für Radsportaktuell.de über den professionellen Radsport.
Oliver ist in Würzburg stationiert. Neben seiner redaktionellen Arbeit ist er selbst aktiver Dartspieler und bringt dadurch zusätzliche Praxisnähe in seine Berichterstattung ein. Er studiert Grundschullehramt und legt bei seinen Artikeln Wert auf sorgfältige Quellenprüfung, klare Einordnung und verlässliche Informationen. Inhalte aktualisiert er, sobald neue, gesicherte Details vorliegen.