„Wenn du nicht hinfährst, bereust du es“ – Wie Dragutin Horvats Frau die unglaubliche Super-League-Wende einleitete

PDC
Montag, 17 August 2026 um 18:00
Dragutin Horvat (1)
Eigentlich hatte Dragutin Horvat den Kampf um die Super League bereits aufgegeben. Nach dem Next-Gen-Wochenende in Sindelfingen entschied sich der 50-Jährige, beim letzten Wochenende der Saison nicht mehr anzutreten und damit auf seine letzte Chance im Rennen um das Ticket für die Darts WM zu verzichten. Doch auf der Heimfahrt nach Kassel brachte ihn seine Frau zum Umdenken. Exakt eine Woche später folgte ein kaum für möglich gehaltenes Happy End: Horvat gewann das letzte Event der PDC Europe Next Gen und sicherte sich mit einem dramatischen 6:5-Finalsieg gegen Spitzenreiter Jaimy van de Weerd doch noch die Qualifikation für die Super League.
Für Horvat war vor dem entscheidenden Sonntag klar: Nur ein Turniersieg würde ihm die Teilnahme an der Super League sicher garantieren. Ausgerechnet der Mann, der bislang bei jeder Ausgabe des deutschen WM-Qualifikationsturniers dabei war, stand vor dem Aus. Zweimal hatte er sich über diesen Weg bereits für die Darts WM qualifiziert.
Als am Sonntag schließlich der entscheidende Dart in der Doppel 16 steckte, brachen alle Emotionen aus Horvat heraus. Mit einem lauten Schrei feierte der Routinier seinen Triumph. Um 18:40 Uhr deutscher Zeit stand fest: Auch die 14. Auflage der PDC Europe Super League wird nicht ohne ihren Dauerbrenner stattfinden.

„Meine Frau ist schuld, dass ich heute hier bin“

Direkt nach dem Finale baten die Kommentatoren Adrian Geiler und Till Stein den sichtlich erleichterten Horvat zum Interview. „Du hast es geschafft, du hast dich mit dem letzten Dart der Saison für die Super League qualifiziert“, leitete Geiler das Gespräch ein.
Doch bevor Horvat antwortete, wollte er zunächst die Abschlusstabelle der PDC Europe Next Gen sehen. Platz 16 hätte ihm für die Qualifikation gereicht. Durch seinen Turniersieg katapultierte er sich sogar noch auf Rang neun.
„Krass, krass, wer hätte das gedacht“, reagierte Horvat. Anschließend verriet er, dass er ohne seine Frau vermutlich überhaupt nicht beim entscheidenden Wochenende angetreten wäre.
„Es geht erstmal ein Dankeschön an meine Frau nach Hause, weil die ist dran schuld, dass ich heute hier bin und gestern hier war. Eigentlich hatte ich es ja schon abgehakt. Aber auf dem Heimweg letzte Woche von Sindelfingen nach Kassel gab es ein Gespräch.“
Seine Frau habe ihm eine klare Ansage gemacht. „Sie hat gesagt: Wenn du nicht herfährst, dann bereust du es. Und sie hatte recht. Ich habe alles richtig gemacht, sie hat mir den richtigen Tipp gegeben.“
Dass daraus sogar der Turniersieg entstehen würde, konnte Horvat unmittelbar nach dem Finale selbst kaum begreifen. „Dass ich heute das Turnier gewinne, glaube ich selbst noch nicht. Ich weiß noch gar nicht, was ich sagen soll.“

