„Das verschwindet nicht, weil ich ein gutes Spiel absolviert habe“: Nathan Aspinall beeindruckt in Blackpool – und spricht offen über private Krise

PDC
durch Nic Gayer
Sonntag, 19 Juli 2026 um 8:30
Nathan Aspinall (3)
Nathan Aspinall hat beim World Matchplay in Blackpool eindrucksvoll unter Beweis gestellt, warum er nach wie vor zu den besten Spielern der Welt gehört. Mit einer der stärksten Leistungen der Saison und über 105 Punkten im Average setzte sich der Engländer in der ersten Runde souverän gegen seinen engen Freund Joe Cullen durch. Entsprechend groß war nach dem Match die Erleichterung beim zweimaligen Major-Sieger – nicht nur wegen des Erfolgs, sondern vor allem, weil er endlich wieder das Gefühl hatte, seine besten Darts abrufen zu können.
Trotz der überzeugenden Vorstellung wollte Aspinall den Sieg nicht überbewerten. Abseits der Bühne beschäftigt ihn weiterhin seine private Situation, und er weiß genau, dass ein starkes Match allein noch keine Rückkehr an die Weltspitze bedeutet. „Ich bin unglaublich glücklich über den Sieg und auch sehr stolz auf meinen Auftritt“, sagte Aspinall im Anschluss gegenüber den versammelten Medien, darunter auch Dartsnews.de. „Aber am Ende bleibt es ein Spiel. Frag mich am Sonntagabend noch einmal, wie ich das sehe, wenn ich das Turnier gewonnen habe. Dann fällt meine Antwort vielleicht anders aus.“

Lieber kein Duell mit dem guten Freund Joe Cullen

Schon die Auslosung der ersten Runde hatte es in sich: Ausgerechnet Joe Cullen, einer seiner engsten Freunde auf der Tour, wartete zum Auftakt. Ein Los, auf das Aspinall gut und gerne verzichtet hätte.
„Es war eigentlich eine miese Auslosung für mich“, räumte er offen ein. „Joe ist einer der Spieler, mit denen ich mich auf der Tour am besten verstehe. Ich spiele ungern gegen Freunde. Als die Auslosung feststand, wusste ich zudem, dass er in guter Form war.“
Dennoch ging Aspinall mit Zuversicht in die Partie. Die vergangenen Duelle auf der Bühne hatten meist zu seinen Gunsten geendet, gleichzeitig wusste er, dass er dafür erneut sein Spitzenniveau erreichen musste. „Mir wurde diese Woche bewusst, dass ich mich wirklich mal wachrütteln musste. Ich habe mir gesagt: ‚Nathan, das ist ein großes Turnier. Es geht um viel Preisgeld und wichtige Weltranglistenpunkte. Hör auf, faul zu sein, und geh trainieren.‘“

Mehr Training machte sofort den Unterschied

Der Engländer gestand offen ein, dass seine Vorbereitung in dieser Saison häufig nicht optimal gewesen sei. Vor dem World Matchplay änderte er seine Herangehensweise bewusst.
„Ich bin ehrlich: Ich habe dieses Jahr nicht besonders viel trainiert. Diese Woche habe ich eine Stunde am Montag geworfen, eine Stunde am Dienstag und zwei Stunden am Freitag. Das klingt vielleicht nicht viel, aber der Unterschied war enorm.“
Schon beim Einwerfen habe er gespürt, dass diesmal vieles anders lief. „Als ich den Trainingsraum betrat, war ich entspannt. Ich hatte Kontrolle über meinen Wurf und alles fühlte sich wieder natürlich an. Dann stand das Publikum voll hinter mir und ich konnte ein großartiges Match spielen.“
Ein 167er-Finish früh in der Partie gab ihm zusätzlich das Gefühl, dass es sein Abend werden könnte. „Als die 167 fiel, wusste ich eigentlich, dass ich gut spielen würde.“
Auch von seinem unterlegenen Freund erhielt Aspinall anschließend viel Anerkennung. „Joe gratulierte mir sofort. Er sagte, ich hätte fantastisch gespielt und eine großartige Leistung gebracht. Das bedeutet mir viel. Ich habe ihn sehr lieb und zum Glück sind wir hinterher immer noch genauso Freunde.“
Nathan Aspinall feiert mit den Fans.
Nathan Aspinall überzeugte beim World Matchplay mit seiner bislang stärksten Leistung der Saison und schöpft neue Hoffnung auf die Rückkehr in die Weltspitze.

Private Sorgen bleiben bestehen

So überzeugend sein Auftritt auf der Bühne auch war – an seiner persönlichen Situation hat sich dadurch nichts geändert. Das stellte Aspinall unmissverständlich klar.
„Zuhause gibt es in meiner Familie weiterhin Dinge, die laufen. Das verschwindet nicht, weil ich ein gutes Spiel absolviert habe. Am Samstagabend sind diese Probleme noch immer da. Ich versuche, sie während der Matches so gut es geht aus dem Kopf zu halten, aber das ist nicht immer einfach.“
Dennoch freute er sich darüber, dass seine Töchter in Blackpool dabei waren – auch wenn ihre Anwesenheit zusätzlichen Druck erzeugt. „Ich finde es großartig, wenn meine Mädchen dabei sind, aber gleichzeitig hasse ich es ein bisschen. Ich will schlichtweg nicht verlieren, wenn sie zusehen. Zum Glück haben wir heute gewonnen.“
Mit einem Schmunzeln erzählte Aspinall anschließend, dass seine Tochter Milly vor allem deshalb glücklich gewesen sei, weil die Familie nun wie geplant am nächsten Tag gemeinsam eine Veranstaltung besuchen könne.

