Im Gespräch mit Tungsten Tales hat
Kevin Painter offen über eine Phase gesprochen, die er selbst als „sechzehn Monate Elend“ bezeichnet. Der frühere Premier-League-Spieler erlebte eine der schwersten Zeiten seiner Karriere – geprägt von Dartitis, Angstzuständen und schlaflosen Nächten. Doch inzwischen sieht der Engländer wieder Licht am Ende des Tunnels.
Dass der Name von Painter plötzlich auf der Teilnehmerliste der
Q-School auftauchte, sorgte in der Szene für Verwunderung. Der 57-Jährige hat längst seine Spuren hinterlassen, spielte über zwei Jahrzehnte auf höchstem Niveau und war Teil legendärer TV-Momente. Viele fragten sich daher, ob er tatsächlich noch einmal auf die Jagd nach einer PDC Tour Card gehen wollte.
„Ich bin nicht zurückgekommen, um eine Tourkarte zu holen“
Painter räumt gleich zu Beginn mit dieser Vermutung auf: „Ich bin nicht zur
Q-School gegangen, um eine Tourkarte zu holen“,
erklärt er nüchtern. „Diese Zeit ist vorbei. Ich wollte einfach wieder Matchpraxis sammeln, um anschließend die Challenge Tour spielen zu können. Für mich geht es jetzt darum, wieder ins Spiel zu kommen.“
Kevin Painter hatte eine lange Zeit mit Dartitis zu kämpfen
Die
Q-School in Milton Keynes gilt als körperlich wie mental zermürbend. Tagelange Turniersessions, durchweg hohes Niveau und gnadenlose Konkurrenz treffen dort aufeinander. Junge Talente kämpfen um den Sprung ins Profigeschäft, alte Bekannte versuchen, verlorenes Terrain zurückzuerobern. Painter wusste schon vor Turnierbeginn, dass er nur zwei Tage antreten würde: „Das Feld war stark. Viele Jungs geben alles, um Profis zu werden. Das ist schön zu sehen. Für mich ging es allerdings nur darum, Stunden am Board zu sammeln.“
„Es hatte nichts mit Darts zu tun“
Diese Trainingseinheiten waren dringend nötig, denn Painter kämpfte rund anderthalb Jahre mit Dartitis – einer gefürchteten, oft karrierebedrohenden Blockade. „Es waren sechzehn Monate reines Elend“, sagt er offen. „Du fürchtest, dass es nie wieder weggeht. Du hoffst es zwar, aber du glaubst nicht wirklich daran.“
Bemerkenswert ist, dass er die Ursache nicht in seinem Wurf oder seiner Technik sieht. „Es hatte nichts mit Darts zu tun“, betont Painter. „Es war Angst. Anspannung. Und schlechter Schlaf. Wenn du jede Nacht gut schläfst, leert sich der Kopf. Wenn du das nicht tust, stapelt sich alles.“
Er suchte schließlich therapeutische Hilfe. Dabei ging es nicht um den Wurf, sondern um innere Ruhe und mentale Stabilität. „Wenn ich kein Darter gewesen wäre, hätte es sich vielleicht in Panikattacken gezeigt. Dartitis war nur das Symptom von Stress und Angst.“
Langsam kam die Wende – ausgelöst durch eine kleine technische Anpassung. „Irgendwann habe ich meinen Wurf etwas verändert. Mehr Rhythmus, weniger Nachdenken. Das hat funktioniert.“ Heute sieht sich Painter zu „90 bis 95 Prozent“ erholt. „Manchmal zögere ich noch leicht, aber das ist nichts gegen früher. Es fühlt sich einfach großartig an, wieder werfen zu können.“
Ganz so einfach ist der Weg zurück trotzdem nicht. Painter muss mit leicht verändertem Stil und Timing leben. „Es ist wie ein Neuanfang“, sagt er. „Ich trainiere mich quasi in eine neue Spielweise hinein.“ Für jemanden, der über zwanzig Jahre an der Spitze spielte, ist das eine gewaltige Umstellung.
