Derek Coulson ist kein typischer Profi-Kandidat. Kurz vor seinem 58. Geburtstag am 17. Juni mischt der Waliser die PDC-Szene auf und arbeitet gezielt auf eine Tour Card hin – nach Jahren harter Arbeit und einer ehrlichen Selbstreflexion, die seinen Weg grundlegend verändert hat.
Seinen ersten Ausflug auf die
Challenge Tour unternahm Coulson zwischen 2019 und 2021 – und zog daraus eine unmissverständliche Erkenntnis. „Ich habe die
Challenge Tour zwischen 2019 und 2021 ausprobiert, um zu sehen, wo ich stehe. Das war schlicht nicht gut genug", sagte er gegenüber
Bang on Target. Der Waliser erkannte schonungslos, dass ihm das nötige Niveau fehlte, um Woche für Woche mit der Konkurrenz mithalten zu können. „Die Lücke gab es, weil ich nicht das Gefühl hatte, gut genug zu sein, um auf diesem Level mitzuspielen."
Vom Gelegenheitsspieler zum Halbfinalisten
Den entscheidenden Anstoß zur Rückkehr lieferten die World Seniors. Das Seniorenformat weckte seine Leidenschaft neu und brachte ihn dazu, deutlich mehr Zeit und Energie in sein Spiel zu investieren. „Ich habe immer mal wieder ein paar Darts geworfen, es aber nie ernst genommen. Doch dann kamen die Seniors mit der Anziehungskraft von TV-Turnieren. Da habe ich mehr Zeit und Einsatz in mein Spiel gesteckt", erklärte er.
Derek Coulson gewann dieses Jahr ein Challenge Tour Event
Bei der World Seniors Darts Championship 2025 unterstrich Coulson eindrucksvoll, was in ihm steckt. Auf dem Weg ins Halbfinale eliminierte er namhafte Spieler wie Mervyn King und John Henderson, ehe Graham Usher seinem starken Lauf ein Ende setzte. Der Name Coulson war wieder in aller Munde – und der Waliser wollte mehr.
Er nutzte den Schwung und wagte erneut den Schritt auf die Challenge Tour. Mit durchschlagendem Erfolg: Aktuell belegt er den zweiten Platz in der Order of Merit und sicherte sich mit dem Sieg bei Challenge Tour 6 seinen ersten PDC-Titel überhaupt. Überrascht ihn das? Kaum. „Nein. Mit der Arbeit, die ich in den letzten 12 bis 18 Monaten in mein Spiel gesteckt habe, hatte ich das Gefühl, dass ich dieses Jahr Chancen auf Titel bekomme."
Auf der ProTour mit den Großen auf Augenhöhe
Seine starke Platzierung verschafft Coulson zunehmend Startplätze bei Players Championship-Events. In diesem Jahr stand er bei 16 von 20 möglichen Turnieren am Oche und erspielte insgesamt 16.500 Pfund. In der Minehead-Wertung rangiert er auf Platz 74 – vor klangvollen Namen wie Cameron Menzies, Peter Wright, Gian van Veen und Raymond van Barneveld.
Den psychologischen Vorteil seiner Situation sieht Coulson klar: „Ich würde sagen, für uns ist der Druck definitiv geringer, wenn wir nachrücken. Wir haben immer noch die Rückfallebene Challenge Tour, ADC, MODUS etc. Die Card-Inhaber eben nicht." Feste Ziele setzt er sich dabei bewusst nicht. „Ich habe eigentlich keine großen Ambitionen oder festen Ziele. Ich lasse es auf mich zukommen und schaue, wie das nächste Event läuft. Natürlich ist die Chance, auf der ProTour zu spielen, groß. Es ist ein weiterer guter Test, um zu sehen, wo mein Spiel steht."
All das stemmt er neben einem Vollzeitjob. „Ich war während meiner gesamten Laufbahn immer in Vollzeit arbeitstätig. Das kann mit freien Tagen schwierig sein, aber bisher hatte ich da Glück."
Der Traum von der Tour Card lebt
Eine Tour Card bleibt das große Ziel – und sie ist greifbar nah. Landet Coulson bis Jahresende unter den Top zwei der Challenge Tour, erhält er sie automatisch. Andernfalls wartet die Q School. „Wenn mein Spiel am Jahresende noch in guter Verfassung ist, gehe ich auf jeden Fall zurück zur Q School, falls ich nicht in den Top zwei der Challenge Tour lande. Ich liebe es einfach, Darts zu spielen. Es gibt definitiv Vorteile, keine Tour Card zu haben, bei all den anderen Möglichkeiten inzwischen. Aber letztlich wollen wir wohl alle einen richtigen Anlauf nehmen."
Dass er das Zeug zur Spitze hat, beweist er auch in der MODUS Super Series. Dort schrieb er Geschichte: Als erster Spieler überhaupt gewann er alle 15 Partien in Gruppe A – eine Bestmarke, die den bisherigen Rekord von 14 Siegen übertrifft. „Ich wusste, dass der aktuelle Rekord bei 14 Siegen in Gruppe A lag. Klar geht es zu Wochenbeginn darum, genügend Spiele zu gewinnen, um bis Mittwoch in Schlagdistanz zu sein. Aber nach Dienstag und einem 10-aus-10-Start wird es realistisch. Das ist riesig für mich. So viele klasse Spieler halten Rekorde bei MODUS, einer von ihnen zu sein, ist eine Ehre."
Derek Coulson – fast 58, Vollzeitberufstätiger, Rekordbrechender. Ein Spätstarter, der zeigt, dass im Darts das Alter nur eine Zahl ist.