Daryl Gurney ist in der PDC
Order of Merit aktuell nur noch auf Rang 26 zu finden – so weit hinten stand der Nordire seit mehr als einem Jahrzehnt nicht mehr. Besonders bitter: Das
World Matchplay verpasste der ehemalige Major-Sieger um gerade einmal 750 Pfund Preisgeld. Den letzten Startplatz sicherte sich Dave Chisnall. Die Entwicklung des Nordiren wirft daher unweigerlich die Frage auf: Wie tief ist der einstige Weltklassespieler tatsächlich gefallen? Mit dieser Frage beschäftigt sich unser englischer Kollege Ben James in der folgenden
Analyse.
Der Sieger des World Grand Prix 2017 und der Players Championship Finals 2018 gehörte über Jahre zur absoluten Weltspitze. Doch seit 2021 zeigt die Formkurve kontinuierlich nach unten. Nach einer enttäuschenden Premier-League-Saison 2020 verlor Gurney zunächst seinen Platz in der Eliteliga – und anschließend Schritt für Schritt auch den Anschluss an die Weltspitze. Doch wie konnte einer der besten nordirischen Dartspieler der Geschichte so abrutschen?
Vom Weltklassespieler zum Kampf um die Spitze
2019 erreichte Gurney mit Rang drei der Weltrangliste den Höhepunkt seiner Karriere. Zwei Major-Titel, ein Platz in der Premier League und zahlreiche tiefe Turnierläufe machten deutlich, dass er zu den dominierenden Spielern seiner Generation gehörte. Halbfinaleinzüge bei den UK Open 2017, dem
World Matchplay und der European Championship unterstrichen zusätzlich, dass seine großen Titel keineswegs Zufallsprodukte waren – vielmehr schien es nur eine Frage der Zeit, bis weitere Erfolge folgen würden.
Auch die Zahlen belegen diese außergewöhnliche Phase. Allein 2017 spielte Gurney zehn Matches mit einem Average von mindestens 100 Punkten, 2018 kamen sogar 14 weitere hinzu. Sein druckvolles Scoring und die hohe Doppelquote machten ihn zu einem der komplettesten Spieler der Tour.
Seinen Karrierehöhepunkt erreichte der Nordire mit einem Jahresaverage von 95,26 Punkten im Jahr 2017. Hinzu kamen 387 geworfene 180er – der drittbeste Wert aller Spieler weltweit. Besonders beeindruckend war sein First-Nine-Average von 104,41 Punkten, kombiniert mit einer Checkoutquote von 40,29 Prozent. Mehrere Partien mit einem Average von über 109 Punkten sowie sogar ein 110er-Average in den Jahren 2017 und 2018 verdeutlichen das außergewöhnliche Niveau, auf dem sich Gurney damals bewegte.
Den vorläufigen Höhepunkt setzte er mit dem Triumph bei den Players Championship Finals 2018, als er im Finale den damaligen Weltmeister Michael van Gerwen bezwang. Zu dieser Zeit gehörte Gurney unbestritten zur absoluten Elite und setzte sich regelmäßig gegen die größten Namen des Sports durch.
So bezwang er unter anderem Gary Anderson mehrfach, gewann gleich dreimal gegen Peter Wright und feierte ebenso drei Siege über Simon Whitlock. Verglichen mit seinem heutigen Leistungsniveau wird deutlich, wie groß die Diskrepanz inzwischen ist. Das Potenzial war nie verschwunden – doch Gurney gelingt es nur noch selten, dieses Niveau auch tatsächlich abzurufen.
Ein wesentlicher Unterschied liegt offenbar in seiner Wurftechnik. Während seiner stärksten Jahre zwischen 2017 und 2019 steckten Gurneys Darts deutlich steiler im Board. Dieser Anstellwinkel erleichterte es ihm, die Pfeile eng im Triple-20-Feld zu gruppieren und dadurch konstant 180er zu werfen. Mit einem Eintrittswinkel von rund 25 Grad sowie einem flüssigen und schnellen Release gelangen ihm in diesen drei Jahren insgesamt 1.353 Maximums.