Horvat steht vor dem Aus – und dreht plötzlich auf

Dabei hätte Horvats Turnier bereits in der ersten K.o.-Runde vorbei sein können. Gegen Alexander Presser lag „Brazzo“ mit 1:3 zurück und stand unmittelbar vor dem Aus. Doch genau in diesem Moment fand der erfahrene Deutsche sein bestes Spiel.
Mit Legs in 15, 14 und 14 Darts drehte Horvat die Partie noch zum 4:3 und erreichte die Runde der letzten 64. Von diesem Zeitpunkt an nahm sein Turnier richtig Fahrt auf. Bis zum Viertelfinale gab er nur noch ein einziges Leg ab.
„Ich liege 3:1 zurück und dann dachte ich mir: Was willst du machen? Wenn er zumacht, dann bin ich raus und das war es dann für mich“, blickte Horvat auf die kritische Phase zurück. „Und so musste ich mich dann nochmal zusammenreißen und so habe ich dann zu spielen.“
Der knappe Erfolg löste bei ihm offenbar etwas aus. „Als ich das Spiel dann gewonnen habe, habe ich mir gedacht: Schlimmer kann es nicht mehr kommen, enger kann es nicht mehr werden.“
Doch bereits die nächste Partie verlangte Horvat erneut alles ab. Gegen den jungen Kevin Bielmeier musste er wieder kämpfen. „Der Junge, ein ganz Junger war das, der hat mich richtig gefordert. Der war saustark.“
Horvat konnte darüber im Nachhinein lachen. „Ich dachte mir: Das kann doch nicht sein. Gibt es nicht mal einen Gegner, bei dem ich ein bisschen durchatmen kann? Aber das war gut. Ich konnte nicht durchatmen und das hat mich immer stärker und stärker gemacht.“
So arbeitete sich „Herkules“ tatsächlich bis ins Finale vor. Dort wartete ausgerechnet Jaimy van de Weerd, die Nummer eins der Next-Gen-Rangliste.
Dragutin Horvat im Ally Pally
Spielte das letzte mal bei der Darts WM 2025 und will auch 2027 wieder nach London: Dragutin Horvat

Drama im Decider gegen Jaimy van de Weerd

Auch das Endspiel entwickelte sich zum Krimi. Erst im elften und letzten Leg fiel die Entscheidung. Horvat räumte schließlich die Doppel 16 ab und machte damit nicht nur den Turniersieg, sondern gleichzeitig seine Super-League-Qualifikation perfekt.
„Dass ich jetzt noch das Finale rocke und dann beim 5:5 – ich habe ein bisschen Glück, dass Jaimy in dem Moment wirklich nicht seine Topleistung abrufen konnte“, erklärte Horvat. Gleichzeitig habe er selbst in den entscheidenden Momenten genügend Scores gefunden. „Dass ich ab und zu mal Triple treffen konnte und so auch abhauen konnte und am Schluss dann doch die Doppel 16 getroffen habe“, fasste er zusammen.
Gerade die Doppel 16 hatte ihn zuvor noch geärgert. „Ich hatte vorhin auch eine Doppel 16, die mir rausgefallen ist. Das hat mich auch ein bisschen geärgert. Dann wäre ich ein Break zur 5:4-Führung vorne gewesen, dann wäre es auch ein bisschen einfacher gewesen.“
Am Ende suchte selbst Horvat nach einer Erklärung für das dramatische Happy End. „Vielleicht war der liebe Gott dabei, vielleicht war es jemand anderes, eine höhere Macht, keine Ahnung. Es hat funktioniert, ich freue mich sehr darüber.“
Dann folgte ein Satz, der wohl kaum besser zu Horvats besonderer Super-League-Geschichte passen könnte: „Dann gehen wir jetzt ins 14. Jahr der Super League. Was willst du machen?“

„Ich fahre nicht dorthin, um mir anzuschauen, wie die anderen spielen“

Horvats Vita im deutschen Darts kann sich ohnehin sehen lassen. Zahlreiche Auftritte auf der European Tour, ein Titel auf der Challenge Tour sowie Erfolge auf der Next Gen und in der Super League stehen in seiner Bilanz, dazu die Auftritte im Ally Pally 2017 und 2024. Dazu kommt sein ganz besonderes Alleinstellungsmerkmal: Horvat ist der einzige Spieler, der bei jeder bisherigen Ausgabe der Super League dabei war.
Auf die Frage, ob er im November nun seinen dritten Triumph bei dem prestigeträchtigen Qualifikationsturnier anstrebe, musste Horvat deshalb nicht lange überlegen.
„Natürlich. Ich fahre ja nicht nur dorthin, um mir anzuschauen, wie die anderen spielen. Ich will schon mitmischen.“
Anschließend dachte der 50-Jährige sogar direkt an die Konkurrenz. Horvat gratulierte Daniel Klose zu dessen Titel auf der Challenge Tour und wollte wissen, ob bei einer anderweitigen WM-Qualifikation von Klose noch der 17. Platz der Next-Gen-Rangliste nachrücken würde.
Dort steht aktuell Kevin Jußen. Horvats Reaktion folgte prompt: „Dann herzlichen Glückwunsch Kevin zur Qualifikation.“ Kevin Jußen wäre sicher für die Super League qualifiziert gewesen, falls Horvat das Finale nicht gewonnen hätte. So muss jetzt Jußen auf einen Erfolg von Daniel Klose am letzten Wochenende der Challenge Tour hoffen.

