„Es gibt hundert Dinge, die ich lieber tue als Darts zu spielen“ – Joe Cullen zweifelt offen an seiner Zukunft im Sport

PDC
Dienstag, 28 Juli 2026 um 17:30
Joe Cullen (2)
Joe Cullen hat im Podcast Tops & Tales von PDC-Caller Huw Ware einen bemerkenswert offenen Einblick in sein Leben gegeben, sowohl innerhalb als auch außerhalb der Dartswelt. Der frühere World-Masters-Champion sprach offen über die finanziellen Probleme zu Beginn seiner Karriere, die Opfer, die seine Familie brachte, um seinen Traum zu verfolgen, und seine aktuellen Zweifel am Leben als Profidartspieler.
Der inzwischen 37-jährige Engländer, aktuell die Nummer 31 der Welt, gehört seit fast zwanzig Jahren zu den etablierten Namen auf dem PDC-Circuit. Trotzdem räumt er ein, dass er seine Pfeile sofort gegen einen anderen Job eintauschen würde, sollte er anderswo dasselbe Gehalt verdienen.

Ein ehrliches Geständnis

„Ich mache das natürlich schon unglaublich lange", erzählt Cullen. „Ich habe in jungen Jahren angefangen, und dadurch fühlt es sich an, als wäre ich schon ewig dabei. Wenn ich einen anderen Job fände, der genauso gut bezahlt, würde ich das ohne zu zögern machen."
Joe Cullen winkt dem Publikum zu.
Cullen gewann mit den Masters 2022 seinen letzten großen Titel bei der PDC.
Mit dieser Aussage will „The Rockstar" keine Undankbarkeit ausdrücken. Im Gegenteil: „Ich bin nicht so dumm zu glauben, ich hätte kein Glück gehabt. Ich weiß, wie privilegiert ich bin, meinen Lebensunterhalt mit Darts zu verdienen. Aber wenn ich ehrlich bin, könnte ich aus dem Stegreif hundert Dinge nennen, die ich lieber tun würde als Darts. Nur bezahlt Darts nun einmal die Rechnungen."
Diese Worte offenbaren den harten Weg, den Cullen gehen musste, um überhaupt eine Existenz als Profidartspieler aufzubauen. Mit achtzehn wurde er Vater seines Sohnes Travis, weshalb er schon früh vor tiefgreifenden Entscheidungen stand.
„Ich war achtzehn und wir hatten gerade ein Kind bekommen. Dann ändern sich deine Prioritäten komplett. Meine Frau und ich mussten extrem schwierige Entscheidungen treffen."
Sein Arbeitgeber gewährte ihm kaum die Freiheit, Turniere zu spielen. „Wir mussten uns zwischen meinem Job und Darts entscheiden, weil ich einfach keinen Urlaub bekam. Wir haben dann beschlossen, voll auf mich zu setzen. Ich dachte, ich könnte gut genug werden, um es als Dartspieler zu schaffen."
Diese Entscheidung zog große finanzielle Folgen nach sich. „Wir hatten überhaupt nichts. Wir mussten uns Geld von unseren Eltern leihen, um überhaupt über die Runden zu kommen."

