In den vergangenen Jahren schien Belgien alle Trümpfe in der Hand zu halten, um sich dauerhaft als Topnation in der Dartswelt zu etablieren. Nahezu alle großen Turniere liefen live im Fernsehen, lokale Wettbewerbe platzten aus allen Nähten, und mit zwei European-Tour-Events sowie in diesem Jahr sogar einem Premier-League-Spieltag auf belgischem Boden schien der Aufstieg der Pfeilsportart unaufhaltsam.
Doch dann kam 2025 – ein echtes annus horribilis für das belgische Darts. Sportliche Rückschläge, verpasste Erwartungen und individuelle Krisen prägten ein Jahr, das viele Hoffnungen jäh ausbremste. Dieser Rückblick ist zugleich ein vorsichtiger Ausblick auf vermeintlich bessere Zeiten.
Ein verheißungsvoller Start mit Rissen im Fundament
Dabei begann 2025 für Belgien durchaus vielversprechend.
Dimitri Van den Bergh und der frischgebackene Major-Sieger
Mike De Decker rangierten in oder knapp außerhalb der Top-16 der Weltrangliste. Gleichzeitig musste Belgien mit Ronny Huybrechts und Robbie Knops zwei PDC-Tour-Card-Inhaber verabschieden, erhielt mit Stefaan Henderyck aber auch einen neuen hinzu.
Guter Start für Van den Bergh – dann der totale Absturz
Beim ersten Major-Turnier des Jahres, dem Winmau World Masters, schien zunächst alles nach Plan zu laufen. Van den Bergh bezwang unter anderem Michael van Gerwen und Nathan Aspinall und zog ins Halbfinale ein. Dort erwies sich Jonny Clayton mit 5:2 als zu stark. Dennoch wirkte Van den Bergh bereit für eine starke Saison.
Nur einen Monat später stand er bei den UK Open in Minehead auf der Bühne, wo er seinen Titel aus dem Vorjahr verteidigte. „The Dreammaker“ erreichte das Achtelfinale, unterlag dort jedoch Michael Smith klar mit 3:10. Besonders alarmierend: Van den Bergh blieb bei einem Average von lediglich 70 Punkten. War das ein einmaliger Ausrutscher – oder der Beginn eines Negativtrends?
Es war Letzteres. Nach einer Phase schwankender Leistungen und einem abrupten Rückzug von einem Floor-Turnier in Rosmalen zog Van den Bergh die Reißleine. Er entschied sich bewusst für eine Pause, um mental und körperlich zu regenerieren, und kündigte an, stärker zurückzukehren. Fast zwei Monate lang spielte er kein Turnier und kehrte erst beim World Cup of Darts zurück. Gemeinsam mit
Mike De Decker trat er für Belgien an, doch auch dort folgte die Enttäuschung: Das Team schied bereits in der Gruppenphase aus.
Der restliche Saisonverlauf brachte für den 31-jährigen Belgier kaum Besserung. Erst bei den letzten Floor-Turnieren blitzte mit einem weiteren Viertelfinale leichte Erholung auf. Mit einem kleinen Rest an Optimismus reiste Van den Bergh zur PDC Darts WM, doch im Alexandra Palace folgte der nächste Tiefschlag. In der ersten Runde unterlag er Darren Beveridge chancenlos mit 0:3 und blieb erneut bei einem Average von kaum 80 stehen. Van den Bergh war zurück am Ausgangspunkt.
So startet er mit einem Berg an Fragen in die neue Saison. In der Weltrangliste rutschte er auf Platz 25 ab und ist nicht länger Belgiens Nummer eins. In der virtuellen Tour-Card-Wertung liegt er sogar nur auf Rang 51. Die Aufgabenliste ist lang – doch Talent verschwindet nicht. Van den Bergh gewann in seiner Karriere bereits zwei Major-Titel und spielte in der Premier League Darts gegen die Besten der Welt. Zudem ist er noch jung genug, um – möglicherweise stärker denn je – zurückzukommen. Dass 2026 ein Schlüsseljahr seiner Laufbahn wird, steht jedoch außer Frage.
Mike De Decker – Belgiens neue Nummer eins
Während Van den Bergh 2025 noch als belgische Nummer eins in die Saison ging, hat
Mike De Decker diese Rolle inzwischen übernommen. Doch auch für ihn verlief das Jahr nicht überragend, zumal die Erwartungen hoch waren. 2024 hatte De Decker mit dem Gewinn des World Grand Prix endgültig seinen Durchbruch gefeiert und sich Richtung Top-20 der Welt gespielt. Umso größer war die Enttäuschung, als er nicht für die Premier League Darts nominiert wurde.
