Wer den Aufstieg von
Owen Binks in den vergangenen Jahren verfolgt hat, erkennt schnell: Hier spricht einer, der für seinen Beruf brennt. Der Engländer arbeitet akribisch, denkt in Abläufen und lebt den Darts-Sport mit jeder Faser. Doch selbst für ihn sprengte das Euro-Tour-Debüt in Krakau alle Erwartungen. Auf der großen Bühne der PDC leitete er erstmals ein Turnier – und stand am Ende ausgerechnet im Finale zwischen Luke Littler und Gian van Veen auf der Bühne.
Was folgte, war ein Wochenende, das Binks nie vergessen wird. Ein Wochenende zwischen Chaos, Selbstzweifeln und einem Moment für die Ewigkeit.
Von Glasgow nach Krakau: Eine Reise voller Hindernisse
Der Weg auf diese Bühne begann alles andere als glamourös. Unter der Woche arbeitete Binks noch in Glasgow bei der
Premier League Darts – dort unterstützte er die Professional Darts Corporation als Spotter. Kaum war der Spieltag beendet, wartete bereits die nächste Herausforderung: die Reise zum Euro-Tour-Event nach Krakau.
Owen Binks ist seit diesem Jahr Schiedsrichter bei der PDC
Direktflüge? Fehlanzeige. Also setzte er sich ins Taxi nach Edinburgh, um von dort aus weiterzufliegen. Der Plan klang machbar – bis die Realität zuschlug. An der Passkontrolle staute es sich gewaltig. Drei Stunden und zehn Minuten stand Binks in der Schlange. Die Konsequenz: Er verpasste die komplette Nachmittagssession in Polen. „Das war kein großartiger Start“,
räumt er offen ein.
Damit nicht genug: Sein Gepäck blieb verschwunden und tauchte erst am Sonntagabend wieder auf – ausgerechnet am Finaltag. Doch Binks blieb ruhig. Statt Pfeile zu werfen, zählte er sie.
„Bin ich dafür bereit?“ – Selbstzweifel vor 5.000 Fans
Kaum in der Arena angekommen, wuchs der Druck. Die polnischen Fans gelten als laut, leidenschaftlich und unberechenbar. Rund 5.000 Zuschauer verwandelten die Halle in einen Hexenkessel. „Vorab dachte ich: Bin ich dafür bereit? Gehöre ich hierher?“, gesteht Binks. „Ich bekam beinahe eine Panikattacke.“
Seine Zweifel kamen nicht von ungefähr. Er trat in große Fußstapfen. Binks ersetzte niemand Geringeren als
George Noble – für viele der beste Caller der Darts-Geschichte. Ein Mann mit ikonischer Stimme, mit Präsenz und absoluter Kontrolle am Mikrofon. Auch Namen wie Russ Bray oder Paul Hinks stehen für höchste Qualität auf der Bühne.
„Wer bin ich, um dort zu stehen?“, fragte sich Binks. „Ich bin einfach ein Junge aus Colchester.“
Dann kam der entscheidende Moment. Er setzte den ersten Schritt auf die Treppe zur Bühne. „Wenn du diese Stufen hinaufgehst, gibt es kein Zurück“, beschreibt er. „Du hörst das Publikum, spürst die Energie – und dann drehst du dich zum Board. Das ist dein sicherer Ort.“
Genau dort fand er seine Ruhe. Mit den ersten Legs fiel die Anspannung ab. Die Zahlen kamen flüssig, der Fokus blieb messerscharf. Keine Versprecher, keine Rechenfehler. „Du hoffst vor allem, dass du in deinem Debütmatch keinen Fehler machst“, sagt er. „Wenn drei Pfeile in der Triple 20 stecken und du rufst 60 statt 180 – dann willst du im Boden versinken.“
Dieser Albtraum blieb aus. Im Gegenteil: Binks steigerte sich mit jedem Auftritt.
Ein Moment aus seinem ersten Match sorgte sogar für Lacher. Connor Scutt flüsterte ihm beim Einwerfen zu, die Board-Nummerierung hänge schief. Binks nahm den Hinweis ernst, legte das Mikrofon ab und prüfte das Board. Natürlich war alles korrekt. „Er hat mich reingelegt“, erzählt Binks schmunzelnd. „Aber wenn ein Spieler sagt, dass etwas nicht stimmt, muss ich das überprüfen.“
Zwischen Nachmittags- und Abendsession folgte dann die Nachricht, die alles veränderte: Er würde das Finale leiten. Littler gegen Van Veen – eine Neuauflage des WM-Endspiels. Für viele Schiedsrichter ein Lebenstraum.
Was dann geschah, übertraf jede Vorstellung. In elektrischer Atmosphäre erlebte die Halle neun perfekte Darts. Ein Neundarter – angesagt von einem Debütanten in seinem ersten Euro-Tour-Finale. „Mein Brustkorb hämmerte“, erinnert sich Binks. „Ich rief ‚Triple 20‘ und mein ganzer Körper reagierte.“ Als der entscheidende Wurf in die Doppel 12 einschlug, durchfuhr ihn eine Welle aus Adrenalin.
Er brüllte das „Game Shot“ mit aller Kraft ins Mikrofon, während die Arena explodierte. Für einen kurzen Moment fürchtete er, die Intensität könnte ihn überwältigen. Doch er blieb stehen. Konzentriert. Klar.
„Gib mir irgendeine Doppel oder Triple, ich gehe jetzt“, beschreibt er diesen Zustand. Voller Fokus. Kein Gedanke an Zweifel. Nur Zahlen, Rhythmus und Stimme.
Als wäre das nicht genug, verpasste ihm Zeremonienmeister Philip Brzezinski live im TV einen Spitznamen – eine Anspielung auf Jar Jar Binks aus Star Wars. „Ich hatte keine Ahnung, dass das kommt“, lacht er. „Vielleicht behalte ich ihn.“
Der größte Moment folgte jedoch ganz am Ende. Zum ersten Mal durfte er in einem Euro-Tour-Finale die Worte „Game Shot and the Champion“ sprechen. In diesem Augenblick wurde ihm klar, was er erreicht hatte.
„Wenn ich morgen gefeuert würde, kann mir das niemand mehr nehmen“, sagt Binks. „Das nehme ich mit ins Grab.“