„Wenn er das klären will, gern. Ich hege ihm gegenüber keinen Groll“ – Van Veen signalisiert Gesprächsbereitschaft im Littler-Zoff

PDC
Donnerstag, 16 April 2026 um 11:00
Gian van Veen (2)
Der Premier-League-Abend in Rotterdam bedeutet für Gian van Veen weit mehr als ein gewöhnlicher Termin im prall gefüllten Darts-Kalender. In der legendären Ahoy-Arena wartet eine Bühne auf ihn, von der er als junger Fan auf der Tribüne stundenlang träumte. Nun kehrt er zurück – nicht mehr als Zuschauer, sondern als Hauptdarsteller, Premier-League-Teilnehmer und als die aktuelle Nummer eins der Niederlande in der Weltrangliste. Dieser Umstand macht den Abend in Rotterdam für ihn zu einem emotionalen und in gewisser Weise historischen Ereignis, das die rasante Entwicklung seiner noch jungen Karriere perfekt widerspiegelt.
Van Veen kanalisiert die aufkommende Anspannung im Vorfeld konsequent in positive Energie. Aktuell verspürt er keine lähmende Nervosität, sondern genießt das Bewusstsein, dass er einen Moment erleben wird, den er sich jahrelang herbeigesehnt hat. „Noch habe ich überhaupt keine Nerven“, erklärt er gelassen in einer Medienrunde vor dem elften Spieltag der Premier League Darts. „Momentan überwiegt die pure Begeisterung. Ich schätze aber, dass sich das am Donnerstag ändern wird, wenn es nur noch zwanzig Minuten bis zum Spiel sind – besonders, wenn ich den Lärm der Zuschauer schon bis in den Aufwärmraum höre. Aber jetzt habe ich einfach nur riesige Lust darauf, diesen Walk-on vor meinen eigenen Leuten zu absolvieren.“

Vom Fan auf der Tribüne zum Protagonisten im Scheinwerferlicht

Die Location verleiht diesem Abend für Van Veen eine ganz besondere Note. Das Rotterdam Ahoy fungiert für ihn nicht bloß als Sportarena, sondern als ein Ort voller persönlicher Meilensteine und Kindheitserinnerungen. Er kennt die spezifische Atmosphäre, die Gänsehaut-Momente beim Einlauf der Spieler und die unvergleichliche Ekstase auf den Rängen aus der Perspektive des kleinen Jungen, der mit großen Augen zum Oche blickte. Genau deshalb fühlt es sich für ihn fast unwirklich an, nun selbst ein integraler Teil dieser gewaltigen Show zu sein, die das Gesicht des modernen Darts prägt.
„Ich glaube, das WM-Finale hat mich schon extrem motiviert und emotional mitgenommen. Aber abgesehen von der Weltmeisterschaft ist dies definitiv das Match, auf das ich mich in meiner bisherigen Laufbahn am meisten freue“, gesteht der junge Niederländer mit einem Leuchten in den Augen. „Auf dem Papier ist es ein normaler Premier-League-Abend, ein weiterer Spieltag im Kampf um Punkte. Aber für mich persönlich ist es etwas ganz Besonderes, in Rotterdam zu spielen – in einer Halle, die ich als Kind mehrfach besucht habe. Dass ich jetzt selbst auf diesem Podium stehe, ist das Größte. Viel spezieller kann es für einen niederländischen Dartspieler eigentlich nicht mehr werden.“
Diese Erinnerungen sitzen tief und formen das Fundament seines Ehrgeizes. Van Veen war noch ein Kind, als er mit seiner Familie zur Premier League nach Rotterdam pilgerte. Damals war Darts in den Niederlanden bereits durch Raymond van Barneveld und Michael van Gerwen ein Massenphänomen, doch Van Veen blickte ehrfürchtig zur Bühne hoch, ohne den leisesten Gedanken daran zu verschwenden, dass er dort eines Tages selbst die Pfeile werfen würde. „Das habe ich niemals erwartet“, gibt er heute offen zu. „Ich hätte damals nicht einmal gedacht, dass ich dort jemals als Profi stehen würde, geschweige denn als die niederländische Nummer eins. In den letzten anderthalb bis zwei Jahren ist unglaublich viel passiert. Es war eine Achterbahnfahrt der Gefühle und Erfolge. Hier geht für mich wirklich ein Traum in Erfüllung, den ich mir kaum zu träumen wagte.“

