Am vergangenen Wochenende stand in Krakau die
Poland Darts Open auf dem Programm.
Michael Smith wurde in letzter Minute nach der Absage von Gerwyn Price nachnominiert und erreichte überraschend das Viertelfinale.
Nach Abschluss der
Poland Darts Open überwog bei Smith folgerichtig die Zufriedenheit, der sich nach Siegen gegen Joe Cullen und Jonny Clayton im Viertelfinale letztlich Chris Dobey geschlagen geben musste. „Eigentlich hätte ich hier gar nicht sein dürfen“,
sagte er mit einem Lächeln, das sowohl Erleichterung als auch Unglauben verriet.
Eine unerwartete Chance
Smiths Teilnahme an dem Turnier war alles andere als selbstverständlich. Nach einer enttäuschenden Qualifikationskampagne schien er außen vor zu bleiben. „Ich war im Qualifikationsturnier katastrophal“, räumt er ein. „Ich wollte mich zu sehr qualifizieren. Das hat sich negativ ausgewirkt.“
Erst allerletzten Endes erfuhr er, dass er doch antreten durfte. „Am Mittwoch hörte ich, dass ich vielleicht ins Feld rutsche. Donnerstagmorgen dasselbe. Am Donnerstagabend bekam ich schließlich die endgültige Zusage. Ich musste Hals über Kopf zum Flughafen.“
Die Reise verlief chaotisch. Ein verpasster Flug, Verspätungen und kaum Schlaf: Es war alles andere als eine ideale Vorbereitung. „Ich kam heute Morgen um sechs Uhr hier an. Es war ein Riesenheckmeck. Aber manchmal sind es genau diese Wochen, in denen alles zusammenpasst.“
Zweifel an den European Tours
Auffällig war, dass Smith zu Saisonbeginn nicht unbedingt scharf darauf war, die European Tour zu spielen. Während die European Tour für viele Spieler ein zentrales Element ihres Kalenders ist, erwog Smith vielmehr, kürzerzutreten.
„Ehrlich? Es war keine Priorität“, sagt er ohne Umschweife. „Vor der Kamera kann ich viel erzählen, aber das ist die Wahrheit. Ich hatte mit meinem Vater besprochen, dass ich versuchen würde, die ersten sechs Euro Tours zu spielen. Wenn ich mich nicht qualifizieren würde, hätte ich sie dieses Jahr vielleicht komplett sausen lassen.“
Der Grund? Körperliche Beschwerden und strategische Überlegungen. Smith plagt sich seit Längerem mit Fußproblemen. Reisen fordert seinen Tribut. „Wenn ich jetzt aus dem Flugzeug steige, tun mir die Füße weh. Das war auch ein Grund, weniger zu spielen.“
Zudem richtet er den Blick deutlich auf die Weltrangliste. „Mein Ziel ist, am Jahresende so nah wie möglich an die Top 16 heranzukommen. Das ist ohne viele Euro Tours schwierig, denn ich muss wieder ins Fernsehen. Dort liegen die großen Chancen.“
Seine Einstellung änderte sich jedoch, als er sich doch für mehrere Turniere qualifizieren konnte. „Ich qualifizierte mich für drei und vier, und dann hat es wieder gekribbelt. Jetzt, wo ich diese gewinne, muss ich eigentlich mehr spielen. So schwer es auch ist.“
Michael Smith steht aktuell auf Rang 31 der Weltrangliste
Zurück an die Spitze
Smiths Ambitionen sind unmissverständlich. „Der große Plan ist, wieder in die Top 10 zu kommen und für andere zum Problemfall zu werden.“ Das passt zu einem ehemaligen Weltklassespieler, der weiß, wie es ist, auf den größten Bühnen Finals zu bestreiten.
Kommendes Jahr hat er zudem weniger zu verteidigen. „Nächstes Jahr ist gewissermaßen ein Freijahr. Ich habe wenig Preisgeld zu verteidigen. Das gibt Luft, um neu aufzubauen.“
Zunächst muss er dieses Jahr jedoch überstehen – und idealerweise aufblühen.
