„Wenn das deine Schwäche ist, musst du daran arbeiten, um besser zu werden“ – Ryan Joyce bleibt trotz souveränem WM-Sieg auffallend selbstkritisch
PDCMit einem überzeugenden 3:0-Erfolg über Owen Bates hat Ryan Joyce den Einzug in die zweite Runde der Darts WM perfekt gemacht. Doch wer dem Engländer nach seinem Auftritt im Alexandra Palace genau zuhörte, vernahm weniger Selbstzufriedenheit als vielmehr Selbstreflexion und Ehrgeiz. Joyce zeigte sich zwar zufrieden mit dem Weiterkommen, ging mit seinem eigenen Spiel jedoch auffallend kritisch ins Gericht. Vor allem sein Scoring beschäftigt ihn weiterhin – gerade weil er weiß, welches Potenzial dort noch ungenutzt bleibt.
Der Sieg stand für Joyce außer Frage im Mittelpunkt, doch der Blick ging sofort tiefer. Nicht das Ergebnis allein, sondern die Art und Weise seines Spiels analysierte er schon kurz nach dem Match sehr genau.
Scoring als dauerhafte Baustelle
„Absolut“, antwortete Joyce ohne Zögern auf die Frage (YouTube), ob mangelnde Konstanz im Scoring noch immer ein Thema in seinem Spiel sei. „Ich spiele seit Jahren Darts, und wenn du dir die absolute Spitze ansiehst, dann siehst du, dass alle so unglaublich konstant auf die Triple 20 sind. Das habe ich in meiner Karriere eigentlich nie wirklich gehabt.“ Joyce spricht offen über diese Schwäche und macht keinen Hehl daraus, wie intensiv er daran arbeitet. „Wenn das deine Schwäche ist, musst du daran arbeiten, um besser zu werden. Das ist es, was ich tue.“
Im Training wirkt vieles deutlich einfacher, wie Joyce selbst beschreibt. „Im Training fühlt es sich so leicht an. Im Scoring habe ich wirklich sehr gut gespielt“, erklärte er. Umso mehr ärgerte es ihn, dieses Gefühl auf der großen WM-Bühne nicht vollständig abrufen zu können. „Heute auf der Bühne habe ich nicht so gespielt, wie ich im Training spiele. Daher kam die Enttäuschung.“
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Diese Enttäuschung hielt jedoch nicht lange an. Joyce spielte einen Average um die 95 Punkte und erreichte vor allem das Entscheidende: den Sieg. „Wenn du die erste Runde im Ally Pally gewinnst, ist ein 95er Average überhaupt nicht schlecht. Damit bin ich eigentlich ziemlich zufrieden. Solange du das Match gewinnst, bekommst du eine neue Chance zu zeigen, was du wirklich kannst.“
Fortschritte durch harte Arbeit und viele Reisen
Diese nüchterne und sachliche Herangehensweise ist typisch für Joyce. Bereits im vergangenen Jahr hatte er offen erklärt, 2025 mehr reisen und mehr European-Tour-Turniere spielen zu wollen – obwohl das Fliegen nicht zu seinen Lieblingsbeschäftigungen zählt. Dieses Vorhaben hat er nach eigener Aussage konsequent umgesetzt. „Als ich letztes Jahr hier saß, war ich irgendwo Mitte dreißig in der Weltrangliste. Durch all die European Tour Turniere bin ich auf Nummer 24 gestiegen“, erklärte er.
„Ich habe getan, was ich gesagt habe“, führte Joyce weiter aus. „Ich habe alle European Tour Turniere gespielt, hatte ein paar richtig gute Runs und fühle mich jetzt als ein besserer Spieler als vor zwölf Monaten. Die Zukunft sieht jetzt deutlich vielversprechender aus als damals, und das freut mich.“
Natürlich stellt sich damit die Frage nach seinem möglichen Limit – insbesondere dann, wenn das Scoring auch auf den größten Bühnen dauerhaft greift. Kann Joyce mit der absoluten Elite mithalten und um große Titel spielen? Der Engländer bleibt bewusst zurückhaltend. „Es ist leicht, hier zu sitzen und zu sagen, dass du hoffst, mit der Spitze konkurrieren zu können, aber solange du es nicht wirklich beweist, werde ich dazu nichts sagen“, stellte er klar. „Ich kann die Zukunft nicht vorhersagen. Ich kann mich nur so gut wie möglich vorbereiten und versuchen, am Tag X gut zu spielen. Ich werde keine Aussagen über künftigen Erfolg machen. Ich weiß es einfach nicht.“
Konzentration statt Show – und ein ganz eigener Wurf
Bei der Weltmeisterschaft fällt auch die Vielfalt der Persönlichkeiten auf der Bühne auf, mit schillernden Figuren wie Motomu Sakai und anderen auffälligen Debütanten. Joyce genießt diese Unterschiede, auch wenn er selbst bewusst einen ganz anderen Weg geht. „Ich liebe das“, sagte er. „Ich bin kein großer Charakter auf der Bühne, nicht weil es nicht meiner Persönlichkeit entspricht, sondern wegen meiner Art der Vorbereitung. Ich ziehe mich lieber in meine eigene Blase zurück und halte die Konzentration.“
Mit einem expressiveren Auftreten hat Joyce durchaus experimentiert. „Ich habe es versucht, wirklich. Aber es funktioniert nicht für mich. Ich spiele dadurch nur schlechter.“ Für ihn ist klar: „Es geht darum, was für jeden einzelnen Spieler funktioniert. Aber ich finde es großartig, all diese unterschiedlichen Charaktere zu sehen. Es ist enorm unterhaltsam und gut für den Sport.“
Joyce ist zudem bekannt für seine außergewöhnliche Wurftechnik. Er kann genau erklären, wie sie entstanden ist. „Ich habe jahrelang geübt und meine Stärken und Schwächen analysiert“, sagte er. „Ich habe alles Mögliche ausprobiert und am Ende festgestellt, dass ich mich wohler fühle, wenn ich den Pfeil über meiner rechten Augenbraue halte, statt wie früher unter dem Auge.“
Das Resultat ist ein Wurf mit hoch positioniertem Ellbogen und dem Dart direkt vor der Stirn. „Es sieht vielleicht seltsam aus, aber es fühlt sich für mich natürlich an. Und das ist das Wichtigste“, betonte Joyce. „Ich würde niemals empfehlen, etwas zu verändern, das sich natürlich anfühlt, schon gar nicht unter Druck und erst recht nicht auf einer großen TV-Bühne.“
Zum Abschluss bekam Joyce noch die mittlerweile klassische WM-Frage gestellt: Was würde er mit einer Million Pfund Preisgeld machen? Seine Antwort kam mit einem Augenzwinkern. „Dann würde ich zuerst ausrechnen, wie viel Steuern ich zahlen muss“, scherzte er. „Ich habe ehrlich gesagt nie darüber nachgedacht. Ich sehe keinen Sinn darin, über die Zukunft nachzudenken, bevor sie wirklich eintritt.“
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Nic GayerRedakteur
Nic Gayer ist seit 2022 im Journalismus tätig und begann seine Laufbahn als freier Redakteur im Lokaljournalismus für eine Tageszeitung. Heute berichtet er für Dartsnews.de über den professionellen Dartsport und ordnet das aktuelle Geschehen ein – von großen Turnieren bis zu Entwicklungen abseits der Bühne.