Die sportliche Realität: Die Jagd auf die Play-off-Plätze

Doch bei aller Nostalgie und Heimatliebe bleibt Gian van Veen ein kühler Analytiker seines eigenen Spiels. Er weiß, dass die Premier League ein gnadenloses Format ist, das keine Sentimentalitäten verzeiht. Jede Woche trifft man auf die absolute Weltelite, jeder Fehler wird bestraft, und die Tabelle lügt nicht. Hinter der emotionalen Fassade des Heimkehrers steckt ein Profi, der genau weiß, dass er in Rotterdam liefern muss, um seine Ambitionen auf das große Finale in London aufrechtzuerhalten.
Die sportliche Ausgangslage ist spannend wie selten zuvor. Im Kampf um die Top-Vier-Platzierungen, die zur Teilnahme an den Play-offs in der O2-Arena berechtigen, zählt mittlerweile jedes einzelne Leg. Van Veen reflektiert seine Leistung der letzten Wochen kritisch und ohne Umschweife. „Jeder, der die Tour verfolgt, sieht wohl, dass ich zuletzt nicht mein bestes Darts gezeigt habe“, stellt er nüchtern fest. „Die Konstanz, die mich zu Beginn des Jahres ausgezeichnet hat, war zuletzt etwas weg. Aber ich bin noch im Rennen, und das ist letztlich das Einzige, was zählt. Man muss nicht jede Woche brillant spielen, man muss zur richtigen Zeit die richtigen Doppel treffen.“

Der gesundheitliche Rückschlag und seine Folgen

Ein wesentlicher Grund für die Delle in seiner Formkurve war kein mangelndes Training, sondern eine physische Zäsur. Van Veen kämpfte in den vergangenen Wochen mit den Auswirkungen eines Nierenstein-Leidens. Was für Außenstehende oft wie eine kleine Unpässlichkeit wirkt, ist für einen Hochleistungssportler, der auf Millimeterpräzision angewiesen ist, eine massive Beeinträchtigung. Die Schmerzen und die notwendigen medizinischen Eingriffe rissen ihn aus seinem gewohnten Rhythmus und kosteten ihn wertvolle Energie.
Obwohl er mittlerweile schmerzfrei ist, räumt er ein, dass sein Körper noch Zeit braucht, um wieder das Niveau von hundert Prozent zu erreichen. „Ich spiele ohne Schmerzen, das ist das Wichtigste. Ich kann mich frei bewegen und mein Wurfarm macht genau das, was er soll. Aber mir fehlt noch ein wenig die mentale und physische Ausdauer“, erklärt er. Besonders deutlich wurde dies bei den jüngsten Events auf der Euro Tour. „Wenn ich die späten Spiele am Abend bestreite, merke ich, dass mein Akku schneller leer ist als gewohnt. Das ist ein frustrierender Prozess, weil der Kopf will, aber der Körper noch signalisiert, dass er sich in der Erholungsphase befindet. Aber ich bin zuversichtlich, dass die Atmosphäre in Rotterdam mir den nötigen Adrenalinschub geben wird, um diese Defizite auszugleichen.“
Die verpassten Möglichkeiten der letzten Wochen nagen dennoch an ihm. Ein Spieltag in der Premier League auszusetzen, ist ein schwerer Schlag im Kampf um die Punkte. „Es war bitter, besonders weil ich in dieser Woche gegen Michael van Gerwen gespielt hätte. Ein Sieg dort hätte die Tabelle ganz anders aussehen lassen. Auch die Rückkehr danach in Berlin kam vielleicht einen Tick zu früh. Ich war zwar physisch anwesend, aber mein Spiel war noch nicht wieder da, wo es sein sollte. Es hat mich Zeit gekostet, das zu akzeptieren.“

Heimvorteil oder Druckfaktor?

