Scott Williams zählt zu den schillerndsten Persönlichkeiten im Dartsport. Doch hinter der lockeren Art des Engländers verbarg sich in den vergangenen Monaten eine Phase voller Zweifel, mentaler Belastung und sportlicher Rückschläge. Im Rahmen von Operation Bullseye sprach der 35-Jährige ungewöhnlich offen über seinen schwierigen Weg zurück zu alter Stärke.
Dabei berichtete Williams von emotionalen Momenten, Gedanken ans Aufhören, dem enormen Druck im modernen Dartsport und davon, warum er inzwischen wieder mit deutlich mehr Freude ans Oche tritt.
Ein besonderes Event mit besonderer Bedeutung
Das Gespräch mit Online Darts fand auf der Bradmoor Farm statt, wo im Rahmen von Operation Bullseye Profispieler gemeinsam mit Angehörigen des britischen Militärs antraten. Für Williams war es der erste Besuch bei der Veranstaltung – und der hinterließ sofort Eindruck.
Scott Williams spricht offen über die schwerste Phase seiner Karriere und erklärt, warum er heute wieder mit deutlich mehr Freude Darts spielt.
„Ich bin zum ersten Mal hier. Was für ein großartiger Ort. Was Zara und das Team hier auf die Beine gestellt haben, sieht fantastisch aus. Es ist etwas anderes als die üblichen Exhibitions, die man spielt. Man tritt jetzt gemeinsam mit Soldaten an und für alles, was sie leisten. Das verleiht dem Ganzen ein besonderes Gefühl.“
Bei der Auslosung traf Williams auf einen der 16 teilnehmenden Soldaten – und stellte dabei direkt eine unerwartete Gemeinsamkeit fest.
„Ich hätte jeden bekommen können, aber ich bekam ausgerechnet den, der zufällig am nächsten bei mir wohnt. Er kommt, glaube ich, aus Grantham und ich komme aus Boston. Das sind nur 25 Minuten Fahrt. Da werden wir ihnen dort mal eine Lektion erteilen.“
Darts erhält immer mehr Anerkennung
Für Williams ist es ein wichtiges Signal, dass Darts innerhalb des britischen Militärs inzwischen offiziell als Sport anerkannt wird. Er wünscht sich, dass sich diese Sichtweise auch darüber hinaus weiter durchsetzt.
„Innerhalb des Militärs wird Darts nun als Sport anerkannt, und das ist großartig. Wenn die normalen Leute, die online Kritik üben, das ebenfalls anerkennen würden, würde uns das allen helfen. Dann müssten wir uns nicht ständig fragen: Ist es ein Hobby, ein Sport oder Unterhaltung? Eigentlich ist es alles zugleich. Am wichtigsten ist, dass das Spiel weiter wächst.“
Gleichzeitig nutzt Williams das Gespräch, um erstmals ausführlich über die schwierigen vergangenen zwölf Monate zu sprechen – eine Zeit, in der er sportlich und mental große Probleme hatte.
„Es war vor allem ein seltsames Jahr. Ich habe letztes Jahr einen Laden eröffnet, musste damit aber schließlich aufhören, weil es so viel Freizeit kostete. Dadurch hatte ich weniger Zeit zum Trainieren. Darts ist zu meinem Hobby und meinem Beruf geworden, und vielleicht ist das nicht immer die beste Kombination.“
Mentale Belastung wurde zum größten Gegner
Nach eigener Aussage lagen seine Probleme längst nicht nur am Board, sondern vor allem im Kopf.
„Es war mental unglaublich schwer. Die Leute sagten immer wieder, ich würde übertreiben oder so tun, als ob. Aber ich kann versichern, dass das nicht so war. Ich habe dieses Jahr auf der Tour etwa 10.000 bis 12.000 Pfund verdient. Das ist für mein Niveau nicht gut genug.“
Vor allem das fehlende Vertrauen in den eigenen Wurf setzte ihm zu.
„Das Problem war, dass ich nicht loslassen konnte. Ich habe ständig über meinen Wurf und darüber nachgedacht, was schieflief. Aber in letzter Zeit kommen meine Scores zurück. Ich gewinne wieder Matches gegen starke Gegner und freue mich auf die zweite Jahreshälfte.“
Besonders geholfen habe ihm in dieser Phase Nathan Aspinall, der selbst bereits offen über mentale Probleme gesprochen hatte.
„Eigentlich musste ich nicht auf Nathan zugehen. Er kam auf mich zu. Wir standen in Leicester, wir hatten beide unser erstes Spiel verloren und er musste zu einem Fußballspiel. Wir standen zusammen in der Lobby und haben zwanzig Minuten geredet. Das hat enorm geholfen.“
Auch eine Hypnotherapie probierte Williams aus, fand darin für sich jedoch keine Lösung.
„Ich weiß, dass es Stephen Bunting geholfen hat und dass es Nathan hilft. Für mich persönlich hat es nicht funktioniert. Ich war nicht vollständig offen dafür, und dadurch wirkte es nicht. Am Ende musste ich da selbst durch.“
Als Williams ans Aufhören dachte
Wie tief das mentale Loch tatsächlich war, zeigt eine besonders emotionale Erinnerung des Engländers. Während eines Players Championship stand er kurz davor, alles hinzuschmeißen.
„Es wurde so schlimm, dass ich während einer Pro Tour anfing zu weinen. Ich gewann 6:4 gegen Tyler Thorpe und checkte fünfmal über das Bullseye. Eines davon war ein 114er-Finish, bei dem ich schließlich auf dem Bull landete. Normalerweise wäre man darüber glücklich.“
Doch statt Freude empfand Williams nur Leere.