Zum Vergleich: Zwischen 2024 und 2026 stehen lediglich 718 geworfene 180er zu Buche – 635 weniger als während seiner Glanzzeit. Als mögliche Ursache gilt eine deutliche Veränderung des Eintrittswinkels seiner Darts, der inzwischen nur noch etwa fünf Grad beträgt.
Dadurch landen die Pfeile heute wesentlich flacher im Board. Die Wurftechnik, mit der Gurney früher den oberen Bereich der Triple 20 attackierte und seine Darts perfekt übereinander stapelte, funktioniert unter diesen Voraussetzungen kaum noch. Stattdessen muss er die untere Hälfte des Triplefeldes anvisieren. Aus einer seiner größten Stärken ist damit eine technische Herausforderung geworden, die sein Scoring nachhaltig beeinflusst.
Superchin in Bestform: 2017 und 2018 in Zahlen
| Kennzahl | 2017 | 2018 |
| Weltranglistenposition | 4. | 5. |
| Preisgeld | £369,500 | £339,750 |
| Average | 95.26 | 94.24 |
| Siegquote | 71% (128/53) | 63% (94/56) |
| 180er | 387 (Nummer drei der Welt) | 481 (Nummer sechs der Welt) |
| First Nine Average | 104.41 | 102.14 |
| Doppelquote | 40.29% | 42.60% |
| Spiele mit 100+ Average | 10 | 14 |
| Bestes Major-Ergebnis | World Grand Prix Gewinner | Players Championship Finals Gewinner |
Der Rückgang bei den 180ern ist allerdings nur ein Teil des Gesamtbildes. Praktisch sämtliche Leistungskennzahlen zeigen, dass Gurney in den vergangenen Jahren deutlich an Niveau eingebüßt hat. Besonders deutlich wird das beim Preisgeld: Während er 2019 noch rund 370.000 Pfund einspielte, steht er 2025 nur noch bei 186.750 Pfund – also bei gut der Hälfte seines einstigen Spitzenwertes. Dieser Einbruch erklärt auch, warum der Nordire inzwischen nur noch auf Rang 26 der Weltrangliste geführt wird.
Um die Preisgeldsumme seines erfolgreichsten Jahres zu erreichen, müsste Gurney inzwischen fast zwei komplette Saisons auf seinem aktuellen Niveau spielen. Dass er das
World Matchplay 2026 um lediglich 750 Pfund verpasste, unterstreicht die schwierige Situation zusätzlich. Doch wann begann dieser schleichende Absturz eigentlich?
Viele sehen den Wendepunkt in der Premier-League-Saison 2020. Nachdem Gurney im Jahr zuvor noch das Halbfinale erreicht hatte, beendete er die Spielzeit 2020 mit nur neun Siegen und Rang acht. Die anschließende Nichtberücksichtigung für die Premier League 2021 dürfte einen erheblichen Einfluss auf sein Selbstvertrauen gehabt haben. Seitdem zeigen sowohl seine Siegquote als auch seine Averageleistungen kontinuierlich nach unten. Der eigentliche Abwärtstrend setzte zwar 2021 ein – allerdings deutlich schleichender, als es häufig dargestellt wird.
Daryl Gurney gehörte zwischen 2017 und 2019 zur absoluten Weltspitze – seitdem zeigen nahezu alle Leistungskennzahlen des Nordiren kontinuierlich nach unten.
Über einen Zeitraum von neun Jahren ist Gurneys Average um rund drei Punkte gesunken. Auf den ersten Blick wirkt dieser Rückgang überschaubar, in der Weltspitze kann ein solcher Unterschied jedoch entscheidend sein. Mit einem Average von 92,02 Punkten und einem First-Nine-Average von 100,20 im Jahr 2026 bewegt sich der Nordire inzwischen klar unter dem Niveau, das für die absolute Weltklasse erforderlich ist. Selbst für einen Platz in den Top 64 reichen solche Werte langfristig kaum aus.
Hinzu kommt, dass Gurney seine frühere Leistungsspitze kaum noch erreicht. Lediglich zwei Partien mit einem Average von über 100 Punkten verdeutlichen, wie selten ihm inzwischen absolute Top-Auftritte gelingen.
