Es gab eine Zeit, da wirkte
Michael van Gerwen auf den Darts-Bühnen dieser Welt nahezu unaufhaltsam. Wenn der Niederländer ans Oche trat, schien das Ergebnis oft schon festzustehen – selbst dann, wenn er zurücklag. Seine Präsenz, sein Tempo und sein gnadenloses Scoring prägten eine Ära, in der er das Spiel nicht nur dominierte, sondern auch veränderte.
Genau auf diese Phase blickte der Kommentator und Darts-Experte
Elmar Paulke gemeinsam mit dem ehemaligen Tour-Card-Holder
Florian Hempel in der neuesten Folge des Podcasts
„Game On“ zurück. Anlass war ein Blick zurück auf die UK Open 2016 – jenes Turnier, bei dem van Gerwen seinen Titel verteidigte und sich damit in einen exklusiven Kreis einreihte.
Die Zeit, in der van Gerwen das Spiel veränderte
Als van Gerwen 2016 erneut die UK Open gewann, war er erst der dritte Spieler nach Phil Taylor und Raymond van Barneveld, dem eine erfolgreiche Titelverteidigung beim „FA Cup des Darts“ gelang. Erst am vergangenen Wochenende schaffte mit Luke Littler ein weiterer Spieler dieses Kunststück.
Schied im Achtelfinale der UK Open 2026 deutlich mit 3:10 gegen James Wade aus: Michael van Gerwen
Für Hempel ist diese Zeit bis heute eng mit den ersten Jahren seiner eigenen Darts-Begeisterung verbunden. „So viel ist von dem heute nicht mehr zu erkennen bei dem Mann in Grün, der nicht mehr in Grün spielt – woran ich mich übrigens auch erst gewöhnen musste“, sagte er.
Die Bilder aus dieser Phase lassen ihn bis heute staunen. „Ich fühle mich direkt wieder zurückversetzt in meine Anfangszeit im Darts. 2016 hatte ich mit Darts noch überhaupt nichts am Hut, ich habe die ersten Pfeile erst 2017 in die Hand genommen. Aber was dieser Kerl damals geleistet hat – wie er die European Tour dominiert hat, die Pro Tour, wie er Rekordaverages aufgestellt hat, unter anderem in der Premier League – das war Phil Taylor gepaart mit absolutem Power-Scoring.“
Paulke sieht in van Gerwen vor allem den Spieler, der der Tour einen neuen Stil aufgezwungen hat. „Das Coole bei van Gerwen war ja, dass er ein neues Spiel auf der Tour etabliert hat. Dieses aggressive Spiel – das Phil Taylor ja auch genervt hat. Diese Art und Weise, Darts zu spielen, gab es vorher nicht.“
Ein besonders eindrückliches Beispiel dafür war für Paulke das Halbfinale der UK Open 2016. „Als ich diese Bilder gesehen habe: Er sah ja irgendwie zwanzig Jahre jünger aus. Wie er da auf der Bühne stand, mit welcher Überzeugung – selbst als er im Halbfinale 1:4 gegen Phil Taylor zurückliegt und das Ding dreht. Du hattest als Zuschauer nicht eine Sekunde das Gefühl, dass er das Match verlieren kann.“
Der Beginn einer neuen Ära
Für Hempel war van Gerwen nicht nur ein dominanter Spieler, sondern auch ein Wegbereiter für eine neue Generation. Sein emotionaler Stil, seine Ausbrüche auf der Bühne und seine aggressive Körpersprache waren damals ungewöhnlich.
„Er hat eine ganz andere Art auf diese Bühne gebracht“, erklärte Hempel. „Das ging nicht nur Phil Taylor auf die Nerven. Wir erinnern uns auch an die Scharmützel mit Mervyn King, der überhaupt nicht verstanden hat, was van Gerwen da macht und wie er aus sich herausgeht.“
Interessant sei dabei, dass ähnliche Verhaltensweisen später bei anderen Spielern deutlich kritischer bewertet wurden. „Gerwyn Price wurde dafür zum Teil heftig kritisiert – obwohl van Gerwen das eigentlich schon lange vor ihm gemacht hat. Nur hat er dafür nie so richtig Gegenwind bekommen.“
Für Hempel markierte diese Phase einen Wendepunkt im modernen Darts. „Das war der Beginn einer neuen Ära. Heute sehen wir noch mehr junge Wilde, noch mehr Emotionen, noch mehr Interaktion mit den Fans. Wir haben van Gerwen wirklich sehr, sehr viel zu verdanken.“
Warum der Dominator nicht mehr derselbe ist
Doch der van Gerwen von damals scheint heute nur noch selten aufzublitzen. Für Paulke liegt das nicht nur an der gestiegenen Konkurrenz, sondern auch an Veränderungen im Leben des Niederländers.
„Ich habe wirklich das Gefühl – ähnlich wie bei Dimitri Van den Bergh – dass es ihm schwerfällt, gut zu spielen, wenn er nicht den kompletten Fokus auf Darts richtet“, sagte Paulke.
