Daryl Gurney hat in Amsterdam für eine dicke Überraschung gesorgt, indem er Titelverteidiger
Michael van Gerwen bei den
World Series of Darts Finals ausschaltete. Der Nordire begann stark und führte früh mit 3:0, bevor van Gerwen fünf Legs in Folge holte. Gurney kämpfte sich jedoch zurück, profitierte von
van Gerwens vergebenen Matchdarts und checkte schließlich zum 6:5 . Für Gurney bedeutete der Sieg weit mehr als nur einen Platz in der nächsten Runde.
Der zweifache Major-Sieger erlebt nämlich eine zähe Phase und gab anschließend zu, dass er kaum noch wusste, wann er zuletzt ein Match auf einer großen Bühne gewonnen hatte. Ausgerechnet gegen van Gerwen, vor nahezu komplett niederländischem Publikum in Amsterdam, änderte sich das.
Gurney schlägt van Gerwen nach Matchdart-Drama
„Ich bin vor allem unheimlich erleichtert“,
reagierte Gurney. „Es ist eine Weile her, dass ich ein Bühnenmatch gewonnen habe. Als ich hörte, dass ich doch noch bei den World Series Finals mitmachen darf, war Michael in Amsterdam eigentlich der letzte Spieler, den ich ziehen wollte. Ich wusste, dass das ganze Publikum gegen mich sein würde.“
Daryl Gurney schlägt Lokalmatador Michael van Gerwen im Decider mit 6:5. MvG hatte vorher sechs Matchdarts nicht nutzen können.
Gurney startete jedoch hervorragend in die Partie. Er holte die ersten drei Legs unter anderem mit einem 170er Finish. Danach drehte sich das Match komplett. Van Gerwen gewann fünf Legs am Stück und schien auf dem sicheren Weg in die zweite Runde.
„Bei 3:0 dachte ich nur: Mach genau so weiter. Setz ihn im vierten Leg wieder unter Druck, und wenn er einknickt, dann knickt er ein. Das erwartet man natürlich nicht von Michael. Du willst ihm einfach zeigen, dass du da bist, und auf keinen Fall nachlassen.“
Letzteres passierte am Ende doch ein Stück weit. „Plötzlich fühlte es sich an, als wäre ich fünf Legs lang verschwunden. Nicht komplett natürlich, aber ich habe nicht mehr so dominant gescort wie in diesen ersten drei Legs. Ein Profi wie Michael ist sofort da und bestraft das.“
Van Gerwen bekam am Ende sogar Chancen, die Partie endgültig zuzumachen. Gurney machte daraus nach dem Spiel kein Geheimnis. „Ich hatte am Ende ein bisschen Glück. Michael hätte 6:4 gewinnen müssen. Manchmal brauchst du dieses Quäntchen, und angesichts der vergangenen Monate finde ich, dass ich mir auch ein wenig Glück verdient habe.“
Gurney stellte auf 5:5 und durfte das entscheidende Leg selbst eröffnen. Ausgerechnet unter diesem enormen Druck behielt er kühlen Kopf.
„Ich glaube, ich habe das letzte Leg mit 140 begonnen und dachte: Jetzt musst du im Prinzip nur noch in jedem Wurf ein Triple treffen. Dann habe ich, glaube ich, zweimal 60 geworfen und dachte: Das ist auch wieder typisch. Danach kamen die Triples zum Glück zurück.“
Der Sieg sorgte vor allem für Erleichterung. „Er zeigt mir, dass ich es trotz aller schwierigen Momente der vergangenen Monate immer noch auf internationaler Bühne in einem Entscheidungsleg, in Amsterdam und gegen den Publikumsliebling, über die Ziellinie bringen kann. Darüber bin ich sehr glücklich. Ich hatte auch Glück, aber dieser Sieg hatte sich lange angedeutet. Ich kann mich ehrlich nicht erinnern, wann ich zuletzt auf einer großen Bühne gewonnen habe. Und das meine ich nicht sarkastisch.“
Sein 170-Finish zu Beginn des Matches gab Gurney Vertrauen. Van Gerwen stand zu diesem Zeitpunkt selbst auf einem Finish, weshalb der Nordire wusste, dass er die Chance nutzen musste.
