Joe Cullen ist seit fast zwei Jahrzehnten im Profitart aktiv. Der Engländer kann an seinen besten Tagen jeden schlagen. Doch wer seine Karriere verfolgt, weiß auch um die andere Seite: Phasen mit Formschwankungen und ausbleibenden Ergebnissen.
In einem offenen Gespräch mit
Online Darts in Swansea blickt Cullen auf eine bewegte Zeit zurück – von seiner Form zu Saisonbeginn bis zum viel diskutierten Match gegen Mensur Suljović bei der WM.
Cullen über Form, Arbeit und neue Ziele
Cullen startet mit einem positiven Gefühl in die Saison. Seiner Ansicht nach ist seine Form solide, vor allem weil er schlicht mehr Arbeit in die Vorbereitung gesteckt hat. „Ja, die Form ist gut“, sagt Cullen. „Ich habe ausnahmsweise mal Arbeit reingesteckt, also spiele ich eigentlich ziemlich ordentlich. Selbst in Matches, die ich verliere, habe ich das Gefühl, dass ich weiterhin gut spiele.“
Cullen steht aktuell auf Platz 34 der Order of Merit
Das sei ein wichtiger Unterschied zu manchen Phasen seiner Karriere. Der Engländer hat oft gezeigt, wozu er fähig ist, aber ebenso oft fiel sein Niveau zurück. „Es ist ein positiver Start ins Jahr“, fährt er fort. „Aber jetzt geht es darum, das durchzuziehen und nicht wieder ein bisschen abzurutschen.“
Auf die Frage, wann er beschlossen habe, dass sich etwas ändern müsse, muss Cullen lachen. „Dieser Schalter legt sich eigentlich jedes Jahr um“, sagt er. „Ich bin mein eigener größter Feind. Es ist im Grunde ganz einfach: Wenn ich trainiere, bin ich ein besserer Spieler. Wenn ich nicht trainiere, bin ich es nicht.“
Laut Cullen ist der Sport inzwischen so stark geworden, dass Talent allein nicht mehr reicht. „Es gibt heute so viele gute Spieler, dass es keine leichten Spiele mehr gibt. Du musst ab der ersten Runde da sein.“
Die Extraarbeit beginnt jedenfalls Früchte zu tragen. Seine Resultate zu Jahresbeginn haben ihm bereits Startplätze bei mehreren European Tour-Turnieren eingebracht. „Es ist kein sensationeller Start, aber ein guter. Und das sorgt dafür, dass ich die kommenden European Tours absichere. Das ist einfach eine solide Basis.“
Ein wichtiges Ziel für Cullen ist klar: die Rückkehr in die Top 16 der
Weltrangliste. „Viele Leute denken, die Top 32 seien sehr wichtig“, sagt er. „Aber eigentlich bringt das nicht viel Extra mit sich, außer dass du die WM erreichst. Die Top 16 ist der Platz, an dem du stehen willst.“
Cullen stand lange stabil in dieser Gruppe, fiel aber in den vergangenen anderthalb Jahren zurück. „Ich stand dort jahrelang und in den letzten achtzehn Monaten bin ich rausgerutscht. Ich denke, ich bin gut genug, um dahin zurückzukehren.“ Dazu gehört seiner Meinung nach auch eine andere Einstellung. „Also ja, ich arbeite ausnahmsweise hart.“
Das Nachspiel des Duells mit Mensur Suljović
Einer der meistdiskutierten Momente rund um Cullen bei der letzten WM war seine Niederlage gegen Mensur Suljović. Im Anschluss äußerte er offen seinen Frust, vor allem über das Tempo und Verhalten seines Gegners während der Partie.
Rückblickend räumt Cullen ein, dass seine Emotionen damals hochkochten. „In dem Moment war ich enorm wütend“, sagt er. „Diese Emotion kommt sofort hoch, weil du so frustriert bist.“ Mit etwas Abstand kann er aber auch selbstkritisch sein.