Auch seine Siegquote zeichnet ein eindeutiges Bild. Während Gurney 2017 noch 71 Prozent seiner Matches gewann, liegt dieser Wert in den Jahren 2025 und 2026 nur noch bei rund 55 Prozent. Dieser Rückgang um 16 Prozentpunkte wirkt sich zwangsläufig auf das Selbstvertrauen aus.
Dazu kommt, dass Gurney deutlich länger braucht, um sich eine Doppelchance zu erarbeiten. Mit einem First-Nine-Average von 100,20 erreicht er das Finish heute häufig erst nach zwölf oder mehr Darts. Gleichzeitig ist auch seine Doppelquote zurückgegangen und liegt 2026 nur noch bei 38,7 Prozent. Die Konsequenz: Selbst wenn er sich Chancen erspielt, nutzt er sie deutlich seltener als zu seinen besten Zeiten.
Ob Scoring, Finishing oder Matchgewinne – nahezu jede relevante Statistik zeichnet inzwischen dasselbe Bild: Das Spiel von Daryl Gurney hat sich in den vergangenen Jahren Schritt für Schritt von Weltklasse- zu Durchschnittsniveau entwickelt.
Der schleichende Absturz: Gurneys Entwicklung Jahr für Jahr
| Kennzahl | 2019 | 2021 | 2022 | 2023 | 2024 | 2025 | 2026 |
| Weltranglistenposition | 4. | 23. | 20. | 19. | 22. | 23. | 26. |
| Preisgeld | £370,000 | £123,250 | £123,250 | £186,750 | £219,750 | £186,750 | £110,500 |
| Average | 95.15 | 92.37 | 92.37 | 92.97 | 93.51 | 92.97 | 92.02 |
| Siegquote | 62% | 59% | 58% | 64% | 63% | 55% | 55% |
| 180er | 485 (7.) | 302 (48.) | 295 (32.) | 253 (68.) | 310 (31.) | 253 (68.) | 155 (105.) |
| First Nine | 104.16 | 100.40 | 101.03 | 100.15 | 101.76 | 100.15 | 100.20 |
| Doppelquote | 39.43% | 36.88% | 37.56% | 37.15% | 41.74% | 40.68% | 38.70% |
Trotz seiner schwierigen Phase feierte Gurney 2025 noch einmal einen großen Erfolg. Gemeinsam mit Josh Rock führte er Nordirland beim World Cup of Darts in Frankfurt zum Titel und schrieb damit ein Stück Dartsgeschichte. Vor allem im Finale gegen Wales überzeugte „Superchin“ mit beeindruckender Nervenstärke auf die Doppel. Insgesamt verwandelte er im Turnier 17 seiner 22 Doppelversuche und spielte gegen Wales gleich zweimal einen Average von über 100 Punkten.
Im Mittelpunkt standen anschließend vor allem seine starke Checkoutquote und seine Rolle als sicherer Finisher. Ein Blick auf die übrigen Statistiken zeichnet jedoch ein differenzierteres Bild.
So lag Gurneys Turnieraverage bei lediglich 81 Punkten, zudem erzielte er nur in 36 Prozent seiner Aufnahmen einen Score von mindestens 100 Punkten. Die Zahlen zeigen, dass der World-Cup-Triumph keineswegs auf einer Rückkehr zu seinem früheren Scoring-Niveau beruhte. Vielmehr spiegelte das Turnier sehr genau wider, wo seine größten Stärken und Schwächen derzeit liegen.
Für Nordirland gelang es Gurney, seine Leidenschaft und Emotionen in starke Leistungen auf den Doppeln umzuwandeln. Im Einzel fehlt ihm diese mentale Unterstützung jedoch häufig. Gleichzeitig sank seine Trefferquote mit dem ersten Dart auf die Triple 20 auf 31,2 Prozent – ein wesentlicher Grund dafür, dass auch die Zahl seiner 180er deutlich zurückgegangen ist.
