Die Diskussion über die Auswahl für die Premier League Darts flammt jedes Jahr wieder auf. Auch in dieser Saison ist das nicht anders. Der ehemalige Profi und Experte
Matthew Edgar blickt zur Halbzeit der Liga mit frischem, aber auch kritischem Blick auf die Entscheidungen der PDC zurück. Sein Fazit fällt differenziert aus: Zweifel an der Auswahl bleiben, doch das Spektakel auf der Bühne macht vieles wett.
Laut Edgar ist es schwierig, die ursprünglichen Entscheidungen fair zu bewerten, jetzt wo das Turnier zur Hälfte gespielt ist. Der Kontext ändert sich schließlich schnell. „Es ist schwierig“, sagt er in einem extra langen Interview mit
Online Darts. „Wir sind jetzt zur Hälfte durch und haben Daten, auf die wir zurückblicken können. Aber mit der Zeit vergisst man, wie man damals darüber gedacht hat.“
Er nennt dazu ein persönliches Beispiel aus seiner eigenen Karriere: „Als ich gerade Profi geworden war, habe ich Notizen geführt. Die habe ich neulich wiedergefunden, weil ich umziehe. Und da dachte ich: wow, ich habe damals so anders über Dinge gedacht.“
Diese sich verändernden Perspektiven spielen auch bei der Bewertung der
Premier League-Auswahl eine Rolle. Spieler, die im Vorfeld als logische Wahl galten, können im Nachhinein in Frage gestellt werden — und umgekehrt.
Die Diskussion um Josh Rock
Einer der Namen, die Edgar ausdrücklich nennt, ist Josh Rock. Der junge Nordire wurde im Vorfeld von nahezu allen als einer der acht gesetzt, doch seine Teilnahme wirft inzwischen Fragen auf. „Wenn man jetzt darauf schaut, kann man sich fragen: Hätte er dabei sein müssen?“, erklärt Edgar. „Aber zu dem Zeitpunkt hatte ich ihn sogar um Platz fünf oder sechs herum. Für mich war er ziemlich überzeugend drin.“
Das unterstreicht seiner Ansicht nach, wie schwer es ist, Entscheidungen im Nachhinein zu beurteilen. Ergebnisse und Form beeinflussen das Urteil, während die Auswahl auf einer Momentaufnahme basiert. Die größte Debatte im Vorfeld drehte sich laut Edgar um den letzten, achten Platz im Teilnehmerfeld. Dabei ging es vor allem um Stephen Bunting und Danny Noppert.
Er gibt einen einzigartigen Einblick in das Chaos hinter den Kulissen während der Bekanntgabe: „Sie waren mitten in der Premier-League-Präsentation und selbst gegen zwei Uhr nachmittags wussten wir noch nicht, wer der letzte Spieler sein würde. Die Diskussion lief noch auf Hochtouren.“
Mehr noch, das Produktionsteam musste sich auf beide Szenarien vorbereiten: „Am Ende wurden beide Versionen vorab aufgezeichnet. Erst im letzten Moment lies man den Knoten platzen.“
Ein strukturelles Problem
Was Edgar in dieser Saison besonders auffällt, ist die Zahl der Momente, in denen das Teilnehmerfeld nicht komplett ist. Absagen sorgen dafür, dass Spieler ohne zu spielen im Halbfinale stehen, was seiner Meinung nach strukturell besser geregelt werden kann.