Fest entschlossen, der PDC das Gegenteil zu beweisen, startete De Decker stark ins neue Jahr. Bei den Belgian Darts Open erreichte er vor heimischem Publikum das Finale, musste sich dort jedoch Luke Littler geschlagen geben. In den folgenden Monaten spielte De Decker solide, doch echte Ausreißer nach oben blieben aus. „The Real Deal“ erklärte zudem offen, dass er Probleme hatte, sich an seine neuen Pfeile zu gewöhnen. Der Wechsel von Bull’s Darts zu Mission erwies sich als Anpassungsprozess, der seine Leistungen über das gesamte Jahr hinweg beeinflusste.
Die PDC lud De Decker zu den World-Series-Turnieren in Ozeanien ein. Beim Australian Darts Masters erreichte er bei seinem Debüt prompt das Finale, erneut war Littler mit 8:4 zu stark. In den folgenden Monaten kamen ein Achtelfinale beim World Matchplay sowie ein Viertelfinale bei den World Series of Darts Finals hinzu.
Auch für De Decker endete das Jahr mit einer WM-Enttäuschung. In der ersten Runde unterlag er David Munyua mit 2:3. Aktuell steht De Decker auf Rang 19 der Weltrangliste, muss in diesem Jahr jedoch seinen Titel beim World Grand Prix verteidigen. Wohin sich seine Karriere entwickelt, bleibt offen – das Potenzial für den nächsten Schritt ist jedoch weiterhin vorhanden.
The Hurricane im Auge des Sturms
Lange Zeit war
Kim Huybrechts Belgiens Nummer eins, später die klare Nummer zwei – inzwischen rangiert „The Hurricane“ nur noch auf Platz drei der nationalen Hierarchie. Mit 40 Jahren steht Huybrechts an einem echten Karriere-Scheideweg. Das Jahr 2025 geriet für ihn zum sportlichen Desaster: Er rutschte auf Rang 60 der Weltrangliste ab und findet sich in der virtuellen Tour-Card-Wertung sogar nur auf Platz 69 wieder. Die Gefahr, nach 15 ununterbrochenen Jahren auf der Pro Tour Ende 2026 seine PDC Tour Card zu verlieren, ist real.
Der Abwärtstrend zieht sich bereits über einen längeren Zeitraum und lässt sich bislang kaum stoppen. Die Hauptursachen liegen in schwachen Ergebnissen bei den Floor-Turnieren und den selten gelungenen Qualifikationen für die European Tour – genau dort, wo wichtige Pfund für die Weltrangliste zu holen sind. Auch die Weltmeisterschaft endete für Huybrechts ernüchternd: In der ersten Runde unterlag er Arno Merk glanzlos mit 1:3.
Dabei steht außer Frage, dass Huybrechts das Niveau besitzt, um in der PDC mitzuhalten. Das bewies er in der Vergangenheit mit Titeln auf der European Tour, Erfolgen bei Floor-Turnieren und sogar einem Major-Finale. Als einer der Wegbereiter ebnete er der aktuellen belgischen Generation den Weg zur PDC. Doch der Nachwuchs wird jünger, die Konkurrenz größer – und auch wenn 40 im Darts kein Alter ist, wird 2026 für Huybrechts zum entscheidenden Jahr. Die zentrale Frage lautet: Kann er sich noch einmal aufrappeln?
Mario Vandenbogaerde – „Lucky Mario“
Der vielleicht beste Belgier des Jahres 2025 war
Mario Vandenbogaerde. Der sympathische 52-jährige Westflame spielte eine bemerkenswert konstante Saison auf der Pro Tour und erreichte als einziger Belgier ein Finale bei einem Ranglistenturnier. Beim 28. Players Championship des Jahres unterlag er im Endspiel Ryan Searle knapp mit 6:8.
Über die gesamte Saison hinweg kämpfte Vandenbogaerde um den Erhalt seiner PDC Tour Card. Er pendelte konstant um Rang-64, und nach einem frühen WM-Aus schien es, als würde er sie doch noch verlieren. Aus „Super Mario“ wurde jedoch plötzlich „Lucky Mario“: Nach einer positiven Dopingprobe wurde Dom Taylor das WM-Preisgeld aberkannt. Auf Basis seiner starken Saison rückte Vandenbogaerde in der Weltrangliste um die entscheidende Position nach oben – ein Glücksmoment, den er sich sportlich verdient hatte. Damit darf er auch 2026 weiterhin auf der PDC Tour antreten.