Bemerkenswert ist dagegen, dass seine funktionale Doppelquote in den vergangenen zwölf Monaten mit 47 Prozent weitgehend konstant geblieben ist. Sobald Gurney ein Doppel vor sich hat, gehört er also nach wie vor zu den zuverlässigsten Spielern. Das eigentliche Problem liegt davor: Er erspielt sich diese Chancen deutlich seltener als früher.
Beim World Cup wurde diese Schwäche durch Josh Rock hervorragend aufgefangen. Während Rock mit seinem druckvollen Scoring regelmäßig die Vorarbeit leistete, konnte Gurney seine größte Stärke – das konsequente Checken – ausspielen. Die Doppel sind also nicht das Problem. Der Weg dorthin ist es. Solange es dem Nordiren nicht gelingt, seine Scoring-Probleme aus den vergangenen Jahren in den Griff zu bekommen, wird sein hervorragendes Finishing allein nicht ausreichen, um dauerhaft an die Weltspitze zurückzukehren.
Die Weltklasse ist noch da – sie zeigt sich nur immer seltener
Um wieder dauerhaft in die Weltspitze vorzustoßen, sind hohe Averages für Gurney unverzichtbar. Partien mit einem Average von über 100 Punkten bringen nicht nur Siege, sondern stärken auch das Selbstvertrauen, verbessern das Ranking und erhöhen die Chancen auf die Qualifikation für die großen Major-Turniere.
Zwar ist die Zahl dieser Top-Leistungen inzwischen deutlich zurückgegangen, ganz verschwunden sind sie jedoch nicht. Acht 100+-Averages im Jahr 2025 sowie bislang zwei weitere im Jahr 2026 liegen zwar klar unter seinen Bestwerten, zeigen aber, dass das Potenzial weiterhin vorhanden ist.
Besonders eindrucksvoll waren dabei ein Average von 110,17 Punkten gegen Scott Williams bei Players Championship 23 sowie 107,20 Punkte gegen Gian van Veen bei der European Tour in Leverkusen im vergangenen Jahr. Solche Leistungen beweisen, dass Gurney auch heute noch jeden Spieler der Welt schlagen kann – allerdings deutlich seltener als zu seinen besten Zeiten.
Auffällig ist zudem, dass sämtliche dieser Top-Averages bei Floor-Turnieren entstanden. Vier Partien mit einem Average von über 100 Punkten auf der European Tour und sechs bei Players Championships zeigen, dass Gurney sein höchstes Niveau vor allem in einer weniger druckbelasteten Umgebung noch abrufen kann.
Der Ruf eines Spitzenspielers entsteht jedoch vor allem auf der TV-Bühne. Genau dort blieb Gurneys bestes Darts in den vergangenen eineinhalb Jahren weitgehend aus. Sein Leistungsmaximum ist nicht verschwunden – es zeigt sich nur deutlich seltener und bislang fast ausschließlich fernab der großen Fernsehkameras.
Der Triumph beim World Cup of Darts mit Josh Rock zeigte: Daryl Gurney besitzt weiterhin Weltklassequalitäten – doch sie kommen inzwischen nur noch selten konstant zum Vorschein.
In den letzten 18 Monaten waren tiefe Runs im Vergleich zu seiner Spitze rar, 2017 überstrahlt alles, was Gurney nach 2021 geliefert hat. Der World-Cup-of-Darts-Triumph 2025 ist das Highlight, fließt aber nicht ins Ranking ein, wodurch das Preisgeld stetig sank. Zwei Halbfinals auf der European Tour ragen heraus, bei der Flanders Of Darts Trophy gab es Siege gegen Ratajski und Rydz, bevor die Nummer eins der Welt, Luke Littler, ihn stoppte – ein insgesamt positives Wochenende für Gurney.
Zuletzt erreichte er das Halbfinale bei den Austrian Darts Open 2026, verlor dort gegen den späteren Sieger und nordirischen Teamkollegen Josh Rock, was ebenfalls positive Ansätze zeigte. Zudem sorgten ein Viertelfinale bei der European Championship 2025 und den Players Championship Finals 2025 für ein Saisonende, das viele als Vorgriff auf ein besseres 2026 sahen. Nun scheint es, als werde dieses Geld bis 2027 nicht zu verteidigen sein.
