In dieser Rubrik blicken wir regelmäßig gemeinsam mit einem Dartspieler zurück in die Vergangenheit. Heute steht der Engländer Wayne Mardle im Mittelpunkt. „Hawaii 501“, wie sein Spitzname lautet, gehört zu den schillerndsten Persönlichkeiten, die der Dartsport je hervorgebracht hat.
Als Spieler entwickelte sich Mardle zu einem absoluten Publikumsliebling. Spektakuläre Matches, bittere Niederlagen und einige der größten Momente der PDC-Geschichte prägten seine Laufbahn. Obwohl er nie Weltmeister wurde, hinterließ Mardle bleibenden Eindruck. Zunächst mit seinen Leistungen auf der Bühne, später mit seinen pointierten Analysen und seiner unverwechselbaren Stimme als Kommentator.
Wayne Mardle wurde am 10. Mai 1973 in Dagenham geboren. Seine Geschichte begann jedoch in Tottenham im Norden Londons. Mardle war gerade einmal elf Jahre alt, als er mit dem Dartspielen begann. Sein Vater wurde zu seinem ersten Gegner und Trainingspartner.
Schnell zeigte sich das Talent des jungen Engländers. Nur zwei Wochen, nachdem er ernsthaft mit dem Dartspielen begonnen hatte, warf Mardle seine erste 180. Wenig später hatte er seinen Vater spielerisch bereits überholt.
Seinen ersten Turniersieg feierte Mardle an seinem 13. Geburtstag im Jahr 1986. Im Pub „Double Top“ sicherte sich der Youngster seinen ersten Titel. Es war der Beginn einer langen Reise, die ihn schließlich auf die größten Dartbühnen der Welt führen sollte.
Erste Erfolge bei der BDO
Bevor sich Mardle endgültig für die PDC entschied, machte er sich zunächst im Circuit der British Darts Organisation (BDO) einen Namen. Sein Debüt bei der Darts WM im Lakeside gab er im Jahr 2000. Dort schied er allerdings bereits in der ersten Runde gegen Matt Clark aus.
Nur ein Jahr später zeigte Mardle, welches Potenzial in ihm steckte. In Lakeside bezwang er unter anderem Co Stompé und Ronnie Baxter und erreichte das Halbfinale. Dort erwies sich der spätere Weltmeister John Walton als zu stark. 2002 zog Mardle erneut ins Viertelfinale ein, scheiterte dort jedoch an Colin Monk.
Der nächste große Schritt seiner Karriere folgte 2003. Mardle wechselte zur PDC und gab sein Debüt bei deren Darts WM. Sein erster Auftritt in der Circus Tavern endete in der dritten Runde mit einer Niederlage gegen Phil Taylor. Es war der Auftakt einer besonderen Rivalität mit dem erfolgreichsten Spieler der Darts-Geschichte.
Mardle benötigte nicht viel Zeit, um sich an das Niveau der PDC zu gewöhnen. Bei seinem ersten World Matchplay in Blackpool sorgte der Engländer sofort für Aufsehen. Im Winter Gardens bezwang er nacheinander den amtierenden Weltmeister John Part, Alan Warriner-Little und Colin Lloyd.
Damit stand Mardle plötzlich im Finale eines der wichtigsten Turniere im PDC-Kalender. Sein Gegner war ausgerechnet Phil Taylor. Mardle konnte zwar nicht verhindern, dass „The Power“ den Titel gewann, doch spätestens jetzt hatte er sich in der Weltspitze etabliert.
In den folgenden Jahren wurde der Engländer zu einer festen Größe an der Spitze der PDC. Zwischen 2004 und 2006 erreichte er dreimal in Folge das Halbfinale der Darts WM. 2004 und 2006 stoppte ihn Taylor, während Mark Dudbridge ihm 2005 den Einzug ins Finale verwehrte.
Mardle kletterte schließlich bis auf den fünften Platz der Weltrangliste, die höchste Position seiner Karriere. Dennoch blieb eine ungewöhnliche Schwäche Bestandteil seines Spiels. Dartslegende und Kommentator Sid Waddell bezeichnete diese einst als „Mardle Drift“: Pfeile, die für die 20 gedacht waren, landeten regelmäßig in der 5 oder Triple 5.
Premier League Darts und der „Mardle Cup“
Mardle gehörte außerdem zu den Spielern, die in den Anfangsjahren der Premier League Darts regelmäßig zum Teilnehmerfeld zählten. Er spielte bei den ersten Ausgaben 2005 und 2006 mit und kehrte später 2008 und 2009 zurück.
Seine ersten beiden Teilnahmen verliefen allerdings äußerst schwierig. Sowohl 2005 als auch 2006 beendete Mardle die Premier League auf dem letzten Tabellenplatz. Daraus entstand ein wenig schmeichelhaftes Vermächtnis: Der letzte Platz wurde unter Fans scherzhaft als „Mardle Cup“ bezeichnet.
