Die Sorgen um Raymond van Barneveld nehmen von Woche zu Woche zu. Während der fünffache Weltmeister jahrelang für Klasse, Ausstrahlung und Unerschütterlichkeit auf der Bühne stand, scheint die Darts-Legende inzwischen vor allem mit sich selbst zu ringen. Nach erneut einer schmerzhaften Niederlage auf der European Tour im österreichischen Graz erklingt nun – über seinen guten Freund Vincent van der Voort – erstmals ernsthaft die Stimme, dass „Barney“ möglicherweise vorübergehend einen Schritt aus dem Profi-Zirkus zurückmacht.
Der 59-jährige Hagener erlebte vergangene Woche einen neuen sportlichen Tiefpunkt in seinem Match gegen Alan Soutar bei den Austrian Darts Open 2026. Van Barneveld unterlag mit 2:6 und verzeichnete dabei einen erschreckend niedrigen Average von nur 77,79. Nie zuvor spielte er auf einem European-Tour-Turnier so schwach. Für viele Dartfans war es erneut ein ernüchternder Moment in einer Phase, in der der ehemalige Weltmeister immer weiter abzurutschen scheint.
Große Sorgen
Auch sein guter Freund und Ex-Profi Vincent van der Voort macht sich große Sorgen. Im Podcast Darts Draait Door sprach er offen über den Kontakt, den er anschließend mit Van Barneveld hatte. „Man denkt jedes Mal, dass es nicht schlimmer werden kann, aber trotzdem verliert er fortwährend“, so Van der Voort. „Ich habe danach kurz per WhatsApp mit ihm gesprochen, und da merkst du, dass es ihm richtig schlecht geht.“
Laut Van der Voort steht inzwischen auch die Frage im Raum, ob Weitermachen überhaupt noch Sinn ergibt. Der ehemalige UK Open-Finalist enthüllte, dass Van Barneveld ernsthaft über eine vorübergehende Pause vom Darts nachdenkt. „Er überlegt, kurz einen Schritt zurückzutreten, denn so hat es wirklich keinen Sinn mehr“, sagte Van der Voort. „Da habe ich wirklich Mitleid mit ihm. Ich kenne ihn seit 35 Jahren.“
Dass Van Barneveld in schwerem Fahrwasser ist, zeigt sich schon länger. Während er sich in den vergangenen Jahren bei TV-Turnieren gelegentlich noch aufraffen und teils sogar starke Resultate erzielen konnte, läuft es auf dem Floor seit Monaten äußerst zäh. Bei den Players Championships und Euro Tours folgen frühe Ausscheiden in rasantem Tempo aufeinander. Häufig geschieht das gegen Spieler, die Van Barneveld in seinen Topjahren problemlos geschlagen hätte.
Auffällig sind vor allem die niedrigen Averages und der Mangel an Vertrauen am Oche. Die Selbstverständlichkeit, mit der Van Barneveld früher Finishes checkte und hohe Scores produzierte, scheint völlig verschwunden. Selbst seine größten Fans schauen inzwischen mit Schmerz im Herzen zu.
Van der Voort bezeichnet die Niederlage gegen Soutar daher als „eine neue Untergrenze“. „Wenn Leute zu mir sagen würden, dass Raymond im 70er-Bereich wirft, dann würde ich sagen: ‚Auf keinen Fall, das kann nicht sein‘“, erklärte er. „Das sollte er selbst wirklich nicht wollen.“
Nach Ansicht des Ex-Profis zeigt die aktuelle Situation, dass selbst die allergrößten Champions nicht vor Niedergang gefeit sind. „Vor ein paar Jahren hätten wir das nie erwartet. Ich dachte immer, er hat so viel Talent, dass er im Autopiloten noch locker mithalten könnte. Aber man sieht, dass auch solche Champions abrutschen können.“
Vincent van der Voort ist seit vielen Jahren gut mit Raymond van Barneveld befreundet
Vergleich mit Taylor
Der Vergleich mit Darts-Ikone Phil Taylor ließ sich dabei nicht vermeiden. Während Taylor seine Karriere vergleichsweise kontrolliert herunterfuhr und große sportliche Einbrüche vermeiden konnte, scheint Van Barneveld immer tiefer in eine Negativspirale zu geraten. „Ich bin froh, dass so etwas bei Phil Taylor nie passiert ist“, sagte Van der Voort.
Dennoch bleibt die Zuneigung für Van Barneveld innerhalb der Dartswelt ungebrochen. Der Niederländer wurde zu einem der wichtigsten Wegbereiter des modernen Darts in den Niederlanden. Mit seinen WM-Titeln, ikonischen Duellen gegen Taylor und seiner enormen Popularität inspirierte er eine ganze Generation von Dartern. Ohne Van Barneveld wäre der aktuelle niederländische Darts-Boom vermutlich nie so groß geworden.
Gerade deshalb schmerzt der aktuelle Niedergang so viele. Fans hoffen weiterhin auf ein letztes Aufflackern der Legende, zugleich wächst jedoch das Bewusstsein, dass die Realität hart ist. Auf höchstem Niveau werden Zweifel und fehlendes Vertrauen gnadenlos bestraft.
Zudem hat sich Van Barneveld kürzlich einem neuen Management angeschlossen, das enge Verbindungen zu ehemaligen Begleitern von Taylor haben soll. Laut Van der Voort bleibt jedoch abzuwarten, ob das tatsächlich einen Unterschied macht. „Jetzt muss man sehen, was das mit ihm macht“, sagte er. „Aber am Ende muss es auf der Bühne passieren.“
Ob Van Barneveld tatsächlich vorübergehend aufhört, ist vorerst noch unklar. Sicher ist jedoch, dass die kommenden Wochen für die Zukunft eines der größten Dartspielers, die die Niederlande je hervorgebracht haben, entscheidend sein können. Vorerst überwiegen vor allem Trauer und Unglaube. Denn während Dartsfans jahrelang Zeugen der Magie von „Barney“ waren, schauen sie nun machtlos zu, wie eine lebende Legende gegen vielleicht seinen schwersten Gegner überhaupt kämpft: sich selbst.