„Ich ging vom Board weg, setzte mich hin, und meine Frau und mein Manager waren dabei. Ich brach einfach zusammen. Ich wusste nicht, warum ich so emotional wurde. Ich liebte diesen Sport so sehr, fast so sehr wie meine Familie und den Fußball, aber er verursachte so viel Schmerz.“
Auch am folgenden Tag setzte sich die schwierige Phase fort.
„Ich spielte gegen Andrew Gilding. Ich verlor 4:6, aber ich hätte dieses Match locker 6:0 gewinnen können. Wieder fing ich an zu weinen. Es war einfach unglaublich schwer.“
Der Druck auf die nächste Generation wächst
Williams ist überzeugt, dass seine Geschichte kein Einzelfall ist. Der enorme Boom des Dartsports habe den Druck auf Spieler aller Altersklassen deutlich erhöht.
„Der Sport ist in den vergangenen Jahren enorm gewachsen. Früher spielten wir vor allem in Pubs. Die Leute tranken etwas, warfen Darts und hatten Spaß. Danach wurde es zu einem Sport, den jeder an Weihnachten sehen wollte.“
Mit dem Aufstieg junger Stars hätten sich auch die Erwartungen verändert.
„Dann kam jemand wie Luke Humphries, und plötzlich denken die Leute: Wir haben einen Fünfjährigen, der vielleicht Millionär werden kann, wenn er achtzehn ist. Wir haben einen Zehnjährigen mit guter Hand-Auge-Koordination, vielleicht kann der das auch.“
Die Folgen spüre längst nicht nur die Weltspitze.
„Ich kenne Jungs von vierzehn, fünfzehn und sechzehn Jahren, die lokal bereits enorm unter Druck gesetzt werden, schnell Großes zu erreichen. Das betrifft jeden. Auch mich. Die Leute erwarten, dass ich gewinne. Das ist mein Einkommen. Wenn ich nicht gewinne, verdiene ich kein Geld.“
Kleine Schritte zurück zu alter Stärke
Den ersten positiven Wendepunkt erlebte Williams bei einem Qualifikationsturnier für die European Tour.
„Ich spielte in Wigan gegen Luke Woodhouse im Achtelfinale. Ich habe wirklich gut geworfen und ein paar starke Matches gewonnen. Da dachte ich: Vielleicht bin ich wieder da.“
Doch die Stabilität fehlte zunächst weiterhin.
„Eine Woche später war ich wieder genauso schlecht. Aber der echte Unterschied kam, als ich meinen Laden endgültig hinter mir ließ. Als ich alle Sachen verkauft, die Räumlichkeit aufgegeben und wieder vollständig trainieren konnte, fühlte es sich plötzlich leichter an.“
Zusätzlich veränderte Williams auch körperlich einiges.
„Ich habe fast zwanzig Kilogramm verloren. Offenbar macht das heutzutage jeder, also dachte ich: Probier ich es auch. Ich fühle mich großartig. Ich fühle mich wohl in meinem Körper und gut in meinem Spiel.“
Sein Ziel ist unverändert klar: die Rückkehr auf die großen Bühnen.
„Ich glaube immer noch, dass ich große Matches spielen kann. Ich will zur WM, ich will Euro Tours spielen. Wenn ich zwei der fünf Qualifikationsturniere schaffe, stehe ich einfach bei der WM.“
Mittlerweile hat Williams akzeptiert, dass Leistungsschwankungen jeden treffen können.
„Du musst nicht immer ein Weltklassemann sein. Schau dir Spieler an, die große Titel gewonnen haben und danach schwächer wurden. Das kann jedem passieren. Sogar großen Champions.“
Heute steht für ihn vor allem eines im Vordergrund: die Freude am Spiel.
„Ich will einfach wieder komfortabel sein, das Spiel genießen und auf eine große Bühne zurückkehren. Ob das eine Euro Tour ist, eine Grand-Slam-Qualifikation oder etwas anderes. Ich liebe Darts wieder, und das ist das Wichtigste.“
Seine wichtigste Botschaft richtet sich an Spieler, die ähnliche Phasen durchleben.
„Es gibt keine einzige Lösung, die für alle funktioniert. Ich habe mit vielen Spielern gesprochen, die dasselbe erlebt haben. Am Ende muss jeder seinen eigenen Weg finden. Du musst einfach weitermachen, bis der Moment kommt, an dem es wieder besser wird.“
Bei Scott Williams scheint genau dieser Moment inzwischen gekommen zu sein. Das Selbstvertrauen kehrt langsam zurück – und mit ihm auch die Freude am Dartsport.
Nic Gayer ist seit 2022 im Journalismus tätig und begann seine Laufbahn als freier Redakteur im Lokaljournalismus für eine Tageszeitung. Heute berichtet er für Dartsnews.de über den professionellen Dartsport und ordnet das aktuelle Geschehen ein – von großen Turnieren bis zu Entwicklungen abseits der Bühne.
Regelmäßig ist er bei Events vor Ort und begleitet rund 20 Turniere pro Jahr, wo er Interviews führt, unter anderem mit Luke Littler, Luke Humphries, Michael van Gerwen, Gerwyn Price sowie Martin Schindler, Gian van Veen und Josh Rock.
Zudem ist er eine der prägenden Stimmen im englischsprachigen Dartsnews Podcast und Co-Host des Sport-Podcasts Overtime Takes.
Nic arbeitet aus der Nähe von München und steht kurz vor dem Abschluss als Bachelor of Arts in Sportjournalismus.
In seiner Berichterstattung legt er großen Wert auf sorgfältige Quellenprüfung, präzise Einordnung und aktualisiert Inhalte, sobald neue, gesicherte Informationen vorliegen.