Martin Schindler, Deutschlands Nummer eins und aktuell die Nummer 15 der Weltrangliste, hat sich in den vergangenen Jahren fest in der Weltspitze etabliert. Doch der Weg dorthin war alles andere als geradlinig. Im Podcast „Tops & Tales“ von PDC-Referee Huw Ware gewährte der 29-Jährige nun tiefe Einblicke in seine Profi-Reise – und sprach dabei ungewöhnlich offen über Selbstzweifel, mentale Tiefpunkte und die vielleicht wichtigste Phase seiner Karriere.
Der Kampf mit sich selbst
Schindlers erste Jahre auf der Profi-Tour zwischen 2017 und 2021 waren geprägt von Lernprozessen – vor allem im mentalen Bereich. Nachdem er sich 2017 erstmals über die Q-School eine Tour Card gesichert hatte, folgte Ende 2020 der Rückschlag: der Verlust der Profi-Lizenz. Rückblickend bezeichnet Schindler diese Phase als entscheidend für seine Entwicklung.
„Ich musste definitiv viel lernen. Ich habe mit mir selbst gekämpft – vor allem mit der Frage: Gehöre ich hierhin oder gehöre ich nicht hierhin?“, erinnert sich Schindler. Er habe damals stark gegen sich selbst gearbeitet, sei aber durch diese Zeit hindurchgekommen. „Und ganz ehrlich: Es war eine große Hilfe, dass ich meine Tour Card Ende 2020 verloren habe.“
Martin Schindler spricht im Podcast „Tops & Tales“ offen über Zweifel, Rückschläge und den Wendepunkt seiner Karriere
Der Moment des Scheiterns – und der Befreiung
Der Verlust der Tour Card traf Schindler hart. „Es war natürlich kein schönes Gefühl. Ich habe bis zur letzten Sekunde alles gegeben, um sicherzustellen, dass ich sie nicht verliere“, sagt er. Doch manchmal lasse sich das Unvermeidliche nicht verhindern. Entscheidend sei gewesen, wie er mit der Situation umgegangen sei.
Vor der Q-School 2021 habe er sich bewusst jeden Druck genommen. „Ich habe mir gesagt: Ich werde es versuchen. Wenn es klappt, dann klappt es – wenn nicht, dann nicht.“ Eine Haltung, die sich als Schlüssel zum Erfolg herausstellen sollte. Schindler holte sich bei der Q-School nicht nur souverän die Tour Card zurück, sondern brillierte auch mit einem 9-Darter und erzielte mit 123,5 Punkten seinen höchsten Average überhaupt – ein Turnier, das als die Geburtsstunde des heutigen Weltklasse-Schindlers gilt.
Kein „Jetzt oder nie“
Trotz des zwischenzeitlichen Endes seiner Profikarriere blieb Schindler erstaunlich gelassen. Er habe nie ausgeschlossen, zum Darts zurückzukehren – unabhängig vom Ausgang der Q-School. „Ich habe mich entspannt und gesagt: Wenn ich es jetzt nicht schaffe, dann vielleicht im nächsten Jahr. Ich habe mir keinen Druck gemacht und nicht gedacht: Jetzt oder nie.“
Er sei sich sicher gewesen, dass es immer einen Plan-B gegeben hätte. „Ich hätte meinen Weg gefunden. Aber ich habe mir die Tour Card zurückgeholt – und dann kam alles ins Laufen.“
Die dunklen Tage von 2020
Besonders eindrücklich schildert Schindler die mentale Belastung im Jahr 2020. Eine Zeit, in der Siege und Niederlagen überproportional schwer wogen. „Ich habe gespielt, ein Match gewonnen, dann verloren – und der ganze Tag war ruiniert“, sagt er rückblickend. Heute könne er damit deutlich besser umgehen.
Damals jedoch sei sein Kopf ständig „am Rattern“ gewesen. „Meine Gedanken sind nach Wolverhampton, nach Birmingham, nach London gesprungen – alles ist durchgedreht.“ Gleichzeitig erkennt Schindler heute den Wert dieser Phase. Gerade in diesen Momenten sei er am meisten gewachsen. „Wenn man einfach nur gewinnt, hinterfragt man sich nicht. Wenn man sich aber selbst anzweifelt, dann findet man Wege, sich zu verbessern. Und das musste ich lernen.“
Tränen auf dem Parkplatz
Wie schwer diese Zeit tatsächlich war, machte Schindler mit einer sehr persönlichen Erinnerung deutlich. „Ich habe geweint. Nicht im Flugzeug oder an öffentlichen Orten – aber ich habe geweint.“ Besonders ein Match ist ihm im Gedächtnis geblieben: gegen Glen Durrant. „Er spielte einen Average von 83, nicht gut – und ich hatte trotzdem nicht den Hauch einer Chance.“
Nach dem Spiel saß Schindler allein im Auto auf dem Parkplatz. „Ich habe einfach nur geweint, weil ich 2020 so viel besser spielen wollte – aber ich konnte nicht. Ich konnte es einfach nicht.“ Doch auch daraus habe er gelernt. „Manchmal kann man diese Dinge nicht verhindern. Man muss sich durchkämpfen.“
Ein gereifter Profi
Heute steht Martin Schindler gefestigt da – sportlich wie mental. Die Offenheit, mit der er im Podcast über Zweifel, Tränen und Selbstreflexion spricht, zeigt einen gereiften Profi, der weiß, woher er kommt. Und vielleicht erklären genau diese Erfahrungen, warum Schindler inzwischen nicht nur Deutschlands Nummer eins ist, sondern auch weltweit zu den besten 16 Dartspielern des PDC-Circuits gehört.