„Phil rief mich zu sich und fing an, über seine Häuser und sein Geld zu reden. Aber ich dachte nur: Am Montag ändert sich mein Leben“ – Steve West blickt auf legendären Sieg über Taylor zurück

MODUS
Montag, 18 Mai 2026 um 11:30
steve west
Steve West kehrt mit spürbarer Leichtigkeit nach SuperCity zurück – jenem Ort, der für ihn längst mehr bedeutet als eine Bühne der MODUS Super Series. In seinem Blick liegt Ruhe, in seinen Worten Gelassenheit. Der Engländer spricht nicht wie ein Spieler, der dem nächsten Turnier hinterherhetzt, sondern wie jemand, der nach Jahren voller Druck endlich wieder frei atmet. SuperCity ist für ihn ein Fixpunkt geworden, ein Raum, der ihn auffängt, wenn der Profizirkus zu laut wird.
Schon früh im Gespräch wird klar, wie tief diese Verbindung reicht. West beschreibt SuperCity als einen Ort, der ihn trägt, statt ihn zu erdrücken. „Das ist wahrscheinlich der einzige Ort in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren, an dem ich mich beim Spielen wirklich glücklich und wohl gefühlt habe“, sagt er – ein Satz, der hängen bleibt.

Ein Ort ohne Druck: „Hier ist alles einfacher“

Während viele Profis das Gefühl haben, überall auf der Welt unter maximaler Spannung antreten zu müssen, erlebt West in SuperCity das Gegenteil. Die Atmosphäre, das Umfeld, das Format – alles wirkt wie ein Gegenentwurf zur PDC-Tour. „Es ist der Druck, oder eigentlich der fehlende Druck“, erklärt er. „Auf der Tour stehst du ständig unter Strom: Wenn du nicht gewinnst, kannst du deine Rechnungen nicht bezahlen. Hier ist alles entspannter. Die Stimmung ist ruhig, alles ist einfacher. Das hilft meinem Spiel enorm.“
Steve West in Aktion
Steve West war jahrelang PDC Tour Card-Inhaber
Für West ist dieser Unterschied nicht nur spürbar, sondern entscheidend. Die Tour verlangt konstante Höchstleistung, oft ohne Rücksicht auf mentale oder finanzielle Belastungen. SuperCity dagegen gibt ihm Raum, sein Spiel zu entfalten – ohne existenziellen Stress.

Ein neues Leben: „Wir haben bewusst Ruhe gewählt“

Privat hat West ebenfalls einen klaren Schnitt gemacht. Er ist mit seiner Frau und dem Hund nach Portsmouth gezogen, weit weg vom ständigen Lärm der Tour. „Es ist eine Lebensentscheidung“, sagt er. „Wir wollten ein anderes Umfeld, ein ruhigeres Tempo. Für uns ist das perfekt.“
Der Umzug war mehr als ein Ortswechsel – er war ein Schritt in Richtung Stabilität. Während die PDC-Tour von Reisen, Hotels und permanentem Leistungsdruck geprägt ist, hat West nun einen Alltag gefunden, der ihn erdet. Die Ruhe ist für ihn kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit geworden.
Sein erster Besuch in SuperCity bleibt unvergessen. West lacht, als er sich erinnert: „Ich dachte ernsthaft: Ich betrete eine Kirche und spiele hier Darts.“ Doch der Eindruck wandelte sich schnell. Das Setup überzeugte ihn sofort. „Ich sah die Bühne und dachte: Das sind eigentlich perfekte Bedingungen.“
Über die Jahre hat sich die Location weiterentwickelt. Früher offener, fast wie ein Balkon – heute professioneller, strukturierter, abgeschlossener. Für West ein klarer Fortschritt. „Für Spieler ist das wirklich besser.“

Die harte Realität des Profizirkus

Ein großer Teil des Gesprächs dreht sich um die mentale Belastung im Profidarts. West spricht offen, fast schon schonungslos. „Du spielst ein Turnier, wirfst einen 104er Average und verlierst trotzdem in der ersten Runde. Und dann kannst du nicht einmal deine Telefonrechnung bezahlen. Das ist die Realität.“
Der Druck entsteht für ihn nicht nur auf der Bühne, sondern davor: Vorbereitung, Reisen, Kosten. „Du bereitest dich wochenlang vor. Dann verlierst du ein einziges Spiel und musst alles wieder aufholen. Das ist ein Kreislauf, der mental enorm schwer ist.“
In SuperCity fällt dieser Druck weg. Die Teilnahme ist vergütet, der finanzielle Stress reduziert. Für West ein entscheidender Unterschied – und ein Grund, warum er hier wieder Freude am Spiel findet.