Seine schwache Form kostete ihn anschließend den Platz in der Premier League 2007. Auch ansonsten verlief dieses Jahr enttäuschend. Bei der Darts WM unterlag Mardle überraschend bereits in der ersten Runde dem ungesetzten Alan Caves. Auch danach gelang ihm 2007 bei keinem großen Turnier der erhoffte Durchbruch.
Doch genau auf diese schwierige Phase folgte eines der denkwürdigsten Kapitel seiner gesamten Karriere.
Bei der Darts WM 2008 schien Mardle wieder zu seiner alten Stärke gefunden zu haben. Im Viertelfinale traf er auf Phil Taylor, der zu diesem Zeitpunkt bereits 13 Weltmeistertitel gewonnen hatte. Taylor schien zunächst erneut auf einen Sieg zuzusteuern und ging mit 3:0 in Führung.
Mardle gab jedoch nicht auf. „Hawaii 501“ kämpfte sich zurück in die Partie und sorgte schließlich für eine der größten Überraschungen der damaligen WM-Geschichte. Mit 5:4 bezwang er Taylor.
Zum ersten Mal in der Geschichte der PDC Darts WM war Taylor vor dem Finale ausgeschieden. Nach diesem Triumph galt Mardle plötzlich als einer der großen Favoriten auf den Weltmeistertitel. Im Halbfinale wartete der erst 21 Jahre alte Kirk Shepherd, ein Qualifikant, der damals lediglich auf Rang 142 der Weltrangliste stand.
Auf dem Papier schien der Weg ins Finale frei. Doch ausgerechnet jetzt ging alles schief. Mardle verlor mit 4:6 gegen Shepherd. Später räumte er ein, seinem Gegner nicht den nötigen Respekt entgegengebracht zu haben. Seine Einstellung vor dem Match bezeichnete er als zu sorglos.
Es wurde zu einer der größten verpassten Chancen seiner Karriere. Näher sollte Mardle einem möglichen Weltmeistertitel nie wieder kommen.
Nach seinem sensationellen Erfolg gegen Taylor erhielt Mardle 2008 eine Wildcard für die Premier League Darts. Einige Beobachter diskutierten diese Entscheidung kontrovers, doch auf der Bühne bewies Mardle, dass er dort hingehörte.
Er spielte eine solide Saison und landete am Ende auf Rang fünf. Auf Adrian Lewis, der als Vierter die Play-offs erreichte, fehlten ihm lediglich zwei Legs. Auch beim World Matchplay 2008 stellte Mardle seine Klasse noch einmal unter Beweis. Er erreichte das Halbfinale, hatte dort gegen James Wade allerdings keine Chance und verlor deutlich mit 5:17.
Dennoch blieb Mardle ein Spieler, der die Zuschauer begeisterte. Seine extravagante Erscheinung, sein Enthusiasmus und seine Emotionen unterschieden ihn von vielen seiner Konkurrenten.
Wayne Mardle erreichte selbst fünfmal das Halbfinale der Darts-WM
Eine Krankheit beendet Mardles Zeit an der Weltspitze
2009 begann der sportliche Abstieg. In der Premier League sammelte Mardle aus seinen ersten neun Begegnungen lediglich vier Punkte. Anschließend erkrankte er an einem Virus und musste einen Spieltag aussetzen.
Eine Woche später schien eine Rückkehr möglich. Doch am Tag vor den Partien wurde Mardle ins Krankenhaus eingeliefert. Die Diagnose lautete Mumps. Er versuchte anschließend erneut zurückzukehren, musste jedoch wieder ins Krankenhaus.
Aufgrund der Regeln der Premier League nahm die PDC Mardle schließlich aus dem Wettbewerb. Seine zuvor erzielten Ergebnisse wurden gestrichen.
Die gesundheitlichen Probleme hatten schwerwiegende Folgen. Später erklärte Mardle, dass er nach seiner rund sechsmonatigen Zwangspause wegen der Erkrankung nie wieder vollständig zu seiner alten Form gefunden habe.
Seinen letzten Auftritt bei der Darts WM absolvierte er 2010. Gegen Jyhan Artut verlor Mardle in der ersten Runde mit 0:3. Sein Average von lediglich 72 Punkten verdeutlichte die Schwierigkeiten, mit denen er zu diesem Zeitpunkt zu kämpfen hatte.
Nach und nach rutschte Mardle in der Weltrangliste immer weiter ab. Schließlich fand er sich nur noch ungefähr auf Rang 85 der PDC Order of Merit wieder.
Vom Spieler zum Kommentator – und ein kurioser Auftritt mit Wilfred Genee
2012 versuchte Mardle noch einmal, sich über den PDPA Qualifier einen Startplatz bei der Darts WM zu sichern. In der Vorrunde unterlag er Ken Dobson jedoch deutlich mit 0:5.
Kurz darauf stand eine wichtige Entscheidung an. Seine Position in der Weltrangliste reichte nicht mehr aus, um automatisch eine Tour Card zu erhalten. Mardle hätte sich daher über die Q School erneut einen Platz auf der Pro Tour erspielen müssen. Er entschied sich dagegen und schlug stattdessen eine neue Karriere als Kommentator und Experte ein.
