„Lkw-Fahrer, das war erst harte Arbeit, warum sollte ich dann über einen vollen Darts-Kalender klagen?“ – Ross Smith genießt jeden Tag seines Lebens als Darts-Profi

PDC
Mittwoch, 04 März 2026 um 6:00
Ross Smith (4)
Ein Jahr voller Rückschläge, verpasster Chancen und Formschwankungen liegt hinter ihm. In Polen aber stand Ross Smith wieder genau dort, wo er hingehört: auf der Bühne, im Scheinwerferlicht, mit einem vollen Haus im Rücken. Der frühere Major-Champion zeigte, dass er noch immer die Klasse und die mentale Stärke besitzt, um auf höchstem Niveau zu bestehen. Sein Sieg über Daryl Gurney war deshalb weit mehr als nur ein Erfolg in einer frühen Runde der European Tour.
„Ehrlich gesagt habe ich gar nicht groß darüber nachgedacht, wie ich spiele“, erklärte Smith nach der Partie. „Ich wusste, dass Daryl mich im letzten Jahr und auch zuvor auf der Bühne geschlagen hatte. Für mich zählte nur eines: den Job erledigen und gewinnen.“

Respekt vor einem Champion – und der Blick nach vorn

Smith kennt die Qualitäten seines Gegners genau. Gurney, zweimaliger Weltmeister und Sieger großer TV-Turniere, gehört seit Jahren zur Elite. Titel beim World Grand Prix und bei den Players Championship Finals sprechen eine klare Sprache. Vor allem auf der großen Bühne entwickelt der Nordire eine besondere Präsenz. Selbst bei deutlichem Rückstand bleibt er gefährlich.
Ross Smith in Aktion
Ross Smith gewann vergangene Woche ein Players Championship
„Selbst bei 5:0 weißt du, dass er zurückkommen kann, wenn du nachlässt“, sagte Smith. „Daryl ist ein absoluter Profi. Was er in diesem Sport erreicht hat, verdient Respekt. Vielleicht hat er gegen mich diesmal nicht sein allerbestes Niveau gespielt, aber wir wissen alle, wozu er fähig ist.“
Gerade deshalb verlieh dieser Erfolg Smith zusätzliches Selbstvertrauen. Das Jahr 2025 verlief für ihn alles andere als reibungslos. Verletzungen, ein dicht gedrängter Turnierkalender und schwankende Leistungen sorgten dafür, dass er seinem eigenen Anspruch häufig hinterherlief. Konstanz fehlte – und mit ihr die Ergebnisse.
Doch in Polen wirkte Smith stabil, fokussiert und entschlossen. Er spielte nicht spektakulär, aber kontrolliert. Er nutzte seine Chancen und blieb in entscheidenden Momenten ruhig.
Den positiven Trend bestätigte er wenig später auf der ProTour. Beim fünften Players-Championship-Turnier des Jahres holte er sich den Titel. Der Turniersieg unterstrich, dass es sich nicht nur um einen Ausreißer handelte. Die Formkurve zeigt nach oben.
Trotzdem bleibt Smith realistisch. „Ich habe das Gefühl, dass ich wieder hinkomme“, sagte er. „Die Auslosung auf der European Tour war diesmal etwas freundlicher. Als Nummer 16 gesetzt, bekommst du trotzdem häufig direkt einen Kracher.“
Diese 16. Position in der Weltrangliste bringt Vorteile und Risiken zugleich. Zwar gehört man zu den gesetzten Spielern, steigt später ins Turnier ein – trifft dann aber oft sofort auf absolute Weltklasse. Smith bekam das in den vergangenen Monaten mehrfach zu spüren, unter anderem gegen Jungstar Luke Littler.
„Eigentlich musste ich von diesem 16. Platz runter“, sagte Smith mit einem Lächeln. „Das habe ich inzwischen geschafft, ich bin jetzt Fünfzehnter. Aber dann bekommst du eben jemanden wie Luke Humphries. Es hört einfach nicht auf.“
Frustriert wirkt er dennoch nicht. „Es ist, wie es ist. Ich schaue nach vorne und gebe mein Bestes. Am Ende musst du jeden schlagen können.“