Ob Gurney diese Events erreicht, hängt von solchen starken Runs ab. Der Tour-Überblick zeichnet ein trübes Bild; lediglich ein Viertelfinale bei PC4 in 2026 verdeutlicht seine Abhängigkeit von European-Tour-Events und Majors zur Ranglistenpflege. Selbst zu seinen Hochzeiten waren Players-Championship-Siege rar; er gewann in dieser Phase nur zwei, was eine Durststrecke von 7 Jahren ergab. Ohne starke Tourform und nun verpasste Majors wie das Matchplay schrumpft Gurneys Hauptquelle für Ranglisten-Geld.
Ein Ranking, das auf European Tours basiert, die ohne den Komfort eines Top-32-Platzes spärlich kommen, macht einen weiteren Absturz unausweichlich. Mit lediglich £24.500 auf der Tour im Jahr 2025, also £816 pro Event, zeigt sich: Gurneys Ranking hängt nicht nur von Majors ab; es ist strukturell von ihnen gebaut.
Der technische Rückschritt: Gurneys Entwicklung Quartal für Quartal
| Kennzahl | Jan-Jul 25 | Jul-Jan 26 | Jan-Apr 26 | Apr-Jul 26 |
| Average | 93.03 | 92.95 | 92.10 | 91.62 |
| First Nine | 101.60 | 98.58 | 100.26 | 99.84 |
| First Dart T20 % | 35.83% | 35.44% | 32.15% | 31.20% |
| 180er pro Leg | 0.23 | 0.20 | 0.22 | 0.19 |
| Average in Decidern | 88.39 | 99.34 | 95.36 | 86.88 |
| Functional Doubles % | 47.26% | 50.34% | 46.89% | 47.13% |
| Doppelquote | 39.72% | 42.14% | 37.88% | 39.13% |
Was das verpasste World Matchplay wirklich bedeutet
Vor diesem Hintergrund erhält das verpasste World Matchplay eine noch größere Bedeutung. Das zweitwichtigste Turnier im Dartsport bietet seit 2026 zudem deutlich mehr Preisgeld – und erhöht damit das Risiko, dass Gurney in der Weltrangliste weiter zurückfällt und von Spielern überholt wird, die ihn vor einigen Jahren noch als Vorbild betrachteten. Zwar fehlten ihm am Ende lediglich 750 Pfund zur Qualifikation, doch ein Blick auf seine jüngsten Auftritte in Blackpool zeigt, dass seine Chancen auf einen tiefen Turnierlauf ohnehin begrenzt gewesen wären.
In den vergangenen Jahren schied der Nordire beim World Matchplay regelmäßig früh aus und reiste 2026 mit der schwächsten Form seit langer Zeit Richtung Qualifikationsende. Dennoch greift es zu kurz, sein Fehlen allein an den Ergebnissen festzumachen.
Besonders bitter ist deshalb die Ironie seiner Entwicklung: Fünf Jahre lang gelang Gurney auf der Bühne in Blackpool kein einziger Matchsieg, ehe er nun erstmals ganz aus dem Teilnehmerfeld verschwand. Leistungen wie sein Average von 103,26 Punkten gegen Gary Anderson im Jahr 2017 scheinen inzwischen weit entfernt.
Ob der Nordire jemals wieder dauerhaft an dieses Niveau anknüpfen kann, hängt vor allem von einer Frage ab: Gelingt es ihm, sein einst so dominantes Scoring zurückzugewinnen? Solange die veränderte Flugbahn seiner Darts seine 180er-Quote nachhaltig beeinträchtigt, dürfte genau das die größte Herausforderung seiner Karriere bleiben.