Ein Blick auf van Gerwens Karrierebeginn erklärt aus seiner Sicht vieles. „Wenn man in seine Lebensgeschichte schaut, sagt er selbst: Im Fußball war er nicht besonders gut und hat dort keine Anerkennung bekommen. Darts war der Sport, mit dem er sich diese Anerkennung geholt hat.“
Diese Motivation prägte seine dominanten Jahre. „Für Darts hat er damals alles getan. Wenn man sich anschaut, wie viele Turniere er gespielt hat – der hat überhaupt keine Pausen gemacht. Selbst zu Hause in den Niederlanden hat er noch Pub-Turniere gespielt. Für ihn gab es eigentlich nur Darts.“
Hempel bestätigt dieses Bild. „Er hat Darts gearbeitet. Er war wirklich ein Darts-Arbeiter, der jede freie Sekunde damit verbracht hat, Pfeile Richtung Board zu werfen.“
Heute sei diese Situation eine andere. „Auf der einen Seite sind es private Probleme, auf der anderen Seite auch gesundheitliche Themen. Und dann kommt natürlich noch dazu: Wenn du lange erfolgreich bist und viel Geld verdienst, wirst du ein Stück weit verwöhnt. Ich will nicht sagen satt – aber du lebst ruhiger. Diese letzten drei Prozent Gier nach dem nächsten Titel oder dem nächsten Preisgeld lassen einfach nach.“
Zwischen Familie, Druck und Realität
Ein weiterer Faktor ist laut Paulke die Veränderung im Privatleben. Van Gerwen ist längst Familienvater – eine Rolle, die automatisch neue Prioritäten mit sich bringt.
„Wenn du irgendwann Familie hast, kannst du nicht mehr sagen: Ich spiele nur Darts und das ist mein Leben“, sagte Paulke. „Du wirst abgelenkt, dein Blick öffnet sich. Ich glaube wirklich, dass es für ihn schwierig ist, beides perfekt unter einen Hut zu bekommen.“
Hempel zieht hier einen Vergleich zu einem anderen Superstar der Gegenwart: Luke Littler. „Er ist an einem ganz anderen Punkt als Littler heute. Littler lebt noch bei seinen Eltern, die Wäsche wird gewaschen, es wird gekocht. Das ist eine völlig andere Lebenssituation als wenn du zu Hause zwei Kinder hast.“
Die offene Frage für 2026
Sportlich gab es in dieser Saison durchaus positive Signale. Van Gerwen erlebte in Bahrain und Saudi-Arabien einen starken Auftakt in die World-Series-Saison und startete auch gut in die Premier League, wo er direkt einen Spieltag gewann und ein weiteres Finale erreichte.
Doch gesundheitliche Probleme warfen ihn zurück. „Er musste Antibiotika nehmen und konnte nicht antreten“, erinnerte Paulke. „Ich glaube, das hat ihn wieder aus dieser kleinen Erfolgswelle herausgezogen.“
Auch bei den UK Open war diese Unsicherheit spürbar. „Er spielt ein super Match gegen Nathan Aspinall“, sagte Paulke. „Aber wie er dann gegen James Wade ausscheidet – da habe ich das Gefühl, dass er sich gar nicht mehr mit dieser Präsenz auf die Bühne traut. Vielleicht, weil er Angst hat, das spielerisch nicht halten zu können.“
Hempel sieht auch ein Problem im Selbstbild des Niederländers. „Früher hat er immer gesagt: Ich schlage hier jeden, die spielen alle drei Klassen schlechter als ich. Das gehört zu dieser MvG-DNA.“
Doch wenn Ergebnisse und Averages nicht mehr dazu passen, verliert diese Haltung schnell ihre Wirkung. „Wenn du dann anfängst, eine 180 zu bejubeln oder den 23. Dart, der die Doppel-1 trifft, dann wirkt das einfach nicht mehr so, wie es früher gewirkt hat.“
Damit bleibt eine große Frage offen, die auch Paulke beschäftigt: „Was kommt jetzt 2026 von van Gerwen?“
Denn die mögliche Entwicklung in der Weltrangliste, die sich im virtuellen Ranking nach der Darts WM 2027 bereits theoretisch begutachten lässt, ist für viele Beobachter kaum vorstellbar. „Das Thema in diesem Jahr ist: Wie weit rutscht er ab?“, sagte Paulke. Hempel brachte die derzeitige Momentaufnahme auf den Punkt: „Stand jetzt rutscht er auf Rang 24 ab.“
Und genau dieser Gedanke wirkt im Kontext seiner Karriere fast surreal. „Was macht van Gerwen, wenn er die Nummer 24 der Welt ist?“, fragte Paulke. „Ich kann mir kaum vorstellen, dass er als Nummer 24 auf dem Circuit herumturnt.“
Ob es wirklich so weit kommt, bleibt offen. Für Hempel ist zumindest eines klar: „Er ist zu jung, um aufzuhören.“