Erneut ein harter Test gegen Luke Littler

Im Achtelfinale wartet nun mit Luke Littler die nächste große Herausforderung. Der Senkrechtstarter überzeugte zuvor erneut mit einem herausragenden Average und zählt zu den Topfavoriten auf den Titel. Aspinall weiß deshalb, dass er nochmals an seine Leistungsgrenze gehen muss.
„Wenn Luke noch besser spielt als heute, dann verliere ich einfach. So simpel ist das. Aber wenn er wieder Richtung 110 im Average geht, wird er hart dafür arbeiten müssen.“
Gleichzeitig sieht der Engländer durchaus seine Chancen. „Luke und ich verstehen uns gut. Er schlägt mich häufiger als umgekehrt, aber ich weiß auch, wie wichtig das Publikum hier ist. Diese Fans standen heute Abend komplett hinter mir und hoffentlich kann ich am Dienstag erneut Energie aus ihnen ziehen.“
Dabei glaubt Aspinall sogar, dass sein eigenes Spiel noch Luft nach oben bietet. „Ich habe noch eine ganze Reihe Doppel verpasst. Wenn die auch fallen, liegt mein Average selbst ebenfalls Richtung 110. Deshalb habe ich Vertrauen.“
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Der Hunger ist nicht mehr derselbe

Auf die Frage, ob er heute noch denselben unbändigen Ehrgeiz verspüre wie zu Beginn seiner Karriere, antwortete Aspinall ohne zu zögern.
„Nein. Absolut nicht.“
Nach einer kurzen Pause erklärte er seine Aussage ausführlicher. „Aber ich suche dieses Gefühl. In den vergangenen Monaten war ich sehr offen darüber, was in meinem Leben passiert. Jeder hat seine eigenen Probleme, nur stehe ich damit im Fernsehen, während ich die größten Dartturniere der Welt spiele.“
Dass sich diese Belastung auch auf seine Leistungen ausgewirkt habe, sei ihm bewusst. „Ich habe dadurch sogar bestimmte Turniere ausgelassen. Ich versuche einfach, mein Bestes zu geben. Aber die Atmosphäre von heute Abend, die Energie des Publikums … genau das ist der Grund, warum ich überhaupt mit dem Darten angefangen habe.“
Ein Erfolg gegen Littler könnte nach seiner Einschätzung eine entscheidende Wende einleiten. „Wenn ich Luke am Dienstag schlage – nein, bleiben wir positiv: wenn ich Luke am Dienstag schlage – dann denke ich, dass das genau der Funke ist, nach dem ich in den vergangenen zwölf bis achtzehn Monaten gesucht habe.“

Zweifel an der früheren Pause

Rückblickend sprach Aspinall auch über seine Entscheidung, nach dem Gewinn eines Euro-Tour-Titels Anfang des Jahres eine Pause einzulegen.
„Im Nachhinein haben Leute aus meinem Umfeld gesagt, dass ich vielleicht besser hätte weiterspielen sollen. Vielleicht hätte dieser Titel der Startpunkt für eine gute Serie sein können.“
Auch sein Manager, sein Sportpsychologe sowie enge Freunde wie Joe Cullen, Chris Dobey und Andy Bolton hätten dieses Thema später mit ihm besprochen.
„Vielleicht hatten sie recht. Vielleicht hätte ich direkt weitermachen sollen. Aber in dem Moment fühlte sich diese Ruhephase wie die richtige Entscheidung an. Wenn ich diese Pause nicht genommen hätte, weiß niemand, wie die vergangenen Monate verlaufen wären.“
Deshalb richtet Aspinall seinen Blick lieber nach vorne. „Das ist jetzt nicht mehr wichtig. Wir leben in der Gegenwart und heute Abend habe ich ein großartiges Match gespielt. Darauf bin ich stolz.“

Wichtige Ranglistenpunkte im Blick

Neben dem sportlichen Erfolg spielt beim World Matchplay auch das Preisgeld eine entscheidende Rolle. Durch die Anhebung der Dotierung geht es in Blackpool um besonders wertvolle Ranglistenpunkte.
„Mein erster Gedanke war: Wenn ich dieses Turnier gewinne, kann ich die nächsten vier Monate vielleicht frei nehmen“, scherzte Aspinall zunächst.
Anschließend wurde er wieder ernst. „Das Preisgeld ist in diesem Jahr deutlich erhöht worden und das macht dieses Turnier besonders wichtig. Ich habe jetzt schon einen schönen Schritt gemacht, weil ich vor zwei Jahren wegen einer Verletzung früh ausgeschieden bin und daher wenig Preisgeld verteidigen muss.“
Ein gutes Abschneiden könne deshalb weit über das aktuelle Turnier hinaus Wirkung entfalten. „Wenn ich diese Woche ein gutes Turnier spiele, macht das das nächste Jahr deutlich einfacher. Dann muss ich weniger Preisgeld verteidigen. Wenn ich in diesem Jahr dasselbe machen würde wie in der vergangenen Saison, geriete ich am Ende sogar in Schwierigkeiten in Richtung Q-School. Deshalb ist diese Woche so unglaublich wichtig.“
Nach seinem überzeugenden Auftaktsieg gegen Joe Cullen hat Nathan Aspinall jedenfalls eindrucksvoll bewiesen, welches Niveau noch immer in ihm steckt. Ob dieser Erfolg tatsächlich den Beginn einer Rückkehr in die Weltspitze markiert, werden die kommenden Tage in Blackpool zeigen. Für den Moment aber steht fest: Das Feuer scheint wieder zu brennen.
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