Zu Beginn seiner Fernsehkarriere tauchte auch ein kurioses Video aus dem Jahr 2005 wieder auf. Mardle spielte damals bei den Masters of Darts in den Niederlanden. Nach einer Niederlage wurde er vom niederländischen Moderator Wilfred Genee interviewt.
Ein offensichtlich betrunkener Mardle bemerkte dabei nicht, dass das Gespräch live im Fernsehen übertragen wurde. Daraus entwickelte sich ein entsprechend kurioses Interview. Jahre später konnte Mardle selbst herzlich über die Szenen lachen.
Seinen ersten offiziellen Einsatz als PDC-Kommentator hatte Mardle während der Darts WM 2011. Dort arbeitete er unter anderem mit dem legendären Sid Waddell zusammen. Auch mit bekannten Persönlichkeiten wie Rod Harrington und Eric Bristow teilte er sich das Mikrofon.
Ab 2012 wurde Mardle zu einer festen Größe bei den TV-Turnieren von Sky Sports. Sein Stil unterschied sich deutlich von dem vieler anderer Experten. Während andere Kommentatoren vor allem Statistiken und taktische Aspekte hervorheben, bringt Mardle besonders viel Emotion und Energie in die Übertragungen.
Er äußert seine Meinung klar, zeigt Begeisterung und spart auch nicht mit Kritik. Gleichzeitig kennt er den Sport aus nahezu jeder Perspektive. Mardle weiß, wie es sich anfühlt, vor Tausenden Zuschauern auf einer Bühne zu stehen. Er kennt große Führungen, die noch verspielt werden, ebenso wie entscheidende Matches unter enormem Druck.
Gerade diese Erfahrungen machen seine Analysen so wertvoll.
Während der Darts WM wurde Mardle zudem für seine eigenen Segmente bekannt. Dabei zeichnet er Zuschauer für außergewöhnliche Kostüme, Tänze, Schilder oder andere besondere Aktionen aus. Die Gewinner erhalten ein „Wayne's World“-Shirt.
2006 veröffentlichte Mardle gemeinsam mit Ian Spragg das Buch Hawaii 501 – Life as a Darts Pro. Darin blickte er auf sein Leben als professioneller Dartspieler zurück. Sein Spitzname „Hawaii 501“ wurde im Laufe der Jahre zu einem festen Bestandteil seiner Identität.
Auch sein Privatleben war von schweren Momenten geprägt. Im Dezember 2024 wurde bekannt, dass seine Ehefrau Donna im Alter von 52 Jahren verstorben war. Die Nachricht wurde kurz vor Beginn der Darts WM 2025 öffentlich und bedeutete für Mardle eine weitere äußerst schwierige Phase.
Dennoch blieb er dem Sport verbunden, der bereits seit seinem elften Lebensjahr eine zentrale Rolle in seinem Leben spielt.
Wayne Mardle gewann in seiner Karriere nie einen Weltmeistertitel. Dafür erreichte er zweimal das Finale des World Matchplay, stand mehrfach im Halbfinale der Darts WM und bezwang Phil Taylor auf einer der größten Bühnen des Sports. Seine Laufbahn zeigt damit eindrucksvoll, warum Darts weit mehr ist als nur das Gewinnen von Titeln.
Mardle war der Spieler, der an einem Tag glänzen und am nächsten einbrechen konnte. Der Mann, der Phil Taylor bezwang und anschließend ein WM-Halbfinale gegen einen Qualifikanten verlor. Der Publikumsliebling entwickelte sich nach seiner aktiven Karriere schließlich zu einer der bekanntesten Stimmen des modernen Dartsports.
Und vielleicht ist genau das sein größter Erfolg. Wayne Mardle wurde zwar nie Weltmeister, doch sein Name ist untrennbar mit der Geschichte der PDC verbunden. Früher als farbenfroher Publikumsliebling auf der Bühne – heute als ebenso unverwechselbare Stimme daneben.
Oliver Ried ist seit Ende 2024 Redakteur bei Dartsnews.de. Er berichtet dort über den professionellen Dartsport und erstellt regelmäßig Liveblogs zu den wichtigsten Turnieren und Ereignissen, darunter die PDC World Darts Championship, die Premier League Darts und das World Matchplay. Ergänzend veröffentlicht er Berichte, Einordnungen und Hintergrundtexte zum Geschehen auf der PDC-Tour. Seit Anfang 2025 schreibt er zudem für Radsportaktuell.de über den professionellen Radsport.
Oliver ist in Würzburg stationiert. Neben seiner redaktionellen Arbeit ist er selbst aktiver Dartspieler und bringt dadurch zusätzliche Praxisnähe in seine Berichterstattung ein. Er studiert Grundschullehramt und legt bei seinen Artikeln Wert auf sorgfältige Quellenprüfung, klare Einordnung und verlässliche Informationen. Inhalte aktualisiert er, sobald neue, gesicherte Details vorliegen.