„Ich wusste, dass Michael auf einem Finish stand. Bei ihm denkst du immer, dass er ihn ausmachen kann, selbst wenn er auf 171 stünde. Also dachte ich: Versuch es einfach. Selbst wenn du das Bull verfehlst und die 25 triffst, bekommst du noch eine Chance. In dem Moment fühlte ich mich sehr selbstbewusst.“
Als der „Big Fish“ tatsächlich fiel, hielt Gurney seine Emotionen bewusst im Zaum. „Es gibt kaum ein besseres Gefühl, als wenn die 170 sitzt. Aber ich wollte mich nicht umdrehen und groß Richtung Publikum reagieren. Ich dachte nur: Du hast drei Legs gewonnen und bist erst auf halbem Weg. Zumal es so lange her war, dass ich ein Match gewonnen hatte.“
Über Umwege doch noch nach Amsterdam
Interessant: Gurney gehörte zunächst gar nicht zum Teilnehmerfeld. Er wurde erst später als Nachrücker berufen. Die Nachricht bekam er zudem nicht direkt. „Sie rufen Josie, meine Frau, an, mich rufen sie nicht an“, lachte Gurney. „Josie sagt dann zu und erzählt mir später, dass ich mitmache.“
Er war vor allem dankbar, dass er doch noch die Chance bekam, in Amsterdam zu spielen. „Ich bin der PDC sehr dankbar, dass sie mich nominiert haben. Es gibt wahrscheinlich genug Spieler, die besser in Form sind und aktuell mehr im Rampenlicht stehen als ich und die diesen Platz auch hätten bekommen können. Deshalb bin ich sehr froh und dankbar, dass ich hier sein darf.“
Gurney gewann 2017 beim World Grand Prix seinen ersten Major-Titel bei der PDC.
Dass die
World Series of Darts Finals kein Ranglistenturnier sind, hilft ihm nach eigener Aussage zudem, etwas befreiter zu spielen. „Dieses Turnier gibt ohnehin etwas Freiheit. Wir reden hier nicht über Ranglistenpunkte. Es ist nicht so, dass ich mich hier durch eine gute Leistung plötzlich für den World Grand Prix qualifiziere. Das steht alles fest. Du kannst einfach auf die Bühne gehen und Darts spielen. Im Grunde ist es eine Art veredeltes Showmatch im Fernsehen.“
Das heißt allerdings nicht, dass die Spieler das Turnier weniger ernst nehmen. „Jeder Spieler in diesem Raum will gewinnen. Aber am Ende kann es nur einen Sieger geben.“
Mit neuen Methoden zu alten Erfolgen?
In den vergangenen Wochen hat Gurney so gut wie alles versucht, um seine Form wiederzufinden. So trat er kürzlich mit Brille an das Oche. Gegen den Niederländer verzichtete er hingegen auf die Sehhilfe.
„Ich bin kurzsichtig und das war ich schon immer. Wenn ich ohne Brille verfehle, denke ich: Ach, das war ungefähr dran. Aber sobald ich die Brille aufsetze, sehe ich plötzlich, wie weit ich tatsächlich daneben liege. Das ist manchmal auch nicht angenehm.“
Braucht er diese Brille also überhaupt? „Ja, denn damit sehe ich alles viel besser. Brauche ich sie zum Dartspielen? Wahrscheinlich nicht. Aber wenn du so viele Spiele verlierst wie ich zuletzt, probierst du alles.“
Daryl Gurney spielte zuletzt mit Brille auf der Bühne: Sichtbare Erfolge blieben dennoch aus.
Das größte Problem liegt laut Gurney derzeit jedoch nicht an seinem Sehvermögen, sondern an der Art, wie seine Darts im Board stecken. Früher war er als herausragender Scorer bekannt, dieses Element fehlt seinem Spiel aktuell. „Der alte Daryl Gurney war ein enormer Scorer. Der Daryl Gurney, den man jetzt sieht, ist es nicht. Das hat alles damit zu tun, wie meine Darts im Board stecken. Sie liegen flacher, als ich will. Ich möchte, dass sie nach oben zeigen.“
Ross Smith ist für Gurney dabei das perfekte Vorbild. „Wenn ich seine Darts im Board sehe, denke ich: So sollen meine auch stecken. So waren sie früher bei mir, aber jetzt nicht mehr. Dadurch tue ich mich extrem schwer beim Scoring.“
Gurney experimentierte deshalb mit schwereren Darts und unterschiedlichen Barrels, sucht aber weiterhin die ideale Lösung. Es ist ein technisches Detail, das seiner Meinung nach enormen Einfluss auf seine Scoring-Power hat. „Früher konnte ich Triple 20, Triple 20 werfen und dann fast blind die 180 vollmachen. Jetzt liegen meine Darts etwas flacher. Dadurch gibt es manchmal Abpraller, obwohl du das Gefühl hast, einen perfekten Dart geworfen zu haben.“
Aufgeben ist jedoch keine Option. „Ich bin nicht der Typ, der sagt: Es klappt nicht mehr, also akzeptiere ich es. Ich probiere verschiedene Komponenten, eine Brille, andere Darts. Hoffentlich bekomme ich meine Scoring-Power zurück. Denn wenn das passiert, bin ich wieder jemand, mit dem man rechnen muss.“
Vor allem auf die Doppel hat Gurney sein Vertrauen nicht verloren. „Ich habe das Gefühl, dass ich, wenn ich eine Chance auf ein Doppel bekomme, immer noch einer der besten Finisher bin. Aber du musst zuerst gut genug scoren, um diese Chancen zu bekommen.“
Diese Doppelstärke kann Gurney am Samstag um 13:00 unter Beweis stellen: Im Achtelfinale der World Series Finals trifft der Nordire auf Ross Smith.