Spielen für die Familie
Wer Smith verfolgt, weiß, wie wichtig ihm seine Familie ist. Sein Vater reist nahezu überall mit. „Zu meiner Frau sage ich manchmal, was sie hören will“, lacht er. „Mit meinem Vater führe ich echte Gespräche. Er ist überall dabei.“
Auch seine Kinder spielen eine große Rolle. Sein jüngster Sohn, Kasper, erlebte diese Woche seine erste Europareise. „Wenn meine Kinder zu einem Turnier mitkommen, gewinne ich meist nicht“, sagt Smith augenzwinkernd. „Aber sie sehen mich nicht so oft. Wenn sie da sind, spüre ich extra Druck zu gewinnen. Denn wenn ich verliere, will ich nach Hause. Nur wollen sie dann bleiben.“
Dieser Druck ist doppelt. Einerseits will er für seine Familie liefern, andererseits ihnen einen Titel miterleben lassen. „Das ist etwas, worauf man stolz sein kann. Eine Erinnerung für später.“
Als wäre das Leben eines Spitzensportlers nicht schon hektisch genug, erhielt er kurz vor dem Turnier auch noch schlechte Nachrichten: Sein jüngster Sohn brach sich zwei Tage zuvor den Arm nach einem Sturz vom Roller. „Wie der Vater, so der Sohn“, witzelt Smith, der selbst im vergangenen Jahr nach einem bösen Sturz seine Schulter verletzte.
Ein körperliches Comeback
Dass Smith fitter wirkt als zuvor, ist kein Zufall. In den vergangenen Monaten verlor er fast zwei Stone – über zwölf Kilo – ohne Geheimdiät oder rigides Trainingsprogramm.
„Das Einzige, was sich geändert hat, ist, dass ich wieder gehen kann“, erklärt er. Ab Juli vergangenen Jahres saß er wegen schwerer Knöchelprobleme fast fünf Monate weitgehend still. „Ich konnte mich kaum bewegen. Ich saß auf dem Sofa, schaute fern und trank Limonade. Das war mein Leben.“
Im Dezember bekam er Injektionen in die Füße. Von da an konnte er wieder schmerzfrei laufen. „Sogar die Treppe runter ging wieder normal. Ich konnte wieder trainieren, mich wieder bewegen. Das hat den Unterschied gemacht.“
Seine Bilanz fällt nüchtern aus: „Es gibt kein Geheimnis. Ich war einfach zu faul, weil ich Schmerzen hatte. Jetzt kann ich mich bewegen und lebe wieder normal. Dann purzeln die Kilos von allein.“
Die Rolle des Publikums
Smith gilt als Spieler, der Energie aus dem Publikum zieht. Über die Atmosphäre bei den Poland Darts Open äußert er sich positiv. „Es hängt immer von der Halle ab“, sagt er. „Aber hier bekommst du das Beste aus zwei Welten.“
Einen klaren Wunsch hat er dennoch. „Wenn jemand zweimal Triple 20 trifft, lasst es hören! Macht Lärm! Dann muss ich nicht hochschauen, um zu sehen, was passiert. Das Publikum muss eingebunden sein.“
Die Wechselwirkung zwischen Bühne und Rängen ist seiner Ansicht nach essenziell. „Wenn jemand 180 wirft, willst du, dass die Halle explodiert. Das hebt das Niveau an.“
Was diese Woche vor allem deutlich wurde: Michael Smith gedeiht in der Unberechenbarkeit. Von einem Last-Minute-Anruf über eine überstürzte Reise bis hin zu einem Armbruch zuhause – es war keine ideale Vorbereitung. Trotzdem war er da. Vielleicht gerade deshalb. „Ich wollte es dieses Jahr ruhiger angehen“, wiederholt er. „Aber manchmal wählt das Spiel dich. Dann musst du weiterkämpfen.“