„Schön, dass die Leute jetzt sehen, dass ich kein schlechter Kerl bin“ – Gerwyn Price freut sich über die Kehrtwende des Publikums nach Jahren des Kampfes

PDC
Montag, 02 Februar 2026 um 18:30
Gerwyn Price
Gerwyn Price hat sich nie verbogen. Nicht für das Publikum, nicht für Gegner, nicht für den schnellen Applaus. Im „Tops & Tales“-Podcast von PDC-Schiedsrichter Huw Ware blickt der Waliser offen auf seinen Weg zurück: auf Jahre voller Widerstand von den Rängen, auf seine erste sportliche Liebe Rugby und auf jenen Abend im Grand-Slam-Finale 2018, der sein öffentliches Bild nachhaltig prägte.
„Ich spiele Darts mit dem Herzen auf der Zunge“, sagt Price. „Das habe ich immer getan.“ Über viele Jahre bekam er genau das zu spüren. Buhrufe begleiteten ihn konstant, oft lag eine aggressive Spannung in der Luft. Price blieb trotzdem bei sich. Erst in den vergangenen zwölf bis achtzehn Monaten habe sich die Stimmung merklich verändert. „Warum das so ist, weiß ich nicht. Aber es fühlt sich gut an.“

Zwischen Ablehnung und Akzeptanz: Prices Verhältnis zum Publikum

Price beschreibt sich selbst nicht als großen Redner. Eher zurückhaltend, vielleicht sogar schüchtern. Doch Angst, sich zu zeigen, hatte er nie. „Ich bin, wie ich bin“, erklärt er. Wenn seine Persönlichkeit heute anders wahrgenommen werde, dann nicht aus Kalkül. „Es passiert einfach.“ Diese Ehrlichkeit zieht sich wie ein roter Faden durch seine Karriere.
Gerade in den Jahren, in denen ihm die Zuschauer besonders kritisch begegneten, erzielte Price seine größten sportlichen Erfolge. 2020 und 2021 gehörten zu seinen stärksten Spielzeiten. WM-Titel, World-Grand-Prix-Sieg, dazu Auszeichnungen wie Pro Tour Player of the Year und Supporters Player of the Year. „Als alle gegen mich waren, habe ich mich komplett abgeschottet. Das hat funktioniert“, sagt er. Zurück wünscht er sich dieses Gefühl dennoch nicht. Heute hofft er, dass sportliche Form und Rückhalt von den Rängen wieder zusammenfinden.

Rugby als Fundament einer Siegermentalität

Lange bevor Darts sein Leben bestimmte, war Rugby alles für Gerwyn Price. In Wales fast schon selbstverständlich. Mit fünf Jahren begann er im Mini-Rugby, musste sogar warten, bis er alt genug war. Sein Vater spielte, das Dorf lebte diesen Sport, die Nationalmannschaft prägte ganze Generationen. Price durchlief alle Jugendstufen, spielte für Bezirksauswahlen und schaffte es bis in die walisische U21.
Der ganz große Durchbruch blieb ihm verwehrt. Rückblickend zeigt sich Price selbstkritisch. Zwischen dem 18. und 22. Lebensjahr habe er sich nicht immer professionell verhalten. „Ich stand lieber auf dem Platz als auf dem Trainingsplatz“, gibt er zu. Partynächte und morgendliches Training passten nicht zusammen. Mit der heutigen Einstellung, glaubt er, hätte seine Rugby-Karriere vielleicht einen anderen Verlauf genommen.
Der unbedingte Wille zu gewinnen aber ist geblieben. Er hat nur die Bühne gewechselt. „Ich hasse es zu verlieren“, sagt Price. Ob WM-Finale, eine Partie Pool im Pub oder ein Kartenspiel – der Anspruch bleibt derselbe. Diese Mentalität erklärt auch seine Emotionalität auf der Darts-Bühne. Jubel, Schreie, erhobene Fäuste gehören zu seinem Spiel. „Im Rugby war es genauso“, erklärt er. „Es richtet sich nie gegen den Gegner. Es ist nur für mich.“
Versuche, diese Emotionen zu dämpfen, scheiterten. Sie nahmen ihm etwas von seinem Spiel. Also ließ er es bleiben. Authentizität wurde zu seinem Markenzeichen – mit allen Konsequenzen.

Der Gary-Anderson-Eklat und seine Folgen

Ein Schlüsselmoment in Prices Karriere bleibt das Grand-Slam-Finale 2018 gegen Gary Anderson. Danach kippte die öffentliche Wahrnehmung endgültig. „Vor diesem Match war ich exakt derselbe Spieler“, sagt Price. „Nach diesem Match schien plötzlich alles ein Problem zu sein.“
Besonders schmerzlich war das für ihn, weil er Anderson selbst lange bewundert hatte. Als Fan der Premier League Darts gehörte der Schotte zu seinen Lieblingsspielern. Dessen enorme Anhängerschaft verstärkte die Reaktionen zusätzlich. „Vielleicht, weil ich gewonnen habe, vielleicht wegen seiner Fanbase – es lief aus dem Ruder“, ordnet Price ein.
Trotzdem blieb er sich treu. Vor und nach 2018 sei er derselbe Mensch gewesen. Heute habe er das Gefühl, dass viele Fans das langsam erkennen. „Es ist schön, dass die Leute sehen, dass ich kein schlechter Kerl bin.“

Weltmeistertitel ohne Emotionen von den Rängen

Sportlich markierte der WM-Titel den Höhepunkt seiner Laufbahn. Emotional blieb ein leiser Nachgeschmack. Nicht wegen leerer Tribünen, sondern wegen der Abwesenheit seiner Familie. „Das war das Schlimmste“, sagt Price. Feiern, wie sie zu einem Weltmeister gehören, waren unmöglich. Keine Kneipentour im Heimatort, kein Besuch im alten Darts-Club, kein Abstecher in die Schule. „Du gewinnst die WM, aber du kannst es nicht teilen.“
Gerade das treibt ihn bis heute an. Er will diesen Moment noch einmal erleben – mit Familie, Freunden und Fans. Der Weg zum Titel war ohnehin alles andere als geradlinig. Price erinnert sich an entscheidende Szenen: Jamie Lewis und eine verpasste 48, nervenaufreibende Decider gegen Brendan Dolan und Daryl Gurney, ein 1:3-Satzrückstand gegen Stephen Bunting im Halbfinale.
Im Finale gegen Anderson fühlte er sich schließlich so sicher wie im gesamten Turnier nicht. Trotz vergebener Chancen blieb die Kontrolle. Als er zur Trophäe ging, schoss ihm ein Gedanke durch den Kopf: „Wenn ich das jetzt noch hergebe – bekomme ich jemals wieder so eine Chance?“
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