„Wenn ich es auf den Kern herunterbreche: Mensur spielte einen 81er-Average und ich verlor gegen jemanden mit 81 im Schnitt. Dann kann ich klagen, so viel ich will, aber am Ende bin ich selbst verantwortlich für diese Niederlage.“
Damit will Cullen seine früheren Aussagen nicht vollständig zurücknehmen. „Ich stehe noch immer hinter dem, was ich damals gesagt habe. Ich fand, dass Mensur das Spiel nicht so gespielt hat, wie es gespielt werden sollte. Meiner Meinung nach wusste er genau, was er tat.“
Zugleich betont er, dass sein Verhältnis zum Österreicher stets gut gewesen sei. „Das machte es eigentlich noch schwieriger. Wenn das jemand macht, den du ohnehin nicht magst, ist es einfacher, wütend zu werden. Aber mit Mensur komme ich immer gut klar.“
Die Spannung zwischen beiden Spielern ist inzwischen weitgehend verflogen. Cullen erzählt, dass Suljović ihn kürzlich selbst angesprochen habe. „Er kam letzte Woche in Wigan auf mich zu“, sagt Cullen. „Er hat sogar nach meiner Nummer gefragt, weil er gemeinsam eine Exhibition in Deutschland machen möchte.“
Laut Cullen charakterisiert das die Situation ganz gut. „Ich hatte immer großen Respekt vor ihm. Er ist ein netter Mann und hat eine sympathische Familie. Ich fand nur, dass er in diesem Match ein wenig über die Grenze gegangen ist.“
Auffällig war, dass Cullen kurz darauf erneut auf den Österreicher auf der ProTour traf. Dieses Mal verlief das Match ohne jede Kontroverse. „Er hat fantastisch gespielt“, berichtet Cullen. „Er hat das Spiel so gespielt, wie es sich gehört. An diesem Match war nichts Merkwürdiges. Er war einfach besser und hat gewonnen.“ Cullen konnte es nicht lassen, ihm das auch zu sagen. „Ich sagte: ‚Siehst du, du kannst also ganz normal spielen. Glückwunsch.‘“
Die Diskussion über das Verhalten von Spielern auf der Bühne kommt in der Dartswelt zuletzt häufiger auf. Auch Michael Smith hat sich jüngst zu ähnlichen Situationen geäußert. Laut Cullen gibt es bereits eine Regel, die unsportliches Verhalten eindämmen soll. „Es steht schon eine Regel im Reglement über anhaltend unsportliches Verhalten“, sagt er. „Nur ist es schwierig, genau festzulegen, wo die Grenze liegt.“
Dadurch würden Schiedsrichter in eine schwierige Lage gebracht, so Cullen. „Ich denke, es wäre besser, wenn jemand Unabhängiges mit draufschaut, jemand, der nicht direkt in das Match involviert ist. Gerade wenn es im Fernsehen läuft, ist oft klar, was vor sich geht.“
Er unterscheidet klar zwischen langsamem Spiel und bewusstem Psychospiel. „Nimm zum Beispiel früher jemanden wie Michael Barnard“, erklärt Cullen. „Der spielte sehr langsam, aber sobald er seinen letzten Pfeil geworfen hatte, ging er sofort zur Seite. Da war keinerlei unsportliches Verhalten im Spiel.“
Laut Cullen liegt das Problem vor allem in allem, was dazwischen passiert. „Langsam spielen ist in Ordnung. Aber manche Spieler wissen genau, was sie zwischen den Aufnahmen tun. Und wenn du das Gefühl hast, dass du nicht gut genug bist, um jemanden nur mit deinen Darts zu schlagen, dann nenne ich das unsportlich.“
Die UK Open als neue Chance
Mit den UK Open vor der Tür sieht Cullen eine neue Möglichkeit, in der Rangliste zu klettern. Aufgrund seiner aktuellen Position muss er in diesem Jahr schon früh ins Turnier einsteigen. „Das wird eine Umstellung“, sagt er. „Ich muss jetzt nachmittags spielen, und das habe ich, glaube ich, seit fast zehn Jahren nicht mehr gemacht.“
Historisch gesehen liegt ihm das Turnier auch nicht besonders gut. „Es war nie wirklich mein bestes Turnier, das weißt du selbst auch“, sagt er lachend. Dennoch betrachtet Cullen es vor allem als Chance. „Alles ist eine Möglichkeit, Preisgeld für die Rangliste zu holen. Aber das Wichtigste für mich ist, dass ich dafür sorge, dass mich jemand schlagen muss.“
Das ist für ihn der Unterschied zwischen akzeptablen und frustrierenden Niederlagen. „Ich bin ein schlechter Verlierer, aber ich kann gut akzeptieren, wenn jemand besser spielt. Solange ich ihn nur dazu zwinge, das auch wirklich zu tun.“
Eine der markantesten Aussagen Cullens ist seine Überzeugung, dass er dauerhaft zu den besten sechzehn Spielern der Welt gehört. „Meine Karriere dauert inzwischen fast zwanzig Jahre“, sagt er. „Aber ich glaube nicht, dass es je eine Phase gab, in der ich ein ganzes Jahr lang wirklich hart gearbeitet habe.“
Er nennt ein Beispiel aus jüngster Vergangenheit. „Letztes Jahr habe ich zu Beginn der Saison hart gearbeitet. Ich habe sofort ein ProTour-Finale erreicht und auch eines gewonnen. Dadurch stand ich für die European Tour wieder gut da.“
Danach ließ der Fokus jedoch nach. „Da dachte ich: schön, das passt wieder, ich kann es etwas ruhiger angehen. Aber so funktioniert es heutzutage nicht mehr. Das Niveau ist zu hoch.“ Dennoch bleibt Cullen von seinen Qualitäten überzeugt. „Ich glaube, dass ich mindestens ein Top-16-Spieler bin. Aber die Ergebnisse der letzten Jahre zeigen das nicht. Und das liegt komplett an mir.“
Zum Schluss kommt auch die Rolle der sozialen Medien zur Sprache. Cullen bekam in der Vergangenheit regelmäßig Kritik nach emotionalen Momenten auf der Bühne. Inzwischen kann er selbst darüber lachen. „Ich verstehe es auch aus Sicht des Publikums“, sagt er. „Manchmal wirkt es so, als hätte ich wieder so einen Moment.“
Dennoch nutzt er das auch als Motivation. „Eigentlich hilft es mir manchmal. Wenn man mich abschreibt, spiele ich oft gerade besser.“ Ob er das künftig noch oft öffentlich zeigen wird? „Vielleicht sollte ich es künftig einfach für mich behalten“, sagt Cullen mit einem Lächeln. „Dann bekomme ich vielleicht auch wieder ein paar Fans zurück.“