Seine Lösung: ein offizieller „neunter Mann“. „Ich würde mit neun Spielern arbeiten“, schlägt er vor. „Acht sind gesetzt, und ein Spieler steht standby. Der wird dafür bezahlt, jeden Donnerstag verfügbar zu sein.“ Dieser Spieler müsse laut Edgar immer bereitstehen: „Du darfst an diesem Tag nichts planen. Vielleicht spielst du nie, aber wenn sie dich anrufen, musst du da sein.“
Er sieht darin nur Vorteile: „Danny Noppert hätte jetzt schon zwei Wochen spielen können. Er bekommt weniger Chancen, aber er kann sich dennoch qualifizieren. Stell dir vor, er erreicht am Ende die Play-offs — was für eine Geschichte wäre das.“
Die entscheidende Frage bleibt jedoch: War dies die richtige Auswahl? Edgar glaubt, dass es dazu vorerst keinen Konsens geben wird. „Ich denke nicht, dass du jetzt jemanden findest, der sagt: Ja, das waren genau die richtigen acht Spieler. Das liegt daran, wie sich das Turnier entwickelt.“
„Die unterhaltsamste Premier League aller Zeiten“
Trotz aller Diskussionen zeigt sich Edgar auffallend positiv über den Verlauf der Liga. „Ehrlich gesagt ist das die unterhaltsamste Premier League, die ich je gesehen habe.“
Das sei bemerkenswert, gerade in dieser Phase des Turniers: „Normalerweise bin ich um diese Zeit ein bisschen durch damit. Dann denke ich: Ich schaue ab Woche dreizehn wieder Richtung Finale.“
In diesem Jahr ist das anders. Die Wechsel bei den Siegern und die Storylines halten es spannend. „Wir hatten mehrere Wochengewinner, große Namen, die noch keinen Abend gewonnen haben, und ständig neue Geschichten.“
Er zählt einige dieser Geschichten auf:
- Wann holt Josh Rock seinen ersten Sieg? (inzwischen letzte Woche gelungen)
- Kann Stephen Bunting seine Kritiker zum Schweigen bringen?
- Hält Jonny Clayton seine starke Form?
- Arbeitet sich Luke Humphries noch in die Top Vier?
- Wann schlägt Gian van Veen endlich zu?
Und dann ist da natürlich noch Luke Littler: „Zuerst war es: Wann gewinnt er einen Abend? Und jetzt sehen wir, dass er auch zu schlagen ist — etwas, das man bei den Majors kaum glaubt.“
Mit Blick auf die Play-offs in London wagt Edgar zudem eine Prognose. Wer erreicht seiner Meinung nach den Finalabend in der The O2 Arena? „Ich denke, beide Lukes qualifizieren sich“, sagt er. „Luke Humphries ist schlicht zu stark, um außerhalb der Top Vier zu landen.“
Seine vollständige Prognose:
- Luke Humphries
- Luke Littler
- Jonny Clayton
- Gerwyn Price
Luke Littler führt nach acht Spielwochen die Tabelle an, gefolgt von Jonny Clayton, Gerwyn Price und Michael van Gerwen.
Muss das Format überarbeitet werden?
Zum Schluss kommt die Diskussion über das Format der Premier League zur Sprache. Ist das aktuelle System mit wöchentlichen Spieltagen und hoher Belastung noch tragfähig?
Edgar versteht die Kritik, ordnet sie aber sofort ein. „Im Livesport passieren nun einmal Dinge“, stellt er fest. „Die Leute sprechen davon, ‚benachteiligt zu werden‘, aber das gehört dazu.“ Er vergleicht es mit dem Boxen: „Du kannst zu einem Kampf gehen und nach fünfzehn Sekunden ist er vorbei. Das ist Livesport. Es gibt keine Garantien.“
Seiner Meinung nach liegt die eigentliche Erklärung woanders: in den Zahlen. „Die PDC zockt nicht. Alles ist datengetrieben — Einschaltquoten, Ticketverkauf, Interaktion mit den Fans. Wenn dieses Format nicht funktionieren würde, würden sie es nicht weiter nutzen.“
Er verweist auch auf das Phänomen ‚Confirmation Bias‘: „Menschen, denen es nicht gefällt, suchen einander und bestätigen ihre Meinung. Aber diese Gruppe ist offenbar kleiner als die, die es schätzt. Sonst wäre das Format längst geändert worden.“
Die Premier League Darts wird also stets ein Diskussionsthema bleiben, besonders was Auswahl und Format betrifft. Doch wie Matthew Edgar betont, gibt es einen ausschlaggebenden Faktor: Entertainment. Und in dieser Hinsicht schneidet diese Ausgabe seiner Ansicht nach außergewöhnlich gut ab. War die Auswahl also ‚richtig‘? Vielleicht nicht für alle. Aber wenn Spektakel der Maßstab ist, scheint die PDC doch einiges richtig zu machen.