„Die Angst kam, als ich von der Tour runterging“
Painter blickt auf Jahrzehnte voller Erfolge zurück – TV-Auftritte, große Arenen, Premier-League-Atmosphäre. Trotzdem traf ihn die Dartitis aus dem Nichts. „Es ist seltsam“, meint er nachdenklich. „Ich habe zwanzig Jahre unter Druck gespielt – große Bühnen, volle Hallen. Aber der Stress kam wohl erst, als ich plötzlich nicht mehr so spielte wie früher. Du glaubst, du kannst es noch. Doch mit der Zeit wächst der Druck. Und dann, plötzlich, ist die Angst da.“
Am vergangenen Donnerstag startete die neue Saison der
Premier League Darts – eines der prestigeträchtigsten Turniere der Dartswelt. Painter weiß genau, wie sich dieses Level anfühlt: 2012 war er selbst dabei.
„Fantastisch“, erinnert er sich. „Ich habe jede Minute genossen. Wenn du zum ersten Mal dabei bist, weißt du nicht, was dich erwartet. Aber vor so großen Menschenmengen zu spielen, ist einfach besonders.“
Damals füllten die Arenen bereits Tausende Zuschauer. Heute pilgern Woche für Woche über 10.000 Dartsfans zu den Events. Seit der Formatänderung hat sich die Premier League vom reinen Ligabetrieb zu einem wöchentlichen Mini-Turnier entwickelt.
Ein neues Format für die Spannung
„Das alte Format wurde irgendwann langweilig“, sagt Painter ehrlich. „Jetzt hat jeder Abend Bedeutung. Jede Woche geht es um etwas. Früher konntest du nach ein paar Niederlagen unten stehen und wusstest: Da geht nichts mehr. Jetzt bleibt es spannend bis zum Ende.“
Für Painter ist klar: Ein perfektes Format gibt es nicht. „Es wird immer unterschiedliche Meinungen geben. Aber im Moment funktioniert das aktuelle System sehr gut.“
Neben der Rückkehr von Stars wie
Luke Littler oder
Michael van Gerwen interessieren sich die Fans besonders für zwei Premier-League-Debütanten:
Josh Rock und Gian van Veen. Auch Painter verfolgt deren Auftritte genau.
Debütanten mit Zukunft
„Beide sind richtig gut“, lobt er. „Ich sehe bei ihnen großes Potenzial.“ Über Van Veen gerät Painter regelrecht ins Schwärmen: „Er hat das komplette Paket – Ruhe, Temperament, Intelligenz. Er bleibt auf der Bühne cool, ohne sich zu verstellen. Ich traue ihm zu, große TV-Turniere zu gewinnen.“
Ratschläge will Painter den jungen Spielern aber nicht überstülpen. „Viele sagen: ‚Genieße es.‘ Aber das ist schwer, wenn du verlierst. Was du genießen kannst, ist die gesamte Erfahrung, diese drei, vier Monate Premier League. Das ist wirklich etwas Besonderes.“
„Luke Littler ist der Mann, den es zu schlagen gilt“
Bei der Frage nach seinem Favoriten für den Gesamtsieg kommt Painter schnell zur Sache: „Luke Littler ist der Mann, den es zu schlagen gilt“, sagt er ohne zu zögern. Dennoch traut er Van Veen zu, dem Teenager Paroli zu bieten. „Wenn Van Veen sich weiterentwickelt, kann es durchaus zwischen den beiden gehen. Aber die Qualität im Feld ist insgesamt enorm. Jeder dort glaubt, dass er das Ding gewinnen kann.“
Beeindruckend ist, wie reflektiert Painter trotz allem wirkt. Kein Groll, keine Bitterkeit – nur Respekt und Realismus. Selbst über Spieler, die in diesem Jahr knapp nicht in die Premier-League-Auswahl geschafft haben, wie Nathan Aspinall oder Danny Noppert, spricht er mit Verständnis.
„Du kannst nur acht Spieler nominieren“, erklärt er. „Da bleiben zwangsläufig starke Jungs außen vor. Nathan war schon oft dabei, für ihn ist das vielleicht eine kleine Pause. Und Danny muss einfach weitermachen wie bisher – seine Zeit wird kommen.“
Kevin Painter hat viele Höhen und Tiefen erlebt. Doch so offen, ehrlich und menschlich hat man ihn selten gehört. Vielleicht steckt genau darin die größte Stärke seiner Geschichte: der Mut, Niederlagen, Angst und Neubeginn nicht als Widerspruch, sondern als Teil eines Dartslebens zu begreifen.