Andy Baetens – enttäuschender Lakeside-Champion
Andy Baetens gewann 2023 die WDF-Weltmeisterschaft im Lakeside. Der Ostflame schien bereit, auch bei der PDC eine größere Rolle zu spielen – doch die Realität fiel ernüchternd aus. „The Beast“ zeigte immer wieder hohe Averages und feierte einzelne starke Siege, doch die Konstanz fehlte. Zwar qualifizierte er sich über das Qualifikationsturnier für die WM, doch nach einem intensiven Match erwies sich Dirk van Duijvenbode als eine Spur stärker.
An Baetens’ grundsätzlichen Möglichkeiten bestehen weiterhin kaum Zweifel. Dennoch deutete van Duijvenbode im Interview nach dem Match an, dass der Belgier möglicherweise eine Grundsatzentscheidung treffen müsse: Alles auf die Dartskarriere setzen oder weiterhin Arbeit und Profidarts kombinieren. Fakt ist: Bei der Q-School Anfang dieses Monats verpasste Baetens die Rückeroberung seiner PDC Tour Card. 2026 wird er daher vor allem auf der Challenge Tour sowie bei der WDF zu sehen sein.
Stefaan Henderyck – schwere Mission auf der Pro Tour
Ebenfalls 2026 auf der Pro Tour vertreten ist Stefaan Henderyck. Der 52-Jährige sicherte sich Anfang des vergangenen Jahres seine PDC Tour Card, konnte bislang jedoch kaum Matches gewinnen. Unter diesen Voraussetzungen dürfte es eine nahezu unlösbare Aufgabe werden, die Tour Card bis zum Jahresende zu verteidigen.
| Spieler | Position in der Weltrangliste |
| Mike De Decker | 19 |
| Dimitri Van den Bergh | 25 |
| Kim Huybrechts | 60 |
| Mario Vandenbogaerde | 64 |
| Stefaan Henderyck | 92 |
Die Zukunft – zwischen Premier-League-Premiere und langfristiger Hoffnung
Bei der jüngsten Q-School konnte sich kein belgischer Spieler eine PDC Tour Card sichern.
Besonders Lennart Faes war nah dran, scheiterte jedoch hauchdünn. Ist damit alles negativ? Nein, ganz sicher nicht. Wie bereits angedeutet, dürfen sich die belgischen Dartsfans in diesem Jahr auf einen Premier-League-Abend in der AFAS Dôme – dem früheren Sportpaleis – freuen. Für Belgien ist das eine Premiere. Außerhalb Großbritanniens gastierte der wandernde Dartszirkus bislang nur in Deutschland und den Niederlanden.
Allein diese Entscheidung ist ein klares Signal: Die PDC schätzt den belgischen Markt hoch ein. Hinzu kommen auch 2026 wieder feste Termine im Kalender, darunter die Belgian Darts Open sowie die Flanders Darts Trophy. Der professionelle Unterbau bleibt also stabil, die Bühne für Wachstum ist vorhanden.
Identifikation, Nachwuchs und ein langer Atem
Damit der Dartshype in Belgien jedoch nachhaltig weiterlebt, braucht es mehr als große Events. Entscheidend ist, dass es auch Spieler gibt, mit denen sich die Fans identifizieren können. In diesem Sinne bleibt zu hoffen, dass sich die aktuellen Tour-Card-Inhaber 2026 stabilisieren – und zugleich, dass Schritt für Schritt frisches Blut nachrückt.
Im Nachwuchsbereich wird in Belgien intensiv und strukturiert gearbeitet. Spieler wie Lex Paeshuyse, Matthias Moors oder Rune Van Damme gelten als Beispiele für eine Generation, die Perspektive verspricht. Entscheidend wird jedoch sein, den Druck niedrig zu halten. Anders als in den Niederlanden ist die Basis in Belgien noch deutlich schmaler. Genau deshalb erscheint ein langfristiger Ansatz sinnvoller als schnelle Erwartungen.
Belgiens Dartszukunft ist damit kein Selbstläufer – aber sie ist offen, lebendig und voller Ansatzpunkte. Zwischen strukturellem Wachstum, internationaler Anerkennung und der Hoffnung auf neue Identifikationsfiguren liegt die Chance, dass aus dem annus horribilis tatsächlich der Wendepunkt wird.