„Ich hätte heute Morgen keinen Euro auf mich gesetzt“

Dabei hatte Horvat selbst die Super-League-Qualifikation praktisch schon abgeschrieben. Lange deutete am Wochenende wenig darauf hin, dass der Routinier noch einmal in den Kampf um die begehrten Plätze eingreifen könnte.
Entsprechend schwer fiel es ihm unmittelbar nach seinem Triumph, seine Erwartungen für die Super League zu formulieren. „Jetzt momentan mit gar keinem, weil ich muss das erstmal verarbeiten. Wer hätte damit gerechnet, dass ich heute hier gewinne?“
Horvat ging sogar noch weiter. „Also ganz ehrlich: Ich hätte heute Morgen keinen Euro auf mich gesetzt.“
Sein Start ins Turnier in der Gruppenphase unterstrich diese Einschätzung. „Ich habe das Turnier mit einem 66er-Schnitt angefangen, dann kamen 77 und ich denke mir: Wenn du jetzt in der K.o.-Phase nichts machst, dann kannst du gleich nach Hause fahren. Dann hast du hier nichts zu suchen.“
Doch genau danach platzte der Knoten. „In dem Moment ging es dann los.“ Aus einem durchwachsenen Turnierstart wurde ein Lauf, der Horvat letztlich bis zum Titel und zur Super League führte.
Bis zum Turnier im November bleibt ihm nun noch Zeit, sich auf den nächsten Angriff vorzubereiten. An seiner Einstellung lässt Horvat keinen Zweifel. „Natürlich fahre ich hin und will kämpfen. Was mir nicht passieren wird, ist, dass ich es zu lasch nehme.“
Der 50-Jährige kündigte eine intensive Vorbereitung an. „Ich werde mich gut vorbereiten und werde dafür alles geben, weil das ist mein Turnier. Es war keiner öfter als ich dabei. Und ich werde darum kämpfen, dass nie jemand öfter als ich dabei ist.“

„Ich liebe diese Sportart und werde sie weiterlieben“

Wie viel ihm dieser Erfolg bedeutet, zeigte Horvat auch auf die Frage, welchen Stellenwert der dramatische Turniersieg in seiner Karriere einnimmt. Eine klassische Rangliste seiner größten Erfolge wollte er gar nicht erst aufstellen.
„Ich bin ein sehr emotionaler Mensch. Und wenn es um etwas geht, was ich liebe, was ich mache, dann geht es mir sehr nahe“, sagte Horvat. „Ich liebe diese Sportart und werde sie weiterlieben, das ist so.“
Zum Abschluss zog „Brazzo“ dann selbst noch einen scherzhaften Vergleich mit James Wade. Der Engländer gilt seit Jahrzehnten als einer jener Spieler, die aus der Weltspitze scheinbar einfach nicht verschwinden wollen.
Ähnliches lässt sich inzwischen über Dragutin Horvat und die Super League sagen. Sieben Tage zuvor hatte er seine Teilnahme praktisch schon abgeschrieben. Seine Frau überzeugte ihn zur Rückkehr, Horvat nutzte seine allerletzte Chance – und steht nun zum 14. Mal bei der Super League am Oche.
Oder anders gesagt: So wie man James Wade im internationalen Darts einfach nicht loswird, ist auch der „deutsche James Wade“ wieder da. Und wenn es nach Dragutin Horvat geht, soll seine einzigartige Super-League-Serie noch lange nicht enden.
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