„In Michael stecken noch ein paar Major-Titel“ – Der ehemalige Weltranglistenerste schreibt Van Gerwen noch lange nicht ab

PDC
Donnerstag, 03 September 2026 um 17:30
Michael van Gerwen (2)
Der Dartsport hat mit Luke Littler einen neuen Maßstab gesetzt, wenn es um junge Talente geht, die rasant an die Weltspitze durchbrechen. Doch die nächste Generation steht bereits in den Startlöchern. Ex-Weltranglistenerster Colin Lloyd sieht mehrere Teenager, die in den kommenden Jahren dem Profizirkus ihren Stempel aufdrücken können.
Lloyd war zu Gast im Odds-On Podcast und sprach dort ausführlich über die größten Talente der Gegenwart. Auch Michael van Gerwen, Littlers Stellung im Kreis der Besten aller Zeiten und das Potenzial von Cameron Menzies kamen zur Sprache.

Lloyd tippt drei große Talente

Auf die Frage, wer der nächste Littler werden könnte, muss Lloyd nicht lange überlegen. Nach Meinung des früheren World Matchplay- und World Grand Prix-Champions ragen derzeit zwei Spieler heraus, zudem beobachtet er ein noch jüngeres Talent ganz genau.
„Es gibt zwei außergewöhnliche Spieler, vielleicht sogar drei“, beginnt Lloyd und nennt als Erstes den Schotten Mitchell Lawrie. „In Schottland läuft ein junger Bursche herum, der Mitchell Lawrie heißt. Er bricht im Jugendbereich sogar alle Rekorde von Luke Littler. Ich denke, dass er im Januar bei der Q-School stehen wird.“
Auch Kaya Baysal aus Burnley steht weit oben auf Lloyds Liste. Beide seien aus Sicht des Ex-Topspielers ernsthafte Kandidaten, kurzfristig eine Tour Card zu holen. „Kaya Baysal ist ebenfalls ein unglaublich guter Spieler. Das sind also die zwei größten Namen, die möglicherweise durchbrechen und nächstes Jahr versuchen werden, eine Tour Card zu sichern.“
Dennoch ist es womöglich der dritte Name, der die meiste Fantasie beflügelt. Lloyd verweist auf Jack Johnson, besser bekannt als „Jackie Boy“. Der Engländer ist erst dreizehn oder vierzehn Jahre alt, hat laut Lloyd aber alles, um sich in den nächsten Jahren einen Namen zu machen.
„Es gibt noch einen anderen jungen Spieler, aber er ist erst dreizehn oder vierzehn. Er heißt Jack Johnson, Jackie Boy Johnson. Das ist absolut jemand, den man in Zukunft im Auge behalten sollte.“
Lloyd verweist dabei auf Johnsons aktuelle Resultate. Der Teenager gewann kürzlich die WDF UK Men's Singles und schlug bei diesem Turnier unter anderem zwei Akteure, die derzeit auf der PDC Tour aktiv sind. „Er besiegte zwei Spieler, die momentan auf der PDC Tour spielen. Er gewann gegen Martin Lukeman und gegen Owen Bates.“
Für Lloyd gibt es daher wenig Zweifel am Potenzial des Trios. „Das sind Spieler für die große Bühne. Es sind definitiv die drei großen Namen, die man aus dem Jugendbereich im Blick behalten muss.“

