Dabei machte der Strausberger keinen Hehl daraus, dass der Sieg weniger durch spielerische Leichtigkeit als durch Willenskraft zustande kam. „Ich glaube, es war ein guter und auch wichtiger Arbeitssieg für mich“, sagte Schindler. „Mich hat es sehr gefreut, durch diese Partie gekommen zu sein, weil – ich habe es schon auf der Bühne gesagt – nach den ersten vier Legs hätte es auch easy 4:0 gegen mich stehen können. Es stand halt 2:2.“
„Ich habe mich wirklich reingebissen“
Schindler profitierte in der Anfangsphase von Fehlern seines Gegners, fand selbst jedoch nur schwer in seinen Rhythmus. „Ich habe durch seine Fehler profitiert, so ist das Spiel manchmal“, erklärte er. „Ich weiß nicht warum: Mir fällt es momentan nicht so einfach, das Spiel geht mir nicht so leicht von der Hand. Ich mache aktuell sehr viele Fehler. Wieso, weshalb, warum? Keine Ahnung.“
Martin Schindler sorgt beim Walk-on im Sindelfinger Glaspalast für Gänsehautstimmung
Umso wichtiger war für ihn die mentale Komponente. „Das heute war halt einfach ein Arbeitssieg, ein Herzenssieg. Ich habe mich an einem Punkt wirklich so reingebissen und gesagt: Nein, nein! Ich will dieses Spiel auf gar keinen Fall verlieren – auch wenn ich spiele wie der letzte Depp. Ich wusste, dass ich nicht gut gespielt habe, aber ich habe mich reingebissen. Und als der erste Dart dann gepasst hat, ging es auch ein bisschen einfacher.“
Dass die Partie von einer besonders intensiven Atmosphäre begleitet wurde, zeigte sich auch in einer ungewöhnlichen Szene während des Matches. Mitten in einem Leg suchte Schindler kurz das Gespräch mit dem Schreiber. „Ich glaube, weil die Fans so laut waren die ganze Zeit – das macht das Spiel auch nicht einfacher“, begann er schmunzelnd. „Ich hatte 30 Punkte geworfen, zuerst wurden 40 geschrieben, dann habe ich mit den Fingern signalisiert: drei für 30 – dann stand 43 da. Der Caller hat auch noch etwas gesagt, dann stand wieder eine Vier vorne. Da bin ich nach vorne gegangen und habe gesagt: Nein, es waren 30 Punkte! Wenn es nicht über die Ohren geht: Ich hätte es auch selber aufgeschrieben“, lachte „The Wall“.
Auch an seinem Material arbeitet Schindler aktuell bewusst, nachdem er zu Saisonbeginn Veränderungen vorgenommen hatte. „Ich spiele jetzt meine G2-Darts von Bulls. Vorher hatte ich die G3, die Form des Barrels ist gleich, aber der Grip ist ein anderer“, erklärte er. „Ich habe auch wieder Spitzen mit Trichterform genommen, um ein bisschen die alte Scoring-Power zurückzubekommen – also wieder mehr 180er und 140er. Aber dafür brauchst du halt den ersten Dart, den ich heute teilweise nicht hatte.“
Top 16 aktuell kein Thema – Fokus auf Clayton
Dass er kürzlich aus den Top-16 der Weltrangliste herausgerutscht ist, bewertet Schindler derzeit nüchtern. „Ehrlicherweise spielt das aktuell überhaupt keine Rolle“, sagte er offen. „Klar, es ist schön, in den Top-16 gewesen zu sein beziehungsweise zu sein. Aber im Endeffekt bringt es nur etwas, wenn man konstant gute Darts spielt. Und da bin ich jetzt einfach mal so hart und auch ehrlich zu mir selbst: Das war dieses Jahr bisher überhaupt noch nicht der Fall.“
Gleichzeitig sieht er dennoch positive Ansätze. „Ich muss mich da gerade einfach durchbeißen. Aber ich bin positiver Dinge, weil ich teilweise ganz gute Akzente habe. Wenn ich es schaffe, das über ein ganzes Spiel zu replizieren, dann sind die Top-16 eigentlich kein Thema. Ich war ohnehin die ganze Zeit nur knapp vor dem Cut. Deswegen: Es ist jetzt so, wie es ist. Ich konzentriere mich auf morgen – alles andere ist eh Wurscht.“
Am Finaltag wartet mit Jonny Clayton eine schwierige Aufgabe – auch, weil der Waliser im vergangenen Jahr mehrfach gegen Schindler die Oberhand behielt. „Wenn ich morgen gegen Jonny spielen sollte, ist natürlich noch die ein oder andere Revanche aus dem letzten Jahr offen“, sagte Schindler. Gleichzeitig stellte er klar, worauf es für ihn entscheidend ankommt: „Ich kümmere mich gar nicht so sehr darum, gegen wen ich spiele. Ich muss mich auf mein Spiel konzentrieren – das ist das, was zählt.“
Dennoch schätzt er die Aufgabe realistisch ein. „Jonny spielt sehr, sehr gut, das hat jeder dieses Jahr gesehen. Er ist der beste Premier-League-Spieler. Ich bin aktuell definitiv Außenseiter. Aber ich weiß: Wenn ich meine Scores finde, meine Doppel finde – und meine Birne einfach mal ausgeschaltet bekomme – dann habe ich eine Chance.“