Nitin Kumar: Vom Teilzeit-Darter zum WM-Helden – „Sie trainieren zehn Stunden am Tag, ich zehn Stunden pro Woche. Trotzdem will ich Weltmeister werden“

PDC
durch Nic Gayer
Samstag, 28 Februar 2026 um 12:30
Nitin Kumar (1)
Zwischen Weihnachtsliedern, singenden Fans und dem grellem Bühnenlicht des Ally Pallys setzte Nitin Kumar bei der Darts WM im Dezember 2025 ein Zeichen für ein gesamtes Land. Der 40-Jährige gewann als erster Inder überhaupt ein Match bei der Darts-Weltmeisterschaft – ein Meilenstein, der in Indien noch lange nachhallen wird.
Für „The Royal Bengal“ war es bereits der fünfte Auftritt auf der größten Bühne des Sports. Viermal zuvor schied er in der ersten Runde aus, viermal reiste er ohne Sieg ab. Doch diesmal änderte sich alles.

Historischer Sieg gegen Richard Veenstra

In einem intensiven Duell über fünf Sätze besiegte Kumar den favorisierten Niederländer Richard Veenstra mit 3:2. Veenstra ging als Nummer 48 der Welt ins Match, doch Kumar behielt im entscheidenden Moment die Nerven und bejubelte seinen ersten Erfolg im Londoner Ally Pally.
Nitin Kumar erreichte bei der Darts WM 2026 die zweite Runde
Nitin Kumar erreichte bei der Darts WM 2026 die zweite Runde
„Das war wirklich ein historischer Moment für mich und für Indien“, sagte Kumar gegenüber The National. „Ich wusste, dass sehr viele Menschen zu Hause zuschauten. Aber während des Matches habe ich versucht, überhaupt nicht daran zu denken.“

Mentale Stärke als Schlüssel

Wer hinter dem Erfolg ein großes Trainerteam vermutet, liegt falsch. Kumars Alltag unterscheidet sich grundlegend von dem der etablierten PDC-Profis. Er arbeitet Vollzeit als Marketingprofi in Dubai. Tagsüber sitzt er im Büro, abends trainiert er in seinem Wohnzimmer. Keine Hightech-Anlagen, keine Rundumbetreuung – nur Disziplin, Leidenschaft und mentale Stärke.
„Darts ist ein Sport, in dem du besser spielst, wenn du weniger mentalen Druck verspürst“, erklärt er. „Ich habe mich fast einen Monat lang darauf trainiert, in einen bestimmten Geisteszustand zu kommen. Ich sagte mir: Es ist egal, was die Leute denken, ich spiele einfach mein eigenes Spiel.“
Die Ausgangslage war besonders: Kumar vertrat ein Land, das noch nie ein WM-Match gewonnen hatte. „Normalerweise fühlst du: Ich vertrete mein Land, ich muss liefern“, sagt er. „Aber diesmal dachte ich: ‚Ich gebe mein Bestes, und das reicht.‘ Das hat mich beruhigt.“
Im entscheidenden fünften Satz gegen Veenstra zahlte sich diese Ruhe aus. Als der Sieg feststand, brachen die Emotionen durch. „Erst am Ende spürte ich plötzlich, wie groß der Druck eigentlich war“, erinnert er sich. „Meine Hände begannen zu zittern. Ich dachte: Das ist Neuland, das habe ich noch nie erlebt. Das war ein sehr seltsames Gefühl.“
In der zweiten Runde wartete mit Stephen Bunting ein gesetzter Topspieler. Gegen den erfahrenen Engländer reichte es nicht zum nächsten Coup. Doch der historische Sieg blieb. „Diesen Sieg nimmt mir keiner mehr“, sagt Kumar. „Natürlich willst du immer weiterkommen, aber was gegen Veenstra passiert ist, war schon etwas ganz Besonderes.“