Mentale Tiefpunkte: „Es wurde wirklich dunkel“

West spricht ungewöhnlich offen über die schwerste Phase seiner Karriere. Seine Worte sind klar, ohne Ausflüchte. „Wäre ich diesen Weg weitergegangen, wäre ich heute nicht mehr hier“, sagt er. „Es wurde wirklich dunkel.“
Der Wendepunkt kam durch sein Privatleben – vor allem durch seine Partnerin Michelle. „Sie hat mich da wirklich rausgeholt. Sie hat mir geholfen, aus dieser dunklen Zeit herauszufinden.“
Rückblickend empfindet er es sogar als Erleichterung, die Tour verlassen zu haben. „Meine PDC Tour Card zu verlieren, war vielleicht das Beste, was mir mental passieren konnte.“
West nutzt das Gespräch, um ein grundsätzliches Thema anzusprechen: die Definition von Professionalität im Dartsport. Für ihn ist klar: Das System ist schief. „Ein Profifußballer wird jede Woche bezahlt, ob er gewinnt oder nicht. Ein Boxer wird fürs Kämpfen bezahlt. Aber im Darts? Wenn du nicht gewinnst, verdienst du nichts.“
Sein Fazit ist deutlich: „Wenn du kein Gehalt bekommst, bist du kein Profi. Profi bist du erst, wenn du für deine Arbeit bezahlt wirst.“ Eine Aussage, die die Debatte über die Zukunft des Sports neu entfacht.
Trotz aller Kritik blickt West stolz auf seine Laufbahn zurück. Einige Momente stechen heraus – allen voran sein Sieg über Phil Taylor beim World Grand Prix 2016. „Diesen Moment vergesse ich nie“, sagt er.
Auch frühere Erfolge wie sein Finaleinzug bei den Dutch Open 2007 oder TV-Siege gegen Michael van Gerwen gehören zu den Highlights. „Michael war auf seinem absoluten Höhepunkt. Ihn im Fernsehen zu schlagen – das sind die Momente, für die man es macht.“

„Jeder will Weltmeister werden, aber die Realität ist anders“

West spricht auch über die Träume und Illusionen vieler Spieler. „Jeder will Weltmeister werden, aber wie viele werden es wirklich?“ Für ihn gibt es einen klaren Unterschied zwischen Spielern, die von der WM träumen, und jenen, die einfach ein stabiles Leben als Profi anstreben.
Doch selbst für Tourkarteninhaber beginnt der echte Druck erst. „Es ist Liebe und Hass“, sagt West. „Wenn du gewinnst, ist es großartig. Wenn du verlierst, hasst du es.“ Diese Extreme machen den Sport hart – aber auch süchtig machend. „Die Highs sind enorm hoch. Aber die Lows … die können wirklich tief gehen.“

Der legendäre Sieg gegen Phil Taylor

Sein Triumph über Taylor bleibt einer der ikonischsten Momente seiner Karriere. West erinnert sich an eine Szene vor dem Match: „Phil rief mich zu sich und fing an, über seine Häuser und sein Geld zu reden. Aber ich dachte nur: Am Montag ändert sich mein Leben.“
Und genau so kam es. West besiegte die Legende – ein Sieg, der ihn bis heute prägt.
Am Ende blickt Steve West mit gemischten Gefühlen auf seine Karriere. Keine Weltmeistertitel, keine dominante Ära – aber eine Laufbahn voller großer Siege, intensiver Momente und beeindruckender Beständigkeit. „Ich habe vielleicht nicht alles gewonnen, was ich hätte gewinnen können“, sagt er. „Aber ich habe immer alles gegeben.“
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