Ricky Evans kam wie jedes Jahr für die Show – blieb diesmal aber vor allem wegen seines Spiels in Erinnerung. Mit einem klaren 3:0 gegen
Man Lok Leung startete der Engländer erneut erfolgreich in die
Darts WM im Alexandra Palace. Zum siebten Mal in Serie überstand er damit die erste Runde, doch dieser Abend hatte für den Publikumsliebling eine ganz besondere Bedeutung: Zum ersten Mal saß seine Mutter im Ally Pally im Publikum.
Evans war nach seinem Auftritt sichtlich erschöpft, aber gelöst. „Ich bin fix und fertig, aber wahnsinnig glücklich. 3:0 gewonnen – und das gegen einen richtig guten Spieler. Ich bin überglücklich, Kumpel“, sagte der 34-Jährige nach dem Match auf der
Pressekonferenz. Es war einer jener Abende, an denen Ricky Evans zeigte, dass er mehr ist als nur der schnellste Werfer der PDC – nämlich ein Mann mit Herz und Charakter.
Ein Walk-on voller Weihnachten und Leidenschaft
Wie jedes Jahr sorgte Evans schon vor dem ersten Dart für Gänsehaut. Sein Walk-on zu „Merry Christmas Everyone“ von Shakin’ Stevens gehört im Dezember längst zur Tradition – und diesmal kam er im leuchtend roten Weihnachtssuit auf die Bühne. Das Publikum stimmte lautstark ein und verwandelte den Alexandra Palace in eine einzige Weihnachtsfeier.
„Ich sage es jedes Jahr: Holt Shakin’ Stevens hierher für einen Walk-on! Er lebt doch noch, der muss um die 80 sein! Stellt euch das vor: Shakin’ Stevens beim Walk-on – das würde Quoten bringen!“, witzelte Evans danach mit einem breiten Grinsen.
Die Fans sangen aus voller Kehle, tanzten, jubelten – und Evans sog die Atmosphäre auf wie kaum ein anderer. „Ich liebe es einfach. Es ist Weihnachten, da musst du die Leute mitnehmen. Selbst wenn ich 0:3 verloren hätte, wäre ich mit einem Lächeln von der Bühne gegangen. Das Publikum hier liebt mich – und ich liebe sie zurück.“
Der Spezialist für erste Runden
Im sportlichen Teil zeigte Evans eindrucksvoll, dass er nicht nur wegen seines Entertainer-Images auf der großen Bühne steht. Sieben Erstrundensiege in Serie bei einer Weltmeisterschaft – das schafft man nicht zufällig.
„Ich denke, das zeigt, dass ich gar nicht so schlecht bin, wie viele denken“, sagte er lachend. „Aber jetzt muss ich das endlich in die nächste Runde transportieren. Ich bin immer wieder gefährlich – und heute richtig gut drauf.“
In den ersten beiden Sätzen zeigte er sein bestes Darts des Jahres: über 100 Punkte im Schnitt, kaum Fehlwürfe auf die Doppel, Leung permanent unter Druck. „Ich fand, dass ich in den ersten beiden Sätzen sehr, sehr gut gespielt habe. Danach wurde ich etwas zu locker. Ich musste sogar den Shaft wechseln, das hat mich ein bisschen aus dem Rhythmus gebracht. Aber am Ende hab’ ich das Ding nach Hause gebracht – 3:0, sauber durch, das zählt.“
Ein besonderer Moment mit Mama Evans
Das Match hatte aber auch eine emotionale Seite. Zum ersten Mal verfolgte seine Mutter ein Spiel ihres Sohnes live im Alexandra Palace – ein Moment, der selbst für einen Spaßvogel wie Evans etwas Besonderes war.