Nicht in Indien aufgewachsen

Kumar wuchs nicht in Indien auf. Bereits als Baby zog er nach Dubai, wo sein Vater als Innenarchitekt arbeitete und seine Mutter beim Nahrungsmittelunternehmen Al Kabeer beschäftigt war. „Ich war einen Monat alt, als ich nach Dubai kam“, erzählt er. „Abgesehen von meiner Studienzeit in Indien habe ich mein ganzes Leben hier gelebt. Ich fühle mich wirklich wie ein Dubai-Junge.“
Darts fand früh den Weg in sein Leben – über die indische Community in Dubai. Bei gesellschaftlichen Treffen stand häufig ein Dartboard im Haus. Aus Freizeit wurde Leidenschaft. „Meine Mutter fand Darts großartig als Stressabbau“, sagt er lachend. „Mit drei Männern im Haus brauchte sie das. Für meinen Vater war es ein schöner Anlass, in den Pub zu gehen.“
Zunächst träumte Kumar jedoch von einer Basketballkarriere. Für sein Studium kehrte er nach Indien zurück, um diesen Weg zu verfolgen. Als sich diese Perspektive zerschlug, konzentrierte er sich auf Kommunikation und Marketing. „Der Sport hat mich nie losgelassen“, sagt er. „Aber ich musste realistisch sein. Am Ende habe ich mein Studium abgeschlossen und bin nach Dubai zurückgekehrt, um zu arbeiten.“

Das Leben eines „Teilzeit“-Darters

Kumars Tagesablauf unterscheidet sich deutlich von dem vieler WM-Teilnehmer. Während Topprofis bis zu zehn Stunden täglich trainieren, muss er seine Einheiten nach einem acht- bis neunstündigen Arbeitstag unterbringen. „Wenn ich zu Hause bin, trainiere ich mindestens eineinhalb bis zwei Stunden pro Tag“, berichtet er. „Außerdem spielen wir hier drei Abende pro Woche Liga.“
Den Unterschied zur Weltspitze kennt er genau. „Wenn ich eine Woche lang jeden Tag zwei Stunden trainiere, komme ich insgesamt auf zehn Stunden. Die besten Spieler absolvieren das an einem Tag. In dieser Hinsicht starte ich immer mit einem Rückstand.“
Trotzdem sucht er keine Ausreden. „Ich sehe es als Herausforderung. Vielleicht habe ich weniger Stunden, aber ich versuche, diese so effektiv wie möglich zu nutzen.“
Sein nächstes Ziel ist klar: die PDC Tour Card über die Q-School. „Das ist der nächste Schritt“, sagt er entschlossen. „Wenn ich wirklich regelmäßig mitmischen will, muss ich Profi werden.“

Wachstum von Darts in Indien

Kumars WM-Sieg löste in Indien eine neue Dynamik aus. „Seit Dezember wurden bereits zwei Darts-Akademien eröffnet“, berichtet er stolz. „Und bald kommt noch eine dazu. Die Leute nehmen Darts jetzt wirklich ernst.“
Gleichzeitig spürt er Verantwortung. Weil er in Dubai lebt, kann er junge Talente in Indien nicht direkt begleiten. „Manchmal fühle ich mich schuldig, dass ich nicht in Indien bin“, sagt er offen. „Es gibt so viele talentierte Jugendliche. Wenn du Profi werden willst, musst du auch wie ein Profi denken und trainieren. Das muss man lernen.“
Um die mentale Dimension des Sports zu erklären, nutzt er ein treffendes Bild: „Du kannst jemanden mitten in der Nacht wecken und ihm zehn Minuten geben, um 180 Punkte zu werfen. Dann klappt das. Aber mach dasselbe mit tausenden schreienden Fans hinter dir, und plötzlich verfehlst du nicht um einen Millimeter, sondern um einen Zentimeter. Dieser Unterschied spielt sich im Kopf ab.“

Träume von mehr

Mit 40 Jahren sieht sich Kumar noch nicht am Ende. Im Gegenteil. Seine Ziele bleiben groß. „Meine Ambition? Weltmeister werden“, sagt er ohne Zögern. „Du musst immer auf das höchstmögliche Ziel zielen.“
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