Regelmäßig ist er bei Events vor Ort und begleitet rund 20 Turniere pro Jahr, wo er Interviews führt, unter anderem mit Luke Littler, Luke Humphries, Michael van Gerwen, Gerwyn Price sowie Martin Schindler, Gian van Veen und Josh Rock.
Zudem ist er eine der prägenden Stimmen im englischsprachigen Dartsnews Podcast und Co-Host des Sport-Podcasts Overtime Takes.
Nic arbeitet aus der Nähe von München und steht kurz vor dem Abschluss als Bachelor of Arts in Sportjournalismus.
In seiner Berichterstattung legt er großen Wert auf sorgfältige Quellenprüfung, präzise Einordnung und aktualisiert Inhalte, sobald neue, gesicherte Informationen vorliegen.
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Aktuelle Kommentare
- Keiner der Spieler darf sich über Pfiffe oder nicht vorhandenen Respekt beschweren. Ich war Donnerstag, Freitag, Samstagabend und Sonntagnachmittag vor Ort. Es war immer ein sehr faires Publikum. Und wenn Littler und seine Mutter jetzt auch noch respektvoll mit anderen Spielern umgehen, sollte den Aussagen von Littler nichts im Wege stehen.
Grobi25-10-2026 - Sorry, Mensur, zu spät. Wer solche Aussagen in tiefer Emotionalität äußert, der meint diese ernst. Denn das rationale Denken funktioniert in solchen (positiven) Stressmomenten seltens. Und wenn die Wahrnehmung so eingeschränkt ist, dass ich als Profispieler nicht mitbekomme, dass mein Gegner Matchdarts hat, dann stimmt in der Wahrnehmung etwas nicht. Also sorry, Mensur. Entschuldigung nicht angenommen, zumindest von mir. Und was vom Inhalt seines Statement ist mit KI geschrieben? Steht ganz oben. NI wäre hier angebracht gewesen.
Grobi12-10-2026 - Weiß man ob es die rechte oder linke Hand ist? In jedem Fall extrem bitter….Robertuil09-10-2026
- Ricke Evans ist Stand jetzt für die WM qualifiziert. Quelle: Dartsrankings In der ProTour Rangliste werden die Personen rausgerechnet, die bereits qualifiziert sind. Das hat der Autor hier nicht berücksichtigt.FabianD24-09-2026
- Aspinall lag 1:3 hinten , nicht 1:4 🎯Pool1809419-09-2026
- Was ein toller Mensch er doch gewesen ist. Der deutsche Dartsport wäre ohne ihn lange nicht da, wo er heute wäre. Super Artikel 👍ArturBoruc24-08-2026
- Und wer ist jetzt für Amsterdam qualifiziert?Julian1122-08-2026
- Er hat keinen Bock auf Deutschland und findet es hier schrecklich, weil er (zwei-)mal bei einem oder zwei Turnieren von einigen "Dartfans" ausgepfiffen wurde. Das mochte er nicht und deswegen bleibt es Deutschland fern. Ausnahme war der World Cup, da siegte sein Patriotismus und der Ehrgeiz, einmal alles gewonnen zu haben. Er hat es auch mal selbst so geschrieben bzw gesagt, dass er Deutschland (gemeint sind wahrscheinlich Turniere in Deutschland) schrecklich findet.
Grobi18-08-2026 - Danke für den ausführlichen Bericht über Jamie. Generell finde ich es klasse das du dich "fast vergessenen Spielern" annimmst. Wäre grundsätzlich bei Dartnews ein interessantes Dauerthema.XJRLion18-08-2026
- „Littler findet Deutschland einfach ein schreckliches Land“Reißerische Überschrift, aber Gründe lieferst du leider keine. Klar kann man verstehen das einige Topspieler, wie kürzlich Gary Anderson, sagten das er "keinen Bock darauf habe" mehrere Std. am Flughafen zu stehen bis es aufgrund aller Kontrollen weitergeht. Doch erklär uns, gerade aufgrund deiner Überschrift, bitte warum Luke scheinbar grundsätzlich keinen Bock auf Deutschland hat.XJRLion18-08-2026