In Rotterdam fließen nun alle diese Fäden zusammen. Die Unterstützung der „Orange Army“ ist legendär und kann einen Spieler zu ungeahnten Leistungen peitschen. Doch Van Veen ist sich bewusst, dass diese Erwartungshaltung auch eine Last sein kann. In einem Land, das durch Van Gerwen an Erfolg gewöhnt ist, wird von der neuen Nummer eins nichts Geringeres als ein Sieg erwartet.
„Es ist eine Gratwanderung“, beschreibt er die Situation. „Natürlich willst du für die Fans gewinnen, du willst ihnen etwas zurückgeben für ihren Support. Aber Darts ist ein Spiel, das im Kopf entschieden wird. Wenn du zu sehr versuchst, es dem Publikum recht zu machen, verkrampfst du. Michael hat mir den Rat gegeben, es einfach zu genießen. Wir sind Profis, wir sind hier, um unseren Job zu erledigen und die Punkte für London zu sichern. Aber wenn man in seinem eigenen Land vor 10.000 Menschen spielt, muss man diesen Moment auch aufsaugen, sonst brennt man aus.“

„Für mich bleibt Michael die niederländische Nummer eins“

Trotz seiner Führung in der Weltrangliste bleibt Gian van Veen in Bezug auf seine Rolle im nationalen Vergleich bemerkenswert bescheiden. Während die Medien ihn bereits als Thronfolger feiern, wahrt er den Respekt vor den Legenden des Sports. Die Debatte darüber, wer nun wirklich die Nummer eins der Niederlande ist, lässt ihn weitgehend kalt.
„Für mich bleibt Michael van Gerwen die wahre Nummer eins“, stellt er unmissverständlich klar. „Die Rangliste ist eine Momentaufnahme basierend auf Preisgeldern. Aber Michael hat diesen Sport über ein Jahrzehnt dominiert. Er hat Titel gewonnen, von denen andere nur träumen können. Solange ich keine Major-Trophäen in den Händen halte, sehe ich mich nicht auf einer Stufe mit ihm. Er hat den Weg für uns alle geebnet, und sein Vermächtnis ist unantastbar.“ Diese Einstellung zeigt die Reife eines Spielers, der trotz seines schnellen Aufstiegs die Bodenhaftung nicht verloren hat.

Van Veen bittet um Respekt für Littler

Ein weiteres Thema, das die Schlagzeilen beherrscht, ist die aufkeimende Rivalität mit dem englischen Wunderkind Luke Littler. Die beiden jungen Stars gelten als die Zukunft des Dartsports, doch zuletzt gab es Reibereien am Oche. Nach einem Vorfall, bei dem Gesten und Worte gewechselt wurden, beobachten Fans und Experten jede Geste zwischen den beiden ganz genau.
Van Veen versucht jedoch, die Wogen zu glätten, ohne seine eigene Position aufzugeben. „Ich bleibe bei dem, was ich vor zwei Wochen gesagt habe. Mein Standpunkt hat sich nicht geändert, auch nachdem ich mir die Bilder noch einmal in Ruhe angesehen habe. Aber ich hege keinen Groll. Wenn er das klären will, gern. Wir sind beide jung, wir sind beide ehrgeizig. Wenn es Spannungen gibt, dann gehört das zum Sport dazu. Es macht die Matches für die Zuschauer interessanter.“ Er sieht die Rivalität eher pragmatisch: „Solange es den Sport voranbringt und das Interesse steigert, ist es gut. Ich muss nicht mit jedem mein Bier trinken, aber der Respekt am Board muss vorhanden sein.“

Ausblick auf eine magische Nacht

Wenn Gian van Veen morgen Abend durch den Tunnel in die Arena von Rotterdam tritt, wird er einen Moment innehalten. Er wird an den Jungen denken, der vor Jahren auf den harten Plastikstühlen saß, und an den Profi, der er heute ist. Der Gegner, der Lärm, der Druck – all das wird für einen kurzen Augenblick in den Hintergrund treten.
Sein Ziel für den Abend ist klar definiert: Er will nicht nur den Moment genießen, sondern wichtige Punkte für die O2-Arena sammeln. Der Kampf um die Krone im Dartsport ist ein Marathon, kein Sprint, doch Rotterdam könnte der entscheidende Wendepunkt in seiner Saison sein. „Ich bin bereit“, sagt er zum Abschluss. „Ich habe hart gearbeitet, um hier zu sein. Jetzt ist es an der Zeit, den Worten Taten folgen zu lassen.“
Mit der Unterstützung eines ganzen Landes im Rücken und dem festen Glauben an seine eigenen Fähigkeiten schickt sich Gian van Veen an, in Rotterdam sein eigenes Kapitel Darts-Geschichte zu schreiben. Ob es für den Wochensieg reicht, wird sich zeigen – doch den Titel als „Held von Ahoy“ hat er bei den Fans schon jetzt sicher.
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