„In Michael stecken noch ein paar Majors“

Ausführlich besprochen wurde auch die Situation von Michael van Gerwen. Der Niederländer besitzt in den vergangenen Jahren nicht mehr die Dominanz seiner absoluten Hochphase, doch Lloyd schreibt den dreifachen Weltmeister keineswegs ab.
Van Gerwen hatte zudem mit Dingen außerhalb des Boards zu tun. Darüber will Lloyd nicht spekulieren. „Michael hat in seinem Privatleben einige Dinge erlebt. Das geht niemanden etwas an. Nur Michael kann damit umgehen.“
Über Van Gerwen als Spieler wird Lloyd deutlicher. Er hat große Bewunderung für Professionalität und Antrieb des Niederländers und erwartet, dass Van Gerwen seinem Palmarès weiterhin große Titel hinzufügen kann.
„Michael ist der ultimative Profi. Er nimmt sich immer Zeit für die Fans. Und wenn es ums Darts geht, gibt er 101 Prozent, weil er weiß, dass ihm dieser Sport ein gutes Leben ermöglicht hat. Er liebt Darts noch immer. Und er ist schlicht zu gut.“
Laut Lloyd hat Van Gerwen zudem längst gezeigt, dass sein absolutes Topniveau nicht verschwunden ist. „Er hat es dieses Jahr bereits bewiesen. Er gewann früher im Jahr zwei World Series-Turniere. Ich denke nach wie vor, dass in Michael noch ein paar Majors stecken.“
An seinen besten Tagen bleibt Van Gerwen nach Ansicht des Engländers außerdem einer der spektakulärsten Spieler zum Zuschauen. „Wenn er wirklich da ist, ist es ein absoluter Genuss, ihn spielen zu sehen. Er kann noch immer die genialen Dinge zeigen, die wir von ihm kennen.“
Anschließend wurde Lloyd gefragt, welche drei Spieler er auf ihrem Topniveau als die Größten aller Zeiten einstuft. Seine Antwort war klar: Phil Taylor, Michael van Gerwen und Luke Littler. „Taylor, Van Gerwen, Littler. Im Moment habe ich Luke Littler auf Platz drei.“
Dass Littler trotz seines stürmischen Aufstiegs noch nicht höher steht, liegt laut Lloyd vor allem an der gewaltigen Bilanz seiner beiden Vorgänger. Der junge Engländer ist schließlich erst seit wenigen Jahren auf höchstem Niveau dabei.
„Er spielt erst etwas mehr als zwei Jahre auf dem Circuit. Man muss jemanden wie Phil Taylor anschauen: Er hat 25 bis 30 Jahre auf der Tour gespielt. MVG ist auch schon sehr lange dabei.“
Michael van Gerwen winkt dem Publikum zu.
Der letzte große Majortitel, den Van Gerwen gewinnen konnte, sind die World Series of Darts Finals im September 2025.

Cameron Menzies hat das Zeug für die Top Ten

Zum Schluss kam Cameron Menzies zur Sprache. Der Schotte verfügt unbestritten über hohes Scoring, doch seine Emotionen stehen ihm auf der Bühne bisweilen im Weg. Auf die Frage, ob Menzies mit mehr Kontrolle sogar ein Top-3-Spieler werden könnte, reagiert Lloyd jedoch zurückhaltend.
„Er ist gut, aber Top drei weiß ich nicht. Die Top Ten kann er absolut erreichen. Cammy ist ein sehr, sehr starker Spieler. Er hat enorme Scoring-Power.“
Lloyd erkennt dabei Parallelen zu Gary Anderson. Auch dessen Scoring-Power stand jahrelang außer Frage, während vor allem das Finishing ihn in der ersten Phase seiner Laufbahn regelmäßig ausbremste.
„Wenn er seine Doppel zu treffen beginnt, erinnert er mich tatsächlich ein wenig an Gary Anderson. Anderson war immer ein fantastischer Darter und hat immer stark gescort. Aber zu Beginn seiner Karriere ließen ihn die Doppel oft im Stich. Er gewann trotzdem Turniere, hätte aber so viel mehr gewinnen können, wenn er die Doppel besser getroffen hätte.“
Als bei Anderson schließlich alle Puzzleteile zusammenfielen, wurde er zu einem der dominanten Spieler seiner Generation. „Plötzlich passte alles: zweimal hintereinander Weltmeister und einer der gefürchtetsten Darter der Welt.“
Lloyd erwartet nicht automatisch, dass Menzies eine vergleichbare Titelsammlung aufbauen kann, sieht aber genug Potenzial, um dauerhaft in den oberen Regionen mitzuspielen. „Ich glaube nicht, dass Cammy erreichen kann, was Gary erreicht hat. Aber er kann sich absolut in eine Position bringen, in der die Leute über ihn sprechen – und zwar aus den richtigen Gründen: weil er ein großartiger Darter ist.“
Zudem nimmt Lloyd den Menschen hinter dem bisweilen temperamentvollen Bühnenauftritt in Schutz. „Er ist überhaupt kein schlechter Kerl. Er ist einer der nettesten Typen, die man je treffen wird. Er nimmt sich immer Zeit für die Fans, gibt immer Autogramme und steht immer mit einem Lächeln bereit. Er geht niemals einfach an jemandem vorbei.“
Am Ende liegt der Schlüssel laut Lloyd jedoch bei Menzies selbst. Ratschläge von außen können helfen, aber auf der Bühne muss der Schotte lernen, seine Emotionen zu zügeln und seine Chancen zu nutzen. „Du kannst den Leuten immer Ratschläge geben, aber am Ende musst du es selbst erledigen. Du musst deine Emotionen im Griff haben und wenn du Chancen bekommst, musst du sie selbst ergreifen. Niemand sonst wird das für dich tun.“
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