„Es war unglaublich. Jeder hat Eltern, aber sie hier zu sehen, hat mich berührt. Ich bin richtig emotional geworden“, gab er offen zu. „Sie weiß wahrscheinlich gar nicht genau, was da passiert ist. Aber sie war da – und ich hab gewonnen. Das ist einfach wunderschön.“
Mit feuchten Augen fügte er hinzu: „Mein Vater ist mein Held, das sage ich immer. Aber meine Mutter ist der beste Mensch der Welt.“
Typisch Evans folgte nach der Rührung dann doch wieder der Scherz: „Ehrlich gesagt, hoffe ich, dass sie nächstes Mal lieber wieder zuhause bleibt und Geschenke einpackt. Sie war da, ich hab gewonnen – Häkchen dran!“
Der Mann, den Fans lieben
Kaum ein Spieler im Alexandra Palace genießt so große Sympathien wie Ricky Evans. Wieder hallte lautstark „Walking in an Evans Wonderland“ durch die Halle – ein Fangesang, der früher nur Legenden wie Phil Taylor oder Gary Anderson gewidmet war.
„Ich bin die Nummer 40 der Welt und hab noch nie ein großes Turnier gewonnen. Wenn du dann hörst, wie 3000 Leute deinen Namen singen – das macht dich stolz“, sagte er sichtlich bewegt. Selbst bei einer Niederlage wäre der Abend für ihn ein persönlicher Sieg geblieben. „Wenn ich 2:3 verloren hätte, hätte meine Mutter wahrscheinlich trotzdem gesagt: ‚Es war so laut, sie haben deinen Namen gesungen.‘ Das ist etwas, wovon viele träumen.“
Dennoch bleibt Evans realistisch – und kritisch mit sich selbst. „Ich hatte ein grauenvolles Jahr, ganz ehrlich. Ein besch… Jahr. Aber ich steh hier im Ally Pally, also kann’s so schlimm nicht sein. Es gibt keine 39 besseren Dartspieler – vielleicht 59, die mental stabiler sind, aber nicht 39, die besser werfen.“
Geld, Rangliste und ein Stück Zukunft
Der Sieg bringt Evans nicht nur sportlichen, sondern auch finanziellen Auftrieb. Dank der neuen Preisgeldstruktur bleibt seine Tour Card für 2026 ungefährdet. „Das ist schön, oder? Sagt’s bloß nicht meiner Freundin!“, lachte Evans. „Ich bin fürs nächste Jahr sicher auf der Tour. Mein bestes Ranking war Platz 25, da will ich wieder hin. Ich bin besser als die Nummer 40 – das weiß ich.“
Er sieht aber auch, wie eng die Spitze zusammengerückt ist. „Heute kann jeder jeden schlagen. Wayne Mardle hat’s gestern über Madars Razma gesagt: Der kann Littler schlagen und dann gegen jemanden verlieren, der auf Platz 150 steht – und keiner wundert sich. Ich bin genauso. Ich kann jeden schlagen, aber auch gegen jeden verlieren. Wenn ich Littler 6:5 schlage, sagen alle: ‚Ricky war stark.‘ Wenn ich gegen einen No-Name rausgehe, zuckt keiner mit der Schulter. So ist das Spiel – konstant bin ich halt nicht genug.“
Ein Blick nach vorn
In der zweiten Runde wartet nun
James Wade oder der Japaner Ryusei Azemoto – zwei völlig unterschiedliche Gegner. Doch Evans bleibt entspannt. „Ich hab jetzt zehn Tage Pause. Kann ein paar Weihnachtsgeschenke besorgen, Montag und Dienstag hab ich noch lokale Ligaspiele. Danach sehen wir weiter“, erklärte er.
Sein Ziel formuliert er gewohnt locker, aber ehrlich. „Ich sage jedes Jahr: Ich will die Tage nach Weihnachten erreichen – und dann fliege ich immer raus. Dieses Mal will ich das ändern. Eigentlich wollte ich am 23. spielen, jetzt bin ich am 22. dran – passt auch. Ich liebe Darts im Moment, und ich will, dass das Turnier für mich noch lange nicht vorbei ist.“
Mit dieser Mischung aus Humor, Bodenständigkeit und Leidenschaft hat sich Ricky Evans einmal mehr in die Herzen der Darts-Fans gespielt. Sein Auftritt beim diesjährigen WM-Auftakt hatte alles, was ihn ausmacht – Tempo, Stimmung und Gefühl. Und vielleicht, mit etwas Weihnachtsglück, geht diese Geschichte für den Publikumsliebling in Runde zwei weiter.