Simon Whitlock und sein Sohn Mason Whitlock sind sich in der Darts-Welt nicht in allen Punkten einig. In einem auffälligen Gespräch wurden Vater und Sohn mit unterschiedlichen Thesen zur Sportart konfrontiert. Während sie in manchem voll übereinstimmten, traten auch klare Differenzen zutage. Vom aktuellen Ranking-System über die Zukunft des Sports bis zur viel diskutierten Niederlage Australiens beim World Cup of Darts 2012: Die Whitlocks ließen sich nicht in ein Schema pressen.
Eine der ersten Thesen betraf die Zusammensetzung der Weltrangliste im Darts. Die Aussage, das Ranking-System solle nicht auf verdientem Preisgeld basieren, fand bei Simon Whitlock – der demnächst bei den World Series of Darts Finals antritt – wenig Unterstützung.
„Gut, ich denke, sie haben es in den letzten zwanzig Jahren gut gemacht“, reagierte der Australier. Mason war zunächst anderer Meinung, stellte dann jedoch klar, dass das Ranking-System aus seiner Sicht sehr wohl auf Einnahmen basieren sollte. Damit waren Vater und Sohn am Ende doch einig mit der aktuellen Methode.
Das System, in dem Spieler nach dem Preisgeld eingestuft werden, das sie bei Ranglistenturnieren erspielen, ist seit Jahren ein zentrales Element im Profi-Darts. Aus Sicht der Whitlocks ist das folgerichtig. Wer über einen längeren Zeitraum hohe Summen zusammenwirft, gehört schließlich an die Spitze der Rangliste.
„Ich denke nicht, dass das jemals wieder jemand schafft“
Auch über die Zukunft der absoluten Weltspitze wurde gesprochen. Dabei ging es zwangsläufig um Ausnahmemaßstäbe wie Phil Taylor und Michael van Gerwen, die den Sport über Jahre prägten. Simon Whitlock sieht, wie schwierig es heute ist, über viele Jahre an der Spitze zu dominieren.
„Ich denke, bei der Qualität der Spieler wird es nahezu unmöglich, so viele Weltmeistertitel zu gewinnen, erst recht sechzehn Weltmeisterschaften zu holen. Ich denke nicht, dass das jemals wieder jemand schafft“, erklärte Whitlock.
Mason war etwas optimistischer. Er verwies darauf, dass das Alter ein entscheidender Faktor sein kann, wenn eine außergewöhnliche Marke in Reichweite kommt. „Ich denke, Littler wird es schaffen, gerade wegen seines Alters“, sagte er. Zugleich betonte er, dass Talent allein nicht reicht. „Nein, er hat absolut die Qualitäten. Aber über so viele Jahre muss er auch dranbleiben“, fügte Simon hinzu.
Die Diskussion unterstreicht, wie außergewöhnlich die Leistungen der ganz Großen im Darts sind. In einer Ära, in der die Breite und Spitze stetig wächst, ist es laut den Whitlocks schwerer denn je, jahrelang unangefochten ganz oben zu bleiben. Die Konkurrenz ist größer, es gibt mehr starke Spieler, und junge Talente drängen dauerhaft nach.
Mason Whitlock will in die Fußstapfen seines Vaters treten
Australisches Darts hat laut Whitlock mehr Potenzial
Als das Gespräch Richtung Australien schwenkte, äußerten sich Vater und Sohn erneut kritisch, zugleich aber positiv zu den Möglichkeiten ihres Heimatlands. Nach Mason wird australisches Darts bisweilen unterschätzt, vor allem weil es weniger große Turniere und Ligen gibt als etwa in Deutschland und anderen europäischen Ländern. „Ich denke, es wird ein wenig unterschätzt, einfach weil wir nicht so viele Spieler haben, die nachrücken wie in anderen Ländern, wie Deutschland und vielen anderen europäischen Nationen“, sagte Mason.
Aus seiner Sicht liegt das stark an der Infrastruktur. In Europa können junge Spieler viel häufiger Matches bestreiten und sich gegen starke Gegner entwickeln. Australier müssen hingegen oft weite Strecken zurücklegen, um an Wettbewerben teilzunehmen. „Wahrscheinlich liegt es daran, dass wir nicht so viele Ligen haben und deshalb weniger Leute zu diesen Wettkämpfen reisen“, erklärte Mason.
Simon blickte vor allem auf den Unterschied zwischen der absoluten Spitze und dem restlichen australischen Feld. „Ich denke, es gibt derzeit etwa zwanzig großartige australische Spieler. Vergleicht man die mit den Spielern im Mittelfeld und den unteren Regionen, dann ist der Unterschied enorm“, so Simon. „Ohne diese Top Zwanzig wäre es sehr schwierig, die Qualität des australischen Darts zu bewerten.“
Damit verweisen die Whitlocks auf ein zentrales Problem und zugleich eine große Chance. Australien verfügt über genügend Talent, braucht aber mehr Wettkämpfe und Möglichkeiten, um die Breite im Spielerfeld weiterzuentwickeln.
Wer wirft zuerst einen Neun-Darter?
Natürlich durfte auch eine leichtere Frage nicht fehlen. Die Whitlocks bekamen die These vorgelegt, dass Mason eher einen Neun-Darter in der MODUS Super Series wirft als sein Vater Simon. Das konnte Mason mit Humor nehmen. „Ich habe das Gefühl, dass ich momentan etwas besser werfe. Vielleicht treffe ich tatsächlich einen, bevor er es tut, aber man weiß nie. Vielleicht schnappt er sich auf einmal einen.“
Simon konnte damit gut leben. „Da stimme ich zu. Du kannst jederzeit einen Neun-Darter werfen. Es ist nur ein Leg.“
Mason stellte anschließend klar, dass er vor allem psychologisch Druck aufbauen wollte. „Ich versuche nur, ein wenig in seinen Kopf zu kommen.“ Vorerst steht die Anzeige laut Mason noch auf null. „Ich habe noch keinen“, gab er lachend zu.