Vom Postboten zum Profidarter

Cullen arbeitete zwölf bis achtzehn Monate als Postbote, bevor er sich entschied, vollständig auf Darts zu setzen. Dieser Schritt gestaltete sich alles andere als einfach.
„Ich brauchte Zeit, um Turniere zu spielen. Dann sagten sie: ‚Du kannst frei nehmen, aber unbezahlt.' Doch ich brauchte gerade dieses Geld. Irgendwann machten sie es mir nur noch schwerer. Ehrlich gesagt konnte ich meinen Manager damals nicht ausstehen."
Seine Frau hielt währenddessen die Familie am Laufen. „Sie arbeitete sich kaputt, während ich zu Hause trainierte. Deshalb fühlte sich jedes Wochenende mit einem Turnier wie eine Alles-oder-nichts-Situation an."
Während sich heute vor allem die Weltrangliste und sportliche Erfolge in den Mittelpunkt schieben, drehte sich damals alles um pure Notwendigkeit. „Ich musste Matches gewinnen, weil wir das Preisgeld brauchten, um die Rechnungen zu bezahlen. Das sorgte für einen völlig anderen Druck als heute."
Selbst die Teilnahme an Turnieren stellte in jenen Jahren keine Selbstverständlichkeit dar. Cullen musste ständig abwägen, welche Events er sich überhaupt leisten konnte. „Heute wählen Topspieler manchmal, welche Turniere sie wegen etwas Ruhe auslassen. Ich wählte hingegen, welche Turniere ich mir überhaupt leisten konnte."
Als seine finanzielle Lage immer prekärer wurde, half ihm seine Familie aus. „Mein Onkel gab mir Geld und sagte nur: ‚Schau, was du damit anfangen kannst.'"
Nicht viel später folgte ein Anruf, der seiner Karriere eine entscheidende Wendung gab. „Tommy Cox, damals Turnierdirektor bei der PDC, rief mich an. Er und sein Sohn wollten mich begleiten und sponsern. Von diesem Moment an musste ich mir viel weniger Sorgen um Startgelder und andere Kosten machen."

„Wir nehmen nichts mehr für selbstverständlich"

Die schweren Anfangsjahre haben Cullen zufolge einen bleibenden Einfluss auf seinen Charakter und den seiner Familie gehabt. „Ich weiß noch, wie wir zu viert essen gingen. Dann kostete es ungefähr £200 und ich wusste, dass jeder £50 zahlen musste. Ich hatte vielleicht nur £40 in der Tasche."
Solche Erfahrungen führen dazu, dass er heute wenig als selbstverständlich ansieht. „Das hat mich zu dem Menschen geformt, der ich jetzt bin. Auch meine Familie hat sich dadurch verändert. Wir nehmen eigentlich nichts mehr für selbstverständlich, weil wir wissen, wie es ist, wirklich von der Hand in den Mund zu leben."
Trotz seiner erfolgreichen Karriere hat Cullen mehr als einmal erwogen, sich vom Sport zu verabschieden. Auch mit seiner Frau kam dieses Thema regelmäßig zur Sprache. „Meine Frau hat schon mal gesagt: ‚Dann hör einfach auf.' Aber so einfach ist das natürlich nicht."
Laut Cullen spielen weitaus mehr Faktoren eine Rolle als nur seine eigene Motivation. „Was ist, wenn ich in ein paar Jahren doch zurückkommen will? Dann wird das extrem schwierig. Außerdem hast du Sponsoren und allerlei Verpflichtungen. Zudem ist das Einkommen natürlich gut, wenn du auf diesem Niveau spielst. Da wäre es dumm, einfach alles hinzuschmeißen."

Nach wie vor ehrgeizig

Cullen gibt zu, längst nicht seine besten Jahre zu erleben, weigert sich aber, sich mit einem geräuschlosen Ende seiner Karriere abzufinden. Seit seinem Finaleinzug in der Premier League und seinem Sieg bei den World Masters 2022 holte er keinen neuen großen Titel mehr und erreichte seit dem World Grand Prix 2024 kein Viertelfinale mehr bei einem Major.
Dennoch sieht er weiterhin genügend Perspektive. „Ich möchte nicht jemand sein, der langsam aus dem Blickfeld verschwindet und von dem niemand je wieder etwas hört. Nur ich selbst kann das ändern."
Zudem stört ihn die Art und Weise, wie manche Analysten Spieler bewerten. „Manchmal höre ich Analysten bestimmte Spieler hochjubeln, obwohl sie eigentlich nur bei der WM und der UK Open dabei sind und nie beim World Matchplay stehen."
Er selbst betrachtet hingegen das große Ganze. „Ich habe wahrscheinlich in den letzten vier Jahren schlecht gespielt und bin trotzdem noch bei allen TV-Turnieren dabei. Dann muss ich offenbar doch etwas richtig machen."
Der Engländer schließt mit einer vielsagenden Botschaft. „Stell dir vor, ich ziehe es wirklich wieder komplett durch, statt nur bei den TV-Turnieren aufzutauchen. Dann kann ich immer noch Schaden anrichten und vielleicht sogar wieder einen großen Titel gewinnen."
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