Warum die European Tour für Smith so wichtig ist

Für Smith besitzen die Events der European Tour enorme Bedeutung. Das Preisgeld fließt stark in die Weltrangliste ein und beeinflusst maßgeblich die Setzlisten bei großen TV-Turnieren.
„Diese Euro Tours sind extrem wichtig“, betonte Smith. „Ein Sieg auf der European Tour bringt vom Preisgeld her fast so viel wie ein Halbfinale bei einem Players Championship. Das sagt alles.“
Er erinnert sich gut an seine Anfangsjahre, als er sich noch über Qualifier-Turniere ins Hauptfeld kämpfen musste. Damals rechnete er genau durch. „Ich habe mir immer gesagt: Du musst mindestens die Hälfte der Turniere spielen und ordentlich performen, um eine realistische Chance auf die TV-Events zu haben. Die sind enorm wichtig.“
Während einige Topspieler ihren Kalender inzwischen selektiv planen und gezielt Pausen einlegen, verfolgt Smith eine andere Strategie. „Ich spiele alles, was ich spielen kann“, sagte er. „Ich ziehe nur zurück, wenn ich wirklich krank bin. Nicht wegen einer kleinen Erkältung.“

Vom Lkw-Fahrer zur festen Größe auf der Tour

Bevor Smith vom Dartsport leben konnte, arbeitete er als Lkw-Fahrer und im Supermarkt. Harte Schichten, frühes Aufstehen, wenig Freizeit – sein Alltag hatte mit Glamour nichts zu tun. Diese Zeit hat ihn geprägt.
„Als Lkw-Fahrer gab es keine freien Tage“, sagte er nüchtern. „Das war harte Arbeit. Jetzt reise ich um die Welt, bin mit meinen besten Freunden unterwegs und werde dafür bezahlt, Darts zu spielen. Das ist unglaublich.“
Seine Dankbarkeit wirkt authentisch. Er weiß genau, woher er kommt. „Lkw-Fahrer, das war erst harte Arbeit, warum sollte ich dann über einen vollen Darts-Kalender klagen?"
Für Smith bleibt das Profitum ein Privileg, kein Selbstläufer. „Ich bin unglaublich dankbar. Es fühlt sich immer noch wie ein Traum an.“

Keine Angst vor der Weltspitze

Die Frage, ob es nicht manchmal leichter wäre, ungesetzt ins Turnier zu gehen und so den ganz großen Namen zunächst aus dem Weg zu gehen, weist Smith klar zurück. „Vielleicht gibt es bei manchen Majors Konstellationen, in denen das eine Rolle spielt. Aber ich vertraue auf mein Spiel.“
Gerade gegen Humphries, gegen den er bislang noch keinen Sieg verbuchte, bleibt er kämpferisch. „Ich habe zwar noch nicht gegen ihn gewonnen, aber ich spiele oft gut gegen ihn. Er holt das Beste aus mir heraus. Ich weiß, dass ich Turniere gewinnen kann. Wenn ich morgen gegen ihn antrete, will ich mein A-Game bringen. Dann schauen wir, was passiert.“

Neue Eindrücke in Polen

Das Turnier in Polen, ein noch junges Ziel im Kalender, hinterließ bei Smith einen positiven Eindruck. „Es war fantastisch, dort zu sein. Eine neue Erfahrung, und ich habe es sehr genossen.“
Rund zweitausend Zuschauer pro Session sorgten für eine intensive, aber faire Atmosphäre. „Das Publikum war unglaublich respektvoll – mir und Daryl gegenüber. Kein Pfeifen, kein Buhen. Einfach Menschen, die Darts lieben. Das war großartig.“
Im Vergleich zu den oft ausgelassenen Abenden in deutschen Hallen ging es etwas ruhiger zu. Doch das störte Smith nicht. „Manche Spieler beschweren sich über Lärm oder Pfiffe. Hier war es vielleicht etwas leiser, aber sehr respektvoll. Das ist ebenfalls viel wert.“
Er sieht in Polen klares Wachstumspotenzial. „Wenn jetzt schon zweitausend bis dreitausend Menschen pro Session kommen, warum sollte sich das Event nicht dauerhaft etablieren? Es ist schön, auch mal an anderen Orten zu spielen als immer nur in Deutschland. Dort sind wir sehr häufig.“
Für Ross Smith markierte Polen mehr als nur eine weitere Station im Kalender. Es war ein Schritt zurück zu alter Stärke – mit klarem Fokus, gewachsenem Selbstbewusstsein und der Überzeugung, dass sein Weg noch lange nicht zu Ende ist.
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