Die interne Rivalität zwischen Vater und Sohn ist damit deutlich spürbar. Obwohl Simon eine enorme Karriere vorzuweisen hat und jahrelang einer der bekanntesten australischen Dartspieler der Welt war, will Mason nicht nur als Sohn eines ehemaligen Finalisten gelten. Er will sich selbst einen Namen auf der Bühne machen.
„Der Luke-Littler-Effekt“
Bei einem Thema waren sich Simon und Mason auffallend einig: dem gewaltigen Einfluss, den Luke Littler auf die Dartswelt hatte. Der Aufstieg des jungen Engländers hat laut den Whitlocks nicht nur für außergewöhnliche Einschaltquoten gesorgt, sondern auch eine neue Spielergeneration inspiriert. „Was Luke Littler in den vergangenen Jahren geleistet hat und wie er den Sport wachsen ließ, zusammen mit all den neuen Kindern, die mit Darts anfangen, ist unglaublich gut“, sagte Mason.
Simon stimmte dem voll zu. Vor allem das Interesse junger Fans fällt ihm auf. „Die Einschaltquoten sind ebenfalls enorm“, merkte er an. Mason brachte es kurz auf den Punkt: „Es ist einfach der Luke-Littler-Effekt.“
Nach Ansicht der Whitlocks befindet sich Darts derzeit in einer besonders starken Phase. „Du hast all diese jungen Kinder, die mit Darts beginnen. Der Sport ist aktuell extrem stark. Jeder schaut zu und jeder spricht darüber. Momentan ist es einfach ein großartiges Spektakel“, so Mason.
Die Worte der Whitlocks passen zu einer Entwicklung, die in den vergangenen Jahren immer deutlicher wurde. Littler hat sich nicht nur sportlich rasant entwickelt, sondern ist auch zu einem Gesicht geworden, das neue Fans für den Sport gewinnt.
Simon Whitlock spielte zwei WM-Finals
Die schmerzhafte Erinnerung an den World Cup 2012
Die markanteste Aussage des Gesprächs betraf den World Cup of Darts 2012. Dabei wurde behauptet, Paul Nicholson trage die Schuld am Aus Australiens. Die Reaktion der Whitlocks kam sofort. „Oh mein Gott“, hieß es.
Mason wollte Nicholson jedoch nicht allein für die Niederlage verantwortlich machen. Er wies darauf hin, dass der Druck enorm gewesen sein müsse, zumal Nicholson die ersten drei Matchdarts hatte. „Ich habe nicht ‚stimme stark nicht zu‘ gewählt wegen des Drucks, den er gespürt haben muss, vor allem weil er die ersten drei Matchdarts bekam“, erklärte Mason.
Dann folgte jedoch ein wichtiger Zusatz. Denn auch sein Vater Simon bekam Chancen, das Spiel zu entscheiden. „Aber natürlich vergab Dad ebenfalls drei Matchdarts“, stellte Mason fest. Simon konnte daher schwerlich behaupten, Nicholson sei der einzige Schuldige. „Ich kann nur widersprechen“, reagierte er.
Seine Begründung war schlicht. „Ich stimme nur zu, weil Paul die erste Chance hatte und sie vergab. Ich hatte nicht erwartet, noch eine Möglichkeit zu bekommen, und eigentlich hätte ich sie auch nicht bekommen sollen.“
Damit bleibt die schmerzhafte Erinnerung an dieses Match für die Familie Whitlock lebendig. Zugleich zeigt die Geschichte auch Simons sportliche Fairness. Trotz der Enttäuschung wollte er die Verantwortung nicht vollständig seinem ehemaligen Teamkollegen zuschieben. „Sorry, Paul“, schloss Simon mit einem Augenzwinkern.
Das Gespräch zwischen Simon und Mason Whitlock bot damit einen interessanten Einblick in die australische Dartsfamilie. Vater und Sohn sind längst nicht immer einer Meinung, teilen aber dieselbe Leidenschaft für den Sport. Sie sehen die Herausforderungen des australischen Darts, sind aber zugleich begeistert von der enormen weltweiten Wachstumsdynamik.
Und vor allem an Luke Littlers Einfluss besteht bei den Whitlocks kein Zweifel. Der junge Engländer hat ihrer Ansicht nach eine neue Generation für Darts gewonnen und den Sport derzeit so populär gemacht wie nie. Für Mason Whitlock bedeutet diese Entwicklung zudem, dass immer mehr Chancen für junge Spieler entstehen, sich auf höchstem Niveau zu beweisen.
Oliver Ried ist seit Ende 2024 Redakteur bei Dartsnews.de. Er berichtet dort über den professionellen Dartsport und erstellt regelmäßig Liveblogs zu den wichtigsten Turnieren und Ereignissen, darunter die PDC World Darts Championship, die Premier League Darts und das World Matchplay. Ergänzend veröffentlicht er Berichte, Einordnungen und Hintergrundtexte zum Geschehen auf der PDC-Tour. Seit Anfang 2025 schreibt er zudem für Radsportaktuell.de über den professionellen Radsport.
Oliver ist in Würzburg stationiert. Neben seiner redaktionellen Arbeit ist er selbst aktiver Dartspieler und bringt dadurch zusätzliche Praxisnähe in seine Berichterstattung ein. Er studiert Grundschullehramt und legt bei seinen Artikeln Wert auf sorgfältige Quellenprüfung, klare Einordnung und verlässliche Informationen. Inhalte aktualisiert er, sobald neue, gesicherte Details vorliegen.