Der Preis des Matchplay-Aus: Was Gurney jetzt entgeht
| Kennzahl | Wert |
| Lücke zu den Qualifikationsplätzen | £750 hinter Dave Chisnall |
| Erstrundenpreisgeld beim Matchplay | £10,000 |
| Zweitrundenpreisgeld beim Matchplay | £22,500 |
| Halbfinal-Preisgeld beim Matchplay | £50,000 |
| Sieger-Preisgeld beim Matchplay | £225,000 |
| Letzter Sieg beim Matchplay | 2024 Achtelfinale (Niederlage gegen Gerwyn Price) |
| Bestes Matchplay-Abschneiden (2017) | Halbfinale |
| Average beim World Matchplay 2017 gegen Gary Anderson | 103.26 |
Zwischen Hoffnung und Realität
Die Entwicklung der vergangenen Jahre führt zu einer unbequemen Frage: Kann Daryl Gurney überhaupt noch einmal an sein früheres Leistungsniveau anknüpfen? Mit dem verpassten World Matchplay erhielt seine schwierige Situation weiteren Nachdruck. Erstmals wurde für die breite Öffentlichkeit sichtbar, wie weit sich der Nordire inzwischen von seiner einstigen Weltklasse entfernt hat.
Dieser Druck dürfte in den kommenden Monaten weiter wachsen und möglicherweise Veränderungen erzwingen. Gleichzeitig wird es dadurch kaum einfacher, auf der Bühne befreit aufzuspielen. Mit inzwischen 40 Jahren steht Gurney an einem entscheidenden Punkt seiner Karriere. Das verpasste Preisgeld von bis zu 225.000 Pfund schmerzt zweifellos – noch schwerer wiegt jedoch die technische Entwicklung seines Spiels.
Vor allem der deutlich flachere Eintrittswinkel seiner Darts scheint sich nachhaltig auf sein Scoring auszuwirken. Theoretisch ließe sich dieses Problem durch technische Anpassungen beheben, praktisch ist eine so tief verankerte Wurfbewegung jedoch nur schwer zu verändern. Während Gurney vor rund zehn Jahren noch mit einem schnelleren, dynamischeren Wurfstil agierte, wirkt seine Bewegung heute deutlich kontrollierter und methodischer. Seine Darts scheinen nahezu ins Board gelegt zu werden – ein klarer Unterschied zu dem explosiven Stil, der ihn einst zu einem der gefährlichsten Scorer der Tour machte.
Gerade für einen Spieler, der auf jedes Preisgeld angewiesen ist und durch das verpasste World Matchplay bereits auf mindestens 22.500 Pfund verzichtet, ist diese Entwicklung besonders schmerzhaft. Dennoch wäre es falsch, Gurney bereits abzuschreiben. Vielmehr erzählt seine Geschichte die eines Spielers, dessen Spiel sich Schritt für Schritt von den Eigenschaften entfernt hat, die ihn einst an die Weltspitze brachten.
Der World Cup of Darts hat gezeigt, dass sein Finishing weiterhin auf höchstem Niveau funktionieren kann. Die Leistungen auf den Floor-Turnieren haben gleichzeitig verdeutlicht, dass sein früher dominantes Scoring nur noch phasenweise abrufbar ist. Auf Dauer lassen sich diese beiden Extreme in der Weltspitze jedoch kaum miteinander vereinbaren – und aktuell ist es vor allem das Scoring, das Gurney im Weg steht.
Genau das macht seine Situation so interessant. Die möglichen Ursachen sind klar erkennbar: Der flachere Landewinkel seiner Darts erschwert den Zugang zur Triple 20, senkt die Trefferquote mit dem ersten Dart auf das Triple-20-Feld – sie fiel innerhalb von 18 Monaten von 35,83 auf 31,20 Prozent –, führt zu weniger 180ern, hinterlässt schwierigere Restpunkte und erhöht damit automatisch den Druck auf die Doppel.
Ob ein 40-jähriger Spieler mit den mentalen Belastungen der vergangenen Jahre eine über Jahrzehnte verinnerlichte Wurfbewegung noch einmal grundlegend verändern kann, lässt sich nicht seriös beantworten. Fest steht jedoch: Der Abwärtstrend ist statistisch klar nachweisbar.
Genauso real ist allerdings auch der Average von 110,17 Punkten gegen Scott Williams vor rund einem Jahr – ein Beweis dafür, dass das Potenzial für absolute Weltklasseleistungen noch immer vorhanden ist. Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich derzeit die Karriere von Daryl Gurney. Und genau dort liegt vermutlich auch die ehrlichste Einschätzung seiner aktuellen Situation.