„Ich habe das Leben genossen, ich habe die Welt gesehen, ich habe meine Familie. Das ist viel wichtiger“ – Gary Anderson bereut seine Karriere nicht

PDC
Freitag, 02 Januar 2026 um 12:00
Gary Anderson (1)
Gary Anderson steht erneut im Halbfinale der Darts WM. Mit 55 Jahren gehört der Schotte weiterhin zur absoluten Weltspitze – und das auf seine eigene, entspannte Art. Anderson trifft im Halbfinale auf Gian van Veen.
Nach seinem überzeugenden 5:2-Sieg gegen Publikumsliebling Justin Hood strahlte Anderson nicht nur auf der Bühne, sondern auch beim anschließenden Pressetermin Souveränität aus. „Du musst es genießen“, sagte er mit breitem Grinsen. „Sonst brauchst du hier gar nicht erst anzutreten.“

Ode an Justin Hood und das ‚Ally Pally‘-Publikum

Noch bevor er über sein eigenes Spiel sprach, wollte Anderson vor allem eines loswerden: Lob für seinen Gegner und das Publikum. „Diese Stimmung heute Nachmittag … so etwas erlebe ich selten“, begann er. „Die Unterstützung für Justin war fantastisch. Er hat jede Sekunde davon verdient.“
Nach Ansicht von Anderson hat Hood bei dieser WM etwas Besonderes geleistet. „Niemand kannte ihn vor diesem Turnier, jetzt kennt ihn jeder. Er ist ein großartiger Junge, wirklich. Hätte er mich geschlagen, hätte ich ehrlich gesagt überhaupt kein Problem damit gehabt. So ein feiner Kerl ist er.“
Der zweifache Weltmeister merkte an, dass die massive Unterstützung für Hood auch Einfluss auf das Match hatte. „Es gab einen Moment, da stand er auf 120 und musste kurz warten, weil er das Board wegen der Unruhe nicht richtig sehen konnte. Da wusste ich sofort: Den trifft er. Und ja, er hat ihn auch gecheckt.“
Obwohl das Ergebnis dominant wirkte, war Anderson nicht sofort zufrieden mit seinem eigenen Spiel. „Die ersten vier Sätze waren zerfahren“, gab er zu. „Ich brachte mich immer wieder gut in Position, aber in den letzten neun Darts habe ich es verpatzt.“
Erst später fand er seinen Rhythmus. „Ich habe mich am Oche ein Stück versetzt und begann etwas schneller zu werfen. Dann lief es besser. Die Pfeile gingen endlich wieder dahin, wo ich sie haben wollte.“ In dieser Phase ließ auch Hood einige Scores liegen. „Da dachte ich: Jetzt haben wir ihn.“

Erfahrung macht den Unterschied – aber nicht alles

Mit dem erneuten Halbfinaleinzug stellt sich die Frage, wie viel Erfahrung auf diesem Niveau noch wert ist. Anderson, bereits zweifacher Weltmeister, relativiert sofort. „Ich glaube nicht, dass Erfahrung heutzutage noch so viel ausmacht“, sagte er. „Die Talente von heute sind so gut.“
Dennoch hatte er klare Ansichten über die aktuelle Weltspitze. „Luke Littler ist phänomenal, absolut. Aber für mich ist Luke Humphries (der später am Tag gegen Gian van Veen verlieren sollte) immer noch ‚der Mann‘. Er hat zwei Jahre lang sein Preisgeld verteidigt und stand trotzdem ganz oben. Seine Nummer-eins-Position ist er erst vor kurzem los geworden.“
Laut Anderson steht Littler nun der echte Härtetest bevor. „Nach diesem Jahr muss er das alles wiederholen. Das wird interessant.“
Auffällig bei Anderson ist vor allem seine Gelassenheit. Er scheint nichts mehr beweisen zu müssen. „Das ist vielleicht der Vorteil des Älterwerdens“, witzelte er. „Man wird auch ein bisschen taub, also hört man das Publikum weniger.“
Allerdings gab er zu, dass er früher im Turnier durchaus nervös war. „Gegen Michael van Gerwen bin ich in Panik geraten. Das hätte ich nicht tun sollen. Aber gut, das passiert.“
Dass er nun wieder unter den letzten Vier steht, tut ihm sichtbar gut. „Es ist einfach schön, wieder hier zu sein.“
Gary Anderson ballt die Faust
Gary Anderson trifft im Halbfinale auf Gian van Veen

Keine Jagd auf den dritten Titel

Die Frage, ab wann er an den dritten Weltmeistertitel glaube, wischte Anderson resolut beiseite. „Gar nicht“, antwortete er bestimmt. „Das musst du aus dem Kopf bekommen. Ich nehme es Match für Match.“
Er zählte seine bisherigen Gegner auf – Adam Hunt, Connor Scott, Jermaine Wattimena und nun Justin Hood – und betonte, dass sein Weg alles andere als einfach war. „Es war eine schwere Auslosung. Aber ich genieße es.“
Durch seine Leistungen klettert Anderson wieder in Richtung Spitze der Weltrangliste. Viel Bedeutung misst er dem jedoch nicht bei. „Averages sagen nicht alles“, sagte er. „Du kannst 100 im Schnitt werfen und gegen jemanden mit 91 verlieren. Das habe ich oft genug erlebt.“
Auch zur Ranking-Debatte bezog er klar Stellung. „Das System ist in Ordnung. Du gewinnst etwas, du steigst. Kannst du es nicht verteidigen, fällst du. So einfach ist das.“

Familie über allem

Hinter den Kulissen spielt für Anderson bei dieser WM die Familie eine große Rolle. Zum ersten Mal seit Jahren ist er nicht allein in London. „Meine Frau und meine Tochter sind hier, und mein Sohn Ty ist bei mir. Das ist großartig. Normalerweise sitze ich seit zehn Jahren an meinem Geburtstag allein im Hotelzimmer.“
Allerdings scherzte er, dass es ihn Geld koste. „Sie sind den ganzen Tag shoppen. Es kostet mich ein Vermögen, eigentlich muss ich hier schnell weg.“
Anderson äußerte auch seine Wertschätzung für seinen Sponsor Unicorn. „Sie sind schon so lange dabei. Es kommen und gehen so viele Dartsmarken, aber Unicorn weiß, was sie tun. Ich bin ihnen enorm dankbar.“
Zu einem möglicherweise ruhigeren Spielplan, wie ihn Luke Humphries erwägt, zeigte er Verständnis. „Familie ist das Wichtigste. Darts ist großartig, aber am Ende ist es einfach nur ein Job.“

Keine Reue, nur Dankbarkeit

Auf die Frage, ob er je bereut habe, nicht alles dem Darts untergeordnet zu haben, reagierte Anderson entschieden. „Keine Sekunde. Ich habe das Leben genossen. Ich habe die Welt gesehen, ich habe meine Familie. Das ist viel wichtiger.“
Ob er noch Jahre weitermacht? „Solange es mir Spaß macht, spiele ich weiter“, schloss er. „Wenn ich mit 71 noch so viel Freude am Darts habe wie manch anderer, dann unterschreibe ich das.“
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